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Full text of "Wolfgang Pohrt Der Weg Zur Inneren Einheit"

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86748 




Wolfgang Pohrt 



Der Weg 



zur inneren 
Einheit 



Elemente des 
Massenbewußtseins 
BRD 1990 



Wolfgang Pohrt 

Der Weg zur inneren Einheit 

Elemente des Massenbewußtseins BRD 1990 



Konkret Literatur Verlag 



Die Studie wurde im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung 
von Wissenschaft und Kultur erstellt. 




Inhalt 




Kleine Vorbemerkung 9 

Jan Philipp Reemtsma 



Gebrauchsanleitung 15 

Datierung der Teile 18 

Vorbemerkung 19 

Untersuchungskonzept 2 1 

Das methodische Vorbild 21 
Andere Umstände 25 

Politische Lage Anfang 1990: 
Tendenzen und Vorgeschichte 29 

Der Weg zur inneren Einheit in den äußeren Grenzen 

einer Sieben-Prozent-Partei 29 
Zwischenbilanz 33 
Die Herbstoffensive 36 
Der demokratische Aufbruch 40 
Die Wiedervereinigung als Rentenanpassungsproblem 45 

Testversion - Konstruktion und Ergebnisse 48 
Die Skala 48 
Meinungsumfrage 49 
Das Sample 58 
Ergebnisse 60 

Gespräche mit den Herren A., B. und C. 67 

Vorbemerkung 67 

Zwei von fünf müssen sterben — Gespräch mit Herrn A. 71 
Vollstrecken und hinrichten - Gespräch mit Herrn B. 95 
Exkurs: Amoralismus und Naturanalogie 101 
Ich bin ein Mann von unten - Gespräch mit Herrn C. 117 



© 1991 Konkret Literatur Verlag, Hamburg 
Umschlaggestaltung: Cordula Reiser 
Satz: KCS GmbH, Buchholz/Hamburg 
Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda 
ISBN 3-89458-103-4 



Die M-Skala 158 

Vorläufiges Gliederungsschema 161 
Einwände 165 



Zusammenfassung 137 



Michel-Syndrom und M-Skala 142 

Das Michel-Syndrom 142 



Empirischer Teil I: Tabellen 168 

Befragung und Sample 168 

Chancen für Korrelationsanalyse 170 

Verbesserung der Werte für Inter-Item-Korrelation und 

Zuverlässigkeit durch Festlegen einer Altersgrenze 172 
Extremes Mißverhältnis zwischen Studenten und Erwerbstätigen 

durch Gewichtung korrigiert 173 
Kennziffern für den manipulierten Datensatz 

(Selektion nach Alter > 20, kleine Gruppen entfernt oder 

zusammengelegt, alle Gruppen außer Studenten mit 

Faktor 18 gewichtet) 175 
Trennschärfe und Mittelwerte der Items 176 
Skalenmittelwerte nach Parteipräferenz, Alter, Geschlecht 

und Status 178 
Faktoranalyse 181 
Korrelationsmatrix 184 

Prüfung des vorläufigen Klassifikationsschemas 192 
Neues Klassifikationsverfahren 192 
Teilskala >Stimmungsbarometer< 198 
Die Konsens-Skala 202 

Empirischer Teil II: Interpretationen 204 

Interpretation der Sub-Skalen 204 
/. Für Macht, Zwang, Unterwerfung 206 
//. Gegen alles, was als fremd empfunden wird 211 
///. Gegen Schönheit und Genuß 214 

IV. Mißgunst, Futterneid 216 

V. Zu kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 219 

VI. Gelobet sei, was hart macht 221 

VII. Wen kann man bestrafen, wem etwas verweigern? 224 
VIII Ein guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt 225 

Zusammenfassung 228 

Interpretation der Konsens-Skala 232 
/. Sich ausleben und alle Fesseln der Zivilisation abstreifen 

oder die Sehnsucht nach der verstaatlichten 

Hemmungslosigkeit 232 
IL Die Drahtzieher hinter den Kulissen oder der Argwohn 

als verbrämtes antidemokratisches Ressentiment 239 
///. Das Öko-Syndrom: eine Denkform auf der Suche 

nach Inhalt 243 
IV Die vermeintliche Abhängigkeit des einzelnen von 

einem Gönner oder die Unfähigkeit, die eigene Situation als 

verdient oder selbstverschuldet zu begreifen 250 



V. Dummheit und Aberglauben darf man nicht verspotten 
oder das Kritikverbot als Toleranzedikt 253 

VI. Die Angst vor der Bevölkerungslawine oder die Menschenfeind- 
sckafi als Sorge um die Menschheit 257 

VII Das Gemeinwohl und die inneren Werte oder das atavistische 
Kollektiv und seine bestialischen Selbsterhaltungsreflexe 259 
Zusammenfassung 264 



Schlußfolgerungen 266 
Bilanz im November 273 
Anhang 285 

Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde 

und dann ein großer Wüterich. (Anfang Februar 1990) 285 
Sieg in Rom (8. Juli 1990) 288 
Sieg im Kaukasus (16. Juli 1990) 292 
80 Millionen Frustrierte (3. Oktober 1990) 297 
80 Millionen Opfer (12. Oktober 1990) 300 

Anmerkungen 307 



Gutschein 319 



Kleine Vorbemerkung 



Was wirklich spannend wäre, läßt sich in dieser Vorbemerkung nicht 
unterbringen: Auseinandersetzung mit und Prüfung der Thesen und 
Ergebnisse der Studie angesichts der neueren politischen Entwicklung 
in der vergrößerten BRD und eine Debatte über die Methode dieser 
Studie und Methodenprobleme solcher Studien überhaupt - aber das 
würde sich mir zu einem länglichen Aufsatz auswachsen müssen, der 
dem Wunsch des Autors zuwiderliefe, sein Buch möglichst schnell, 
gleichwohl mit Vorbemerkung zu publizieren. Die hier abgedruckte 
Vorbemerkung ersetzt weder eine solche ausführliche Diskussion, 
noch kann sie vollständig »die Richtung« bestimmen, in die solche 
weisen müßte. Noch weniger aber ist sie eine Leseanleitung für den, 
der sich vielleicht die Mühe sparen will, die folgenden Seiten aufmerk- 
sam zu lesen. Im Gegenteil: sie dürfte wahrscheinlich ohne die Kennt- 
nis von Pohrts Studie gar nicht ganz verständlich sein. 

Situation 1 

Die Wahlerfolge der »Republikaner« und anderer neofaschistischer 
Gruppen riefen bekanntlich Erstaunen hervor und die Sorge, diese 
Erfolge könnten nicht nur von Dauer sein, sondern sich auch meh- 
ren. Man suchte nach Erklärungen und hatte weithin bald das akzep- 
tiert, was vor ca. 20 Jahren in die Lehrerausbildung als »materialisti- 
sche Faschismustheorie« eingegangen war, die Annahme nämlich, es 
handele sich bei den Anhängern rechtsradikaler Parteien um sozial 
Deklassierte, die mangels zureichender Aufklärung über die Ursachen 
ihrer Deklassierung und die Möglichkeit, ihr durch das Wählen der 
SPD abzuhelfen, auf falsche Erklärungen verfielen wie die, daß Woh- 
nung und Arbeitsplatz ihnen von Ausländern weggenommen worden 
seien. Suchte man in den »Republikanern« also die Ausprägung eines 
(wie auch immer mißverstandenen und als Konzept trivialisierten) 
Sozialcharakters, war Pohrts Studie von vornherein auf die Frage 
gerichtet, ob sich in den »Republikanern« und verwandten rechtsradi- 
kalen Gruppen ein spezifischer /VWt'oWcharakter zeige, bzw.: in wel- 
cher Weise er sich zeige. Die Frage verlor an Aktualität nicht nur 
wegen der Kurzlebigkeit besagter Wahlerfolge, sondern deshalb, weil 
die Frage nach einem deutschen Nationalcharakter plötzlich ver- 
langte, aus ganz anderem Datenmaterial beantwortet zu werden. Man 
hatte auf einmal die »Deutsche Einheit«, und aus der Hypothese her- 
aus, daß die nicht nur eine äußere darstelle, wurden in konsequenter 
Inkonsequenz nicht mehr (allein) Angehörige des sogenannten »rech- 
ten Spektrums« befragt, sondern »wer erreichbar und willig war« 



9 



(S. 168). Die ausgewiesen »Rechten« blieben als »kleine, aber interes- 
sante Vergleichsgruppe« (S. 69) dem unterscheidenden Blick gleich- 
wohl erhalten. 

Zur Methode 

Die Studien zur »Authoritarian Personality« sind für Pohrts Studie 
nicht Vorbild, Modell, sondern Anregung und immer wieder 
Abkommpunkt für das eigene Vorhaben. »Anders als in der >Authori- 
tarian Personality* wird in dieser Studie ein Nationalcharakter unter- 
stellt, und zwar als Worst-Case-Hypothese. Im schlimmsten Fall, so 
die Annahme, hätten die Bundesbürger nicht nur äußerlich zu 
Deutschland, sondern auch innerlich zur nationalen Identität zurück- 
gefunden, wie dies jahrelang von Linken wie von Rechten behauptet 
und gefordert worden war.« (S. 146) Der zweite, damit verbundene 
Unterschied zur »AP« ist dieser: »Anders als bei der AP (. . .), wo der 
sozialisierte Verfolgungswille eine zu beobachtende Tatsache war und 
eine gleichsam therapeutische Funktion für die realitätsgestörten Sub- 
jekte eine Schlußfolgerung, wird in dieser Studie die Realitätsstörung 
selber untersucht, um daraus Rückschlüsse auf eine möglicherweise 
therapeutisch erforderlich werdende Verfolgung ziehen zu können.« 
(S. 34) Untersuchte die »AP« also Symptome eines Charakters, von 
dem man ziemlich genaue Vorstellungen hatte, den man aber auch 
dort (rechtzeitig) erkennen wollte, wo er die politischen Verhältnisse 
nicht bestimmte, so hat sich Pohrt die Aufgabe gestellt, herauszufin- 
den, ob überhaupt so etwas wie ein - (National-)»Charakter« oder 
sonstwie zu nennendes - deutsches oder, wie er es nennt: »Michel«- 
Syndrom existiert, was dem Denken/Fühlen/Verhalten/Handeln der 
Deutschen eine entsprechende Einheitlichkeit (und damit Vorausseh- 
barkeit?) gibt. Besser gesagt: seinen früheren Analysen zu diesem Syn- 
drom eine weitere und weiter führende mit erweitertem und veränder- 
tem Datenmaterial hinzuzufügen. 

Es folgt aus dem zweiten benannten Unterschied ein dritter, ebenfalls 
folgenreicher. Konnten die »AP«-Studien aufgrund der von ihnen 
gewählten Zielsetzungen und methodischen Vorgehen ihre normativen 
Voraussetzungen teilweise implizit halten (und daß sie das taten, führte 
zu ihrer Beliebtheit auch dort, wo, wenn denn jene verstanden wären, 
diese bald vergehen würde), so sieiit sich Pohrt gezwungen, sie auf den 
Tisch zu legen, und manchmal - der Harthörigkeit seiner Leserinnen 
und Leser stets gewiß - haut er sie drauf. Das Risiko, aufgrund seiner 
Uberdeuthchkeit nun gerade besonders mißverstanden zu werden, 
nimmt er in Kauf, und es bleibt ihm wohl auch gar nichts anderes übrig! 
»Wir«, schreibt Adorno (Studien zum Autoritären Charakter*) im 

* Ff/M, 1973, S. 122f. 



10 



Zusammenhang mit dem Antisemitismus, »halten uns (...) für 
berechtigt, die Frage des cui bono} zu stellen (. . .) was >gibt< der Anti- 
semitismus dem Subjekt innerhalb der konkreten Struktur seiner 
Erfahrung? (. . .) Welcher Vorteil erwächst den im übrigen vernünfti- 
gen« Individuen, wenn sie sich Ideen verschreiben, die keine reale 
Basis haben...?« Wobei das »vernünftig« die jeweilige rationale Inter- 
evicnverfolgung, das zielgerichtete Trachten nach dem eigenen - 
-systemkonformen« - Vorteil meint. Ein wenig verkürzt besteht die 
Am wort im Zusammenhang dieses Zitates darin, daß die kapitalisti- 
schen Verhältnisse von den Einzelakteuren nur unzureichend über- 
schaut werden (können), und darum die jeweiligen Interessen nicht 
rational verfolgt. Darum stiftet ein Mythos, ein Gerücht, eine fixe 
Idee, ein erprobter Wahn (je nachdem) den Zusammenhang, den die 
Erfahrung nicht und nicht das Wissen liefert. Auch Pohrt arbeitet mit 
einem Modell »rationaler Interessenverfolgung«, aber er muß es 
anders verwenden als Adorno im obigen Falle. Nahm Adorno zur 
Grundlage seiner Überlegungen, daß es zu erwarten sei, daß Men- 
schen sich gemäß diesem Modell verhielten, und postulierte Erklä- 
rungsbedarf dort, wo Erwartung und Erfahrung sich nicht deckten, 
so führt Pohrt diese »Rationalität der eigenen Interessenverfolgung« 
als Norm ein, um die Irrationalität unserer Landsleute zu belegen. 
Dieser Schritt ist folgenschwer. Zwar argumentiert auch Pohrt damit, 
daß »eigentlich« rationales Verhalten beim Menschen erwartbar sei, er 
tut es sogar emphatisch, aber die Emphase verrät gerade, daß er die 
Krwartung nicht hegen muß. 

Pohrt unterstellt die Rationalität nicht, in deren Namen er argu- 
mentiert, er beschwört sie. Der Ärger, den er regelmäßig auf sich 
zieht, könnte sich auf die Position richten, die Pohrt mit dieser Geste 
beziehen muß: die eines recht Einzelnen. Der Arger aber wird oft 
dann erst laut, wenn besagte Haltung mit Pohrts Vorhaltung an den 
Leser - sofern dieser ein Deutscher ist - zusammengeht: »Wären Sie 
so schlecht wie die Verhältnisse, die Sie beklagen, es wäre mit Ihnen 
auszukommen.« Voll Arger muß der Leser lesen, daß der Autor die 
»kritische Haltung« des Lesers, die den schließlich auch dazu moti- 
viert hat, das jeweilige Buch von Pohrt zu kaufen, nicht nur nicht 
ernst nimmt, sondern als infantile und gefährliche Unfähigkeit inter- 
pretiert, simpelste Anpassungsleistungen zu vollbringen; eine Unfä- 
higkeit, in den Verhältnissen, in denen man lebt, mit dem Grad an 
Bewußtsein zu leben, das nötig wäre, um sie ändern (oder auch nur 
mit Recht kritisieren) zu können: »...zwei Millionen Arbeitslose 
trotz Hochkonjunktur, und das seit sieben Jahren. Mit solchen Miß- 
helligkeiten hat man in anderen Ländern leben gelernt, ohne daß sie 
sonderlich auf die Seele drücken, man weiß, daß man den Kapitalis- 
mus nicht ohne Krise haben kann und die Krise nicht ohne Arbeitslo- 
sigkeit. Das sind die Regeln, wer scheitert, hat Pech gehabt und muß 



11 



auf bessere Zeiten hoffen, aber er findet keinen Grund, sich selber als 
Opfer einer ungerechten Welt zu beweinen. Man kann versuchen, die 
Regeln zu ändern, was dann auf eine Revolution hinauslaufen würde, 
aber ein Jammerlappen ist, wer sich einließ auf das Spiel um die dick- 
ste Scheibe vom großen Kuchen, dann schreit, wenn er verliert und 
dem Kapitalismus vorwirft, daß er einer ist. In Deutschland zwar, 
nicht aber in anderen Ländern, wo die Not ebenso groß oder größer 
war, führte deshalb die Depression nach dem Börsenkrach von 1929 
zum Faschismus.« (S. 18) 

Letztlich läuft Pohrts Studie darauf hinaus: die Varietäten dieser Art 
von Realitätsverkennung zu untersuchen und zu beschreiben. Er tut 
dies mit einer Vielzahl von Mitteln, der Analyse von Nachrichtensen- 
dungen und Kommentaren, der Körpersprache von Fußballspielern 
und Randalierern, der Dokumentation und Analyse dreier ausführli- 
cher Interviews und durch die Auswertung von Fragebögen. Letztere 
ist von Pohrts früheren textanalytischen Arbeiten so weit nicht ent- 
fernt wie der ehrfürchtig »Empirie!« Raunende vielleicht meint. Fra- 
gebögenanalyse unterscheidet sich von anderer Textanalyse nur 
dadurch, daß die Texte nicht vorgefunden werden, sondern Personen 
das Angebot gemacht wird, aus Fertigbauteilen einen Lieblingstext 
zusammenzusetzen. Diese Lieblingstexte - und: wie sie sich unter- 
scheiden (Sub-Skalen) und ähneln (Konsensskala) - sind dann Gegen- 
stand der Textanalyse. Wie diese durchgeführt wird, was ihre Ergeb- 
nisse sind, lese jeder selber nach. 

Situation 2 

Am Ende der Fragebogen-Analyse steht folgender Befund: »Die Werte 
der Konsens-Skala lassen auf eine antizivilisatorische, antidemokrati- 
sche Uberzeugung schließen, deren unerhörte Einhelligkeit ferner die 
ungebrochene Neigung zur freiwilligen Selbstgleichschaltung verrät, 
den Hang, sich unbekümmert um die eigenen Erfahrungen und die 
eigene Interessenlage zum Sprachrohr der jeweils gerade gängigen 
Parolen zu machen. Was beispielsweise die Juden und das Ozon mit- 
einander verbindet ist die Tatsache, daß ein Durchschnittsdeutscher 
beide nur vom Hörensagen kennt* Das Gerede vom ozonlochbeding- 
ten Weltuntergang wie die Parole »Die Juden sind unser Unglück* 
müßte er daher für zumindest abseitig und verstiegen, wenn nicht 
blödsinnig halten, unter der Bedingung jedenfalls, daß er nach Maß- 

* Diese Überlegung widerlegt die frühere Annahme, es sei »sicher«, daß »ein 
neuer deutscher Faschismus Ersatz für den Antisemitismus suchen muß«; 
wahrscheinlich ist eher, daß der Antisemitismus eines seiner wesentlichen 
Merkmale sein wird. Ob er sich gleichsam »zusätzlich, noch andere Feinde 
suchen bzw. ausdenken muß, ist eine andere Frage. 



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,i1m , im-, eigenen Erfahrungen und seines eigenen Verstandes 

lilt.« (S. 275) Die Bereitschaft zur Projektion ist die andere Seite 

<l< i Kr.ilnätsverkennung, und diese kognitiven Defekte haben ihr 
pAnsch-moralisches Äquivalent: die Verantwortungslosigkeit. Sie 
lunn (über den Weg: die andern sind schuld) die Gestalt paranoider 
/\nj;ste annehmen, sie kann aber auch bloß die permanente Bereit- 
.» h.ift zur Ausrede sein. Sie ist jedenfalls die dauernde Selbstentpflich- 
tungi »Der unerschöpfliche Vorrat an Rechtfertigungen, der einen 
» Ihmiso monströsen Amoralismus bemäntelt, ist eines der wirklich 
beunruhigenden Elemente nicht nur im hiesigen Massenbewußtsein, 
sondern auch in der hiesigen offiziellen Politik. Alle Gruppen, von 
den etablierten Parteien bis zum Restbestand außerparlamentarischer 
I Opposition, zeichnen sich dadurch aus, daß sie keine festen politi- 
schen, moralischen oder ökonomischen Prinzipien besitzen, sondern 
eigentlich für jeden Schwenk und jede Kehrtwendung so offen sind, 
\s ie es die Sozialdemokratie 1914 war, als sie vom Internationalismus 
und Pazifismus zur Begeisterung für den vaterländischen Krieg über- 
lief. Aus den Wandlungen beispielsweise, welche die bundesrepublika- 
nitche Linke in den 20 Jahren seit 1969 schon durchgemacht hat, ist 
iuf eine Flexibilität zu schließen, für die es keine Grenzen gibt. Das 
beunruhigende an den Verhältnissen in der BRD ist also, daß man 
weder von der Bevölkerung noch von politischen Gruppen sagen 
kann, was sie mit Sicherheit nicht tun würden.« (S. 274) 

Selten wohl ist ein Befund durch die Wirklichkeit so schnell und 
■ Irin lieh bestätigt worden. Der sogenannte »Golfkrieg« hat - aus 
< .Minden, die hier nicht analysiert werden können - Gemüter und 
( .( ister in der BRD vollständig durcheinandergewirbelt. Das Einzige, 
worauf man sich verlassen konnte, war, daß der Bekannte X etwas 
lagen würde, was man nicht erwarten konnte, und daß man sich mit 
dem Bekannten Y auf einmal im Konsens befinden würde, obwohl 
man Monate zuvor noch alles andere für möglich gehalten hätte. Die 
BRD gleicht einem Kaleidoskop, das man kräftig geschüttelt hat, und 
zur Zeit der Abfassung dieser Vorbemerkung (Februar *91) fallen die 
bunten Scherben noch. Wie das Muster aussehen wird - darüber ver- 
mag ich nicht einmal zu spekulieren. Doch zeigt der Vorgang des so 
plötzlichen Zerfallens der bisherigen Zusammen- und Gegeneinan- 
dersetzung, daß die intellektuellen wie emotionellen Bindungskräfte 
der Deutschen (vor allem innerhalb der sogenannten »Linken«) an 
das, was sie ihre »politische Meinung« nannten, in der Tat extrem 
gering waren. Jedenfalls gingen sie in dem Augenblick kaputt, wo sie 
belastet wurden, wo es um politische Entscheidungen und nicht ums 
universelle Lamento ging. Man verwechsele das nicht mit »Lernen«. 
Es waren eben keine politischen Positionen, erdacht, erlernt, gefühlt, 
sondern Imitate; keine politischen Haltungen, sondern Clownspos- 
sen. Politisch zu denken und zu handeln und nicht nur Stimmungen 



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zu verbrämen, ist aber eine zivilisatorische Errungenschaft. Es ist 
wohl wirklich so: die Deutschen haben zivilisiertes Benehmen immer 
nur als etwas ihnen Äußerliches adaptiert, darum ihre Liebe zur »Kul- 
tur« (als Gegenbegriff zur Zivilisation) und zum »Echten«. Die 45 
Jahre unvereinigtes Deutschland wird man vielleicht später einmal als 
äußerlich auferlegten Zwang zu Manier und Anstand zu schätzen wis- 
sen. On verra. 

Jan Philipp Reemtsma 



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I .1 l>rauchsanleitung 



Vnu l'>*'0 soll die Studie berichten, vom Massenbewußtsein im Jahr 
d. , triumphalen Niederlagen und der trügerischen Siege, Da wurde 
um l. ( >ktobcr die Spalter-Flagge eingeholt, zwei Monate später hieß 
m di r Abschied nehmen, von den und für die Bonner Grünen. 
I >..< h wie die alte DDR mit Käuferschlangen, Lieferengpässen und 
Wohnungsnot nach der Liquidation nicht gegenstandslos wurde, son- 
d. i ii Krviizenlos, so schadete dem Naturschutzgedanken der Nieder- 
|Mg der er nicht, die ihn für sich reklamiert hatten. Am Tag nach der 
W.ilil las man in der Zeitung, daß die Ausländerbehörde Wiesbaden 
Ihren Schützlingen neuerdings schrieb: »Die hohe Bevölkerungsdichte 
in der Bundesrepublik Deutschland und die hieraus resultierenden 
I Imweltbelastungen gebieten es, den Zuzug von Ausländern zu be- 
grenzen.« Die Partei hatte verloren, das Programm hatte gesiegt. 

I »ie Unterscheidung zwischen Aufbrüchen und Untergängen verlor 
ihren Sinn, weil jeder Untergang eines speziellen Phänomens das Mit- 
tel war, dessen Wiederkehr in universeller Form den Weg zu ebnen. 
I )er Eiserne Vorhang trat von der Bühne ab, aber nur, um Eisernen 
Vorhängen in unüberschaubarer Zahl Platz zu machen. Wer wußte 
im Jahr 1990 schon, ob die Grenze zwischen Aserbeidschanern und 
Armeniern, Moldawiern und Gagausen, Serben und Kroaten gerade 
gesperrt oder passierbar war. Das Mittel zur Friedenssicherung hieß 
Kriegsgefahrenmultiplikation, denn die Spannung zwischen den 
Supermächten wurde abgedreht, aber nur, um mit verstärkter, nicht 
vei rninderter Energie alle nur denkbaren Grenzregionen zu versor- 
gen. Unterdessen gab die irakische Politik einen Vorgeschmack dar- 
auf, was sowjetische Wasserstoffbomben und Interkontinentalraketen 
in den Händen eines russischen Timinsky bedeuten könnten. Das 
Ende der kommunistischen Diktatur im Ostblock nämlich war der 
Anfang eines Diktatoren-Booms, die Bürgerrechtsbewegungen brach- 
ten im Namen der Freiheit machtbesessene Halunken an die Spitze, 
deren politisches Programm hauptsächlich aus Chauvinismus, Antise- 
mitismus und Fremdenhaß bestand. Der Fremdenhaß wiederum, frü- 
her ein sogenanntes Vorurteil, nahm den Status eines begründeten 
Urteils an. Nicht die Regel, nur die Ausnahme war daran falsch, denn 
der Ehrgeiz aller Völker des Ostens und des Balkans schien es zu sein, 
sich von ihrer widerlichsten Seite zu zeigen. Ihr nationaler Aufbruch 
stimmte die Welt schon darauf ein, ihnen im Falle des Verschwindens 
keine Träne nachzuweinen. 

Auch in der Bundesrepublik fiel es schwer, die Dinge noch ausein- 
anderzuhalten. Wie die Praxis der völkischen Einheit das umfassende 
soziale Zerwürfnis war, stellte der Territorialgewinn sich als unkalku- 



15 



lierbare Verlustquelle dar, die Aussicht auf künftige nationale Größe 
war nur ein anderes Wort für die Erwartung entbehrungsreicher 
Jahre. Der Siegeszug teilte sich mit der Durststrecke den Weg, was als 
Triumph gefeiert wurde, wurde zugleich als Niederlage empfunden, 
denn man bekam zwar den anderen deutschen Staat, aber erst, als ihn 
sonst keiner mehr haben wollte. Der Einheitskanzler war Gewinner 
und Verlierer der Wahl vom 2. Dezember in einer Person, denn er 
konnte seine Mehrheit im Parlament zwar vergrößern, doch nie hat- 
ten prozentual weniger Wahlberechtigte für die CDU und für den 
Parlamentarismus insgesamt gestimmt. Die Schicksalswahl, die erste 
nach der Einheit, war beiderseits der ehemaligen Grenze die mit der 
geringsten Beteiligung seit 1949. Und während man sich über die 
Rolle Deutschlands als künftiger Weltmacht den Kopf zerbrach, deu- 
teten alle Anzeichen darauf hin, daß der Koloß einer auf tönernen 
Füßen werden würde. Die Führungskrise in der SPD nach der Bun- 
destagswahl jedenfalls war nur das Vorspiel zu einem abendfüllenden 
Blödel-Stück, welches »Chaos ist machbar, Herr Nachbar« oder so 
ähnlich heißen und in den Hauptrollen alle staatstragenden Kräfte 
aufbieten mußte. 

Und widersprüchlich, wie die Lage war, verhielten sich die Massen. 
Sie johlten und tobten spontan, als im Juli die bundesrepublikanische 
Nationalelf die Fußballweltmeisterschaft in Rom gewann, dafür 
ließen sie die Regierung im Stich, als der 3. Oktober gefeiert werden 
mußte. Weshalb zu fragen ist, ob eine entschlossen argumentierende 
Opposition die Fait-accompIi-Technik' des Kanzlers nicht hätte 
durchkreuzen können. Der SPD-Kanzlerkandidat verlor die Wahl, 
nicht aus Mangel an patriotischem Gebaren vermutlich, eher deshalb 
vielleicht, weil er die geheimen Hoffnungen der Massen enttäuschte, 
weil er den Mut zum erlösenden Wort nicht fand, das jedem auf der 
Zunge lag und alle von ihm hatten hören wollen, um es nachzuplap- 
pern: Zum Teufel mit der Einheit. 

Dergleichen Fragen müßte diese Untersuchung eigentlich wissen- 
schaftlich beantworten können, gestützt auf brauchbares Datenmate- 
rial. Sie kann es nicht, weil die Wissenschaft das geduldige Opfer mag, 
am liebsten eine gut gekühlte Leiche. Die Leichenstarre aber fällt vom 
Kollektivbewußtsein ab, wenn die Verhältnisse in Bewegung kom- 
men, es wird launenhaft, Euphorie, Depression, Tatendrang, Apathie, 
Aggressivität, Verzagtheit wechseln in rascher Folge. Obendrein hin- 
ken die bewußten Meinungen den Affekten nach, wenn noch von 
Jubel die Rede ist, kann das schon Verzweiflung heißen, und die 
Befürworter der Wiedervereinigung, die nach Auskunft von Allens- 
bach im Jahresverlauf immer zahlreicher wurden, dachten vielleicht: 
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Die 
Stimmungsschwankungen und Bedeutungsnuancen mittels empiri- 
scher Sozialforschung untersuchen zu wollen käme dann der Absicht 



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gleich, ein bedeutsames Blinzeln oder ein verräterisches Zucken mit 
der großformatigen Plattenkamera einzufangen, bei der jede Auf- 
nahme eine Belichtungszeit von mindestens drei Minuten erfordert. 
Ferner würde schon die Motivsuche Schwierigkeiten bereiten, denn 
wie der Rest der Bevölkerung merkt der Sozialwissenschaftler erst, 
wie ihm war, wenn ihm schon wieder anders ist. 

Das alles wußte man, und schließlich war es der erklärte Zweck der 
Studie, die Entwicklungstendenzen eines Massenbewußtseins in der 
Umbruchphase untersuchen zu wollen. Nur rechnete der Verfasser 
selbstverständlich nicht damit, daß seine Prognose stimmen und er 
selber beim Wort genommen werden würde. Mit dem Umbruch war 
einer von der gemütlichen Sorte gemeint, eine schwerfällige Umwäl- 
zung eher, bei welcher längere Verschnaufpausen und Konsolidie- 
rungsphasen den Prozeß unterbrechen. Die Landsleute, dachte man, 
vereinigen sich wohl, aber Schrittchen für Schrittchen. Nach Ver- 
drücken der ersten Portion würden sie verdauen und auf neuem 
Niveau ihr seelisches Gleichgewicht wieder einpegeln müssen, bevor 
dann der Aufbruch zur nächsten Etappe käme. Viel Zeit also, um zwi- 
schendurch immer wieder Stichproben zu ziehen und sich anhand 
der Auswertung ein Bild von den kommenden Dingen zu machen. 
Doch dann wurden die Metaphern von den abgefahrenen Zügen und 
den sich überschlagenden Ereignissen alle wahr, und es zeigte sich 
wieder, daß der Sozialforscher in Krisenzeiten unter berufsbedingter 
Dummheit leidet, weil er, dessen Wahlspruch >Eile mit Weile < heißt, 
sich eine andere Entwicklungsdynamik als die dem Zeitmaß seiner 
Denktätigkeit entsprechende nicht vorstellen kann. 

So wurde geforscht, und nicht mal ergebnislos, nur waren die Ergeb- 
nisse nicht die, welche man von einer Studie übers Massenbewußtsein 
1990 eigentlich erwarten darf. Rund 90 Prozent Zustimmung bei- 
spielsweise zur Befürchtung, das Ozonloch führe zum Weltuntergang, 
spiegeln in keiner Weise die Metamorphose des Meinungsklimas im 
Jahr 1990 wider, sondern sie zeigen, daß man beim expliziten Urteilen 
oft nur der Macht der Gewohnheit folgt: Man sagt auf Befragen, daß 
man eine Meinung richtig findet, nur weil man sie einmal richtig 
gefunden hat und weil man sie besser artikulieren kann als die, von 
der man neuerdings überzeugt ist, ohne es selber schon zu wissen. 
Ausgerechnet im Umbruchjahr wurde das Porträt eines Kollektiv- 
bewußtseins gepinselt, wie es in den vergangen zehn Jahren gewesen 
war, und der Nutzen davon ist einerseits der, daß die neue Mixtur 
transparenter wird, wenn man die Zutaten besser kennt. Andererseits 
weiß man über die Wirkung der Zutaten erst Bescheid, wenn der 
Kuchen verpfuscht ist. 

Kein Grund also, die Studie gleich in den Papierkorb zu schmeißen, 
nur weil sie den Ansprüchen nicht genügt, mit denen ihr Gegenstand 
sie überfiel. Nur führt der Trick, ihre Aktualität dergestalt zu retten, 



17 



daß man sie als aktuelle Interpretation eines vergangenen Massen- 
bewußtseins betrachtet, zu einem kleinen Darstellungsproblem. Es 
besteht darin, daß sich die Lage und daraus folgend die aktuelle Ein- 
schätzung vergangener Dinge dauernd ändern, kaum daß ein Kapitel 
zu Papier gebracht wird, ist es partiell auch schon wieder überholt. 
Ein Stichtag müßte also eigentlich festgelegt werden, nur schreibt kei- 
ner eine Studie an einem Tag, und wenn der Tag vorbei ist, wäre es 
so unsinnig wie schwierig, neue Informationen und Überlegungen 
unberücksichtigt zu lassen. 

Einheitlich würde die Studie also ohnehin nicht werden können, 
und so wurde beschlossen, eine Dokumentation über ihren Fortgang 
vorzulegen. Damit ist gemeint, daß früher produzierte Teile für die 
Endfassung nicht grundlegend überarbeitet wurden. Der aufmerk- 
same Leser wird daher auf Widersprüche stoßen, auf den Wider- 
spruch zwischen großen Vorsätzen und kleinen Taten zumal. Was 
hatte man sich nicht alles vorgenommen, was hatte man nicht alles 
erforschen wollen, wovon dann später nicht mal mehr die Rede war. 

Datierung der Teile 

Bis Mitte Mai wurden abgeschlossen: Vorbemerkung, Untersuchungs- 
konzept, Politische Lage Anfang 1990, Testversion - Konstruktion 
und Ergebnisse, Das Michei-Syndrom, Die M-Skala, Gespräche mit 
den Herren A, B und C. 

Bis Anfang September wurden die empirischen Teile I und II abge- 
schlossen, der Erhebungszeitraum ist dort ausgewiesen. 

Das Schlußkapitel wurde Mitte November geschrieben, die Texte 
im Anhang sind jeweils datiert. 

Diese >Gebrauchsanleitung< wurde Anfang Dezember zu Papier 
gebracht. Ernsthaft begonnen hat die Arbeit an der Studie Mitte 
Januar, die Test-Skala war nebenbei schon im Herbst 1989 entwickelt 
worden. 



18 



Vorbemerkung 



Die folgenden Seiten sind der Versuch, mehr Klarheit über ungewisse 
Aussichten zu gewinnen. Ein weiteres Katastrophen-Szenario also, 
nur daß es sich diesmal nicht um die Ozonschicht, sondern um irdi- 
schere Angelegenheiten dreht. Gesetzt den Fall, es käme einer, der die 
Deutschen zu lieben verspricht: Würde er bei ihnen auf Gegenliebe 
stoßen? Die Frage war also, ob das Bewußtsein schon existiert, wel- 
ches gegen den Faschismus als großen Problemloser wenig einzuwen- 
den hätte, immer vorausgesetzt selbstverständlich, daß es dafür die 
politischen Voraussetzungen und die ökonomischen Gründe gibt. 

Ein häßlicher Gedanke, ein böser Verdacht, und obendrein keiner, 
den zur Zeit handfeste Indizien stützen würden. Doch andererseits: 
War es nicht so, daß um die Jahreswende 1989/90 mit Blick auf die 
gefallene Mauer jeder von den sich überschlagenden Ereignissen und 
von den für unmöglich gehaltenen Dingen sprach? Niemand machte 
ein Geheimnis daraus, daß er über Nacht Zeuge von Geschehnissen 
geworden war, von denen er vor Jahresfrist nicht zu träumen gewagt 
hätte. In einer Zeit aber, in der nach übereinstimmendem Urteil sämt- 
licher Beobachter fortwährend Unerwartetes passiert und alles wieder 
so wird, wie es war, wäre es einfach dumm und inkonsequent, die 
Möglichkeit eines wiedererstandenen deutschen Faschismus in einem 
wiedervereinigten Deutschland ignorieren zu wollen. 

Immerhin war binnen Jahresfrist mit dem Ostblock ein Altersge- 
fährte der bundesrepublikanischen Demokratie zusammengebrochen, 
den man lange Zeit für den widerstandsfähigeren hielt. Außerdem 
tauchten bald Zweifel auf, ob der Niedergang kommunistisch regier- 
ter Länder ein Triumph der freien Marktwirtschaft über sie war oder 
ob nun, da nach der dritten Welt auch der Ostblock Bankrott anmel- 
den mußte, nicht vielmehr die Frage auf der Tagesordnung stand: Wer 
ist der nächste? Wie viele solcher Siege kann sich der Kapitalismus 
noch leisten? Wann geht es, wenn erst mal die ärmeren Länder pleite 
sind, auch den reicheren an den Kragen? War also, was man für den 
Endsieg der freien Marktwirtschaft hielt, der Anfang vom Ende des 
kapitalistisch dominierten Weltmarkts?" 

Im Frühsommer 1990 jedenfalls spricht, anders als im Herbst 1989, 
trotz Hochkonjunktur von einem bevorstehenden Wirtschaftswun- 
der keiner mehr. Als unkalkulierbar gelten die ökonomischen Risiken 
der Wiedervereinigung, weil man mit zwei bis vier Millionen zusätzli- 
chen Arbeitslosen rechnet, der zusammengebrochene Ostblock wird 
nicht mehr als lukrativer Absatzmarkt, sondern als ökonomischer 
und politischer Krisenherd ersten Ranges betrachtet. Fast scheint es, 
als bahnten sich wieder Zeiten an, deren Probleme schon einmal 



19 



gelöst zu haben man dem deutschen Faschismus jedenfalls nicht 
absprechen kann, denn erst im Zweiten Weltkrieg hatte sich die Kon- 
junktur wirklich von der Krise erholt, in die sie 1929 gestürzt war. 
So ist die vorliegende Studie eigentlich nur der Versuch, ernst zu neh- 
men, was alle sagen, zu Ende zu denken, was jeder meint, nicht auf 
halbem Weg stehenzubleiben und nichts auszuschließen, weil das für 
unmöglich Gehaltene auf der Tagesordnung steht. 

Der Zweck dabei: Nicht die Wiederkehr des Faschismus als 
Gemütsbewegung zu verhindern, aber im Falle eines Falles vielleicht 
wenigstens die Wiederholung jenes Antifaschismus aus der Weimarer 
Zeit, welcher die Ressentiments seines Gegners in die eigene Propa- 
ganda übernahm, sich selber als den besseren Vaterlandsretter empfahl 
und damit auch noch den letzten Zauderer den Nazis in die Arme 
treiben mußte. 

Was damals vor 1933 galt, gilt heute wieder: Der Faschismus wird 
stark nicht aus eigener Kraft, sondern durch seine Widersacher, durch 
jene Widersacher, die unwissentlich schon zu ihm übergelaufen 
waren, bevor es ihn auch nur gab. Wenn die falschen Parolen der Lin- 
ken, die im Interesse des Weltfriedens Anfang der 80er Jahre die 
nationale Frage stellen zu müssen meinten, jetzt das Credo einer kon- 
kurrierenden Partei 3 geworden sind, besteht im Prinzip durchaus die 
Chance zur Einsicht. Unfähig, wie der Mensch zur objektiven Selbst- 
wahrnehmung nun mal ist, erkennt er die eigene Schlechtigkeit am 
bestem an seinem Gegner, wenn er nur begreift, daß es sich im einen 
wie im anderen Fall um die gleiche Eigenschaft handelt. 



20 



Untersuchungskonzept 



Das methodische Vorbild 

Nicht in der BRD, aber in den USA sind Untersuchungen über die 
Empfänglichkeit der Leute für faschistische Propaganda sozialwissen- 
schaftlicher Alltag. 50 bis 60 neue Publikationen verzeichnet der 
soziologische Sachkatalog im Durchschnitt pro Jahr 4 , und sämtliche 
Arbeiten beziehen sich auf ein Buch, welches 1950 unter dem Titel 
The Authoritarian Personality erschien. 

Zur Begründerin eines ganzen Forschungszweigs wurde die 
berühmte Studie, weil sie dem Gegenstand mit sozialwissenschaftli- 
chen Methoden zu Leibe rückte und gleichwohl dessen Banalisierung 
vermied. Schon der erste Satz der Einleitung, der oft als Offenbarung 
einer neuen Erkenntnis zitiert und mißverstanden wird, drückt eher 
den Vorsatz aus, sich beim Forschen nicht dümmer zu stellen, als man 
es im Leben ist. Der Satz lautet: »Die Untersuchungen, über die hier 
berichtet wird, waren an der Hypothese orientiert, daß die politi- 
schen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines 
Individuums häufig ein kohärentes, gleichsam durch eine >Mentalität< 
oder einen >Geist< zusammengehaltenes Denkmuster bilden und daß 
dieses Denkmuster Ausdruck tieferliegender Züge der individuellen 
Charakterstruktur ist.« 5 

Was jeder intuitiv weiß und Dramatiker oder Romanciers hundert- 
fach beschrieben haben - daß höchst fragmentarische Eindrücke oft 
ein zutreffendes Bild von der ganzen Person vermitteln - wird weder 
als unwissenschaftlich verworfen noch blind übernommen, sondern 
als sachdienlicher Hinweis für weitere Ermittlungen aufgegriffen. 
Denn wenn die Einheit der Person eine Tatsache ist, ist die Person 
auch berechenbar, und wenn die Person berechenbar ist, sind Rück- 
schlüsse legitim. 

Im Hinblick auf das Untersuchungsziel hieß dies, daß der poten- 
tielle Faschist sich im Gespräch als solcher auch dann zu erkennen 
geben würde, wenn man nicht ausgerechnet über seine partei- 
politschen Ansichten und Überzeugungen mit ihm redet. Es dürfte 
ihm, wenn er kein begnadeter Schauspieler mit der Fähigkeit ist, sich 
komplett in eine andere Rolle hineinzuleben, dann ausgesprochen 
schwer fallen, seine wahre Überzeugung vorsätzlich zu verleugnen, 
und, wichtiger noch: er würde identifizierbar sogar, wenn er auf die 
direkte Frage beim besten Willen keine zutreffende Antwort wüßte, 
weil er sich irrtümlicherweise für einen überzeugten Demokraten 
hält. 

Es galt daher, die vielen >wenn< auszuräumen, und dies geschah, 
indem Versuchspersonen um die Beurteilung einer Liste von Behaup- 



21 



tungen gebeten wurden, wie man sie am Stammtisch hören oder auch 
selber erfinden kann. Zustimmung zu jeder Behauptung oder ihre 
Ablehnung drückten die Personen in Zahlenwerten von -3 bis +3 
aus, und wenn ein Formular es erlaubt, dem Befragten schließlich 
einen (Durchschnitts-)Zahlenwert zuzuordnen, spricht man von einer 
Skala. Verschiedene Skalen wurden entwickelt: eine, die Antisemitis- 
mus maß (A-S-Skala); eine andere, die allgemein Aversionen gegen 
ethnische Fremdgruppen ermittelte (E-Skala); eine dritte schließlich, 
die auf reaktionäre wirtschaftspolitische Ansichten zielte (PEC- 
Skala) - und was erwartet worden war, konnte bewiesen werden: 
Antisemitismus beispielsweise ist, anders als die Vorliebe für Pflau- 
menkuchen oder Pfefferminzdrops, das sichere Kennzeichen für 
einen Charakter, der haufenweise ähnliche Gemütsbewegungen pro- 
duziert. Wer nämlich auf der A-S-Skala hohe Werte bekam, erzielte sie 
auch auf der E-Skala, und das hieß: Wer Juden nicht mag, mag in der 
Regel deshalb Puertoricaner nicht um so lieber, sondern er mag 
grundsätzlich keine Menschen, die er, mit Grund oder ohne, für 
andersfarbig oder überhaupt andersartig hält. 

Vorausgesetzt nun, die Antisemiten und Fremdenhasser wären ein- 
ander zusätzlich durch gemeinsame Ansichten über vordergründig 
unpolitische Themen, über Liebe, Krieg, Familie, Moral, Erziehung 
verbunden: Dann wäre erstens der Beweis erbracht, daß zum Antise- 
mitismus ein bestimmter Charakter gehört, und dann bestünde ferner 
die Möglichkeit, Antisemitismus mittels einer Skala zu messen, die 
mit keinem Wort Juden, Puertoricaner oder andere Gruppen er- 
wähnt. 

Man sprach also mit den Antisemiten und Fremdenhassern, um in 
Erfahrung zu bringen, was und wie der Antisemit, wenn er nicht 
gerade mit den Juden hadert, sonst noch empfindet oder denkt. Es 
wiederholten sich dabei nicht nur bestimmte Ansichten-Partikel, son- 
dern es tauchte regelmäßig ein ganzes Schema oder Muster auf. Die 
Elemente des Musters wurden dann als die Variablen (heute würde 
man von Dimensionen sprechen) der neuen Skala betrachtet, wobei 
man sich unter Variablen gleichsam Kapitelüberschriften vorzustellen 
hat, welche Teilmengen der Sätze jeweils thematisch zusammenfassen. 
Man hatte also eine Art Checkliste, und sie sah folgendermaßen aus: 

Konventionalismus. Starre Bindung an die konventionellen Werte 
des Mittelstandes. 

Autoritäre Unterwürfigkeit. Unkritische Unterwerfung unter ideali- 
sierte Autoritäten der Eigengruppe. 

Autoritäre Aggression. Tendenz, nach Menschen Ausschau zu hal- 
ten, die konventionelle Werte mißachten, um sie verurteilen, ableh- 
nen und bestrafen zu können. 

Anti-Intrazeption, Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, 
Sensiblen. 



22 



Alferglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Bestimmung 
ilex eigenen Schicksals; die Disposition, in rigiden Kategorien zu den- 
ken. 

Machtdenken und >Kraftmeierei<. Denken in Dimensionen wie Herr- 
schaft - Unterwerfung, stark - schwach, Führer - Gefolgschaft; 
Identifizierung mit Machtgestalten; Überbetonung der konventionali- 
sierten Attribute des Ich; übertriebene Zurschaustellung von Stärke 
und Robustheit. 

Destruktivität und Zynismus. Allgemeine Feindseligkeit, Diffamie- 
rung des Menschlichen. 

Projektivität Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der 
Welt zu glauben; die Projektion unbewußter Triebimpulse auf die 
Außenwelt. 

Sexualität. Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen »Vorgängen«. 

Weil diese Checkliste die Ursache einer Reihe folgenschwerer Mißver- 
ständnisse gewesen war und weil später eine für diese Studie präpa- 
rierte Checkliste Anlaß zu ähnlichen Mißverständnissen geben 
könnte, muß kurz auf ihren Status hingewiesen werden: Sie ist ein 
Merkzettel mit Stichworten, welcher das Material überschaubarer 
machen soll, sie ist ein Hilfsmittel bei der Arbeit, nicht deren End- 
resultat. 6 Sie muß daher jeden irreführen, der die Verkürzung für 
bare Münze nimmt und nicht beachtet, daß einerseits Klassifikations- 
schemata zunächst stets Willkürakte sind und daß andererseits die 
Gemeinsamkeit von Leuten, die sich für besonders treu halten, nicht 
darin bestehen muß, daß sie auch besonders treu sind. 

Für bare Münze wurden in der BRD zu Zeiten der Protestbewegung 
gern die Variablen Konventionalismus und autoritäre Unterwürfig- 
keit genommen, weil dies Mißverständnis den hier ohnehin vorhande- 
nen reaktionären Drang nach Selbstenthemmung legitimieren half. 
Geflissentlich übersehen wurde dabei, daß beide Variablen nicht etwa 
auf gelungene Vergesellschaftung, sondern auf mißlungene Anpassung 
zielen, welche als Reaktionsbildung dann das dauernde Schwanken 
zwischen Renitenz und Unterwürfigkeit hervorbringt, den kleinen 
Nazi etwa, der die Juden im Maße quält, wie seine eigenen Parteibon- 
zen haßt, die Goldfasane und Etappenhengste, über die er am Stamm- 
tisch nach der Devise »Wenn das der Führer wüßte« mosert. Der typi- 
sche Nazi ist einer, der tagsüber um so lauter »Heil Hitler« schreit, je 
intensiver er nachts vom Führermord träumt. 

Gegen gelungene Anpassung und Vergesellschaftung wäre hingegen 
gar nichts einzuwenden, weshalb beispielsweise Adorno eine der 
Figuren aus Huxleys Brave New World gegen die denunziatorischen 
Absichten des Autors verteidigt: »Aber indem sie bis zum Kern mit 
der Konvention eins ist, zergeht die Spannung des Konventionellen 
mit der Natur, und damit die Gewalt, welche das Unrecht der Kon- 



23 



vention ausmacht: psychologisch ist das schlecht Konventionelle 
immer Mal einer mißlungenen Identifikation. Wie sein Gegensatz 
würde der Begriff der Konvention selber hinfällig. Durch die totale 
gesellschaftliche Vermittlung stellte gleichsam von außen nach innen 
zweite Unmittelbarkeit, Humanität sich her. Es fehlt nicht an solchen 
Ansätzen in der amerikanischen Gesellschaft.« 7 

Bezogen auf den potentiellen Faschisten bleibt festzuhalten, daß 
autoritäre Unterwürfigkeit die Funktion hat, »ambivalente Gefühle 
gegenüber Machtpersonen zu steuern; unterschwellige feindselige und 
rebellische Impulse, durch Furcht im Zaum gehalten, führen im Indi- 
viduum zu einem Übermaß an Ehrfurcht, Gehorsam, Dankbarkeit 
und ähnlichem.«" D. h. der Autoritäre ist stets der verhinderte 
Rebell, der Lausbub eher als das brave Kind, sein penetrantes Eintre- 
ten für Unterwerfung und strengere Strafen ist als Reaktionsbildung 
zu begreifen. 

So waren die Variablen eben nicht der Weisheit letzter Schluß, aber 
sie stellten ein plausibles »Abbild der Symptomatik autoritärer Cha- 
raktere« 9 dar, und sie ergaben einen brauchbaren Leitfaden für die 
Formulierung und Auswahl der Skalen-Sätze. Das Resultat war die 
berühmte F(aschismus)-Skala, von der bewiesen werden konnte 
(durch Vergleich der Werte, die eine Person auf dieser Skala erzielte, 
mit den Werten derselben Person auf den anderen Skalen), daß sie mit 
hoher Exaktheit Antisemitismus und Ethnozentrismus maß, 
obgleich darin weder Juden noch sogenannte Fremdgruppen nament- 
lich erwähnt wurden. Bewiesen war damit zugleich zweierlei: daß 
antisemitische Ressentiments das Produkt eines bestimmten Charak- 
ters, einer bestimmten Triebstruktur sein müssen und daß jene 
Annahmen über den Wirkungszusammenhang und über den Bedürf- 
nishaushalt dieser bestimmten Triebstruktur im wesentlichen zutra- 
fen, auf welchen die Entwicklung der F-Skala beruht hatte, die Idee 
überhaupt, die Auswahl und die Formulierung der Sätze. 10 

Bewiesen war damit ferner, was später gern wieder vergessen wurde, 
daß nämlich durch empirische Sozialforschung nur schlauer wird, 
wer schon ziemlich schlau ist. Obgleich nämlich das Untersuchungs- 
konzept der AP hinsichtlich simpler Logik und Plausibilität seines- 
gleichen sucht, läßt es sich nicht einfach anwenden, sondern es setzt 
die früheren Arbeiten von Horkheimer, Adorno, Benjamin, Löwen- 
thal, Marcuse und anderen voraus. So blieb es Adorno vorbehalten, 
den Ertrag der zwar überaus spannenden, für sich allein genommen 
aber doch unbefriedigenden Ermittlungsarbeit zu ernten. Die Präzi- 
sion der Skalen, die Möglichkeit, durch Korrelationsrechnungen 
Bezüge zu finden, und schließlich das umfangreiche Interview- 
Material ließen sich, im Kapitel »Typen und Syndrome«, dergestalt 
interpretieren, daß es neben dem klassischen Autoritären, dem Anal- 
Sadisten, welchen Fromm beschrieben hatte, auch noch den Konven- 



24 



tionellen und den Manipulativen gab - zwei modernere, stromlinien- 
förmigere Varianten, die eine große Zukunft haben konnten, auch in 
den schwierigen Zeiten, wie sie für Faschisten gerade angebrochen 

waren. 



Andere Umstände 

Zurückliegende Arbeiten, die immer noch faszinieren, zeichnen sich 
durch die Fähigkeit aus, ihre Distanz zur Gegenwart vergessen zu las- 
sen. Beim Versuch, das Verstandene auch nachzumachen, stellt sich 
dann freilich die Erfahrung ein, daß die Umittelbarkeit der Wirkung 
eine Sinnestäuschung war. Das Geheimnis der Zeitlosigkeit ist der 
bestimmte Augenblick, der Augenblick beispielsweise, als die Neu- 
rose noch frisch und mächtig war und die Neurosenlehre eine Überra- 
schung. Spannend ist daher die Psychoanalyse bei Freud, im Leben 
und bei seinen Nachfolgern bleibt davon ein matter Abklatsch. 

Nicht besser sehen neben der AP die meisten der späteren Versuche 
aus, die Wissenschaft vom autoritätsgebundenen Charakter auf den 
neuesten Stand zu bringen, und wenn die vorliegende Untersuchung 
eine mildere Beurteilung verdienen sollte, so allein deshalb, weil es 
zwingende Gründe gab, entscheidend vom Original abzuweichen - 
allerdings um den Preis des Verzichts auf ein geschlossenes Unter- 
suchungskonzept. Die veränderte Methodik, genauer: der Mangel an 
Methodik rührt daher, daß die politischen Voraussetzungen heute 
andere sind als damals. 

Die erste Version der F-Skala nämlich wurde im Januar 1945 an der 
University of California getestet, Amerika lag seit vier Jahren mit 
Deutschland in einem schweren Krieg, die militärische Niederlage des 
Nationalsozialismus war eine Frage von Monaten geworden. Und als 
fünf Jahre später die fertige Studie erschien, hatte der Nürnberger Pro- 
zeß stattgefunden, hatten Berichte über Auschwitz und Dokumentar- 
aufnahmen aus Bergen-Belsen weltweit das Publikum schockiert. 
Faschismus war nicht mehr opportun, und gründliches Umdenken 
führte in Deutschland dazu, daß man sich an die Ermordung der 
Juden nicht, um so besser dafür an die eigene Abneigung gegen die 
Nazis erinnern konnte. 

So war der damals untersuchte Autoritäre einer, der gerade in sich 
ging. Pech für die Wissenschaft, wie man denken könnte - den Nazi 
empirisch untersuchen zu wollen ausgerechnet in dem Moment, wo 
er der Empirie Adieu sagen mußte - und in Wahrheit für die Wissen- 
schaft ein Vorteil: Was nicht erscheinen kann, wird (vorübergehend) 
wesentlicher, Potentiale wachsen, wenn ein Isolator Spannungsab- 
flüsse blockiert. Dem Nazi ums Jahr 1945 war der Mund verschlossen 
und waren die Hände gebunden, so daß er in sich reinfressen mußte, 
was herauszubrüllen ihm sonst ein Akt der Triebabfuhr gewesen war, 



25 



und vom Reinfressen wurde seine Seele voll. Thema der AP ist also 
der Nazi als tatgehemmte Seele im Zustand ihres Geladenseins - der 
Nazi unter Sublimierungsdruck. 

Auch diese Studie verfolgt das Ziel, den gleichsam verpuppten Nazi 
zu untersuchen, und ohne jede Einschränkung könnte der erste Satz 
aus der Einleitung zur AP in eine Einleitung zu dieser Untersuchung 
übernommen werden: »Im Mittelpunkt des Interesses stand das poten- 
tiell faschistische Individuum, ein Individuum, dessen Struktur es 
besonders empfänglich für faschistische Propaganda macht. Wir sagen 
»potentiell«, denn wir haben uns nicht mit Personen befaßt, die 
erklärtermaßen Faschisten waren oder bekannten faschistischen 
Organisationen angehören.« 11 

Die Gleichartigkeit des Interesses aber ist 40 Jahre danach eine Ursa- 
che wesentlicher Differenzen. Insofern damals vorüber war, was heute 
nur als bevorstehend vorausgesetzt werden kann, müßte das Über- 
gangsstadium oder das Durchgangslager >volle Seele< seine Funktion 
dergestalt verändert haben, daß an die Stelle eines Rückzugsgebiets ein 
Aufmarschgebiet trat, und es ist anzunehmen, daß der introvertierte 
Nazi, der Nazi in der Defensive, sich unterscheiden wird von seinem 
extrovertierten, offensiv gestimmten Gegenstück, vom Nazi, der bald 
eine Vorstellung geben möchte. Zumindest nicht ausgeschlossen wer- 
den kann, daß das autoritäre Syndrom heute wieder Komponenten 
enthält, die 1945 keine Rolle spielten, oder daß die Variablen von 
damals ihre Qualität und ihre Intensität verändert haben. Die Projek- 
tivität beispielsweise, die beim Autoritären in der Defensive zur breit- 
gestreuten Symptomfülle führt - er fühlt sich verfolgt von Gott und 
der Welt und von allem und jedem ein bißchen muß in der Auf- 
bruchphase gezielt und gebündelt agieren, d. h. die eine große Vision 
vom drohenden Untergang und der Rettung vor ihm produzieren 
können. 

Zwingt schon die vermutete qualitative Differenz zwischen dem 
damaligen und dem heutigen faschistischen Potential dazu, auf die 
ungeprüfte Übernahme der F-Skala und deren Interpretation zu ver- 
zichten, so wiegt noch schwerer, daß der Faschismus damals eine 
bekannte Größe war und heute eine unbekannte ist. Wenn der Begriff 
»potentieller Faschist« einen Sinn haben soll, wird der Faschismus als 
jüngst vergangen oder nahe bevorstehend vorausgesetzt: Zum Wesen 
wie zum Potential gehört die zeitliche Nähe zur Erscheinung oder 
Aktualisierung, wenn das Wesen nicht Gegenstand unverbindlicher 
Spekulation und das Potential so beliebig und allgemein, so leer und 
abstrakt gefaßt werden soll, daß es beinahe als anthropologische Kon- 
stante, als allgemein menschliche Möglichkeit erscheint, tendenziell 
als »Das Böse in uns allen, das Böse im Menschen überhaupt«. Der 
Nazi, der weder ein richtiger Nazi war noch einer werden kann, ist 
logisch auch kein potentieller. 



26 



Weil der deutsche Faschismus im Jahr 1945 ein abgeschlossenes und 
bekanntes Kapitel war, konnte in der AP auf seine ausdrückliche 
I i wähnung oder gar explizite Erörterung verzichtet werden. Als 
Schnittpunkt aller Theorien und Hypothesen ist er in der Studie, 
obgleich er namentlich kaum genannt wird und amerikanische Stu- 
denten befragt wurden, dennoch omnipräsent, er bestimmt Schlußfol- 
gerungen wie Prämissen. Den Zusammenhang zwischen Faschismus 
und Antisemitismus nicht noch einmal umständlich zu entwickeln 
war sogar ein Gebot der Höflichkeit gegenüber dem Leser, der nicht 
wie ein begriffsstutziger Ignorant behandelt werden muß. 

Weil umgekehrt in der vorliegenden Untersuchung jedoch der deut- 
sche Faschismus zwar logisch als Faktum vorausgesetzt wird, er tat- 
sächlich aber nur eine Möglichkeit darstellt, wird von ihm beständig 
die Rede sein müssen. Der Versuch, Klarheit über den potentiellen 
Faschisten zu gewinnen, läßt sich dann, wenn der Faschismus selber 
noch keine Tatsache ist, nicht trennen von der politischen Spekula- 
tion über die Gestalt, die ein künftiger Faschismus besitzen könnte. 
Vermutungen aber, Akte subjektiver Willkür gleichsam, dürfen nicht 
als allgemein bekannt vorausgesetzt, sondern müssen mitgeteilt, erläu- 
tert und begründet werden. 

Aus der Notwendigkeit, eine Unbekannte - die unvorhersehbare 
Gestalt eines künftigen Faschismus - wie eine feste Größe behandeln 
zu müssen, entsteht eine Situation, in welcher sich normalerweise 
Politiker oder Börsenspekulanten befinden, denen die Wissenschaft 
allein wenig hilft, wenn sie nicht obendrein das richtige Gespür besit- 
zen, welches so furchtbar täuschen kann. Die ganze Untersuchung 
wird daher über weite Strecken strengen wissenschaftlichen Ansprü- 
chen nicht gerecht, sie wird essayistische Betrachtungen mit statisti- 
schen Auswertungen mischen; sich meist auf unbewiesene Annah- 
men stützen; im Umgang mit Begriffen eher großzügig sein und etwa 
»Massenbewußtsein < ohne exakte Definition verwenden; die jüngste 
Entwicklung und die Tagespolitik auf eine Art interpretieren, die 
nicht jedem einleuchten muß. 

Wenn eine Disposition für den Faschismus als Gemütsbewegung in 
der BRD existiert, dann - so die erste These - muß diese Disposition 
in der jüngsten Vergangenheit entstanden sein. Die jüngste Vergangen- 
heit wird also unter dem Gesichtspunkt betrachtet, was ein künftiger 
Faschismus ihr zu verdanken haben könnte. An den kurzen Rück- 
blick aufs vergangene Jahrzehnt (Der Weg zur inneren Einheit) und die 
Eröffnungsbilanz schließt sich dann eine kleine Chronik der laufen- 
den Geschäfte an: Was kam hinzu durch die Herbstoffensive und den 
9. November, was wurde bei dieser Gelegenheit offenbar? Und wo 
stößt die Entwicklung derzeit noch an ihre Grenzen? 

Sicher ist beispielsweise, daß ein neuer deutscher Faschismus Ersatz 
für den Antisemitismus suchen muß, völlig unklar ist, wer der Feind 



27 



sein wird. Klar wiederum ist, daß ein eindeutiges Kriterium für faschi- 
stisches Potential nicht verfügbar sein wird, denn gerade in Deutsch- 
land sagt das jeweils gerade bestimmbare Maß an Antisemitismus oder 
Fremdenfeindlichkeit allein wenig aus über die künftige Entwick- 
lung. Wer beispielsweise 1980 auch nur mit der vagen Möglichkeit 
hätte rechnen wollen, daß ein Jahr später der Anti-KKW-Protest in 
eine Massenfurcht vor Atomwaffen umschlagen würde, hätte sich 
nicht nach dem Interesse für Kernwaffen erkundigen dürfen, sondern 
versuchen müssen, das Maß an frei flottierender Projektivität zu 
erkunden oder die Bereitschaft dazu, sich in ein Gefühl tödlicher 
Bedrohung zu versetzen. 

Analog dazu deutete vor 1933 nichts darauf hin, daß ausgerechnet 
in Deutschland der hier vergleichsweise moderate Antisemitismus 
sich zur Massenvernichtung steigern würde, wie überhaupt der sicht- 
bare, unmittelbar meßbare Teil des Aufstiegs der NSDAP zur Macht 
kein gradueller, sondern ein sehr plötzlicher war und trotzdem abseh- 
bar für Gesellschaftswissenschaftler, die nicht einfach nur die Sonn- 
tagsfrage stellten. Für die Entwicklung einer F-Skala heute heißt dies, 
daß sie sich nicht gleichsam eichen läßt, wie dies freilich auch in der 
AP nur unter Einschränkungen möglich war: Die Korrelation zwi- 
schen den Skalen A-S und F war hoch, aber nicht absolut, und in die 
Konstruktion der F-Skala flössen auch damals Überlegungen ein, die 
am Material nicht empirisch überprüft werden konnten. 



28 



Politische Lage Anfang 1990: 
Tendenzen und Vorgeschichte 



Der Weg zur inneren Einheit in den äußeren 
Grenzen einer Sieben-Prozent-Partei 

Am 29. Januar 1989 begann mit dem Einzug der Republikaner ins 
Berliner Stadtparlament das Ende einer in sich zerrissenen Epoche. 
Vorbei war sie nun, die wirre Zeit, als der Ausländerhasser an der 
Wahlurne vor den Besatzern kuschen mußte, wenn er der Union seine 
Stimme gab, vorbei für den Friedensfreund der Gewissenszwang, die 
Forderung nach nationaler Souveränität mit der wohlwollenden Dul- 
dung türkischer Einwanderer abzubüßen. So hatte, als im November 
Brandt den Kalenderspruch > Was zusammengehört, wächst zusammen 
oder es tut dies nichu durch Halbierung zur Verheißung machte, sich 
diese Prophezeiung im Moment ihrer Verkündung schon seit Mona- 
ten erfüllt. 

Nicht ohne Grund kam es in den 80er Jahren vor, daß Intellektuelle 
an der Spaltung litten, denn erstmals in der Nachkriegsgeschichte 
lagen die Teile parat, die zusammen das Ganze bilden würden. 
Bekenntnisfreudige Konvertiten aus der Protestbewegung hauchten 
dem Anti-Kommunismus neues Leben ein, hinzu war ein im Frie- 
denskampf gestählter Anti-Amerikanismus gekommen. Zum Greifen 
nah war sie wieder und dennoch tabu, die Einheit der Nation in 
Gestalt ihres Gegenteils, der weltbeherrschenden jüdisch-bolschewi- 
stischen Wallstreet-Clique. Tantalusqualen litt die ganze ökonomisch 
wankende Meinungsführerschicht, die im Aufspüren, Abgreifen und 
Mitnehmen ihren Berufsinhalt sah. 

Grundlos jedoch wurden die Elemente produziert, die es später zu 
der ihnen vorherbestimmten Vereinigung drängen sollte. Auch aus 
der Distanz und mit kühlem Kopf betrachtet scheinen die 80er Jahre 
mehr von Teleologie als von Kausalität beherrscht, sie stellen sich als 
ein Dezennium dar, wo schlechte Menschen böswillig und wider bes- 
seres Wissen Schlimmes taten. Während die Ursache bis heute 
unerforschlich blieb, lag das Ziel schon damals auf der Hand. Mit 
Biberfleiß und wie nach höherem Plan, den angeblich keiner kannte, 
schufteten Jungfilmer und Basisgruppen, Bürgerinitiativen und 
Schriftsteller, Christen und Umweltschützer für den Tag, wo man das 
alles wieder brauchen würde: die Liebe zur Region, zum Kiez, zur 
Heimat, zu Volk und Vaterland, zum Boden und zur Muttererde, zur 
heimischen Artenvielfalt und zum deutschen Wald, zur Tradition, zu 
allem, was roh ist, häßlich aussieht, schlecht schmeckt, hart macht. 
Der nationalen Erweckungsbewegung voran marschierte ein unüber- 



29 



sehbares Kröten- und Kaulquappenheer, welches alten >Lebensraum<, 
den ohne Gänsefüßchen, für den Sprachgebrauch zurückerobern 
durfte. Verdächtig gut kannten die Naturschützer sich allmählich wie- 
der mit den Giften aus, so gut, daß man bei keinem mehr Tee trinken 
mochte. Und quer durchs Land, quer durch die Schichten wurden 
obskure Kräuter gebrüht, als gelte es, die Teufelsanbeter in Rosemary's 
Baby zu übertrumpfen. Gottlose Menschen bekamen ihre Jesus- 
Phase, und es brach die Zeit der Feindesliebe an. Alt-Linke schlössen 
ihre noch älteren Nazi-Eltern in die Arme, wer früher von der Polizei 
verhauen worden war, hielt nun die andere Backe auch noch hin und 
beschloß, den Staat zu mögen. Der Revanchismus alternder Berufs- 
schlesier sah so traurig aus - Grund genug, ihn hochzupäppeln. Jen- 
seits von Oder und Neiße wurde zunächst in der Lüneburger Heide 
gespielt, wenn der Siedlungsgedanke Berliner Wohngemeinschaften 
dort in der Landkommune eng an die Scholle und noch enger zusam- 
menrücken ließ. Ein völkisches Stöhnen, Schmachten, Sehnen stieg 
seit 1981 von den evangelischen Kirchentagen gen Himmel auf, und 
Hunderttausenden lief die Seele über, so daß ihnen der Geist in die 
Finger fuhr. Die verklammerten sich zu Schwitzhändchenketten, 
kilometerlang, und wenn die Christen das Tanzbein schwangen, war 
Sudetentag. Man wollte glauben, doch mehr als an die Erlösung an 
den Untergang. Bald gab es sie wieder, die alte paranoide Heilsidee 
vom umzingelten Deutschland und seiner ihm aus der tödlichen 
Bedrohung erwachsenden Welterretter-Mission, mit dem Unterschied 
nur, daß es diesmal nicht die jüdische, die gelbe oder die rote Gefahr, 
sondern einen atomaren Weltuntergang abzuwenden galt, der bei aller 
schon im Won liegenden Universalität den Landsleuten doch ein klei- 
nes Extrawürstchen braten würde, insofern nämlich, als ihr Boden 
zum atomaren Schlachtfeld der Supermächte auserkoren war. Auf 
deutschem Boden mußte also wieder mal die Welt gerettet werden, 
durch nationale Identität, nationale Souveränität, den Abzug der 
Besatzer, die deutsche Einheit und den Kampf gegen die Amerikani- 
sierung deutscher Kultur. Mit einem Satz: Die Welt wird eine sein, in 
der Deutschland den Deutschen gehört, oder sie wird nicht sein, und 
in der Verzagtheit lag schon die Drohung. 

Verwundert rieb sich die Augen derweil, wer vom Nationalsozialis- 
mus und der Zeit davor auch nur einen blassen Schimmer hatte. Das 
alles noch mal, 50 Jahre später, und dabei so echt, so naturgetreu - 
einfach märchenhaft, ein Märchen mit den neuen sozialen Bewegun- 
gen in der Rolle des Prinzen und vielen, vielen Schneewittchen. 
Traum, mittlerweile wieder aus der Mode, war eines der Lieblingswör- 
ter dieser Zeit, und vieles, was einstweilen vor sich hindöste, wartete 
nur, daß einer es wachküssen würde. Denn das gab es natürlich noch 
immer: den Nationalismus alter Prägung und den ordinären Auslän- 
derhaß; latenten Rassismus und gute Erinnerungen an das Dritte 



30 



Reich; tiefsitzende Ressentiments darüber, daß man den Krieg verlo- 
ren hatte und allen wirtschaftlichen Erfolgen zum Trotz keine Welt- 
macht war; die Unfähigkeit, den Juden Auschwitz verzeihen zu kön- 
nen; die Wut über den verlorenen Groschen, der nach Israel floß; 
Politiker mit Faible für eine deutsche Force de Frappe, ein Kapital, 
welches ebenso leidenschaftlich Giftgasfabriken für den Export pro- 
duziert, wie die einheimische Bevölkerung ihre Gefährdung durch auf 
deutschem Boden lagernde chemische Kampfstoffe ausländischer 
Herkunft bejammert; kühl rechnende Konzernstrategen, denen der 
Patriotismus angesichts einer sich verschärfenden Konkurrenz der 
nationalen Kapitale auf dem Weltmarkt höchst gelegen kam. 

Und dann war da noch dieses Monument, welches schon bis zum 
Sockel, ohne Skulptur, zwei Millionen maß, zwei Millionen Arbeits- 
lose trotz Hochkonjunktur, und das seit sieben Jahren. Mit solchen 
Mißhelligkeiten hat man in anderen Ländern leben gelernt, ohne daß 
sie sonderlich auf die Seele drücken, man weiß, daß man den Kapita- 
lismus nicht ohne Krise haben kann und die Krise nicht ohne 
Arbeitslosigkeit. Das sind die Regeln, wer scheitert, hat Pech gehabt 
und muß auf bessere Zeiten hoffen, aber er findet keinen Grund, sich 
selber als Opfer einer ungerechten Welt zu beweinen. Man kann ver- 
suchen, die Regeln zu ändern, was dann auf eine Revolution hinaus- 
laufen würde, aber ein Jammerlappen ist, wer sich einließ auf das Spiel 
um die dickste Scheibe vom großen Kuchen, dann schreit, wenn er 
verliert und dem Kapitalismus vorwirft, daß er einer ist. In Deutsch- 
land zwar, nicht aber in anderen Ländern, wo die Not ebenso groß 
oder größer war, führte deshalb die Depression nach dem Börsen- 
krach von 1929 zum Faschismus. 

Hier nämlich hat eine seit ihren Anfängen völkisch und vaterlän- 
disch empfindende Sozialdemokratie stets die Illusion verbreitet, der 
Wohlstand sei vor allem eine Frage des Charakters: Wo bescheidene, 
verantwortungsbewußte Unternehmer und fleißige, strebsame Arbei- 
ter einander als Sozialpartner verbunden sind unter weiser, starker 
sozialdemokratischer Lenkung, muß die Wirtschaft florieren und kei- 
ner um seinen Arbeitsplatz fürchten, wenn die Idylle nur erfolgreich 
gegen Spekulanten, Finanzhaie, raffgierige Schmarotzer und den kom- 
munistischen Umsturz verteidigt wird. Nur allzu willig waren die 
deutschen Arbeiter bereit, das Recht auf Revolution gegen das Ver- 
sprechen einzutauschen, das Vaterland gewähre ihnen ein Recht auf 
Arbeit, ein Recht, welches im Ursprung, im Ersten Weltkrieg, schon 
kein Recht, sondern die Dienstverpflichtung gewesen war, ein Recht 
auch, welches auf die Freiheit hinausläuft, sich dem Zwang, dem man 
unterworfen ist, auch beugen zu dürfen, und welches daher zu jenen 
Erscheinungen der deutschen Geschichte zählt, für die man viele 
Ursachen angeben kann, aber keinen hinreichenden Grund. 

Der Spruch »Arbeit macht frei«, welcher über den Toren der Ver- 



31 



nichtungslager stand, und die Kampfparole des DGB zum 1. Mai 
»Arbeit für alle« (kein Witz) weisen gleichermaßen darauf hin, daß 
die Deutschen ein besonderes Verhältnis zur Arbeitslosigkeit haben, 
die ihnen entweder als selbstverschuldetes Versagen, als parasitäre 
Drückebergerei, als Schmarotzertum gilt oder als nationale Katastro- 
phe. Die Implikationen, die im auch heute noch parteiübergreifend 
proklamierten Recht auf Arbeit stecken, hat Karl Otten in seiner 
Faschismus-Analyse >Geplante IlIusionen< aufgedröselt: 

»Begriff und Funktion eines »Rechts auf Arbeit< sind bei anderen 
Nationen unbekannt, in Deutschland nahm es die Stelle des Rechts 
schlechthin ein. ( — ) Das Verlangen nach Arbeit, dargestellt im 
Begriff des Rechts auf Arbeit des deutschen Volkes, auf mehr und 
immer mehr Arbeit, ist ein eroberndes Recht. Es ist das Recht des 
Handelnden, der sich seinen Arbeitsplatz aus zwei Gründen erkämp- 
fen will und muß: aus der zahlenmäßigen Größe der Nation, ihrem 
Vorhandensein und ihrer Größe in Europa, also aus einem rein mas- 
senmäßigen Gefühl; zum anderen aus dem Bewußtsein der eigenen 
Tüchtigkeit, die ein Bessersein bedeutet, das leicht in eine rassenmä- 
ßige Überlegenheit umformuliert werden konnte, als erst einmal das 
innerdeutsche Recht auf Arbeit gestillt war. Die feindliche Umwelt 
wurde beschuldigt, den Deutschen ihr Recht auf Arbeit, ihren Platz 
an der Sonne, zu verwehren; der Deutsche sah sich in seiner Rechts- 
sicherheit bedroht, auf die er mit der ganzen explosiven und jetzt 
revolutionären Wut seines irritablen Temperaments antwortete und 
zu den Waffen griff, um sich sein Recht auf Arbeit im Lebensraum 
anderer Völker zu erkämpfen.«" 

So kam es, daß man von den Ausländern und den Drückebergern 
sprach, von Fremden also einerseits, die den Einheimischen etwas 
klauen, was diese gar nicht haben wollen, und andererseits von Einhei- 
mischen, welche den Ausländern aufnötigen, was die Ausländer ihnen 
stehlen. Der große innere wie äußere Feind war das noch nicht, aber es 
kam vielleicht eine Ahnung auf, wie man ihn sich vorstellen müßte. 

Gegen Ende der 80er Jahre glich die BRD also einem Fertigteil- 
Bausatz vor der Endmontage, und im Januar 1989 war es dann soweit. 
Der Berg hatte gekreißt, das Mäuslein war geboren, das Reich wieder- 
erstanden - in der inneren Verfassung von 1939 und den äußeren 
Grenzen einer Sieben-Prozent-Partei, die offenbar unter einem sol- 
chen Ansturm von entwichenen Sträflingen litt, daß sie von Bewer- 
bern um die Mitgliedschaft ein polizeiliches Führungszeugnis verlan- 
gen mußte. Und wieder schien die Geschichte nur ihre maßlose Ver- 
schwendungssucht unter Beweis stellen zu wollen. Da hatten nun 
jahrelang Hunderttausende einander bei der Hand gehalten, gemein- 
sam gesungen, gefastet, gebetet, und der ganzen Mühe Lohn war ein 
Polizist mit Vorstrafenregister und dem Namen Antes als Fraktions- 
vorsitzender der Republikaner im Berliner Stadtparlament. 



32 



Zwischenbilanz 

So wohlpräpariert der 29. Januar einerseits kam, so sehr andererseits 
als Überraschung. Viel Zeit war seit den Tagen des Händchenhaltens 
schon verflossen, vielleicht hatten die Bundesbürger doch noch 
kapiert, daß es auf die Dauer ein reichlich frustrierender Zeitvertreib 
wäre, in einem kleinen, exportabhängigen und, wie man immer 
betonte, geteilten Land (Friedens)Weltmachtträumen nachjagen zu 
wollen. Und wirklich deuteten Beobachtungen darauf hin, daß die 
Uute sich mittlerweile um andere, um geringere Dinge sorgten, um 
die Butter auf dem Brot, die ihnen zuwandernde Blutsbrüder von jen- 
seits der Wolga wegzukratzen drohten. 

Schon der Historikerstreit erlaubte die Interpretation, daß der 
Gesinnungsnationalismus aus der Friedensbewegungszeit mit seiner 
ausgreifenden, heftigen, schwer berechenbaren Dynamik vorbei und 
einem pragmatischen Nationalismus gewichen war, der nicht ver- 
rückt genug ist, um die Massen wirklich begeistern zu können. Und 
letzte Zweifel an dieser Version wurden dann durch die Aversionen 
gegen Aussiedler beseitigt, die seit 1987 rapide zunahmen. Die NPD, 
die Vertriebenenverbände und ähnliche Gruppen würden, so schien 
es, nicht vom Friedensnationalismus profitieren können, sondern 
förmlich zerrieben werden zwischen ihrer eigenen völkischen Ideolo- 
gie und den mit dieser Ideologie unvereinbaren Interessen der Anhän- 
gerschaft. Der aufbruchsgestimmte Gesinnungsnationalismus war in 
einen offenen Widerspruch zum pragmatischen, kleinlichen, an den 
egoistischen Interessen orientierten Nationalismus getreten, die ratio- 
nalere, futterneidische Variante hatte gewonnen, und dieser Sieg seiner 
rationaleren Variante würde dem Nationalismus auf die Dauer die völ- 
kische Dynamik entziehen, ohne die er in Deutschland nicht existie- 
ren kann. 

Um so größer war die Überraschung daher, als die Rechtsnationa- 
len verspätet ihren Wahlerfolg doch noch bekamen, und es tauchte 
eine ganze Reihe von Fragen auf: Konnte der Wahlerfolg als letztes 
Aufflackern der Sehnsüchte betrachtet werden, welche die Friedens- 
bewegung geweckt hatte? Oder war der Funke mit Verzögerung doch 
noch übergesprungen und der Wahlerfolg deshalb zu interpretieren 
als erste Etappe einer stürmischen künftigen Entwicklung? Waren die 
Parteigänger der REPs als vergrätzte, verbiesterte, griesgrämige Klein- 
bürger ohne Perspektive einzustufen, oder gab es im Gemütshaushalt 
dieser Leute zusätzlich eine Empfänglichkeit für Visionäres wie Volk, 
Führer, Vaterland? 

Und vorausgesetzt, die REPs hätten das verwaiste ideologische Erbe 
der Friedens- und Umweltbewegung angetreten: Wo blieb der Rest? 
Wie groß war der dickste Posten, und wo verbarg er sich? Unmöglich 
konnte jedenfalls im Wahlerfolg der Republikaner schon alles akti- 
viert worden sein, was sich in langen Jahren angesammelt hatte. 



33 



Immer vorausgesetzt, daß die ideologische Hinterlassenschaft nicht 
einfach vermodert oder vergessen worden war, sondern die Form 
eines Vorrats angenommen hatte, den nur jemand zu heben wissen 
mußte: Wo und unter welcher Tarnkappe konnte man ihn finden? 

Immerhin hatte jahrelang eine Bevölkerung das Projizieren eigener 
unbewußter Destruktivität täglich geübt und dabei eine solche Vir- 
tuosität und Flexibilität entwickelt, daß zwischen Ozonloch, Klima- 
katastrophe, Aids, atomarem Weltuntergang und Dioxin einfach hin- 
und hergeschaltet werden konnte. Mußte diese Bevölkerung sich nicht 
letzten Endes unterfordert fühlen durch Schönhubers Appell, ein 
paar Gastarbeiter oder Asylbewerber als nationale Bedrohung zu 
empfinden, wo dies Gefühl doch viel billiger zu haben gewesen wäre 
und man durch Bedrohungen ganz anderen Kalibers verwöhnt war? 
Lagen hinsichtlich der Produktion von Wahn in der BRD nicht 
inzwischen Kapazitäten brach, die von den REPs allein auch nicht 
annähernd ausgelastet werden konnten? Und wie lange würde der 
Mittelständler es ertragen, immer nur giftig auf den eigenen Müll zu 
gucken, immer nur trübsinnig ins Ozonloch zu starren? Wann würde 
es ihn nach einem Feind gelüsten, der nicht abstrakt und unangreifbar 
bleibt, sondern gleichsam zwischen den Fingern zerquetscht und zer- 
rieben werden kann? 

Wenn die Republikaner zwar aufrichtig überzeugt, aber unter ekla- 
tanter Verkennung der Tatsachen, sich selber für einen Verein beson- 
ders ehrlicher und ordentlicher Bürger hielten, obgleich die Partei 
eher ein Sammelbecken haltloser Existenzen war - deutete dies Miß- 
verständnis nicht hin auf ein defektes Ich, welches die Fähigkeit verlo- 
ren hat, Teile seines Wirkens als ihm selber zugehörige zu erkennen? 
Und war dies defekte Ich als Massenphänomen nicht das Produkt 
einer kollektiven Reeress ion, von der zunächst ganz andere Schichten 
erfaßt wurden? Denn keineswegs am Rand der Gesellschaft, sondern 
in ihrem Zentrum, unter Verwaltungskadern und Angestellten aus der 
Geistes-, Sozial- und Meinungsbranche, hatte sich jener Typus heraus- 
gebildet, welcher die erklärte eigene Überzeugung im unerschütterli- 
chen Bewußtsein verraten kann, ihr unverbrüchlich die Treue zu hal- 
ten, der Typus des grünen Berufspolitikers samt mittelständischem 
Anhang also, ein Typus, dessen möglichen Untaten keinerlei Hem- 
mungen und Grenzen gesetzt sind, nicht mal die von ihm selbst gezo- 
genen, weil er grundsätzlich mit Bewußtsein nichts Böses tun kann 
und weil man mit Bewußtsein Böses tun können müßte, um dabei 
bestimmte Proportionen und die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu 
wahren. 

War also der Ausfall von Selbstwahrnehmung bei den Republika- 
nern überhaupt ein Eigenfabrikat dieser Gruppe, oder waren die 
Republikaner nur die konsequentesten Nutzer eines Verhaltensmo- 
dells, welches vor langen Jahren die Linke entwickelt hatte, als der um 



34 



«ine Verbeamtung einkommende Staatsfeind sich selber auf dem 
langen Marsch durch die Institutionen« wähnte, mit schweren Fol- 
gen für seinen allgemeinen Geisteszustand dergestalt, daß das Ich 
unter dem Druck, die eigenen, durchaus nichtrevolutionären Motive 
verleugnen zu müssen, nicht nur langsam regredierte, sondern gleich 
vier Stufen abwärts auf einmal nahm? War im Ich-Kult der Protest- 
lu wegung während ihrer Verbeamtungsphase, dem Wort von der Poli- 
tik in der ersten Person, der Rede von mir und meinen Bedürfnissen 
oder meinen Gefühlen und meiner Betroffenheit und dem, was das 
für mich alles bedeutet oder mir bringt, war darin nicht bereits die 
ganze künftige Entwicklung enthalten, in dem Sinne, wie es in den 
T U-menten des Antisemitismus« über das pathisch projizierende, zur 
lihidinÖsen Objektbesetzung unfähig gewordene Subjekt heißt: »Es 
verliert die Reflexion nach beiden Richtungen: da es nicht mehr den 
< u ^cnstand reflektiert, reflektiert es nicht mehr auf sich und verliert 
s<> die Fähigkeit zur Differenz. Anstatt der Stimme des Gewissens 
luirt es Stimmen; anstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eige- 
ne n Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen 
von Zion den anderen zu. Es schwillt über und verkümmert zugleich. 
( .icnzenlos belehnt es die Außenwelt mit dem, was in ihm ist; aber 
womit es sie belehnt, ist das vollkommen Nichtige, das aufgebauschte 
hloße Mittel, Beziehungen, Machenschaften, die finstere Praxis ohne 
den Ausblick des Gedankens.« 13 

Wenn der pathisch Projizierende sich allmählich eine Welt nach 
dem Bild seiner Seele schafft, eine trübe, freudlose, gedankenverlas- 
sene Welt, welche sich schließlich auf das immergleiche Einerlei diver- 
ser Mittel reduziert, die ihn verstrahlen, vergiften, verseuchen könn- 
ten, wie würde er auf die selbstgewählte Isolationshaft in einem her- 
metisch abgedichteten Wahnsystem reagieren? War die Phase der 
neuen Sensibilität und Sinnlichkeit, eine wichtige Regressionsstufe 
der Protestbewegung, vielleicht ein Hinweis darauf, daß jederzeit mit 
unkontrollierten Ausbruchsversuchen zu rechnen war, damit, daß das 
.int istische Subjekt den ihm abhanden gekommenen Kontakt zur Rea- 
lität unvermutet gewalttätig herstellt? War »Die Angst der Deutschen« 
Anfang der 80er Jahre - Titel einer Spiegel-Serie immerhin - der 
Beweis dafür, daß es dem offiziell friedliebenden Ich immer schwerer 
fiel, gewalttätige und aggressive Triebe als ihm nicht zugehörig 
zurückzuweisen? Ließ eine massenpsychologische Befindlichkeit, wie 
sie schon vor 1933 anzutreffen war, darauf schließen, daß auch die 
politische Entwicklung sich wiederholen könnte - heißt es doch in 
einem Text nicht aus dem Jahr 1983, sondern aus dem Jahr 1942: 
»Angst ist das dominierende Lebenselement des Deutschen aus der 
Masse. Die Angst des Deutschen vor und in der Welt ist eine Tiefen- 
angst, eine konstante Untergangsstimmung, ein dominierendes Ele- 
ment seines seelischen Aufbaus und zugleich dessen Funktion.«'* 



35 



Dergleichen Fragen stellten sich also nach dem Einzug der Republi- 
kaner ins Berliner Abgeordnetenhaus, sie schienen eine geduldige, 
gründliche Prüfung zu verdienen, doch dann kam alles ganz anders. 

Die Herbstoffensive 

Ein Wesenszug des potentiellen Faschisten besteht darin, im Opfer 
den Verfolger zu sehen und Flüchtlinge meist für Eindringlinge zu 
halten. Vorsatz und Arglist werden gern denen unterstellt, die nichts 
als ihre Haut retten wollten. Der Asylbewerber erscheint als Agent 
einer feindlichen Macht, die keine geographisch lokalisierbare sein 
muß. Diese Macht ist hinreichend durch ihre Absicht definiert, die 
Deutschen schädigen zu wollen, und daß man sie so genau nicht 
kennt, zeugt gerade von ihrer Durchtriebenheit. 

Der Herbst 1989 bewies es dann, daß die Verwechslung von Flücht- 
lingen mit Eindringlingen in umgekehrter Richtung ebensogut funk- 
tioniert. Seit Ende August waren Ungarn, Polen und die Tschechoslo- 
wakei de facto zum Durchmarschgebiet für Deutsche geworden, 
erstmals seit 50 Jahren bezogen Deutsche wieder massenhaft in Buda- 
pest, Prag und Warschau Quartier. Sie traten, wenn nicht als Eroberer, 
so doch fordernd auf, und es verstand sich von selbst, daß sie Sonder- 
rechte genossen und jeweils geltende Regeln wie etwa Verkehrsvor- 
schriften oder Bestimmungen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und 
Ordnung nicht respektieren mußten. Das Nächtigen auf öffentlich 
zugänglichen Plätzen unter freiem Himmel, welches in der BRD wie 
in den meisten Ländern verboten ist, war dann, wenn es die deutschen 
Invasoren in Budapest, Warschau oder Prag taten, kein Polizeipro- 
blem, sondern eine Herausforderung an die Logistik staatlicher und 
karitativer Organisationen. Unter dem Druck der Bundesregierung, 
die einen Teilverzicht auf die eigene Souveränität bei den genannten 
Ländern erzwang, wurde der Flüchtlingsstatus unbesehen Personen 
zuerkannt, die im eigenen Wagen, oft aus dem Urlaub, angekommen 
waren, nicht die mindeste Chance auf politische Verfolgung besessen 
hatten und offen zugaben, daß sie eine gut eingerichtete Wohnung, 
einen sicheren Arbeitsplatz und ein zufriedenstellendes Auskommen 
zurückließen. 

Besonders in Ungarn und Polen, wo der Lebensstandard weitaus 
geringer ist als in der DDR und tatsächlich Not und Elend herrschen, 
hatte die von der BRD den jeweiligen Landesbehörden abgetrotzte 
Vorzugsbehandlung der Invasoren - sie wurden in Ferienheimen 
untergebracht und in eigens errichteten Lagern weit besser verpflegt 
als die ortsansässige Bevölkerung - der Welt wie den Deutschen sel- 
ber demonstriert, daß die Deutschen in der Welt besondere Rechte 
genießen. Das Recht, Paßvorschriften, Einreisebestimmungen und 
Polizeiverordnungen ignorieren zu dürfen, steht zwar jedem zu, der 



36 



um sein Leben furchten muß, sei dies nun von den Häschern oder 
vom Hunger bedroht. Die Deutschen aber hatten nun bewiesen, daß 
sie dies Notwehrrecht sich schon nehmen können, wenn sie nur 
etwas erreichen wollen und ihnen sich einer entgegenstellt. Ihr Wille 
war es, sich in der BRD den ihnen als Deutschen zustehenden Reich- 
tum zu holen, und sie kamen durch damit. Es war ein großer Sieg, 
ein Sieg für Deutschland, und wie Frontkämpfer, wie Truppen nach 
siegreicher Schlacht wurden die fremden Heimkehrer in den anrollen- 
den Sonderzügen hier begrüßt, mit Musik und Blumen. 

Sie brachten die frohe Botschaft mit, daß einer, wenn er nur wahn- 
sinnig genug ist, weiter kommt, als man glauben sollte. Normaler- 
weise ist das Ausland ein denkbar schlechter Ort, um auf Behörden 
Druck auszuüben, weil die Polizei des Gastlandes zusätzlich zu ihren 
übrigen Mitteln auch noch die Möglichkeit hat, die lästige Person ein- 
lach abzuschieben. Die üblichen Polizeimittel aber sind für Fälle 
berechnet, in denen der Delinquent sich rational verhält. Rational 
handelt, wer mit entsicherter Waffe auf den Bankdirektor zielt und 
eine halbe Million in kleinen Scheinen fordert; ein Irrer ist, wer die- 
selbe Summe verlangt und die Mündung dabei an die eigene Schläfe 
preßt. Analog dazu standen die Behörden in Budapest, Prag und War- 
schau vor dem Problem, es mit Leuten zu tun zu haben, die sich selbst 
als Geiseln nahmen, ohne Rücksicht auf die eigenen Kinder, ohne 
Rücksicht auf die eigene Person. Zu Tausenden strömten sie in die 
Prager BRD-Botschaft, um aus freiem Willen, dem Willen zu mehr 
Reichtum, eine Zwangslage zu schaffen - die »unhaltbaren 
Zustände«, die »chaotischen Verhältnisse« oder die »sich dramatisch 
verschärfende Situation«, die in der Folgezeit zur Wunderwaffe der 
Wiedervereinigungspropaganda werden sollte. Die irrwitzige 
Krpresser-Logik hungerstreikender RAF-Häftlinge - entweder der 
Staat tut, was wir möchten, oder wir ruinieren uns - war zur Hand- 
lungsmaxime Tausender geworden, und ihr Glück war nur, daß sie 
das riskante Spiel nicht mit deutschen Behörden trieben, sondern im 
Ausland, wo man die Situation nicht verstand, vielleicht auch gar 
nicht verstehen wollte, deshalb die Usurpatoren für Verzweifelte 
nahm und den Fanatikern, die sich mit ihren Säuglingen in die völlig 
überfüllte Botschaft zwängten oder im Freien lagerten, einfach zugute 
hielt, daß dort, wo sie herkamen, wohl die Hölle sein mußte - was 
der Wahrheit näher kam, als die äußeren Umstände denken lassen. 

Nur war die Hölle nicht deshalb eine, weil es keine Bananen gab, 
sondern weil dort ein Sozialcharakter wohnte, welcher die Kunst 
beherrscht, sich und anderen das Leben so freudlos wie möglich zu 
machen. In Deutschland zur Perfektion entwickelt und in der DDR 
besser als in der BRD konserviert, verwandelt dieser Sozialcharakter 
die Gesellschaft in eine einzige große Familie, in eine jener Familien 
allerdings, die Rettung vor der sich anbahnenden Tragödie nur von 



37 



der Katastrophe erwarten können, vom Schicksalsschlag, welcher als 
Akt der Barmherzigkeit empfunden wird, wenn die Fliegerbombe die 
vier Wände zerreißt, innerhalb derer keiner mehr die Luft zum 
Atmen fand. Das ebenso leicht zu benennende wie schwer zu erklä- 
rende Geheimnis solcher Familien besteht darin, daß keiner den ande- 
ren leiden mag und alle einander mitsamt der Wohnung und dem 
Mobiliar auf eine quälende, schleppende, leidenschaftslose Weise has- 
sen. Die DDR-Bürger ertrugen, als sie in den Westen flohen, einfach 
die von ihnen geschaffenen Verhältnisse, sich selbst und ihr penetran- 
tes Deutschsein nicht mehr. Der Wiedervereinigung erster Teil war, 
was deutsche Einigungsbestrebungen schon immer waren, nämlich 
deren genaues Gegenteil, Flucht vor der Heimat und Eroberung frem- 
den Gebietes zugleich. Die Tränen, die manchmal bei der Ankunft in 
der BRD flössen in den »bewegenden Szenen*, die das Fernsehen 
filmte, waren echt, nur bedeuteten sie nicht: endlich Fleisch von mei- 
nem Fleisch, endlich bei meinen Landsleuten, sondern sie hießen: 
endlich weg von ihnen, endlich fort von daheim. 

Die Tatsache, daß massenhaft kleine Kinder und sogar Säuglinge 
von ihren Eltern ohne schwerwiegenden Grund in eine mit Sicherheit 
strapaziöse und möglicherweise riskante Unternehmung hineingezo- 
gen wurden; dann die brutale Art, wie hysterisierte Erwachsene beim 
Ansturm auf die Prager Botschaft kleine Kinder einfach überrannten- 
die Mütter vor der US-Botschaft in Ost-Berlin schließlich, die sich 
beim Anrücken der Polizei nicht schützend vor ihre mitgebrachten 
Kinder stellten, sondern hinter diesen Kindern in Deckung gingen - 
dies alles wies auf einen ernstlich gestörten Gemütshaushalt hin, 
längst bevor bekannt wurde, daß mancher Übersiedler die Reise in 
den Westen zur Trennung von der Familie genutzt und in Extremfäl- 
len seine kleinen Kinder unversorgt zurückgelassen hatte. 

Weniger die lieblose Art solchen Verhaltens allein, als vielmehr die 
Kombination solcher Lieblosigkeit mit flennerischer Rührseligkeit - 
wenn also über den »herzlichen Empfang< vor der Kamera Leute ins 
Schluchzen gerieten, die den zurückgelassenen Freunden, Verwandten 
und Bekannten keine Träne nachweinten - war Symptom eines psy- 
chischen Defekts, unter welchem der deutsche Sozialcharakter perio- 
disch immer wieder gelitten hatte. Es handelt sich um den Fortfall 
jeglicher Unmittelbarkeit in der Beziehung des Subjekts auf anderes, 
um das Unvermögen zu dem, was die Psychoanalyse als Objektbeset- 
zung bezeichnet, um ein schwer beeinträchtigtes Verhältnis zur Reali- 
tät, um die Unfähigkeit zu Empfindungen, wie sie gemeinhin für ele- 
mentar gelten, um einen Mangel, der am deutlichsten wird in den 
Beschwörungsformeln, die ihn bannen sollen, im exzessiven Ge- 
brauch von Gefühlswörtern wie echt, tief, spontan, Erlebnis- 
Vokabeln, für welche die Spontis oder die Alternativen die gleiche 
Vorliebe hatten wie mehr als 40 Jahre vor ihnen die Nazis' 5 , weshalb 



38 



gerade dann auf eine überaus hartnäckige Kontinuität in der deut- 
schen Geschichte geschlossen werden muß, wenn man, sicherlich zu 
Kocht, jede simple Gleichsetzung zwischen den Alternativen und den 
Nazis zurückweist. 16 

Im Ausfall jeglicher Unmittelbarkeit in den Beziehungen zwischen 
den Menschen wiederum spiegelt sich eine Gesellschaft am Rand der 
Asozialität. Bekannt ist mittlerweile, daß der Nationalsozialismus 
entgegen seinem propagierten Ziel, die Familie verteidigen und festi- 
gen zu wollen, deren Zerstörung vielmehr sowohl vorfinden als auch 
selber betreiben mußte, wie überhaupt die Gefolgschaft im Idealfall 
neben der Bindung an den Führer keine weiteren haben sollte, weil 
jede Fixierung, sei es an eine Person oder an eine Sache, beim einzel- 
nen zu Lasten von dessen Disponibilität geht. Er wird, wenn er seine 
Familie mag, nicht einsehen, warum deren Mitglieder sich nach 
Geschlechtern und Altersgruppen sortiert abends auf die SA, den 
BDF, den BDM, die HJ und die DAF verteilen. Er wird, wenn er an 
seinem Wohnort und an seinen Lebensgewohnheiten auch ein biß- 
chen hängt, an alledem, was Begriffe wie Heimat oder Tradition unter 
sich begraben, nicht in fremde Hauptstädte einmarschieren oder sich 
in der Taiga die Zehen abfrieren wollen. Er wird schließlich, wenn er 
Freunde hat, dort dem kontrollierenden Zugriff der Partei entzogen 
sein. Und umgekehrt setzt der Nationalsozialismus Menschen voraus, 
die der unmittelbaren Beziehung zueinander nicht fähig sind, viel- 
mehr stets des Führers oder der Bewegung als eines vermittelnden 
Dritten selbst im allerengsten Familienkreis bedürfen, mit dem drolli- 
gen Effekt beispielsweise, daß während der Nazi-Zeit verheiratete 
Frauen in Geburtsanzeigen öffentlich erklärten, sie hätten dem Füh- 
rer ein Kind geschenkt, und es ist kein Fall bekannt, in welchem eine 
sich solchermaßen des Seitensprungs oder Ehebruchs bezichtigende 
Frau von ihrem Gatten zur Rechenschaft gezogen Wörden wäre. Für 
den Nationalsozialismus ist reif, wer auch reif für die Fremdenlegion 
wäre oder für das Obdachlosenasyl, weil ihn, wenn er keinen Führer 
findet, an den Menschen, die er kennt, und an den Dingen, die er 
besitzt, nichts mehr hält. 

So waren die Ubersiedler, die freiwillig von der Privatwohnung ins 
Lager wechselten und ohne äußerlich erkennbaren Grund ihr ganzes 
bisheriges Leben einfach wegwarfen, zunächst der Beweis dafür, daß 
in der BRD mit einer Gruppe würde gerechnet werden müssen, die 
zu allem bereit war. Um so besorgniserregender daher, daß diese 
Gruppe allenthalben auf ein Verständnis stieß, als habe sie durch die 
Tat einer ganzen Bevölkerung aus dem Herzen gesprochen. 



39 



Der demokratische Aufbruch 

Das Wesen der parlamentarischen Demokratie ist die Einbeziehung 
der Bürger in ihr Ausgeschlossensein von der Politik. Sie sollen wäh- 
len dürfen, aber nichts zu melden haben und abstimmen darüber, ob 
ihnen der Hängebackige von der Zwiebackpackung oder ein anders 
gestyltes Konterfei als Kanzlerkandidat offeriert wird. Allmächtig und 
ohnmächtig ist dann das Kollektivbewußtsein zugleich. Nur von der 
jeweils dominierenden Mutterinstinkt-Variante hängt es ab, ob künf- 
tig der große runde Dicke, der kleine verknautsche Dicke oder der 
Lümmel von der letzten Bank die Mattscheibe füllt, doch wer dies 
tut, ist einerlei. 

Nicht einerlei ist, welche Rolle die Republikaner im Parlament und 
die Forderung »Einheit jetzt< auf den Straßen spielen. Wenn die Bür- 
ger über dergleichen entscheiden dürfen, besitzen sie ausnahmsweise 
politische Macht. Der Stimmzettel, sonst Bestellkarte, wird zum Waf- 
fenschein, denn seit dem Wahlsieg der NSDAP im Januar 1933 sind 
demokratische Aufbrüche deutscher Bürger mehr zu fürchten als ihre 
Entpolitisierung und Entmündigung durch den Apparat 

Im Maße, wie die Bürger Machtbesitzer werden, ändert sich die Art 
ihrer Beeinflussung durch Medien und Parteien. Es findet der Über- 
gang von der Produktwerbung zur Propaganda statt, der friedliche 
Wettstreit zwischen rivalisierenden Image-Designern verwandelt sich 
in die Mobilisierung der Massen für politische Ziele, die auf kaltem 
Weg nicht zu erreichen sind. Wer gegen jedes Recht, gegen den eige- 
nen Vorteil und gegen die Vorbehalte des Auslands die Wiedervereini- 
gung durchsetzen will, muß dem Gegner die kochende Volksseele 
vorführen können. Pausenlos seit der Ungarn-Invasion im August 
1989 hämmerte deshalb die ZfcW-Zeitung den Lesern ins Hirn, sie dürf- 
ten nicht nachlassen in ihrer Liebe zur deutschen Einheit und in 
ihrem Haß auf die SED. Beabsichtigt war die Verwandlung der Ziel- 
gruppe in Gefolgschaft. 

Die Propagandaoffensive leitet, wenn sie Erfolg hat, eine Phase ein, 
in welcher die Massen beherrscht, wer sich ihren Stimmungen unter- 
wirft, und es beginnt ein für seine Initiatoren keineswegs restlos kal- 
kulierbarer Prozeß. Ihr Motiv mochte noch das Kalkül auf den Nut- 
zen gewesen sein, auf mehr Macht und Profit, den Massen müssen sie 
Wunder versprechen - wunderbare Liebe, wunderbaren Reichtum, 
ein »Wunderbares 1990« (Silvester-Ausgabe von Bild) oder einfach 
»Wahnsinn«, gemeint als Ausruf des Entzückens. Die infantile Regres- 
sion, im Normalzustand ein Defekt, dem keiner ganz entkommt und 
den jeder zu begrenzen und zu verbergen sucht, wird in den Rang 
einer obligatorischen Bewußtseinshaltung erhoben. Als schrullig gilt, 
wer sich den Allmachtsphantasien, den kindischen Tagträumen von 
künftigem Glanz und künftiger Größe verweigert. 
Wenn die infantile Regression eine naive war, setzt sich vorüberge- 



40 



hend Gutmütigkeit als dominierender Charakterzug der Massen 
durch. Sie sind gastfreundlich, großzügig, friedlich, gegen Fremde 
sogar tolerant, und anders als nach dem 9. November, wo die Laden- 
ilirbstähle Rekordhöhe erreichten, fallen die Kriminalitätsraten 
rapide. Temporär entsteht ein Verhältnis der Menschen zueinander, 
welches man mit Solidarität verwechseln könnte. Zum gefährlichen 
Mob wird die Masse erst, wenn die Illusionen an der Realität zerbre- 
i lien. 

In Deutschland jedoch, wo die traumlosen Massen schlauer sind in 
dem Sinn, daß sie weder wirkliche Glaubenskraft noch Imaginations- 
liihigkeit, dafür einen unerschöpflichen Vorrat an dunklen Vorahnun- 
gen besitzen, geschieht jede infantile Regression von vornherein gegen 
lu sseres Wissen. Noch die stets abrufbereiten Standardfloskeln »Wir 
haben es nicht gewußt« oder »Wir sind betrogen worden« belegen 
«lies, sie sind Schuldbekenntnisse in der Form präventiven Leugnens. 
Wie hier, wo die Sorge um Folgen und Risiken keinen Augenblick 
wirklich vergessen wird, meist das Fest schon so bitter ist wie 
anderswo das Erwachen am Tag danach, so nehmen die Anfänge poli- 
lischer Umbrüche hier stets deren Ende vorweg, und es entfällt damit 
der Unterschied zwischen Glück und Haß überhaupt. 

Wenn das Unbewußte, das zuvor über das Konterfei des Kanzlers 
l>estimmte, zusätzlich Einfluß auf die Inhalte der Politik gewinnt, so 
sind hier damit spezielle Konsequenzen verbunden. Führer wird, wer 
sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht. Oberster 
Wunsch der Masse aber ist es, zu strafen, zu quälen, zu verfolgen, weil 
dies Bedürfnis aus der Resignation und der Vergeblichkeit kommt, 
dem Wesen der reaktionären Massenbewegung selber 17 . Der Mob, 
der die SED ins Arbeitslager schicken möchte, weiß, daß er durch ihre 
Kntmachtung und durch die Wiedervereinigung nichts gewinnt, sein 
Glaube an die Versprechungen von künftigem Reichtum und künfti- 
ger Macht ist Vorwand. Die Bestialität moderner Massen, die sich für 
Volk, Vaterland oder Religion begeistern, rührt von der trostlosen 
Gewißheit her, daß ihnen alle Brutalität nicht hilft. Ohne Hoffnung, 
je ihr Recht zu erhalten, wollen sie wenigstens auf ihre Kosten kom- 
men, oder, nach Benjamins Wort, zu ihrem Ausdruck. 

Zu solchen Betrachtungen geben einstweilen verstreute Beobach- 
tungen Anlaß, und sie liegen scheinbar in der Konsequenz der Sache. 
Im Januar 1990 schon, keine drei Monate seit Öffnung der DDR- 
Grenzen, zeichnet sich für die BRD der vorauszusehen gewesene Ver- 
teilungskampf um Wohnungen, Unterstützungsgelder oder Arbeits- 
plätze ab, womit die Form von Zwangsläufigkeit annimmt, was vor- 
her Laune und Willkür war, weil der gemeinsame Feind aller eine Exi- 
stenzbedingung ist für das Kollektiv, worin sich die sozialen 
Spannungen verschärfen. 

Vorhanden sind damit Bedingungen, unter denen überall ein sozial 



41 



induzierter Projektionsmechanismus entsteht. Rechtsradikale Split- 
terparteien verzeichnen spektakuläre Wahlerfolge, das innenpolitische 
Klima ist charakterisiert durch Fremdenfeindschaft und Haß auf Min- 
derheiten. Die Wahl des Opfers, dem die Schuld an der eigenen wirt- 
schaftlichen Misere zugeschrieben wird, erfolgt nach Maßgabe der 
Gelegenheit und des Augenscheins, es muß keinen höheren Ansprü- 
chen genügen: Mein Feind ist der Schwarzkopf, welcher den 
Arbeitsplatz hat, den ich hätte, wäre er nicht hier. Das für den Projek- 
tionsmechanismus aufgewendete Maß an psychischer Energie ist 
begrenzt durch dessen Bestimmung als sachdienliches Mittel zum 
Erreichen eines ziemlich klar umrissenen eigenen Vorteils: Ich muß 
den Schwarzkopf des Delikts bezichtigen, welches ich an ihm begehen 
will - er hat mir unrechtmäßigerweise etwas genommen, und ich 
hole nur zurück, was mir zusteht. Ich muß meinen Haß auf den 
Schwarzkopf also treiben bis zu dem Punkt, wo es mir leicht fallen 
wird, ihn zu vertreiben und ihm seinen Besitz zu stehlen. Deshalb 
gleich einen Vernichtungsdrang zu entwickeln, hieße nur, sich in 
sinnlose psychische Unkosten zu stürzen. Die Parole lautet »Auslän- 
der raus<, sie lautet nicht: >Die Juden sind unser Unglück <. 

In Deutschland jedoch, wo die Vertreibung der Juden aus dem eige- 
nen Land schon gemessen an den Zahlen noch das harmloseste und 
deshalb nachträglich am meisten beklagte Verbrechen war, liegen die 
Dinge komplizierter. Der Widersinn, die verabscheuten Juden nicht 
zu meiden, sondern sie auf der abgelegensten griechischen Insel aufzu- 
spüren; sie dort nicht etwa einfach umzubringen, möglichst noch mit 
Genuß, sondern sie trotz knapper Transportkapazität heim ins erwei- 
terte Reich zu holen; dabei auch die Alten, die Schwachsinnigen und 
die Krüppel nicht zu verschmähen; die unter beträchtlichem Auf- 
wand geborgene und dadurch wertvoll gewordene Beute nicht etwa als 
Arbeitstier oder Sklaven besitzen und ausnützen, sondern einfach nur 
vernichten zu wollen; der Massenmord nicht als Schlachtfest, woran 
sich das blutrünstige Volk berauschen darf, sondern als industrieller 
Produktionsprozeß mit allen Begleiterscheinungen entfremdeter 
Arbeit wie Schmutzzulagen und Leistungsprämien für das Personal- 
eine Menschenjagd gleichsam, die weder dem Erwerb noch dem Ver- 
gnügen dient und dem Jäger nur Entsorgungsprobleme bringt: woher 
die Ofen nehmen, wohin mit der Asche; der Schatzsucher, der auf 
seine beschwerliche Reise in die Wildnis von vornherein mit dem 
festen Vorsatz zieht, einen Beutel Diamanten zurückzubringen und 
ihn dann, weil er sich vor Diamanten ekelt, in die Kanalisation zu 
kippen; der Lumpensammler, der nicht die verwertbaren Reste, son- 
dern den richtigen Müll aufstochern und ihn dann doch nicht behal- 
ten will; der Abfallbeseitiger, den die Leidenschaft des Goldgräbers 
treibt - der ganze Irrwitz der NS-Ära also, der erst deutlich wird, 
wenn man auf jede moralische Bewertung strikt verzichtet, weist auf 



42 



einen zusätzlichen, vom konventionellen unterschiedenen Projek- 
lionsmechanismus hin, der nicht die Vertreibung, Beraubung, Aus- 
beutung oder Tötung des Opfers aus niederen Beweggründen vorbe- 
reitet, sondern dessen Vernichtung als Selbstzweck. 

Während der konventionelle Projektionsmechanismus ein sozial 
induzierter ist, ist der zusätzliche endogen, gleichsam reine Seele. 
Fern aller Vernunft, jenseits des Reichs der Mittel und Zwecke, läßt 
er sich nicht durch den Bezug auf ein Drittes erklären, sondern nur 
knennen» als eine Erscheinung, deren Vorhandensein konstatiert 
werden muß. Vom üblichen Faschismus, welcher die konventionelle 
Projektion nur radikalisiert und deshalb ohne Vernichtungslager und 
Antisemitismus auskommen kann, unterscheidet der Nationalsozia- 
lismus sich dergestalt, daß nicht das falsche gesellschaftliche Verhält- 
nis, sondern die psychische Störung gerechtfertigt werden soll. Hork- 
heimer und Adorno meinen den Nationalsozialismus, wenn sie in der 
/ hulektik der Aufklärung über das Verhältnis von Projektion und 
l aschismus schreiben: »Regungen, die vom Subjekt als dessen eigene 
nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem 
* )bjekt zugeschrieben: dem prospektiven Opfer. Dem gewöhnlichen 
Paranoiker steht dessen Wahl nicht frei, sie gehorcht den Gesetzen sei- 
ner Krankheit. Im Faschismus wird dies Verhalten von der Politik 
ergriffen, das Objekt der Krankheit wird realitätsgerecht bestimmt, 
das Wahnsystem zur vernünftigen Norm in der Welt, die Abweichung 
zur Neurose gemacht.« 

Von den Zufällen der Tagespolitik hängt es ab, ob der auf Vernich- 
tung zielende Verfolgungswahn, wie er hier beispielsweise der Frie- 
densbewegung unterstellt wird, ein äußerlich wenig erfolgreiches 
Kigenleben führen muß oder ob es ihm gelingt, sich mit dem sozial 
induzierten Projektionsmechanismus zu verbinden. Anfang der 80er 
Jahre beispielsweise, als die hiesigen Patrioten unter massivem Verfol- 
gungswahn litten, strichen sie, ohne den Sinn der zutreffenden Beob- 
achtung zu begreifen, gern heraus, daß in Frankreich die radikale 
Kochte deutlich stärker war, daß dort und in England gewalttätige 
Übergriffe gegen Einwanderer häufiger vorkamen als in der BRD, wo 
statt dessen die Friedensbewegung und die Grünen immer mehr 
Anhänger gewannen. Hinzuzufügen vergaßen sie nur, daß es für diese 
Konstellation einen Präzedenzfall gibt, insofern vor 1933 der Antise- 
mitismus in Deutschland gemäßigter und schwächer schien und wohl 
auch war als in vielen anderen europäischen Ländern, wo dafür aber 
der psychotische Vernichtungswille fehlte, welcher in Deutschland 
dem zunächst harmlos erscheinenden Antisemitismus erst die frucht- 
bare Gewalt verlieh. 

Was die hiesige Entwicklung also so unberechenbar macht, ist der 
Umstand, daß das Massenbewußtsein an einen Zweikomponentenkle- 
ber erinnert oder an diese modernen Gasgranaten, bei denen erst im 



43 



Moment der Zündung das tödliche Gemisch entsteht aus der Verbin- 
dung zweier Substanzen, von denen jede für sich harmlos ist. Für sich 
allein genommen war der Verfolgungswahn der Öko- und Friedens- 
freaks eine ebenso lästige wie harmlose Angelegenheit, und dies gilt 
Jur den im europäischen Vergleich hier keineswegs übertriebenen 
Haß auf Ausländer oder überhaupt Minderheiten, wie es für die 
Republikaner gilt. Angesichts der Koexistenz von schwerem psychoti- 
schem Reahtätsverlust und Verfolgungswahn (besonders beim Mittel- 
stand) als Massenphänomen einerseits und andererseits einer präfa- 
schistischen Gruppierung, die mittlerweile auch für Karrieristen aus 
dem akademischen Proletariat so attraktiv zu werden beginnt wie 
dies geraume Zeit nur die Grünen waren, besteht aber jederzeit die 
Gefahr, daß beide Elemente überraschend heftig miteinander rea- 
gieren. 

Ebenso besteht aber die Möglichkeit, daß die Verbindung auf abseh- 
bare Zeit nicht zustandekommt oder ihr Zustandekommen sich 
zunächst einmal hinausschiebt. Für die Entwicklung in der BRD seit 
dem 9. November heißt dies: Im selben Augenblick, wo nach dem 
Schema ein erster Höhepunkt inszeniert und das Haßobjekt präsen- 
tiert werden muß, tritt der nationale Aufbruch in eine kritische 
Phase. Was in der ü>gik der Sache liegt, ist deshalb ebensowenig auch 
schon Realität, wie der Bedarf nach dem starken schwachen Feind 
der als äußerer eine gefährliche Bedrohung darstellen soll und als 
innerer gefahrlos verfolgt werden kann, noch keine konkrete Vorstel- 
lung von diesem Wundertier produziert. Es besteht dann die Möglich- 
keit, daß der nationale Aufbruch vorzeitig an seinem konstitutiven 
Moment dergestalt scheitert, daß der Verfolgungswunsch einfach 
nicht befriedigt werden kann. Wenn der Antisemitismus heute, wo in 
der BRD so gut wie keine und in Europa nur noch wenige Juden 
leben, aus dem unbewußt gegen die Ermordeten gerichteten Vorwurf 
stammt, daß sie die deutsche Einheit hintertreiben, weil sie nicht ins 
Üben zurückkehren, um sich noch einmal umbringen zu lassen 
dann beweist dieser Antisemitismus, daß die Juden als Objekt der 
Verfolgung schwer zu ersetzen sind. 

Auf einen Engpaß deutet zur Zeit ferner die hinhaltende Taktik der 
REP- wie der Wiedervereinigungspropaganda hin, wobei die Bild- 
Zeitung ihre Leser zu langweilen riskiert, wenn sie ein übers andere 
Mal Honecker sterben oder den sterbenskranken Mann aus dem 
Krankenhaus jagen läßt, der Spiegel sich zwischen Japan, Israel und 
den westlichen Verbündeten nicht entscheiden mag und die Republi- 
kaner, wenn sie zur Jagd auf Einwanderer oder Asylbewerber blasen, 
ubersehen, daß der Feind sowohl wehrloser Wicht als auch welt- 
beherrschende Macht sein muß und diese Doppelrolle Asylbewerber 
einfach überfordert. 
Der Aufbruch stagniert nun, es setzt Ernüchterung ein, die Massen, 



44 



denen es weniger um die Einheit selber als um die Begleitumstände 
dieser Einheit von 1933 ging, rechnen sich aus, was der halbe Spaß sie 
kosten würde, und der weitere Verlauf hängt davon ab, ob die 
Umstände es erlauben, daß einer doch noch auf die Parole kommt, 
die Millionen würden brüllen wollen. Als naturhaftes Bündel ineinan- 
ili-i>;reifender unreflektierter Bedürfnisse und Triebe ist das Kollektiv- 
hewußtsein nicht selber Politik, und schon gar nicht die unaufhalt- 
tame, lawinenartige Naturgewalt, als welche seine Anhänger wie Geg- 
ner es gern mystifizieren, sondern es ist angewiesen aufsein Gegenteil, 
uil den hochartifiziellen Apparat, auf Bürokratie, Organisation und 
Führung. 

Sicher ist daher im Januar 1990 nur, daß die Indizien wie die 
l ) mstände für ein hohes Aggressionspotential sprechen. Völlig unklar 
ist einstweilen, welche Entwicklung dieses Aggressionspotential neh- 
men wird. Der Wahlsieg Lafontaines im Saarland Ende Januar bei- 
spielsweise kann ebensogut den Anfang vom Ende des nationalen 
Aufbruchs bedeuten, wie er sich als eine entscheidende Etappe in sei- 
nem Fortgang entpuppen könnte, insofern die wirkungsvoll herausge- 
strichene soziale Frage schnell zu einer wird, die nationale Lösungen 
erfordert. 



Die Wiedervereinigung als Rentenanpassungsproblem 
Im vorigen Kapitel klang schon an, daß der erste Ausbruch nationaler 
Kuphorie bald einen kräftigen Dämpfer erfahren sollte, und es war 
nicht die Rechnung allein, die den Appetit verdarb. Es war vielmehr 
das Gefühl, man sei wieder mal um das Beste betrogen worden und 
habe obendrein ein miserables Geschäft gemacht. 

Das Beste an der Wiedervereinigung nämlich war die Sehnsucht 
nach ihr oder der Anlaß dafür, in die richtige Stimmung für »die 
nationale Utopie der Selbstbemitleidung« 1 '' zu geraten. Zweck des 
Sehnens war nicht die territoriale Einheit selber, sondern der sie hin- 
tertreibende Feind. Ihm wollte man sie abtrotzen und dabei betteln 
und heulen und Zähne fletschen dürfen und war dafür bereit, jeden 
Preis zu zahlen - der Wert der Einheit lag in ihrer scheinbaren Uner- 
reichbarkeit. Als dann aus Moskau plötzlich der Zuschlag kam, fühlte 
man sich wie einer, der auf der Auktion abgekarteter Preistreiberei 
zum Opfer gefallen war. Man hatte die Einheit erkämpfen wollen und 
würde sie nun einfach bezahlen müssen, man hatte für eine konkurs- 
reife Firma einen Phantasiepreis geboten und es nicht gemerkt, daß 
ihr Besitzer keineswegs an ihr hing und vielmehr froh war, als er die 
Verlustquelle gewinnbringend los wurde. 

Wie dem auch sei: Seit Gorbatschow das Veto der UdSSR zurück- 
zog, betet nur noch Bild für die Einheit, während der Rest der Nation 
einen etwas belämmerten Eindruck macht, keineswegs von künftigem 



45 



Glanz und künftiger Größe schwärmt, sondern wie betäubt zur 
Tagesordnung übergeht, d.h. auch die künftige Einheit vor allem 
unter dem Aspekt diskutiert, was das für das Rentenversicherungswe- 
sen bedeutet. Anfang Februar 1990 jedenfalls hat man in der BRD 
alles andere als das Gefühl, daß nun die Verwirklichung eines nationa- 
en Traums unmittelbar bevorstünde, vielmehr zeichnet die veröffent- 
lichte Meinung und das, was man im privaten Gespräch hört, sich 
durch einen Mangel an Chauvinismus oder überhaupt Nationalbe- 
wußtsein aus, der erfreulich sein könnte und eher besorgniserregend 
ist, weil er nicht etwa auf Einsicht basiert, sondern vermutlich auf 
getrübter Wahrnehmung, psychotischem Realitätsverlust - man hat 
jedenfalls das Gefühl, es käme wieder mal bei den Leuten im Kopf 
nicht recht an, was sie sehen, hören und lesen. 

Wichtig für den empirischen Teil dieser Studie, besonders für die 
Entwicklung einer Skala wird daher Adornos Annahme sein daß 
»die - weitgehend unbewußte - Feindschaft, die aus Versagung und 
Repression resultiert und sozial vom eigentlichen Objekt abgewandt 
wird ein Ersatzobjekt braucht, durch das sie einen realistischen 
Aspekt für das Subjekt gewinnt, das radikaleren Äußerungen eines 
gestorten Kontakts mit der Realität, das heißt einer Psychose, auswei- 
chen muß.« Anders als in der AP jedoch, wo der sozialisierte Ver- 
tolgungswille eine zu beobachtende Tatsache war und seine gleichsam 
therapeutische Funktion für die realitätsgestörten Subjekte eine 
Schlußfolgerung, wird in dieser Studie die Realitätsstörung selber 
untersucht um daraus Rückschlüsse auf eine möglicherweise thera- 
peutisch erforder ich werdende Verfolgung ziehen zu können. Im 
Zweitelstall wäre daher als potentieller Faschist eher als der gemäßigte 
Auslanderhasser derjenige einzustufen, welcher mit besonders hoher 
Zustimmung auf besonders hirnrissige Skalensätze reagiert. Dieser 
durfte eher als )ener ein Kandidat für das klinische Stadium einer Psy- 
chose sein und daher das größere Interesse haben, den Ausbruch der 
Krankheit durch Sozialisierung seines Wahns zu verhindern 

Wichtig für diese Untersuchung wird ferner die Erkenntnis sein, 
welche bedeutende »Rolle der Wunsch nach Vergeltung bei den vorur- 
ttilsvollen Personen spielt. Häufig beklagen sich die H. (- hohe 
I unktzahl auf der F-Skala), sie bekämen niemals, was ihnen zustehe 
sie wurden ausgebeutet von jedermann. Dieses Gefühl, betrogen zu' 

sdien. 5 ' Hand Starke " BeS ' tZ " U " d Anei 8 nun S swü n- 

Schon in der Wiedervereinigungspropaganda nämlich stach die 
Behauptung hervor, die Deutschen in der DDR seien »40 Jahre lang 
von der SED um ihr Leben betrogen worden« (Joseph Fischer, 
Orune) , was mit anderen Worten heißt: Die Deutschen haben qua 
Nationalität einen Anspruch darauf, den höchsten Lebensstandard 
auf der Welt zu besitzen. Besitzen sie diesen Lebensstandard nicht so 



46 



sind sie um ein ihnen rechtmäßig zustehendes Gut betrogen worden, 
von wem auch immer. 

Die ökonomischen Folgen der Einheit - Einschränkungen mit 
Sicherheit, möglicherweise drastische Verarmung - dürften daher mit 
der Entwicklung von faschistoidem Massenbewußtsein verbunden 
siin, zumal dann, wenn mit dem bisherigen Symbol nationaler 
Stärke, nämlich die Härte der eigenen Währung, nicht mehr renom- 
miert werden kann. 



47 



Testversion, Konstruktion und Ergebnisse 



Die Skala 

Im Forschungsbericht stellt sich rückblickend schon der Verlauf einer 
Untersuchung meist so folgerichtig dar, als wäre der Erkenntnispro- 
zeß selber von der gleichen Logik beherrscht, die seine Resultate aus- 
zeichnen sollte. Schrittchenweise wurde der Legende zufolge aus der 
Theorie die Empirie entwickelt, die Konstruktion der Skala war ein 
mehrstufiger, deduktiver, logischer Prozeß. Man kannte das faschi- 
stoide Syndrom (Kurz: F-Syndrom) als Ganzes, man kannte ferner die 
Variablen, die es gliedern. So war die Formulierung oder die Auswahl 
der Skalensätze nur ein letzter, untergeordneter Akt, nämlich die 
Anwendung der Theorie oder die Umsetzung ihrer Erkenntnisse in 
die Praxis. 

Bei der Arbeit selber jedoch klafft zunächst zwischen Theorie und 
Empirie eine gewaltige Lücke, die nur mühsam und sukzessive ver- 
kleinert werden kann. So wenig, wie das Studium einer Theorie des 
Romans schon zum Schreiben eines Romans befähigt, weil zwischen 
der Theorie und dem Roman selber ein wesentlicher Unterschied 
besteht, so wenig verwandeln sich Erkenntnisse über das F-Syndrom 
automatisch und nach Art einer kontinuierlichen Metamorphose in 
die Skalensätze, die es messen sollen - logischerweise, weil zur Pro- 
duktion solcher Sätze gerade gehört, ihren verborgenen Sinn nicht zu 
kennen. 

Wer eine Skala entwickelt, muß deshalb, wenn er hauptberuflich 
Sozialwissenschaftler ist, temporär in eine andere Rolle schlüpfen und 
den theoretischen Reflex unterdrücken. Einfühlungsvermögen ist 
vielmehr erforderlich, eine Art sechster Sinn, wie er sich durch lange 
und nicht ganz bewußtlose Erfahrung bildet, durch eine keineswegs 
nur theoretische, sondern höchst praktische Vertrautheit mit dem 
F-Syndrom, und fraglos auch durch eine gewisse mimetische Nähe zu 
ihm. Insofern die Skala also formal eher einem Kunstwerk als einer 
theoretischen Abhandlung ähnelt, wären im Idealfall Experten hinzu- 
zuziehen, Dialogschreiber beispielsweise, Drehbuchautoren oder 
Werbetexter, weil Wissenschaftler meist von der Aufgabe überfordert 
sind, Texte von jener hohen literarischen Qualität zu liefern, wie eine 
gute Wahlkampfparole oder eine gelungene Ä/cZ-Balkenschlagzeile sie 
besitzen. An den eigenen Fachjargon mit seinem beschränkten Wort- 
schatz gewöhnt und daher zur Umständlichkeit und zur Weitschwei- 
figkeit neigend, beherrschen Sozialwissenschaftler vor allem den bild- 
haften Ausdruck und die sprachliche Verdichtung nicht. Die Skalen- 
sätze werden deshalb zu lang, zu schwerfällig, und sie bleiben 
trotzdem mißverständlich. 



4S 



Wenn der Laie sich autodidaktisch mit einer ihm fremden Kunst 
befaßt, wird er sich zunächst in der Kunst des Plagiierens üben, und 
so geschah es auch diesmal. Mehr mit der Nase im Wind als mit Me- 
i Ii« nie und nach System wurden hier zwecks Entwicklung einer ersten 
Test-Skala schon vorhandene Skalen geplündert. Das Grundmuster 
bildet die F-Skala aus der AP (Form 45), die einzelnen Sätze wurden 
teils wörtlich übernommen, teils modifiziert, teils ersetzt, wobei wie- 
derum teilweise auf die Items der SINUS-Studie" zurückgegriffen 
wurde. Das Resultat war eine 58 Items umfassende Skala, die noch kei- 
nen Anspruch darauf erhebt, ein zweckdienliches Mittel im Sinne der 
vorangegangenen Erörterungen zu sein und gezielt Projektivität und 
Strafbedürfnis zu ermitteln. Sie wurde den Testpersonen in dieser 
Form präsentiert: 

Meinungsumfrage 

Themen, über die immer wieder gesprochen wird - Gedanken, die 
sich jeder macht: Welchen Standpunkt vertreten Sie? »Richtige« oder 
»falsche« Antworten gibt es nicht: Die beste Antwort ist immer Ihre 
ganz persönliche Meinung. 

Ihre Zustimmung oder Ablehnung drücken Sie einfach aus, indem 
Sie jedem Satz eine Note geben, von -3 (vollkommen falsch) bis +3 
| sehr richtig). Und bedenken Sie bitte: Der Fragebogen ist für uns nur 
brauchbar, wenn Sie jeden Satz bewertet haben. 

* l: geringe Zustimmung - 1: geringe Ablehnung 

+2: mittlere Zustimmung -2: mittlere Ablehnung 

i 3: große Zustimmung -3: starke Ablehnung 

1 . Echte Freiheit verlangt, daß man sich in die Gemeinschaft ein- 
fügt. 

2. Wenn ein Volk den Willen hat, kann es fast alles erreichen. 

3. Im Wohlstand verkümmern die inneren Werte der Menschen, 
weil jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. 

4. Gerade die bedeutsamen Dinge muß man ahnen und spüren, 
weil man sie mit dem Verstand oder der Vernunft nicht erfas- 
sen kann. 

5. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. 

6. Solange es Menschen gibt, wird es auch Kriege geben. 

7. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. 

8. Jeder Mensch braucht im Leben einen Halt, einen festen Glau- 
ben, an dem er niemals zweifelt. 



49 



9. Wichtiger als äußere Schönheit ist, daß ein Mensch echte Per- 
sönlichkeit besitzt. 

10. Auch für die Ausländer hier ist es besser, wenn sie unter sich 
bleiben, statt sich den Einheimischen aufzudrängen. 

11. Das natürliche und gesunde Leben früherer Zeiten sollte uns 
auch heute wieder ein Vorbild sein. 

12. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. 

13. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. 

14. Die Deutschen sind steifer als die Italiener und die Franzosen, 
aber dafür sind sie auch nicht so oberflächlich. 

15. Wer ein Europa ohne Grenzen will, muß damit rechnen, daß 
dann auch das organisierte Verbrechen seinen Weg nach 
Deutschland findet. 

16. Manche Menschen haben einen angeborenen Hang, sich in die 
Tiefe zu stürzen. 

17. Gerade m Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Unterstützungsgeldern wie Arbeitslosen- 
geld oder Sozialhilfe konsequenter verfolgen und strenger 
bestrafen. 

18. Heute, wo so viele Menschen ständig unterwegs sind und jeder 
mit jedem zusammenkommt, muß man sich besonders sorgfäl- 
tig gegen Infektionen und Krankheiten schützen. 

19. Schwerer als materieller Schaden wiegt oft der Verlust der 
Ehre. 

20. Ausländer als Vorarbeiter oder Vorgesetzte ihrer deutschen 
Kollegen einzustellen heißt, daß man den Betriebsfrieden 
gefährdet. 

21. Junge Menschen haben manchmal Flausen im Kopf, aber spä- 
ter lernen sie, daß man im Leben auf dem Boden der Tatsachen 
stehen muß. 

22. Heute ändert sich alles so schnell, daß man oft nicht mehr 
weiß, woran man sich halten soll. 

23. Was dieses Land dringend braucht, ist eine selbstlose, unbe- 
stechliche und starke Persönlichkeit an der Spitze. 

24. Die Ausländer hier machen sich manchmal unbeliebt, weil sie 
sich gegen die Deutschen abkapseln und nur mit ihren eigenen 
Landsleuten verkehren. 

25. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 
paar Jahre Gefängnis. 

26. Die Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwa- 
chen und die Starken. 

27. Es gibt kaum etwas Gemeineres als einen Menschen, der nicht 
Liebe, Dankbarkeit und Achtung für seine Eltern empfindet. 

50 



28. Wenn Gastarbeiter in deutsche Familien einheiraten, bringt 
das nur Probleme für beiden Seiten. 

29. Eines Tages wird es sich wahrscheinlich zeigen, daß die Astro- 
logie doch vieles erklären kann, woran die Wissenschaft schei- 
tert. 

30. In ihrer ganzen Tragweite noch gar nicht erkannt ist die 
Gefahr, die unseren Erbanlagen durch die moderne Technik 
droht. 

31. Viele soziale Probleme wären gelöst, wenn unsere Volkswirt- 
schaft zu kleinen und überschaubaren Familienbetrieben 
zurückkehren würde. 

32. Den farbigen Völkern ginge es besser, wenn sie den Fleiß und 
die Tüchtigkeit der Europäer besäßen. 

33. Wer die Zeichen zu deuten weiß, wird in den jüngsten Natur- 
katastrophen eine an die Menschen gerichtete Warnung erken- 
nen. 

34. Eine der Hauptaufgaben für die nächsten Jahre wird es sein, 
die Bevölkerungslawine einzudämmen. 

35. Ob man es zugibt oder nicht: Es ist eine Tatsache, daß die 
Männer von den Frauen immer nur das Eine wollen. 

36. Durch Erziehung erreicht man viel, aber wer als Türke gebo- 
ren wurde, wird im Herzen immer ein Türke bleiben. 

37. Wenn die Menschen weniger reden und mehr arbeiten würden, 
ginge es allen besser. 

38. Die meisten haben keine Ahnung, wie stark ihr Leben schon 
heute von geheimen Abmachungen und Plänen kontrolliert 
wird, 

39. Homosexualität wird zwar nicht mehr bestraft, trotzdem 
bleibt sie widernatürlich. 

40. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. 

41. Primitive Menschen erkennt man daran, daß sie keine Ehr- 
furcht vor den Leistungen großer deutscher Meister wie Bach, 
Beethoven oder Goethe empfinden. 

42. Kein gesunder, normaler, anständiger Mensch könnte jemals 
einen guten Freund oder Verwandten kränken wollen. 

43. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 
die besseren Menschen. 

44. Wichtige Lehren muß man stets mit Leiden bezahlen. 

45* Ob die Asylbewerber vor der politischen Verfolgung oder vor 
dem Elend geflohen waren: Jedenfalls sind sie in Not, und des- 
halb muß man ihnen helfen. 

46. Gerade heute kommt es darauf an, als einzelner seinen ureige- 
nen Grundüberzeugungen treu zu bleiben. 

* umgekehrt gepolt 



51 



47. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 
ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 
und Gemeinsamkeit. 

48. Wertvolle Menschen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, 
daß sie sich ganz in den Dienst einer Sache oder Person stellen 
können. 

49. Wichtiger als die Wirtschaftskraft des Landes ist für ein Volk, 
daß es seine Kultur und seine Tradition nicht verrät. 

50. Die Amerikaner haben uns ihre nur auf den schnellen Dollar 
abzielende Lebensweise aufgezwungen. 

51. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. 

52. Wenn jemand an UFOs, an die Seelenwanderung oder die Wie- 
dergeburt glaubt, darf man ihn deshalb nicht verspotten. 

53. Was dem einzelnen Kraft gibt, ist seine Verankerung in der 
Gemeinschaft und seine Verwurzelung im Volk. 

54. Presse und Fernsehen neigen dazu, mit ihrer verantwortungslo- 
sen Kritiksucht alles Gute und Schöne in den Schmutz zu zie- 
hen. 

55. Strenger als den kleinen Dieb sollte man die großen Geschäfte- 
macher bestrafen, die sich ohne Rücksicht auf das Gemein- 
wohl bereichern. 

56. Uneinigkeit, Mißgunst und Zwietracht gehören zu den größ- 
ten Übeln unserer Zeit. 

57. Auch wenn dies immer mehr aus der Mode kommt: Weih- 
nachten sollte ein Fest bleiben, welches man daheim im Fami- 
lienkreis feiert. 

58. Gerade weil die Leistung der Frauen oft nicht genug gewürdigt 
wird, ist der Muttertag wichtig und eine gute Gelegenheit, 
ihnen Anerkennung und Dankbarkeit zu erweisen. 

Obgleich die Modifikation der F-Skala, ihre Veränderung und Ergän- 
zung, mehr nach Gespür als nach System geschah, spielten dabei 
selbstverständlich auch Überlegungen eine Rolle, solche zumal, die 
Abweichungen vom Konzept der AP begründen. Während die Regel, 
möglichst indirekte Behauptungen zu verwenden, Sätze also, welche 
die »Vorurteile nicht offen berühren und dem wirklichen Zweck so 
entlegen wie möglich scheinen«' 3 aus der AP übernommen wurde, 
ohne daß ihre Einhaltung immer gelungen wäre, wurde gegen einen 
anderen Grundsatz vorsätzlich verstoßen. Nach dieser zweiten Regel 
»sollten sich Irrationalität und objektive Wahrheit in jedem Satz die 
Waage halten. (. . .) Bis zu einem gewissen Grad mußte jeder Satz die 
Vernunft ansprechen, dabei aber so formuliert sein, daß der rationale 
Aspekt bei der Zustimmung oder Ablehnung nicht den Ausschlag 
gab.« 24 



52 



Im Gegensatz zu dieser Maxime wurde hier versucht, möglichst 
Sätze zu verwenden, deren Diktion zwar plausibel bis bedeutsam 
klingt, die tatsächlich aber ausschließlich irrational sind und nur bei 
sehr freier und wohlwollender Interpretation vielleicht eine Spur 
objektiver Wahrheit enthalten. Die Sätze der F-Skala wurden deshalb 
daraufhin überprüft, ob sie nicht auch sachlich gut begründete 
Zustimmung finden könnten. Vermieden werden sollte das Risiko, 
daß ein Satz auf Ablehnung stoßen würde nicht etwa wegen seiner 
faschistoiden Botschaft, sondern wegen der in diese Botschaft einflie- 
ßenden Logik. Die Annahme dabei war, daß in der BRD generell mit 
intensiverer Irrationalität als in den USA gerechnet werden mußte, 
mit einer weitverbreiteten Scheu auch, die Dinge überhaupt beim 
richtigen Namen zu nennen. Zustimmung zum Satz: »Wehrdienst 
kann gar nicht hart genug sein, weil im Krieg jeder Soldat die Pflicht 
hat, möglichst viele Feinde zu töten und selber zu überleben« würde 
beispielsweise in den USA mit hoher Sicherheit auf autoritäre Unter- 
würfigkeit schließen lassen, weil die emphatische Formulierung begei- 
stertes Einverständnis mit einer banalen, von niemandem ernstlich 
bezweifelten Tatsache ausdrückt. In der BRD jedoch könnte der Satz 
leicht zu vertauschten Fronten dergestalt führen, daß die Ablehnung 
keine Wertung der Formulierung ist, kein Urteil über den frohlocken- 
den Ton, sondern ein Ausdruck der Weigerung, die Tatsachen über- 
haupt zur Kenntnis zu nehmen. Statt Begeisterung für das Militär 
oder Widerwillen dagegen würde man hier vermutlich messen, bis zu 
welchem Grad jemand sich dem Diktat einer öffentlichen Meinung 
unterworfen hat, welche die Meinungsbildung über das Militär 
dadurch unterbindet, daß sie den Inhalt des Soldatenberufs einfach 
verleugnet. Ob es aus moralischen Gründen prinzipiell verwerflich 
ist, das fachmännische Töten zu üben; ob es dafür vielleicht aber 
zwingende Gründe gibt; oder ob dieses Handwerk sogar ein beson- 
ders heldenhaftes ist - dergleichen Fragen können hier weder gestellt 
noch beantwortet werden, weil es nach geltender westdeutscher 
Sprachregelung überhaupt nicht stimmt, daß die Armee nun mal die 
Aufgabe hat, das fachmännische Töten zu üben. 

Stark modifiziert wurde aus ähnlichen Erwägungen der erste Satz 
der F-Skala, und nur an diesem einen Beispiel werden hier exempla- 
risch Überlegungen vorgeführt, wie sie grundsätzlich bei jedem Satz 
hätten angestellt werden müssen. Vermieden werden sollte die bei 
Autoritarismus-Studien sich leicht einschleichende Haltung, die 
Reaktion auf einen Satz voreilig als Symptom zu deuten und die F- 
Skala dabei unbewußt als einen neuen Moralkodex zu betrachten. Die 
Frage war also zunächst nicht, ob die Reaktion auf einen Satz ein Indi- 
kator für das F-Syndrom sein könnte, sondern die Frage war: Ist die 
Behauptung richtig oder falsch. Daraus ergeben sich dann, weil in der 
BRD die simpelsten Einsichten nicht normal sind, sondern anstren- 



53 



gendes Kopfzerbrechen erfordern, zwangsläufig Betrachtungen politi- 
scher oder philosophischer Art, beinahe kurze Essays, die zunächst 
vom Thema weit wegführen. 
Der erste Satz der F-Skala hieß: 

Respekt und Gehorsam gehören zu den wichtigsten Tugenden, 
die ein Kind lernen kann. (Variable Konventionalismus und 
autoritäre Unterwürfigkeit) 

Er wurde in dieser Studie ersetzt durch: 

Echte Freiheit verlangt, daß man sich in die Gemeinschaft ein- 
fügt. 

Die Begründung: Die ursprüngliche Behauptung ist nicht irrational 
genug, denn in der Tat muß das Naturprodukt Menschenkind, also 
vernunftlose und instinktlose Kreatur, im eigenen Interesse Respekt 
vor den Gesetzen beispielsweise der Schwerkraft lernen und den 
Befehlen der Eltern (»Nasche nicht am Waschpulver!*) gehorchen 
Von Natur aus weiß der kleine Mensch nicht, was ihm guttut, denn 
von Waschpulver einerseits und Alete-Kost andererseits kann seine 
Natur nichts wissen, ebenso, wie die Hunde-Natur keinen Zucker 
kennt und das sonst so gesundheitsbewußt sich ernährende Tier des- 
halb Schokolade frißt, bis es sich in Krämpfen windet. Schon in der 
Steinzeit ahnte der frisch auf die Welt gekommene pelzlose Warmblü- 
ter nicht, ob er Hirsebrei und Kokosmilch oder Robbenfleisch und 
Ubertran würde essen wollen müssen, und noch viel weniger wissen 
die Chromosomen heute im Supermarkt Bescheid. Das nur von sei- 
nen Erbanlagen beratene Kinde ist in jeder modernen Wohnung ein 
Todeskandidat, weil es nicht mal weiß, daß es nicht fliegen kann 

Das wissen dafür seine Eltern. So stünde einer harmonischen Ent- 
wicklung nichts im Wege - wenn das kleine Kind nicht so etwas ähn- 
liches wie einen eigenen Willen besäße. Es hat keine Instinkte, son- 
dern es hat Triebe, und der Unterschied zwischen den beiden ist der, 
daß aus dem Instinkt ein triebhaftes Verhalten im Interesse der Selbst- 
erhaltung resultiert, während der Trieb reine Willkür ist und als Ziel 
nur seine Befriedigung kennt. Das kleine Tier ist ein kleiner Auto- 
mat, es will, was es selber und die Gattung groß und stark macht - 
mehr Milch. Der Säugling hingegen ist ein kleiner Lüstling, er will 
an seinen Zehen nuckeln, verhungerte er auch selber dabei und mit 
ihm die ganze Gattung. Nur seinem Lustprinzip, also der Willkür- 
herrschaft unvernünftiger Triebe unterworfen, ist er selber ein launi- 
scher kleiner Despot, der Rücksicht weder auf sich noch auf andere 
nehmen würde. 

Selbsterhaltung heißt für den Menschen also zunächst Unterwer- 
fung Unterwerfung unter das ihm als fremder Wille und äußere 
Macht gegenübertretende Realitätsprinzip. Das Realitätsprinzip tritt 



54 



ihm als fremder Wille und äußere Macht gegenüber, weil die 
menschlichen Triebziele im Unterschied zu den Triebzielen des klei- 
nen Tieres partiell von den Zwecken der Selbsterhaltung emanzipiert 
sind - Bedingung des Wahns wie der Freiheit gleichermaßen und der 
( irund dafür, daß der Mensch, wenn er keinen Verstand und keine 
Moral entwickelt, unvergleichlich viel dümmer und schlechter ist als 
»las Tier. Die Emanzipation vom Instinkt schließt beide Möglichkei- 
ten ein - die Möglichkeit, anders als das Tier Mitgefühl nicht nur für 
die jeweils eigene Brut zu empfinden, und die Möglichkeit, anders als 
das Tier auch die eigene Brut zu töten. 

Daß ein Kind Respekt und Gehorsam nicht von Natur aus besitzt, 
sondern dergleichen erst lernen muß, ist ebenfalls eine richtige Ein- 
sicht, unterscheidet sich doch darin der Mensch von der Ameise oder 
vom Hund. Lernen heißt immer, auch anders zu können, stur oder 
unbelehrbar zu sein, und als bloß gelernt oder angelernt bleiben 
Respekt und Gehorsam stets prekär. Der ursprüngliche Satz formu- 
liert also eine Behauptung, gegen die sich wenig einwenden läßt, wenn 
man sie wörtlich nimmt, obgleich die Motive derer, die ihm beipflich- 
ten, möglicherweise falsch und schlecht sind. 

Weniger in den USA, wo dieser Satz schließlich erfolgreich getestet 
wurde, wohl aber in Deutschland besteht also die Möglichkeit, daß 
die Behauptung abgelehnt wird aus den falschen Gründen, deshalb 
/.um Beispiel, weil der Autoritäre oder der verhinderte Rebell es hier 
nicht ungern sieht, wenn die Kinder sein Alter ego spielen und so bru- 
tal oder ungezogen sind, wie er das selber gern wäre. Gerade bei Auto- 
ritären aus dem Mittelstand findet man neuerdings die Neigung, die 
eigenen Kinder zur Ungezogenheit förmlich anzustacheln, und die 
An der Alten, sich bei den Kindern durch Brutalität anzubiedern, 
stets Verständnis für den Lausbub und seine Streiche oder die Studen- 
ten und ihren Ulk zu zeigen und gemeinsam mit der Rasselbande den 
sogenannten Streber zu schikanieren, hat hier eine lange Tradition. 

Keine Gefahr, daß einer ihn aus den falschen Gründen ablehnen 
könnte, besteht hingegen beim neuen Satz, welcher die Reizwörter 
echt: Gemeinschaft und sich einfügen zu einer Behauptung verkettet, 
der eigentlich niemand zustimmen kann: Der Liberale nicht, der die 
persönlichen Freiheitsrechte schätzt, und ebensowenig der traditio- 
nelle Autoritäre, der die scharfen Kommandos mag und die Freiheit 
für ein Hirngespinst hält oder für eine lästige Marotte. Zustimmung 
bedeutet hier 

1. Unterwerfung unter das Diktat des Widersinns. Wer zu- 
stimmt, pflichtet nicht einer Meinung bei, von der er selber 
überzeugt ist, sondern er dokumentiert seine Bereitschaft, eine 
Behauptung für richtig zu halten, die weder er selbst oder 
irgendein anderer verstehen kann. 

2. Einverständnis mit einer Botschaft, in welcher sich gestörte 



55 



Selbstwahrnehmung und Habgier zugleich manifestieren. Die 
Botschaft heißt >Wir wollen alles<, beispielsweise von den 
Menschen, deren Angehörige wir umgebracht haben, auch 
noch geliebt werden; nach zwei angezettelten Weltkriegen eine 
besondere Verantwortung für den Weltfrieden besitzen; die Tat 
begehen und dann auch noch das Mitleid einstreichen, welches 
dem Opfer gebührt; oder, in diesem Fall: sowohl die Freiheit 
als auch den Stallgeruch. 
In der AP war der zitierte erste Satz den Variablen autoritäre Unter- 
würfigkeit und Konventionalismus zugeordnet worden, und für die 
Notwendigkeit, ihn zu modifizieren, sprachen neben den entwickel- 
ten speziellen sachlichen Gründen allgemeinere Überlegungen. Sie 
lassen sich in der Behauptung zusammenfassen, daß in Deutschland 
mit höchst komplizierten Verhältnissen zu rechnen war, weil - 
anders als in den USA - der hiesige Autoritarismus einer ohne Auto- 
rität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen ist. 
Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl, sondern 
sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der 
Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer 
Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als 
es das Won vom >Befehlsnotstand<, von der Gleichschaltung* oder 
vom »Führen selber glauben machen will, herrschte das NS-System 
durch Gehorsam ohne Befehl. 

Das Syndrom »autoritäre Unterwürfigkeit« wird daher stets etwas 
verknautscht und verbogen wirken. Zwar ist die Bereitschaft zur 
Unterwerfung - und mit ihr der Haß auf die eigene Demutshaltung, 
weshalb man dann wieder alles und jedes als mutig, couragiert oder 
kämpferisch bezeichnet - übergroß, aber die Gelegenheit fehlt, weil 
es in Deutschland keine Autorität im konventionellen Sinn gegeben 
hat, an welcher sich die zeitgenössischen Haustyrannen und später die 
Nachfolger ein Beispiel nehmen konnten: einen Napoleon so wenig 
wie einen Washington oder Jefferson, und auch keine überzeugenden 
Patriarchen. Schon der Kaiser war ein Hampelmann, an dessen Auto- 
rität man nur nach vorsätzlich begangener Selbsttäuschung und nicht 
ohne geheimen Verdruß glauben konnte, Bismarck war sein Angestell- 
ter, der später auch noch stempeln ging. Das Spiel »Führer befiehl, wir 
folgen dir« mußten alle als Farce durchschauen, die je einen Chaplin- 
Film gesehen hatten, d. h. alle. Vielleicht war der unbedingte, aber dif- 
fuse, gegen andere wie sich selbst gerichtete Vernichtungswille eine 
Art Haß auf die Narrenrolle, die man als vor Begeisterung brüllender 
Anhänger eines verkrachten Kunstmalers und schlechten Chaplin- 
Imitators spielte. D.h. die Deutschen hätten so gern einmal einen 
richtigen Diktator gehabt, dem sie aufs Wort gehorchen müssen, aber 
es wollte sich aus ihren Reihen einfach keiner finden, der den Job 
übernehmen konnte. 



56 



l>araus folgt, daß Respekt und Gehorsam, weil man dergleichen im 
Grunde nicht kennt, erst dann wieder wirklich zu Ehren kommen, 
wenn eine neue Vorstellung der alten Farce schon in vollem Gange ist, 
wenn also die Landsleute beschlossen haben, daß es diesmal Schönhu- 
ber sein soll, denn sie für ihren Nero halten wollen. Eben deshalb, 
weil es in Deutschland eigentlich keine identifizierbare Autorität und 
keine als verbindlich erklärten Regeln gibt, gibt es auch weder Gehor- 
sam noch beabsichtigte Verstöße gegen die Regeln, sondern jeder hat 
dauernd Angst, gegen irgendwelche unbekannten, ungeschriebenen 
( lesetze zu verstoßen - Zensur etwa ist, wie man weiß, hier überflüs- 
sig. Man hat ewig Angst, ganz unabsichtlich aufzufallen und aus der 
Reihe zu tanzen, und die Haltung, die daraus folgt, bezeichnet man 
gern als »sich einfügen in die Gemeinschaft«. 

Das »sich einfügen in die Gemeinschaft* ist zugleich der Ersatz für 
gesittetes Benehmen, wie der Konventionelle es vielleicht in anderen 
Ländern fordern würde, denn im konventionellen Sinn kennen die 
I Putschen kaum gültige Konventionen, nie hat sich ein verbindlicher 
Kanon gesellschaftlicher Formen entwickelt, die Sitten waren schon 
in der Inflationszeit beim Kleinbürgertum total verlottert, von der 
Jugendbewegung hatten die Nazis die selber spießbürgerliche Protest- 
haltung gegen alles Spießige und Förmliche übernommen, zur Heldin 
wurde die uneheliche Mutter erklärt, Promiskuität war obligatorisch, 
Eltern und Lehrer fürchteten den Hitlerjungen statt umgekehrt. Ein 
aktuelles Beispiel dafür, daß Konventionen hier stets nur dünne Tün- 
che sind: die Bereitschaft der Rentner, das eigene welke Fleisch hül- 
lenlos am Strand darzubieten, nachdem die Jugend nur mal ein biß- 
chen mit schlechtem Beispiel voranging. 

Ähnlichen Überlegungen fielen auch andere Variable der F-Skala 
/.um Opfer, mit dem Resultat, daß auf ein Gliederungsschema bei der 
ersten Testversion der neuen Skala ganz verzichtet und das F-Syn- 
drom als hinsichtlich seiner Komponenten weitgehend unbekannte 
Größe betrachtet wurde. Die Übernahme in die vorliegende Untersu- 
chung erschien besonders bei den folgenden Variablen problematisch: 
Anti-Intrazeption (Abwehr des Subjektiven, Phantasievollen, Sensi- 
blen): Mit Besonderheiten der deutschen Geschichte - völkische 
Variante des Nationalismus, Kultur und Märchen, Wald und Mittelal- 
ter - hängt zusammen, daß neben dem Haudrauf-Nazi, dem 
Holzkopf-Faschisten, der gemütvolle Nazi und der sentimentale 
Faschist die wichtigere Rolle spielen. Und an Anti-Intrazeption leidet 
der nicht. Aus dem Tagebuch eines SS-Mannes: »Wunderbare Musik, 
>hörst Du mein heimliches Rufen<. Wie weich kann da nur ein Herz wer- 
den. - Ich habe eine furchtbare Nacht hinter mir. Wie kann nur ein 
Traum so wahr und so ausdrucksvoll wie die Wirklichkeit sein. -Bei einer 
wahnsinnig sinnlichen Musik schreibe ich nun meinen ersten Brief an 
meine Trude. - Die Todeskandidaten (die ihre Gräber selber ausheben 



57 



mußten) werden in drei Schichten eingeteilt* da nicht so viele Schaufeln 
hier sind Eigentümlich in mir rührt sich nichts* kein Mitleid - nichts.* 

Ferner darf nicht vergessen werden, daß Hitler Kunstmaler und 
Amateur-Architekt, der Nationalsozialismus ein großer Gönner der 
Künste und, dem eigenen Anspruch nach, fast so etwas wie ein 
Gesamtkunstwerk gewesen war. 

Macht und Robustheit (Denken in den Dimensionen Herrschaft — 
Unterwerfung, stark - schwach, Führer - Gefolgschaft; Überbeto- 
nung der konventionalisierten Attribute des Ich; übertriebene 
Zurschaustellung von Stärke und Robustheit): Den typischen ameri- 
kanischen tough guy, den harten Jungen, gibt's hier nicht, immer ist 
er ein wenig verjammert, kämpft gegen den > inneren Schweinehund« 
oder fühlt sich aller von ihm selber ausgeübten Brutalität zum Trotz 
doch immer als der deutsche Michel, den die ganze Welt übers Ohr 
haut und aufs Kreuz legt. 

Destruktivität und Zynismus (Generalisierende Feindseligkeit, Ver- 
leumdung des Menschlichen): Zynismus und Destruktivität sind nun 
selber Vorwürfe, welche die Nazis ihren Kritikern machten, und 
heute noch darf man keinen Behinderten hier als den Krüppel 
bezeichnen, welcher man unangenehmer- wie unabänderlicherweise 
ist, wenn man auf einem Bein durch die Welt humpeln muß. Schlim- 
mes steckt hier meist hinter falscher Pietät, Erbaulichkeit und Euphe- 
mismen - typischer als die >Judenwitze<, mit denen Schüler heute 
ihre fortschrittlichen Lehrer zur Verzweiflung treiben, war für die 
Nazis, daß sie für die Deportation der Juden das Wort > Verschickung* 
und für ihre Ermordung das Wort >SonderbehandIung< erfanden. 

Die Entwicklung einer ersten Testversion für die neue Skala war 
also kein unüberlegter, aber ebensowenig ein systematischer Prozeß, 
und keineswegs schlagen die ihn begleitenden Erörterungen sich stets 
in den Sätzen nieder. Der Zweck der Unternehmung: einen Anfang 
zu machen, Material zu bekommen, welches dann kritisiert, sortiert, 
klassifiziert und systematisiert werden kann. 

Das Sample 

ist ein großes Wort für die kleine Gruppe, welche die Testversion der 
Skala beurteilen sollte. Von Dezember 1989 bis Mitte Februar 1990 
wurde das Formular 23 Personen: 11 Männern und 12 Frauen, vorge- 
legt, wobei es nur ein einziges Auswahlkriterium gab, nämlich die 
Gelegenheit. Befragt wurde also, wer erreichbar war und nicht 
weglief, und dabei ergab es sich, daß die Personen zwischen 16 und 
69 und im Mittel 31 Jahre alt waren. Heterogen wie die Altersvertei- 
lung ist auch die Verteilung auf die Berufe: Soziologin, Sozialpäda- 
goge, Maler, Sekretärin, Ausbilder, Verkäufer, Justizangestellte, Bank- 
kauffrau, Soziologe, Studentin, Sekretärin, Schneiderin, Schneider, 



58 



Student, Student, Ingenieurin, Maurer, Technischer Angestellter, 
Banklehrling, Angestellter, Angestellter, Schülerin. An sozialen 
Milieus waren vertreten: der linke akademische Mittelstand, die alter- 
native studentische Wohngemeinschaftsszene, der vorstädtische Ange- 
stelltenhaushalt, Handwerker im Ruhestand, jüngere Arbeiter und 
Angestellte, die noch nicht im eigenen Haushalt gebunden sind, Mit- 
glieder einer Homosexuellengruppe, eine 16jährige taz-Leserin mit 
linken Denkschablonen und völkisch-reaktionärer Gesinnung. Partei- 
gänger weder der REP noch der CDU waren dabei, vorhandene Sym- 
pathien verteilen sich auf Grüne, SPD und, in geringerem Umfang, 
auf die FDP. Die meisten Befragten aber mochten sich für keine Partei 
entscheiden. 

Beim Versuch, Auskunftswillige zu finden, zeigte sich, daß die sei- 
nerzeit von den Linken und Alternativen während der Kampagne 
gegen die Volkszählung zum perfekten Wahnsystem entwickelte 
I iespitzelungs-Paranoia eine Geisteskrankheit ist, unter welcher auch 
der Rest der Bevölkerung leidet. 26 Angaben zur Parteipräferenz ent- 
lallen zwar in der Regel deshalb, weil die Leute keine Präferenz besit- 
zen. Häufig aber, und manchmal auch unter Verweis auf das Wahlge- 
heimnis, wird die Auskunft vorsätzlich verweigert. Erstaunlicher- 
weise sind viele Leute eher bereit, über ihre finanzielle Situation oder 
über ihre soziale Lage (Arbeitslosigkeit, Bezug von Sozialhilfe) zu 
Inrichten, als daß sie ihre politische Meinung äußern würden, so daß 
manchmal der Eindruck entsteht, die Bundesbürger hätten es immer 
noch nicht ganz kapiert, daß dies nun eine Demokratie ist, wo man 
über Politik diskutieren kann. Sie benehmen sich, als lebten sie in 
einem totalitären Staat mit Einheitspartei, oder so, als würden sie ihre 
politische Präferenz der eigenen Intimsphäre zurechnen, als ein kost- 
bares und daher besonders zu hütendes Geheimnis, worüber man 
nicht mit jedermann spricht. 

Gerade auch bei den Linkskonformisten hat man den Eindruck, sie 
ließen sich nur ungern in ihre Karten schauen. Ein Beispiel dafür: Ein 
junger Mann, im Jugendhauscafe dazu aufgefordert, ist zunächst 
bereit, den Fragebogen auszufüllen. Bei Satz Nr. 23 bricht er abrupt 
ab und gibt sich unendlich viel Mühe, alle vorigen Eintragungen so 
gründlich durchzustreichen, daß sie absolut unleserlich sind. Seine 
Erklärung: »Ich werde doch nicht die Thesen der Republikaner unter- 
stützen.« Auf den Hinweis, daß jeder Satz schließlich abgelehnt wer- 
den könne, reagiert er wütend. Die Erklärung dafür: Er hatte brav 
alles so ausgefüllt, wie dies seiner Meinung entsprach, und dann bei 
Frage 23 den Braten gerochen. Er hatte sich selber dabei ertappt, wie 
er Sätzen seine Zustimmung gab, die er eigentlich für Thesen der 
Republikaner hätte halten müssen. Nur hatte er das etwas spät 
gemerkt, und darüber war er wütend. 



59 



Ergebnisse 

Bei Likert-Skalen - um eine solche handelt es sich hier - ist es 
üblich, einige Kenndaten mitzuteilen, welche sich auf eine errechnete 
Summenvariable beziehen. Zur Summenvariablen - hier F genannt 
- wurden die Werte aller Items aufaddiert, mit Ausnahme des Werts 
von Satz 45, der umgekehrt gepolt war und kaum Trennschärfe besaß. 



Variable Mean Std Dev Minimum Maximum N 
F 214.26 64.75 95.00 312.00 23 



Üblich ist ferner, einen Zuverlässigkeitskoeffizienten zu ermitteln. 
Wie in der AP wurden zu diesem Zweck hier zwei Summenvariablen 
gebildet, eine Summenvariable für die geradzahligen Items und eine 
für die ungeradzahligen, um dann die Korrelation zwischen diesen 
beiden Variablen zu berechnen. Der ermittelte Wert betrug 0,9414 
und ist beinahe identisch mit dem Wert, der für die F-Skala bei der 
günstigsten Gruppe errechnet wurde. Schließen darf man daraus, daß 
die Sätze nicht beliebig zusammengewürfelt waren. 

Neben den Kenndaten für die Skala interessieren beim Test die 
Kenndaten der einzelnen Sätze, die in der folgenden Tabelle aufgeli- 
stet sind: Ganz links eingeklammert die Nummer des Satzes aus dem 
Fragebogen, in den nächsten drei Spalten drei verschiedene Mittel- 
werte, dann ein Trennschärfeindex (T) und schließlich in der letzten 
Spalte ein Korrelationskoeffizient (r). 



NR 


M 


M-h 


M-n 


T 


r 


1) 


4,39 


6,33 


2.83 


3,50 


0,63 


2) 


5,09 


6,00 


3,50 


2,50 


0,45 


3) 


4,26 


5,67 


2,83 


2,84 


0,65 


4) 


4,26 


5,67 


2,67 


3,00 


0,56 


5) 


3,57 


5,00 


1.33 


3,67 


0,68 


6) 


5,09 


5,83 


5,00 


0,83 


0,11 


7) 


4,26 


6,83 


1,17 


5.66 


0,86 


8) 


4,70 


6,50 


2,83 


3,67 


0,66 


9) 


6,39 


6,50 


5,67 


0,83 


0,30 


10) 


1,87 


3,17 


147 


2,00 


0,37 


11) 


3,87 


5,00 


2.83 


2,17 


0.53 


12) 


2,96 


5,50 


1.67 


3,83 


0,70 


13) 


3,09 


6,33 


1.50 


4,83 


0.75 


14) 


3,91 


5,67 


2.17 


3,50 


0,57 


15) 


3,48 


6,33 


1.33 


5,00 


0,80 


16) 


3,87 


4,83 


2.00 


2,83 


0.44 


17) 


4,61 


6,00 


2.83 


3,17 


0.56 


18) 


3,83 


5,67 


3.00 


2,67 


0.59 


19) 


4.26 


5.33 


3,17 


2,16 


0.50 



60 



NR 


M 


M-h 


M-n 


T 


r 


20) 


2,13 


2,17 


1 • 7 
1,1/ 


1,00 


0,23 




4,39 


6,67 


1,83 


4,84 


0,73 


22) 


3,87 


5,50 


3,50 


2,00 


0,55 


23) 


3,83 


5,67 


2,33 


3,34 


A CC 


iii 
MJ 


3,61 


5,50 


2,00 


1 CA 

3,30 


A Lf\ 
0,60 


»c\ 

25) 


A 1)7 

4,87 


6,83 


2,83 


A AA 

4,00 


A 7Ä 

0./4 


26) 


2,91 


4,83 


1,33 


\ cr\ 
3,50 


A L.1 


v\ 


3,52 


5,67 


2,00 


3,67 


0,70 


2«) 


3,04 


4,50 


1,33 


3,1/ 


A im 


29) 


3,17 


4,33 


2,17 


2,16 


0,37 


KQ 


4,87 


4,83 


* aa 


A Ol 

0,83 


A 1 

0,18 


*1) 


2,74 


4,17 


1,67 


"* CA 

2,50 


0,45 




1,78 


3,00 


1,17 


1,83 


0,49 


33) 


4,09 


5,50 


3,17 


2,33 


0,39 


34) 


5,35 


6,17 


3,17 


1 AA 

3,00 


A Ad 

0,45 


35) 


3,00 


3,83 


1,17 


2,66 


0,46 


36) 


A IC 

4,35 


5,83 


3,00 


TOI 

2,83 


A it 

0,43 


W) 


2,04 


1,67 


1,67 


A AA 
0,00 


A AI 

-0,02 


38) 


4,04 


A Ol 

4,83 


1 Z.7 

3,67 


1,16 


A 1 7 

0,17 


39) 


2,35 


4,00 


1,00 


3,00 


0,72 


40) 


2,61 


4,17 


1,50 


2,67 


0,56 


41) 


2,17 


3,33 


1,50 


1,83 


A O 

0,52 


42) 


2,57 


4,50 


1,67 


2,83 


0,66 


43) 


3,48 


5,33 


1,50 


3,83 


0,72 


44) 


3,61 


4,83 


1,83 


3,00 


A Ci 

0,54 


45) 


5,61 


5,83 


6,33 


0,50 


0,23 


46) 


4,61 


5,50 


3,33 


2,17 


0,57 


47) 


3,17 


5,33 


2,17 


3,16 


0,72 


tot 

48) 


4,35 


5,83 


3,17 


2,66 


A C£. 

0,56 


49) 


3,57 


5,00 


2,17 


2,83 


0,58 


50) 


2,96 


4,33 


1,83 


2,50 


0,52 


51) 


3,09 


4,67 


1,33 


3,34 


A TA 

0,/4 


52) 


5,22 


6,33 


3,83 


2,50 


0,62 


53) 


3,83 


5,17 


2.17 


3,00 


0,75 


*v 


7 78 


a\ W 


1 17 

1,1/ 


i \k 

J,IO 


67 


55) 


5,% 


6,83 


4.67 


2,16 


0,43 


56) 


4,74 


5,17 


3,50 


1.67 


0,49 


57) 


4,52 


5,33 


1.33 


4.00 


0,70 


58) 


3,35 


3,33 


1.67 


1,66 


0,44 


Mittel 


3,79 


5,15 


2.42 


2,73 





Die Mittelwerte in Spalte M sind so zu verstehen, daß der Wert 1 aus- 
nahmslos entschiedene Ablehnung eines Satzes durch sämtliche Test- 
personen bedeuten würde, der Wert 7 hingehen ausnahmslos höchste 
Zustimmung. Bei der Eingabe wurden die Zahlen auf den Fragebögen 
nämlich folgendermaßen umkodiert: 



61 



-3-1 (starke Ablehnung) 
-2-2 (mittlere Ablehnung) 
- 1 - 3 (schwache Ablehnung) 
+ 1-5 (schwache Zustimmung) 
+ 2-6 (mittlere Zustimmung) 
+ 3-7 (starke Zustimmung) 

Ein Wert (unentschieden) im Fragebogen würde daher einem Wert 
4 bei der Eingabe entsprechen, nur kam dieser Wert nicht vor, weil 
die Befragten sich entscheiden mußten. 

In den restlichen Spalten stehen Zahlen, die Auskunft über die 
Trennschärfe des Items geben sollen. Der Zweck: Ausreißer oder 
Abweichler unter den Items zu identifizieren, Sätze also, bei welchen 
die Faschistoiden und die anderen einer Meinung sind. Das Verfahren 
zur Bestimmung der Trennschärfe beruht auf der Annahme, im gro- 
ßen und ganzen würde die Skala bereits zutreffend messen: Dann ver- 
rät die Gesamtpunktzahl, die einer erreicht, ob er autoritär ist oder 
nicht. Und wenn man weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind, 
kann man ihre Reaktion auf einzelne Items wiederum als Kriterium 
für deren Qualität benutzen. Man selektiert deshalb sogenannte 
Extremgruppen, zunächst die 25% der Befragten, welche die höchste 
Gesamtpunktzahl haben, und man errechnet bei dieser Gruppe die 
Mittelwerte für sämtliche Items (Spalte M-h). In den Genuß der glei- 
chen Prozedur kommen nun die low-scorer (Spalte M-n), und die Dif- 
ferenz zwischen den Mittelwerten von high-scorern und low-scorern 
ist der Trennschärfeindex (Spalte T). Je größer er ist, desto besser. 

In der AP wurde die Trennschärfe der Items ausschließlich nach die- 
sem Verfahren bestimmt, welches noch immer den Vorteil besitzt, 
plausibel und einfach zu sein. Ein anderes besteht darin, die Korrela- 
tion jedes einzelnen Items mit dem Gesamtpunktwert (total score) zu 
ermitteln (Spalte r) 27 , und wieder gilt: je größer, desto besser. Ein 
Wert kleiner als 0,3 würde hindeuten auf einen schwachen Zusam- 
menhang, ein Wert nahe 1 auf einen außerordentlich starken. Noch 
nachzutragen: In der letzten Zeile stehen die Spalten-Mittelwerte. 

Den ersten krassen Ausreißer mit dem außerordentlich geringen 
Trennschärfeindex von 0,83 findet man beim Durchsehen der Tabelle 
für Skalensatz Nr. 6. Ein Blick auf die Mittelwerte zeigt, daß high- 
scorer wie low-scorer der Meinung sind, solange es Menschen gibt, 
werde es auch Kriege geben. Obgleich die Friedensbewegung in der 
BRD so furchtbar lange noch nicht vorbei ist; obgleich sie hier eine 
Massenbewegung gewesen war; obgleich im Sample die links- 
alternative Szene dominiert und obgleich gerade derzeit alle Welt von 
der Abrüstung und dem mit ihr ausbrechenden Globalfrieden 
spricht, erfreut sich also der Satz »Solange es Menschen gibt, wird es 
auch Kriege geben« solcher allgemeinen Zustimmung, daß er aus 



62 



Mangel an Trennschärfe für die Skala nicht brauchbar ist. Um so 
mehr erstaunen muß dies, als der Satz: »Es wird immer Kriege und 
Konflikte geben, die Menschen sind nun einmal so« auf der F-Skala 
(Form 40 und 45) in den USA den deutlich geringeren Mittelwert von 
4,48 und einen viel höheren Trennschärfe-Index von 2,65 erzielte. 
Denn immerhin wurde die F-Skala in einer Zeit getestet, als der 
Zweite Weltkrieg gerade vorbei war und der Korea-Krieg kurz bevor- 
stand. Unter Verhältnissen also, welche den Glauben an die Friedfer- 
tigkeit der menschlichen Natur auf eine harte Probe stellten, wurde 
die Möglichkeit einer Welt ohne Krieg von Amerikanern weit weni- 
ger bezweifelt als heute von den Bundesbürgern, die auf 40 Jahre Frie- 
den zurückblicken können. 

Noch größer war die allgemeine Zustimmung zur Behauptung 
»Wichtiger als äußere Schönheit ist, daß ein Mensch echte Persönlich- 
keit besitzt« (Satz Nr. 9), und ein solches Meinungsbild, welches die 
Unterscheidung zwischen faschistoiden und nichtfaschistoiden Perso- 
nen partiell hinfällig werden läßt, wirft die Frage auf, ob »wir in 
potentiell faschistischen Zeiten leben«. 2 * In der allgemein hohen 
Zustimmung zu diesem Satz nämlich drückt sich zunächst eine allge- 
mein große Bereitschaft aus, die eigenen wahren Interessen zu verleug- 
nen, denn kaum jemand dürfte in einer Gesellschaft, wo mit Schlank- 
heitskuren, Fitneßcentern, Schönheitsoperationen, Toupets und 
Bräunungsstudios Millionenumsätze bestritten werden, ganz frei sein 
vom Wunsch, den Heldinnen und Helden aus den TV-Serien zu 
ähneln. Längst hängt von der äußeren Erscheinung einer Person nicht 
nur ihre erotische Attraktivität ab, sondern das >Gute Aussehen< ist 
gleichermaßen Bedingung für den beruflichen Erfolg wie diesen 
Erfolg sichtbar machendes Statussymbol geworden. Es ist bekannt, 
daß Menschen unter vorhandener oder eingebildeter Häßlichkeit 
außerordentlich leiden können, während man mit seiner eigenen 
Dummheit oder seinen moralischen Defekten in der Regel recht gut 
auskommt. Erwartet werden darf daher, daß jeder schnell hergeben 
würde, was er für seine Persönlichkeit hält, wenn es zum Tausch dafür 
die äußere Erscheinung eines Sylvester Stallone oder einer Isabelle 
Adjani bekäme. 

Das Verleugnen der eigenen wahren Interessen wiederum dürfte im 
Dienst einer Rationalisierung stehen, und das Unbewußte würde, 
wenn es sprechen könnte, ungefähr folgende Begründung geben: Ich 
bin nicht so schön wie der Stallone oder die Adjani, soviel sehe ich. 
Neidlos die überlegene Schönheit bewundern aber kann ich nicht, 
soviel weiß ich, denn was ich bei anderen sehe, muß ich selber haben. 
Ich tröste mich also, indem ich die Schönheit einfach disqualifiziere: 
Darauf kommt es doch gar nicht an, viel wichtiger sind die inneren 
Werte, und sie haben den Vorteil, daß keiner ihre Qualität überprüfen 
kann. Aber leicht fällt der Selbstbetrug mir nicht, man hat ja im Kopf 



63 



schließlich Augen. Schönheit quält mich förmlich, deshalb hasse ich 
sie. Ich sage zum Beispiel: Wer schön ist, wird auch dumm und ver- 
dorben sein, ein Papagallo, ein Playboy, ein Geck, ein Flittchen. Und 
daß mir keiner von denen je zwischen die Finger komme: Dann 
geht's ihnen dreckig, dann werde ich denen alles heimzahlen, was ich 
unter ihnen gelitten habe. 

Traditionsgemäß zeichnet Deutschland sich vor anderen Ländern 
deshalb dadurch aus, daß Menschen ihrer Schönheit wegen benachtei- 
ligt oder sogar verfolgt werden und das gesellschaftliche Selektionssy- 
stem Häßlichkeit prämiert, wie an den bundesdeutschen Spitzenpoli- 
tikern leicht zu erkennen ist, wenn man sie mit den politischen 
Repräsentanten anderer Länder vergleicht. Der Alltag wird hier, wo 
der Satz »Die deutsche Frau schminkt sich nicht ■ geprägt wurde, von 
der Angst beherrscht, durch Schönheit aufzufallen und sich damit 
unbeliebt zu machen. Der Konflikt zwischen dieser Angst und dem 
Wunsch, besser auszusehen, führt bei den Ehefrauen bundesdeutscher 
Spitzenpolitiker, die sich auch auf internationalem Parkett bewegen 
und gleichsam in zwei Welten leben müssen, dazu, daß sie in einem 
Akt der Selbstbestrafung bei der Auswahl ihrer Gala-Garderobe zu 
den scheußlichsten Mißgriffen neigen. Zum Extrem gesteigert schließ- 
lich ist dieser Reflex bei Gruppen deutscher Rechtsradikaler, deren 
physische Erscheinung von Gesicht bis zum Körper meist ein einzi- 
ger und unumstößlich erscheinender Beweis für den von ihnen vertre- 
tenen Rassismus und für die von ihnen vertretene Meinung ist, daß 
man die Menschen in minderwertige und höherwertige einteilen 
könne. 

Verbunden mit der Verdrängung der Tatsache, daß jeder Mensch 
zunächst selber gern schön wäre und andere Menschen selbstverständ- 
lich zunächst nach ihrem Aussehen beurteilt, sind eine gestörte Wahr- 
nehmung, ein gewisser Realitätsverlust einerseits, und andererseits 
Distanzlosigkeit oder Zudringlichkeit im Verkehr mit anderen. Sie 
werden mit Fragen oder Blicken durchbohrt, weil es gilt, durch die 
äußere Erscheinung hindurch unmittelbar auf das Wesen, eben die 
echte Persönlichkeit, zu schauen. Die Wesensschau wiederum drückt 
sich darin aus, daß man in Deutschland viele Leute findet, die auf 
Fotos von spielenden Kindern nicht diese, sondern kleine Juden oder 
Türken erkennen. 

Aus der Verhärtung gegen die naheliegendsten Wünsche resultiert 
vielleicht jene Unfähigkeit, unmittelbare Erfahrungen zu machen, 
welche im Dritten Reich ihren Ausdruck sowohl in der krankhaften 
Mitleidlosigkeit gegenüber Verfolgten und Gequälten ihren Ausdruck 
fand, als auch beispielsweise darin, daß es Volksgenossen gab, die Hit- 
ler allen Ernstes für blond und blauäugig hielten. 

Mittelwerte und Trennschärfe-Indizes für die Testversion der Skala 
führten also zu dem Resultat, daß auf zwei Sätze trotz ihrer Wichtig- 



64 



keit in den folgenden Versionen verzichtet werden konnte. Es durfte 
als bewiesen gelten, daß im hiesigen Sozialcharakter noch immer oder 
schon wieder eine ausgeprägte Unfähigkeit bestand, sich ohne Ressen- 
timents mit der Tatsache abzufinden, daß andere Menschen oder 
Gruppen von Menschen Vorzüge haben, die man selber nicht besitzt. 
Dieses Neid-Syndrom genauer zu spezifizieren war dann eine der Auf- 
gaben, welche die folgenden Versionen leisten sollten. 

Bislang wurden die einzelnen Sätze jeweils separat (Mittelwert) oder 
ihre Beziehung zum Gesamtpunktwert (Trennschärfe-Index) betrach- 
tet. Will man Bezüge zwischen den Sätzen erkennen, so kann man 
sich eine Korrelationsmatrix errechnen lassen, eine Tafel mit (in die- 
sem Fall) 58 x 58 Feldern. Jeder Satz wird dabei mit jedem anderen 
korreliert, und die Werte in den Feldern sind ein Maß für den Zusam- 
menhang zwischen jeweils zwei Sätzen. Dabei ergab sich zum Bei- 
spiel, daß der Satz Nr. 24 deutlich ( r > 0,6) mit den Sätzen 7, 15 und 
28 korreliert, etwas schwächer (0,5 < r > 0,6) mit den Sätzen 12, 18, 
20, 40, 54. Satz 24 lautet: 

24. Die Ausländer hier machen sich manchmal unbeliebt, weil sie 
sich gegen die Deutschen abkapseln und nur mit ihren eigenen 
Landsleuten verkehren. 
Wer diesem Satz zustimmt, neigt also stark dazu, auch folgenden Sät- 
zen zustimmen: 

15. Wer ein Europa ohne Grenzen will, muß damit rechnen, daß 
dann auch das organisierte Verbrechen seinen Weg nach 
Deutschland findet, (r - 0.62) 

28. Wenn Gastarbeiter in deutsche Familien einheiraten, bringt 
das nur Probleme für beide Seiten, (r - 0.75) 

Und ebenfalls mögen wird er, wenn auch nicht unbedingt im gleichen 

Maße, diese Sätze: 

18. Heute, wo so viele Menschen ständig unterwegs sind und jeder 
mit jedem zusammenkommt, muß man sich besonders sorgfäl- 
tig gegen Infektionen und Krankheiten schützen, (r - 0.57) 
20. Ausländer als Vorarbeiter oder Vorgesetzte ihrer deutschen 
Kollegen einzustellen heißt, daß man den Betriebsfrieden 
gefährdet, (r - 0.51) 
40. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 

Sitten des Gastlandes anzupassen, (r - 0.58) 
Wer also den Ausländern vorwirft, sie würden sich abkapseln, proji- 
ziert in Wahrheit seine eigene Ablehnung auf sie. Das Unbewußte 
denkt: »Ich mag keine Ausländer, schon gar nicht in der Familie. Aus- 
länder sind Verbrecher, und sie haben ansteckende Krankheiten. Und 
wenn ich mir vorstelle, einem Ausländer auch noch gehorchen zu 
müssen, weil er mein Vorgesetzter ist, wird mir übel. Wie gesagt: Ich 
mag keine Ausländer, sie sollen mir vom Hals bleiben, sie sollen ver- 
schwinden.« 



65 



So denkt also das Unbewußte. Und was meint der Mensch, daß er 
denken würde? Folgendes: »Die Ausländer mögen uns Deutsche 
nicht, sie wollen immer nur unter sich bleiben, und das kränkt uns. 
Gegen Ausländer haben wir im Grunde nichts, es ärgert uns nur, daß 
sie sich den Landessitten nicht anpassen mögen.« Viele solche und 
ähnliche Überlegungen, die im einzelnen darzustellen nur ermüden 
würde, führten zu dem Resultat, daß auf manche Sätze verzichtet wer- 
den mußte, weil sie keine ausreichende Trennschärfe besaßen, wäh- 
rend andere Sätze wiederum entbehrlich waren, weil sie mit Sätzen 
verwandten Inhalts hoch korrelierten. Es gab demnach wieder freie 
Kästchen auf dem Fragebogen-Formular, und bevor sie mit neuen Sät- 
zen gefüllt wurden, war noch einmal unabhängig von Trennschärfein- 
dizes und Korrelationskoeffizienten zu klären, welches denn nun 
eigentlich der Zweck der Testbefragung gewesen war und was man 
dabei gelernt hatte. Es steht also ein neuer Anlauf bevor, und die 
Preisfrage heißt wieder: Was soll das alles bedeuten? 



66 



Gespräche mit den Herren A M B. und C. 



Vorbemerkung 

Das Ziel der Studie, die Chancen für einen neuen Faschismus als 
Gemütsbewegung zu sondieren, unterscheidet sie von solchen Unter- 
suchungen, die speziell die REPs unter die Lupe nehmen. Enthül- 
lungsgeschichten waren daher nicht intendiert, und was ein REP nur 
dem anderen REP und sonst keinem sagen mag, das sollte im Rahmen 
dieser Arbeit weder erhoben werden noch interessieren. Denn nicht 
als gegen den Rest der Bevölkerung abgeschottete und von ihm him- 
melweit verschiedene Geheimbündler, Verschwörer, Konspirateure 
stellen die Faschistoiden einen politischen Faktor dar, sondern ernst 
zu nehmen sind sie nur dann, wenn sie für ihre Parolen erfolgreich 
öffentlich werben können, weil diese Parolen nur ein wenig zugespitzt 
formulieren, was längst ein etablierter Bestandteil der öffentlichen 
Meinung geworden ist. 

Außerdem wird nicht vorausgesetzt, daß die Parteigänger der REP, 
der NPD oder FAP eine absolut zuverlässige Kontrollgruppe wären 
in dem Sinn, daß an ihnen sich die Skala gewissermaßen eichen ließe, 
weil diese Leute schon so sind, wie die anderen erst werden müssen, 
damit der Faschismus sich zur Massenbewegung entwickeln kann. 
Denn für die meisten gesellschaftlichen Entwicklungen gilt, was in 
jüngster Zeit bei den hiesigen Grünen oder noch drastischer in der 
DDR zu beobachten war, daß nämlich ihre Vorläufer oder Initiatoren 
vom Erfolg überrollt oder verändert werden. Und schließlich war 
anzunehmen, daß es bei aller Ubereinstimmung auch einen Unter- 
schied zwischen Führung und Gefolgschaft geben muß, daß beispiels- 
weise der Nationalsozialismus nie hätte funktionieren können, wenn 
alle wie Hitler und Himmler und die Funktionäre aus dem engeren 
Kreis gedacht hätten. 

Im Unterschied dazu also, wie manche Linke die REP und manche 
REP vermutlich sich selber einschätzen, galten die Aktivisten dieser 
Partei hier nicht als Personen, deren identische Reproduktion in Mil- 
lionenauflage schon ein Viertes Reich ergäbe. Klar war spätestens seit 
dem Erfolg und anschließendem Niedergang der REP in Berlin viel- 
mehr, daß die Faschistoiden qualifiziertere Kader brauchen, Ideolo- 
gen, Agitatoren und Verwaltungsexperten, die sich von einer Figur 
wie Antes durch die größere Beharrlichkeit und den längeren Atem 
unterscheiden, Leute also, denen es eine liebe Gewohnheit geworden 
ist, nicht von der Hand in den Mund zu leben und die goldene 
Taschenuhr auch mal liegen zu lassen, wenn man dafür später den 
ganzen Tresor knacken kann. Klar war also, daß die Mitgliederstruk- 
tur dieser Partei sich gewaltig würde verändern müssen, wenn die 



67 



Zehn-Prozent-Marke übersprungen werden sollte, und daß die Aktivi- 
sten der ersten Stunde dann vermutlich bestenfalls als verdiente Vete- 
ranen geduldet würden. Klar war schließlich, daß der später in dieser 
Gruppierung dominierende Sozialcharakter sich vom augenblick- 
lichen unterscheiden würde. 

Schon die bloße Neugier gebot es dann freilich doch, den sogenann- 
ten rechten Rand nicht ganz unbeachtet zu lassen. Als günstig erwies 
sich dabei der Umstand, daß im Herbst 1989 in Baden-Württemberg 
Kommunalwahlen stattgefunden hatten. Auf den Stimmzetteln waren 
nämlich sämtliche Kandidaten aller Parteien mit Name und Anschrift 
aufgelistet, und deshalb gab es öffentlich zugängliches Adressenmate- 
rial, auf welches man nun zurückgreifen konnte. Im März 1990 erhiel- 
ten also 105 Kandidaten der REP, der NPD und der FAP ein 
Anschreiben folgenden Wortlauts: 

Sehr geehrter XY, 

vielleicht mögen Sie Meinungsumfragen nicht besonders. Werfen Sie doch 
trotzdem einen Blick in den Fragebogen, und Sie werden feststellen: Eine 
gewöhnliche Meinungsumfrage ist das nicht. Wir möchten von Ihnen 
nicht wissen, was Sie vom Kanzler oder der Steuerreform halten. Uns 
interessiert mehr das Grundsätzliche, die Weltanschauung hinter der 
Meinung, man könnte auch sagen: Die private Lebensphilosophie, die 
sich jeder macht. 

Sie fragen jetzt vielleicht, wie ich zu Ihrem Namen und zu Ihrer 
Adresse gekommen bin. Des Rätsels Lösung: Sie hatten bei den Kommu- 
nalwahlen kandidiert, und auf dem Wahlformular war Ihr Name und 
Ihre Adresse. Ich schließe daraus, daß Sie zu den Bürgern unseres Landes 
gehören, die aus ihrer nationalen Überzeugung kein Geheimnis machen. 
Und ich meine, daß Bürger, die für ihre nationale Überzeugung öffent- 
lich eintreten, in unserer Untersuchung in ausreichender Zahl repräsen- 
tiert sein sollten. 

Meine Bitte deshalb: Schicken Sie mir den ausgefüllten Fragebogen im 
beiliegenden Freiumschlag zurück, anonym, wenn Sie möchten, oder mit 
Namensangabe, wenn Sie zu einem Gespräch bereit wären. Und seien Sie 
mir nicht böse, wenn ich Sie telefonisch noch mal an den Fragebogen 
erinnere. Ein bißchen Hartnäckigkeit gehört zum Geschäft, und allzu 
schüchtern darf man ja in der Politik auch nicht sein. 

Besonders ertragreich war die Aktion leider nicht, nur 23 von 105 
Angeschriebenen schickten den Fragebogen ausgefüllt zurück. So 
schlecht freilich, wie sie aussieht, war die Antwortquote wieder nicht, 
weil Anlaß zu der Vermutung besteht, daß unter den 105 Angeschrie- 
benen eine ganze Menge Scheinkandidaten waren, erkennbar daran, 
daß sich in einzelnen Haushalten wohl von der Oma bis zum Enkel- 
kind alles aufstellen ließ, was zwei Beine hatte. Erstaunlich viele wie- 



68 



dcrum von den 23 erklärten sich gesprächsbereit - hauptsächlich sol- 
che allerdings, die ihres Alters wegen für die Untersuchung nicht 
interessant waren. Von den 23 waren 9 älter als 60 Jahre, sogar ein 
K4jähriger war dabei. Von ihnen war anzunehmen, daß sie die hin- 
länglich bekannten Geschichten aus der guten alten Zeit erzählen 
würden, wodurch der Kreis gesprächsbereiter und zugleich interessie- 
render Personen bereits ziemlich zusammenschmolz. 

So ergab es sich, daß zwischen dem 29. 3. und dem 10. 4. 1990 erst 
mit drei Aktiven gesprochen worden war, als am 19. 4. 1990 ein uner- 
wartetes Briefchen kam. Darin hieß es unter anderem: »Ich habe 
schon intelligentere Aushorchungsversuche von links erlebt. Offen- 
sichtlich gehen Sie davon aus, daß mir der Autor von >Ausverkauf< 
oder >Endstation< und seine Absichten unbekannt sein dürfte.« Wie 
der Autor von >Ausverkauf< und >Endstation< stets vermutet hatte, lei- 
den also in der Bundesrepublik unter der Angst vor Aushorchung 
oder Ausspähung Linke wie Rechte gleichermaßen und die in der 
Mitte obendrein. 29 Was haben sie eigentlich alle zu verbergen? 

Wie sehr es dem Verfasser auch schmeichelte, daß rund 10 Jahre alte 
Publikationen von ihm einzelnen engagierten Rechten in schlechter 
Erinnerung geblieben waren, so ärgerlich war die Sache andererseits, 
weil fortan mit Schwierigkeiten gerechnet werden mußte. Tatsächlich 
liel ein schon fest vereinbarter Termin ins Wasser, und weitere Bitten 
um Gesprächstermine wurden mit Hinweis auf besagtes Briefchen 
abgeschlagen. Entschieden wurde daher, die erste Gesprächsrunde für 
abgeschlossen zu erklären, zumal die drei vorhandenen Interviews 
bereits allerhand Material enthielten, welches erst mal interpretiert 
und verstanden sein wollte. 

Mit Absicht wurden als Gesprächspanner Personen gewählt, die 
nicht zum Klischee vom REP als dem abstiegsgefährdeten Unter- 
schichtler passen, der über sich selber nur wieder die Sozialgeschichte 
erzählen würde, die er schon in der Zeitung gelesen hat: Weil's ihm 
so dreckig geht - Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, etc. - mag er die 
Ausländer nicht und haßt außerdem die da oben. Gesucht wurden 
vielmehr Personen, die sich auf die allerbilligste Weise nicht herausre- 
den konnten, die sich zwecks Begründung ihrer Position etwas mehr 
hatten einfallen lassen müssen und die deshalb auch eher auszuspre- 
chen in der Lage wären, was tatsächlich in den Köpfen von Unter- 
schichtlern vorgeht, wenn sie eine Besserung ihrer Lage von der 
faschistoiden Rechteri erwarten. 

Der Zweck der ersten Gesprächsrunde bestand also darin, ohne 
Anspruch auf Systematik herauszufinden, welche Ideen und Ideen- 
kombinationen in Köpfen politisch aktiver Rechter kursieren, und 
einige Ergebnisse lassen sich sogar festhalten: 
I. Unter den Hauptfeinden Deutschlands spielt im Frühjahr 
1990 Polen eine Favoritenrolle. Die Gespräche mit den Akti- 



69 



ven bestätigen eindrucksvoll, was man freilich schon der Zei- 
tungslektüre entnehmen konnte: Kleinere und größere 
Berichte über polnische Schwarzhändler, Schmuggler und 
Schmutzfinken füllen seit der Berliner Polenmarkt-Affäre 
regelmäßig alle Blätter. Wenn Augstein im Spiegel auf polni- 
schen Antisemitismus und Chauvinismus in der Vergangen- 
heit verweist, ist das die etwas verkümmerte Variante einer 
Argumentationsfigur, wie man sie voll entwickelt bei den 
Rechtsradikalen findet. 

2. Nichts liegt den Interviewten weniger am Herzen als die Wie- 
dervereinigung, nach der sich angeblich alle so sehnten. Um so 
größer wird daher der Arger sein, wenn das Ding, welches man 
eigentlich gar nicht haben wollte, am Ende auch noch gutes 
Geld kostet. 

3. Uberhaupt waren alle Versuche erfolglos, den Interviewten 
irgendeine Art nationaler Begeisterung zu entlocken. Fast 
schon Mitleid hätte man bekommen können mit einem Land, 
einer Sprache und einer Bevölkerung, die so absolut nicht 
gemocht wird. 

4. Alle Interviewten waren Radikal-Ökologen in dem Sinne, daß 
sie die vermeintliche Übervölkerung der Welt als ihr größtes 
Problem und die vermeintlich menschenleeren Ostgebiete als 
große Chance betrachten. 

Alle Gespräche werden nun im Wortlaut dokumentiert, weil das 
Herausfischen der Highlights, besonders skandalöser Sätze also, die 
Gedankengänge unterschlagen würde, die dazu führten. Es handelt 
sich dabei meist um Gedankengänge, wie sie in der BRD heute weit- 
hin üblich sind und weder anstößig noch kritisierenswert wirken 
würden, wenn man ihnen nur die Spitze abbräche. Bezweckt ist mit 
der Dokumentation der Gespräche also nicht, ein weiteres Mal die 
Faschistoiden als Uniken und Monster darzustellen, sondern gezeigt 
werden soll, wohin das gängige Alltagsbewußtsein kraft eigener 
Immanenz fortschreiten kann. 

Die schmale Datenbasis stört deshalb nur insofern, als zusätzliche 
Interviews möglicherweise zusätzliche Erkenntnisse hätten bringen 
können. Repräsentativität im statistischen Sinne hingegen war von 
vornherein nicht das Ziel. Die Frage in diesem Fall lautet nicht, ob 
viele Aktive wie die Interviewten denken, sondern die Frage heißt, ob 
das Weltbild der Interviewten in sich und in Anbetracht der 
Umstände so schlüssig und plausibel ist, daß viele, und nicht nur die 
Aktiven, es teilen könnten. 



70 



Zwei von fünf müssen sterben 
Gespräch mit Herrn A. 

I lerr A. ist promovierter Ingenieur, er ist bei einer großen Firma 
beschäftigt, er wohnt in einer teuren Gegend, und er wurde für die 
REP ins Parlament einer süddeutschen Gebietskörperschaft gewählt. 
Er gehört offenbar zum in der BRD weit verbreiteten Typ, welcher 
sich verhält, als wäre er dauernd vor seinem Privatleben auf der 
Flucht. Jedenfalls ruft er an einem Sonntagnachmittag an und 
schlägt vor, daß man sich doch am besten gleich in einem Cafe tref- 
fen solle. 

Den Fragebogen habe er zwar nicht ausgefüllt, und er werde dies 
auch nicht tun, aber zu einem Gespräch sei er gern bereit. Der Frage- 
bogen sei zu einseitig, und vermutlich werde er in einer Untersu- 
chung verwendet, die wieder die Republikaner aufs Korn nehme, 
etwa Claus Leggewie, die Repse, Teil II. Der Ton dieser Bemerkungen, 
die Bescheidwissen signalisieren sollen, ist nicht etwa vorwurfsvoll 
oder bitter, sondern eher kumpelhaft-kokett, etwa so, wie ein Schlin- 
gel mit dem anderen spricht. 

Der Interviewer ist auf diese schnelle Resonanz nicht vorbereitet 
und vertröstet Herrn A. auf später. Herr A. nennt daraufhin die Tele- 
fonnummer, unter welcher er tagsüber in der Firma zu erreichen ist, 
weil man ihn zu Hause selten erwische. Vier Tage später, an einem 
Donnerstag, wird Herr A. dann gefragt, wann es ihm passen würde. 
I lerr A. vergewissert sich durch einen Blick in die Tageszeitung, daß 
nicht Mittwoch, sondern Donnerstag ist. Er schaut dann in seinem 
Terminkalender nach und sagt: »Heute abend habe ich frei.« Man ver- 
abredet sich für 18.00 Uhr in einem Cafe. Wie man sich denn erken- 
nen würde? Herr A. sagt: »Ich bin oben ohne, Haare habe ich eher auf 
den Zähnen«, womit Herr A. auf seine Glatze anspielt. Die Stimme 
ist gewinnend, der Ton ist freundlich bis charmant, und immer gibt 
es diese anzüglichen kleinen Witzchen, wie man sie so gehäuft wohl 
nur in Deutschland findet. 

Im Cafe wird Herr A. um die Erlaubnis gebeten, daß das Gespräch 
aufgezeichnet werden darf: keine Probleme, sein Telefon werde ver- 
mutlich ohnehin abgehört. Es stellt sich im Verlauf des Gesprächs 
sogar heraus, daß das mitlaufende Band und die beiden Mikrophone 
für Herrn A. ein Ansporn sind. Zwei Stunden später, das Cafe 
schließt gerade: »Wir können gern in eine andere Kneipe gehen und 
weitermachen, solange Ihre Bänder reichen, wenn Sie noch Geduld 
haben.« Im Gespräch gibt Herr A. auch weit mehr Auskünfte über 
die eigene Person, als der Fragebogen sie verlangen würde, und es zeigt 
sich, daß die Abneigung gegen Fragebögen hier mit dem Datenschutz 
oder der Angst vor Ausspähung wenig zu tun hat. Was die Leute an 
den Fragebögen vielmehr stört, ist das Gefühl, sie würden auf schnöde 
Art abgefertigt. Sie wollen so viel von sich selber erzählen, möglichst 



71 



in einer Talk-Show, und der Fragebogen gibt ihnen dazu die Gelegen- 
heit nicht. 

Auffällig im Gespräch mit Herrn A. war in diesem Zusammenhang, 
daß nicht der geringste Versuch unternommen wurde, den Inter- 
viewer zu agitieren. Ferner machte Herr A. keinen ernsthaften Ver- 
such, Näheres über den Interviewer zu erfahren. Das ganze Gespräch 
war ein einziger langer Monolog, zu welchem der Interviewer die 
Stichworte und das mitlaufende Band den Ansporn lieferte. 

Der Interviewer als anwesende reale Person spielte daher keine 
Rolle, er war durch seine Rolle als Interviewer und durch seinen Dok- 
tortitel auch als physische Erscheinung hinreichend für Herrn A. 
definiert. Bezeichnend für das autistische Verhältnis zum Rest der 
Welt war, daß Herr A. von den »blauen Augen« des Interviewers 
sprach, obgleich die Augen des Interviewers eine grün-braune Misch- 
farbe haben und er generell nicht gerade besonders arisch aussieht. 

Während des Interviews kam es praktisch nicht vor, daß Herr A. 
sein freundliches Lächeln abgelegt hätte. Ebensowenig kam es vor, 
daß sein Blick nicht den Interviewer fixierte - der Blick also nie nach 
innen gekehrt, seitwärts oder zu Boden gesenkt, sondern immer gera- 
deheraus auf den Interviewer gerichtet. Indikator für eine häufig und 
abrupt wechselnde Gemütslage war dafür die Stimme: Normalerweise 
gewinnend bis einschmeichelnd, wurde sie ohne erkennbaren Grund 
plötzlich scharf und eifernd. In der ganzen Erscheinung ähnelt Herr 
A. Klaus Barbie, einem Mann, der Ausländern Rätsel aufgeben dürfte, 
weil man das häufige und plötzliche Umschlagen der Stimmung 
anderswo nur von Psychopathen kennt. Herr A. ähnelt einem Psy- 
chotiker, der nicht alle drei Monate einen großen Schub bekommt, 
sondern in 20 Minuten vier kleine. Wahnhaftes und normales Denken 
sind bei ihm unauflöslich miteinander vermischt, und als grundlos 
kann man seine Sorge um die eigene Identität daher tatsächlich nicht 
bezeichnen. 

Verwirren dürfte es den Leser beispielsweise, daß Herr A. gelegent- 
lich über die eigene Position in der Terminologie von deren Gegnern 
spricht - »in der Wolle braungefärbt*, »engstirnig« — oder daß Herr 
A. mindestens so gut wie ein linker Soziologe die Entstehung von 
Vorurteilen zu erklären weiß, mit dem Unterschied nur, daß er die 
Erklärung oder Begründung auch als Legitimation betrachtet und der- 
gestalt die Kritik des Vorurteils ins Vorurteil selber integriert. 

Beachtenswert ist, daß Herr A. weder als »Ewiggestriger* noch als 
bloße Kuriosität eingestuft werden kann. Er ist kein starrsinniger Son- 
derling, sondern eine ausnehmend umgängliche Person, und er hat 
ein waches Gespür für die jeweiligen politischen Strömungen der Zeit 
bewiesen: Er war für Adenauer, danach für Brandt, er war gegen den 
Vietnamkrieg und für die Friedensbewegung. Mancher, der sich für 
einen Linken hält, dürfte in dieser politischen Biographie seine eigene 



72 



wiedererkennen, und wenn man für das Denkmuster von Herrn A. 
ein Etikett finden wollte, so könnte man es als human-ökologisch 
l>e zeichnen. 

Frage: Welches waren die Gründe für Ihr politisches Engagement? 
Herr A.: Im Grunde genommen eine Prostesthaltung. Vielleicht kurz 
/.um Lebenslauf: Ich bin in Lodz geboren worden, in Polen, kurz vor 
dem Zweiten Weltkrieg, 1938, kam als kleines Kind 1945 nach 
Deutschland, ins zerstörte und zertrümmerte Deutschland, und lebte 
dort mit meinen Eltern in der späteren DDR, südlich von Berlin. 
Und nach der Schulzeit kam ich dann in den Westen, 1956, und habe 
dann hier studiert, Physik, was ich drüben nicht konnte - die Sache 
mit der Meinungsfreiheit wurde damals ziemlich differenziert gese- 
hen. 

Hier im Westen war ich zunächst als Studierender parteilos, auch 
wenig interessiert, muß ich sagen. Als Jugendlicher, da schauen Sie 
den Mädchen nach, und dann hier die Neue Welt - das amerikani- 
sche Deutschland letzten Endes. Und wenn Sie dann eine Weile da 
sind, dann nehmen Sie an Wahlen teil, und zu Anfang habe ich CDU 
gewählt - der Gedanke der Partnerschaft mit Frankreich, Freund- 
schaft mit Amerika, auch die Eindämmung der Sowjetunion in den 
50er und den 60er Jahren. 

Frage: Die Partnerschaft mit Frankreich, die Freundschaft mit 
Amerika - das hat Ihnen damals also imponiert, das hat Ihnen gefal- 
len? Heute sehen die Republikaner das etwas anders. 
Herr A.: Damals gefiel mir das. Aber wenn Sie eine Weile im Westen 
sind, dann sehen Sie nicht nur die Lichtseiten, die man von drüben 
her sieht. Praktisch ist das so: Man sitzt in einem Keller und schaut 
auf die besonnte Straße hinaus. Im Keller ist es dunkel, und die Straße 
ist beleuchtet von der Sonne, die Alleebäume werfen Schatten, und 
die ganze Straße sieht aus wie ein Paradies. Jetzt ist man eine Weile 
auf dieser Straße und sieht dann doch den Staub, und auch den Son- 
nenglast und den Dunst und die brütende Hitze. Wenn man drinne 
ist, sieht es also ein bißchen anders aus, immer noch besonnt, und das 
Kellerverlies sieht aus wie ein schwarzes Loch von außen, obwohl der 
Unterschied so kraß nicht ist. Jedenfalls sehen Sie mit der Zeit Schat- 
tenseiten. 

Was für mich Schattenseiten waren: Zunächst mal Sachen, wo man 
sich nur ans Hirn greifen würde als normaler Zeitungsleser, als 
Jugendlicher auch, z. B. Haustürgeschäfte - Haustürgeschäfte, wo 
man sich dann von einem zungenfertigen Vertriebsmann über den 
Tisch gezogen sieht und nachher im Besitz einer Encyclopedia Britan- 
nica ist, 22 Bände, Stückpreis pro Band 200 Mark, ohne daß man von 
der englischen Sprache mehr als die Grundlagen verstünde. Von der 
SPD-Opposition hieß es damals, der Staat müsse dem einfachen Bür- 



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ger einen Schutz bieten, während von Regierungsseite gesagt wurde, 
das gehöre eben zur persönlichen Verantwortung. Das war eine Sache, 
die ich nicht einsehe, weil es den mündigen Bürger in dem Sinne nicht 
gibt. So wie man selber ist der Rest der Menschheit, und man ist eben 
nicht immer auf Zack, sonst gäbe es keinen Taschendiebstahl, keinen 
Betrug, Heiratsschwindel, Einbrüche - was man nehmen möchte. 
Frage: Aber man könnte doch sagen, die Haustürgeschäfte gehörten 
nun mal zur Gewerbefreiheit. Und es hat Sie niemand gezwungen, 
also müßten Sie sich selber den Vorwurf machen. 
Herr A.: Das war die Regierungsparole, ich konnte das auf den Tod 
nicht leiden. Nicht alle sind nämlich mündige Mitbürger, sondern im 
Gegenteil: Wir müssen ausgehen von einer geringen Aufmerksamkeit, 
und selber ist man ja auch in der Lage, daß man sich übers Ohr 
gehauen sieht. Und solche kleinen Dinge stießen mir damals doch 
erheblich auf - auch solche kleinen Dinge. Hinzu kam, daß dann die 
CDU zufällig damals nicht mehr solche Führungspersönlichkeiten 
hatte, wie Adenauer das von der DDR aus gesehen war. Es ging 
damals mit der CDU schrittweise bergab, da wurde noch mal der 
Wirtschaftsminster Erhardt aus dem Verlies gezogen, dann der frü- 
here baden-württembergische Ministerpräsident Kiesinger. 

Auf der Gegenseite aber war Willi Brandt, später Helmut Schmidt, 
vorher noch Erler - und da haben Sie einfach den Eindruck, da ist 
mehr Zack dahinter, das spricht junge Menschen mehr an. Und dann 
bin ich damals - immer noch als Parteiloser - SPD-Anhänger gewor- 
den. Als die SPD aber an der Macht war, zeigten sich sehr bald ihre 
Schwächen, vor allem die massive Einwanderungspolitik. Die Ein- 
wanderungspolitik hatte unter der CDU begonnen - angeblich wür- 
den wir so viele Arbeitskräfte brauchen, die bösen Deutschen wären 
zu faul, den Mülleimer wegzuschleppen, und man müsse in massivem 
Umfang Arbeitskräfte holen. 

Jetzt waren sie also da, ein Millionenheer. Es kommt der Regie- 
rungswechsel, und was macht die SPD? Sie macht Familiennachzug. 
Und da wurden aus 1,5 Millionen Arbeitnehmern 5 Millionen mit 
Familie, mit einer gefährlichen Entwicklung für Deutschland. Neh- 
men wir ein Beispiel aus der Botanik: Da haben wir ein Tulpenbeet - 
das deutsche Volk -, und da streuen wir dann Wildkräuter unserer Hei- 
mat aus. Dann wird noch schön gedüngt, und nach einiger Zeit ist von 
den Tulpen nichts mehr zu sehen, da wächst dann eben Vogelmiere, alles 
was man sich wünschen kann - nur eben das ursprüngliche deutsche 
Volk ist untergepflügt Jetzt könnte man sagen: Ist doch egal, wer hier 
wohnt, Türken oder Deutsche, das habe ich mir zum Beispiel von der 
SPD in Ludwigsburg sagen lassen müssen. Es ist doch Wurst, was 
haben Sie gegen die Türken. Es ist eine Art, ja - und das ist schon 
subjektiv gesagt - eine Art Allergie, die man kriegen kann mit der 
Zeit. Und zwar gerade dann, wenn Sie festgestellt haben, daß man ein 



74 



Gebiet, welches man als Heimat betrachtet, verlieren kann, zum Bei- 
spiel als Vertriebener. 

Frage Sie kommen doch aus Lodz. Haben Sie dort noch Polnisch ge- 
sprochen? 

Herr A.: Ich war noch zu klein gewesen, ich bin 1938 geboren, also 
ein Jahr vor Kriegseintritt, und 1945 war ich dann 6 Jahre alt gewesen. 
Meine Eltern zum Beispiel waren durchaus zweisprachig, untereinan- 
der sprachen sie zwar Deutsch, aber mein Vater war Arzt, und als 
Arzt müssen Sie mit dem Patienten in seiner Sprache sprechen. 
Frage: Man könnte doch sagen, daß Sie aus einem Gebiet kamen, wo 
die Deutschen in der gleichen Lage waren, in welcher heute die türki- 
schen Einwanderer hier sind. Es gab doch dort zwei Volksgruppen . . . 
Herr A.: . . . drei, drei Gruppen, die Semiten, Juden 
Frage: Gut, dann drei. Also in einem Gebiet mit drei Volksgruppen 
haben Ihre Eltern gelebt, Sie kommen von dort, warum könnte das 
kein Beispiel für die Bundesrepublik sein? 

Herr A.: Weil die Integration dort gescheitert ist. Die Judenvernich- 
tung hat nur klappen können durch den Antisemitismus der Polen. Wer 
das nicht glaubt - Sebastian Haffner schreibt darüber, ich denke in 
seinem Buch >Das Ende des Reichest Die Judenvernichtung konnte 
nur in Polen durchgeführt werden, einem traditionell antisemitischen 
Land. Und als das deutsche Reich zertrümmert war, hat man sich dann 
der Deutschen auch entledigt* Das heißt: Eine Integration fand nicht 
statt. Im Gegenteil - die Völker, die wollen nicht in einem Mischbrei 
leben, die wollen ihre Identität behalten. Das erleben wir heute, in 
diesen Jahren, immer stärker, in ganz unterschiedlichen Ländern der 
Welt. 

Frage: Aber wenn Sie an Amerika denken - das Land hat Sie früher 
fasziniert, wie Sie selber gesagt haben. Nun ist Amerika doch eine 
Nation, die daraus entstand, daß Menschen aus ganz verschiedenen 
Ländern zugewandert sind, und das Resultat war eine sehr erfolgrei- 
che Nation, oder würden Sie das heute anders sehen? 
Herr A.: Wenn wir Amerika heute betrachten, dann verliert es seine 
Vorbildfunktion. Wir sehen die Rassenprobleme, ich zumindest sehe 
sie. Wir sehen die Probleme der Südstaaten, wo die Weißen sich ver- 
wahren gegen immer mehr Neger auf ihrem Territorium. Und wir 
erleben das explosionsartige Wachstum der nichtweißen Bevölkerung. 
Amerika hat heute mehr Chinesen, Hongkong-Chinesen, Japaner 
und Koreaner als früher. Die ursprünglichen Bewohner Mittelafrikas, 
die Neger, die vermehren sich eben so, daß eine weiße Bevölkerung 
nach kurzer Zeit in die Minderheit gerät. Und es kann nicht unser 
Ziel sein, uns für Deutschland eine solche Zukunft vorzustellen. 
Frage: Die Einwanderungspolitik war also der Grund, weshalb Sie 
von der SPD enttäuscht waren. Haben Sie dann gleich Anschluß an 
national eingestellte Gruppen gesucht? 



75 



Herr A.: Eigentlich nicht direkt, als einzelner Zeitgenosse im Westen 
sind Sie ja stark vereinzelt. Ich war eben ohne Kontakt zu anderen, 
die eine ausgeprägte politische Gesinnung gehabt hätten. In meiner 
Altersgruppe nämlich - ich bin jetzt 51 - würden sehr viele sich als 
liberal bezeichnen. Ich sehe das im Kollegenkreis, ich sehe das im 
Bekanntenkreis, auch in der Familie, in der entfernteren Familie, auch 
wenn ich mit Menschen spreche. Die laufen nicht mit Scheuklappen 
herum und mit der Parole »national nach vorn<, sondern sie sind, wie 
sie selbst es sehen, weltoffen. Wie ich sagen würde: Sie sehen die Gefahr 
nicht. 

Und das ist eigentlich ganz klar. Nämlich wer merkt in einem Kino 
den Brand als erster? Derjenige, der schon einmal bei einem Brand fast 
zum Opfer wurde. Der springt auf und schreit >Feuer<. Zu einem Zeit- 
punkt, wo andere das leise Knistern, das bißchen Rauch noch gar 
nicht registrieren, ist er mit allen Sinneshaaren darauf eingestellt, wie 
wenn Sie auf den richtigen Knopf drücken. 

Frage: Sie wollen damit sagen, daß Sie besonders empfindlich gewor- 
den sind. Wodurch? 

Herr A.: Zum Teil durch den Verlust des Heimatgebietes. 
Frage: Aber Sie sagen selbst, daß Sie zu klein waren, um dort, wo Sie 
herkamen, noch Polnisch lernen zu können. Sie sind also schon sehr 
früh in die DDR gekommen. Würden Sie trotzdem Lodz als Ihre Hei- 
mat bezeichnen? 

Herr A.: Eigentlich nicht. Ich habe letzten Endes keine Heimat. Und 
das bißchen Deutschland, was wir hier im Westen haben, genau das wird 
uns auch noch streitig gemacht. Polen hat nach dem Krieg große 
Gebiete traditionell deutschen Landes gekriegt, mit Vertreibung der 
deutschsprachigen Bevölkerung, also Schlesien und dergleichen. Und 
jetzt hören wir von Polen nicht nur: Alle Grenzen in Europa sollen 
fallen, bis auf eine, die Westgrenze Polens nämlich, die soll turmhoch 
werden. Zum zweiten werden Reparationsforderungen erhoben, mög- 
lichst natürlich Schuldenerlaß. Und außerdem erleben wir, daß Bür- 
ger aus Polen in rauhen Mengen in die Bundesrepublik kommen. 
D. h. die Polen wollen uns den Rest unseres Gebiets auch noch streitig 
machen. 31 Auf dem Tulpenbeet ist aber nur für eine bestimmte Menge 
Pflanzen Platz. 

Frage: Aber bei den Aussiedlern aus Polen handelt es sich doch um 
Personen, die heute in der gleichen Lage sind, in der Ihre Eltern 
damals waren. 

Herr A.: Ich dachte im Moment an Asylbewerber. Wenn es den Rah- 
men des Interviews nicht sprengt: Bei den Einwanderern, die im 19. 
Jahrhundert aus Deutschland nach Polen kamen, heirateten die Prote- 
stanten meist in ihrer Volksgruppe. Die Polen waren nämlich katho- 
lisch, und in der evangelischen Kirchengemeinde waren also keine 
Polen. Die Protestanten blieben deutschsprachig und deutsch. Die 



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Katholiken aber fanden Anschluß an die schon bestehenden polni- 
schen katholischen Kirchengemeinden, und da gab es zwar deutsche, 
aber eben auch polnische Mädchen, und die Chance war groß, daß ein 
Deutscher eine Polin heiratete. Diese Familie hat sich dann nach ein 
oder zwei Generationen dem Polentum verbunden gefühlt, dem pol- 
nischen Volk, und sie ging damit dem deutschen Volk verloren. 

Als Polen 1939 besetzt wurde, gab es die sogenannte Volksliste, d. h. 
jeder Bürger mußte einen neuen Ausweis annehmen. Es gab die Mög- 
lichkeit für Deutsche, die dem Volkstum nach Deutsche waren, sich 
in die blaue Volksliste eintragen zu lassen - als Kinder von Einwande- 
rern oder sogar als Enkel von Einwanderern, aber von vier deutschen 
Einwanderern, nicht etwa, daß die Großmutter einen deutschen Ziegen- 
lx>ck gehabt oder mit einem deutschen Schäferhund geschäkert hatte. 
Diese blaue Volksliste war für Deutsche, die sich dem Deutschtum 
zugehörig fühlten, ohne Deutsche werden zu wollen. Man konnte als 
Deutschstämmiger allerdings auch den polnischen Ausweis anneh- 
men, und dann gab es noch die rote Reichsliste für Personen, die sich 
nicht nur dem deutschen Volk, sondern auch dem NS-Staat verbun- 
den fühlten. 

Die Besitzer der blauen Volksliste haben 1945 alle Polen verlassen. 
In der Stuttgarter Zeitung las man: Es ist möglich, ohne einen Tropfen 
Blutes deutscher Einwanderer in sich zu haben, Deutscher zu werden. 
Das geht so: Eine Polin hat einen Deutschen geheiratet. Dadurch wird 
sie deutsch, ihre Kinder aus erster Ehe werden auch deutsch. Jetzt läßt 
sie sich wieder scheiden oder der Mann ist gestorben. Dann lernt sie 
einen Polen kennen, der heiratet sie, wird dadurch auch deutsch, und 
so geht das dann rum wie eine Aids-Infektion. 

Frage: Sie würden also sagen, daß die Zugehörigkeit zum deutschen 
Volk wesentlich durch Abstammung bestimmt ist. Es gibt andere Vor- 
stellungen, in Frankreich zum Beispiel würde man sagen, daß ein 
Franzose derjenige ist, welcher in der französischen Kultur aufwuchs, 
die französische Sprache spricht und die französische Staatsbürger- 
schaft besitzt. Sie würden diese Auffassung nicht teilen? 
Herr A.: Vom Gefühl her nicht, obwohl das die Auffassung des 
Grundgesetzes ist. Wenn eine Schwalbe im Löwenkäfig ein Nest baut, 
sind ihre Kinder doch keine Löwen. 

Frage: Sie sprechen von verschiedenen Tiergattungen oder Arten, 
während man die Menschheit normalerweise als eine Gattung oder 
Art betrachtet. Aber das ist eigentlich nur wieder das Bild vom Tul- 
penfeld, wo keine anderen Pflanzen wachsen sollen. Das hat Sie also 
dazu gebracht, sich zu engagieren. Wurden Sie dann bei den Republi- 
kanern aktiv? 

Herr A.: Nein, schon vorher. Zuerst habe ich Leserbriefe geschrieben 
und zwar zu allgemeinen Themen. Wissen Sie: eben Protest. Wie 
heißt es doch bei Heinrich Heine-. Und es rissen mir die Knöpfe an 



77 



der Hose der Geduld. Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund 
über, und dann greifen Sie zur Feder oder zur Schreibmaschine. Und 
die Briefe wurden auch damals relativ breit abgedruckt. 
Frage: Auf welche Themen bezogen sich Ihre Leserbriefe meistens? 
Herr A.: Zum Teil auch auf Überfremdung, das muß ich ehrlich sagen, 
zum Teil auch Verkehrsberuhigung, zum Teil Flughafenausbau. Also 
sowohl kommunale Themen wie Themen, die mich selber betreffen. 
Zum Teil auch Themen, die gerade in der öffentlichen Diskussion 
waren, z. B. der Vietnamkrieg, nach der Devise >Bürger runter vom 
Balkon, unterstützt den Vietkong<. 

Frage: Fanden Sie den Protest gegen den Vietnamkrieg richtig? 
Herr A.: Ich fand ihn als Protest richtig in dem Sinne, daß das vietna- 
mesische Volk über sich selbst bestimmen soll: Invasoren raus. Die Ame- 
rikaner haben angeblich in Vietnam unsere Freiheit verteidigt, aber 
darüber hat sogar mein Vater, der damals noch lebte, gelacht. Und im 
Grunde genommen hat ja diese Feindhaltung zur Sowjetunion 
Deutschland nicht weitergebracht. Im Gegenteil, wir können froh 
sein, daß sich das so entwickelt hat mit Gorbatschow, es hätte auch 
in eine ganze andere Richtung gehen können. 

Nehmen Sie Rußland mal als Bär, dann stehen deutsche Politiker 
wie kleine Jungs vor dem Käfig, haben ein Stöckchen mit einer Spitze 
und sticheln. Und was macht der Bär? Er nimmt auch mal seine Tatze 
und haut zu. Ja, sagen sie dann, aber wir haben ihn doch nur gesti- 
chelt. Was ich damit sagen will: Es hätte schiefgehen können. Zum 
Glück haben wir heute die Raketenrüstung nicht mehr, diese Kurz- 
streckenraketen, diese Mittelstreckenraketen, die damals für teures 
Geld aufgestellt wurden, aber das ist ein Zufall, es hätte ganz anders 
ausgehen können. 

Frage: Also mit den Zielen der Friedensbewegung haben Sie sympa- 
thisiert? 

Herr A.: Mit der Abrüstung auf jeden Fall. Wir wollen doch nicht mit 
einer Siegermacht des Zweiten Weltkrieges auf einem anderen Fuß stehen 
als auf dem allerbesten. Das ist auch eine patriotische Haltung. Nämlich 
der Schutz des eigenen Volkes muß nicht nur den Bürgerkrieg abwen- 
den, sondern auch den thermonuklearen Raketenbeschuß. Und wenn 
Amerika seine Giftgaslager auf deutschem Boden hat und seine ther- 
monuklearen Waffen hier stationiert sind und wenn es dann mal pro- 
behalber rüberschießen könnte, ohne daß es vom amerikanischen 
Festland ausgeht, ist das eine schlimme Sache. Meine Haltung wäre 
also keine CDU-Haltung gewesen, vielleicht auch nicht ganz die Hal- 
tung der Friedensbewegung, die zu sehr auf einseitiger Abrüstung 
bestanden hat. 

Damals wurde ich angeschrieben von einer kleineren Gruppe von 
Leuten. Die hatten so eine Bürgerinitiative gegen Überfremdung 
gegründet gehabt - BUZ, »Bürgerinitiative Unsere Zukunft<. Sie 



78 



haben sich letzten Endes wenig artikulieren können, sie haben sich 
mit der Gewerkschaft angelegt im Raum Ludwigsburg. 
Trage: Gegen Überfremdung ganz allgemein, oder gab es ein 
bestimmtes Ziel, etwa das Ziel, eine Asylantenunterkunft zu verhin- 
dern? 

I lerr A.: Allgemein, auch gegen Türken. Im Grunde genommen ist, 
je fremdländischer jemand aussieht, desto starker die Chance, daß im 
anderen Menschen sich eine Abwehrhaltung aufbaut. Nämlich letzten 
Kndes der Ausländer, der aussieht wie wir, der verschwimmt, den 
können Sie gar nicht als Ausländer identifizieren. Man hat dann gar 
nicht die Allergie, die sich sonst ausbildet. Allergie richtet sich gegen 
Fremdstoffe. Sie kennen vielleicht den Ausdruck Soziobiologie - da 
wird versucht, die Verhaltensweisen, die in vielen Lebewesen, nicht 
nur im Menschen, angelegt sind, auf Menschen zu übertragen und 
auch Grenzen zu erkennen, die Beißhemmung und so was, verschie- 
dene Sachen. 

I rage: Aber die Deutschen sind doch eine sehr inhomogene Bevölke- 
rung, im Unterschied beispielsweise zu den Iren oder den Schweden. 
Wer aus Südbaden kommen, spricht meist nicht nur ganz anders als 
einer aus Ostfriesland, sondern er sieht auch anders aus - Sie können 
den Körperbau oder die Haarfarbe nehmen. Gibt es da also keine Pro- 
bleme, sich auf Grund äußerlich feststellbarer Gleichartigkeit als ein 
Volk fühlen zu wollen? Ist das nicht gerade bei den Deutschen ein biß- 
chen schwierig? 

Herr A.: Ganz klar, wir sind einer Meinung. Das hat mir zum Beispiel 
auch eine Kollegin erzählt - ich arbeite in einer größeren elektrotech- 
nischen Firma. Diese Kollegin war promovierte Physikerin und kam 
aus Madagaskar - hellhäutige Negerin. Die meinte auch, im Grunde 
genommen seien die Deutschen ein solches Mischvolk, wie es nur im 
liuehe steht. Bei ihr zu Hause sieht der Stamm eben aus wie ein 
Stamm, und der Nachbarstamm sieht wie der Nachbarstamm aus, die 
Bergbewohner mehr hellhäutig, und bei denen, die in den Sümpfen 
leben, dann mehr finstere Gestalten. Und das gleiche beobachten wir 
in Indien oder in Japan. Wir können sagen: Das ist ein Japaner, aber 
wir können in Deutschland nicht direkt sagen: Das ist ein Deutscher. 

Die richtige Haltung dazu wäre: Die rutschende Ladung noch festzu- 
halten. 

Frage: Also Sie meinen: Gerade deshalb, weil die Deutschen sowieso 
schon ein so inhomogenes Volks sind, müßte man zusätzliche Inho- 
mogenität verhindern. 

Herr A.: Das wäre mein Empfinden. Die andere Haltung wäre natür- 
lich: Na ja, laß rutschen dahin, bringt uns keinen Gewinn, wir 
machen so eine Allerweltsmischung - und verlieren dabei unseren 
Rest an Identität. Sie schauen in den Spiegel - und er bleibt leer. 
Gut, jetzt kann man sagen, wir gehen auf in dem Bevölkerungsbrei, 



79 



aber es bringt uns keinen Segen. Da habe ich letztens ein Buch gelesen 
mit dem Titel »Ethnisches Amerikas >Ethnic America<. Im Amerika- 
haus liegt es aus, es handelt von den einzelnen Gruppen, nach ihrer 
Volkszugehörigkeit sortiert - Semiten, Italiener, Neger, Hongkong- 
Chinesen, wo sie herstammen und wie sie sind - und geschrieben 
wurde das Buch von einem Neger. Er schreibt auch über die deut- 
schen Einwanderer, und zwar mit Mitgefühl. Zunächst, als ich das las, 
dieses Kapitel über Deutschland und Deutsche, da war ich eher entrüstet: 
Also was heißt hier Mitgefühl, wo bleibt da die Selbstachtung, sind wir 
soweit, daß ein Neger mit uns Mitgefühl haben muß? 

Er sagt, letzten Endes habe es sich für die Deutschen nicht gelohnt. 
Obwohl ihr Beitrag zum kulturellen Amerika, und zwar zur amerika- 
nischen Zivilisation, so groß ist, daß Amerika ohne sie, ohne den 
deutschen Beitrag, nicht mit den heute existierenden USA zu verglei- 
chen wäre hinsichtlich seiner Machtentfaltung und seiner Größe, hat 
es sich für die Deutschen nicht rentiert. In der Einkommensstatistik 
liegen die Deutschen genau in der Mitte zwischen den Semiten auf der 
einen Seite und den Exilkubanern auf der anderen Seite - trotz ihres 
Beitrags. Und wenn wir amerikanische Filme sehen . . . 
Frage: Warum beziehen Sie sich beim Einkommensvergleich auf 
Semiten? Die hinsichtlich Einkommen führende Schicht sind doch 
die WASPs (white anglo-saxon) von der Ostküste. 
Herr A.: Der Autor hat über den semitischen Bevölkerungsanteil 
geschrieben: They earn like WASPs, they vote - bei Wahlen und 
Abstimmungen - like Puertoricans. Er hat auch begründet, warum das 
bei denen so ist, hauptsächlich wegen der Berufe - Rechtsanwälte 
z. B., wissen Sie, da bleibt dann immer so einiges Geld hängen, und 
dann auch Film und Fernsehen, Metro Goldwyn, verschiedene 
Sachen, Zeitungsmagnaten, und das schlägt dann auf die Bevölkerung 
scheinbar durch. 

Bei der deutschen Bevölkerung ist das nicht der Fall. Ich sehe das 
manchmal in normalen amerikanischen Spielfilmen, und ich könnte 
mir vorstellen, daß mancher Bundesbürger das gar nicht mitkriegt: Der 
fette, schmerbauchige Hausmeister, blond wie *n Schweinchen, sieht aus 
wie Gert Frohe und kriegt nen Bauchschuß vom nächstbesten italieni- 
schen Gangster verpaßt und windet sich und versteht die Welt nicht 
mehr und läuft nur in Pantoffeln herum und strampelt mit den Füßen. 
Er wird überfahren, er ist manchmal auch der Bulle, der Feiste mit sei- 
nem achteckigen Käppi im Auto, und der wird vom zungenfertigen, 
schlagfertigen und drahtigen, gutaussehenden Hecht italienisch- 
spanischer Abstammung einfach an die Wand gedrückt. 
Frage: Woraus schließen Sie, daß die unsympathischen Figuren im 
amerikanischen Film immer deutscher Herkunft sind? 
Herr A.: Ich empfinde es sa Die anderen sind zum Beispiel eindeuti- 
ger, beispielsweise magere Typen mit asketischem Gesicht und dunk- 



SO 



ler Hautfarbe - das wären italienische oder spanische Einwanderer. 
I >ic sehen dann eben nicht wie Gert Fröbe aus, aschblondes Haar und 
Schmerbauch, von der Sonne gerötetes Gesicht, aufgedunsen. 
Trage: Aber in den USA leben doch Leute sehr verschiedener Her- 
kunft, und wenn sie aus Polen oder der Sowjetunion kommen, neigen 
sie vielleicht auch zu Leibesfülle und sind blond. 
I lerr A.: Aber die Deutschen haben finanziell keinen Erfolg gehabt, 
die Auswanderung in die USA hat ihnen keinen Segen gebracht. Im 
( legenteil, sie wurden verheizt auf den Schlachtfeldern der Welt. 
Frage: Doch nicht mehr als andere Amerikaner, oder? 
I lerr A.: Gute Frage. Ich nehme es an, aber ich weiß es nicht. Ich 
weiß nur, daß Japaner im Zweiten Weltkrieg interniert wurden, d. h. 
sie kamen nicht auf den europäischen Kriegsschauplatz. Denen wurde 
eben unterstellt, sich würden sich, wenn überhaupt, dann doch für 
ihre Heimat einsetzen und wären deshalb für die US-Armee unsichere 
Kantonisten. 

Frage: Die Amerikaner deutscher Herkunft wurden demgegenüber 
»loch als normale Amerikaner betrachtet, die Herkunft hat später gar 
nicht mehr interessiert. 

I lerr A.: Ja, die Bomberbesatzungen für Dresden, das waren dann zum 
Beispiel Deutsche, nicht nur, aber auch. 

Trage: Zurück zu Ihrer politischen Biographie. Sie waren bei dieser 
Bürgerinitiative, und haben Sie danach Kontakt zu den REPs bekom- 
men? 

Herr A.: Historisch gesehen war das so gewesen: Die Republikaner 
hatten sich gegründet gehabt in München, und die Überlegung war, 
daß man am besten vorankommt, wenn man schon vorhandene 
kleine Gruppen anspricht. Da wurden dann also verschiedene Grup- 
pen eingeladen, und in Stuttgart hatte auch die FDP Beobachter 
geschickt, außerdem waren Leute vom VDK dabei. Auch Leute, die 
ich eigentlich nicht kannte, waren dabei, Jugendliche mit Bomber- 
jacken, harmlose Leute eigentlich, die letzten Endes mehr unpolitisch 
sind. Jugendliche haben eben Abzeichen gern, und die gehen auch 
manchmal zur Punkszene, also zur Gegenseite. 

Da waren also verschiedene Gruppen gewesen, und es leuchtete uns 
i in, daß wir in einer kleinen Partei doch mehr bewegen würden denn 
als Bürgerinitiative, die einfach untergepflügt wird. Als Partei kann 
man bei Wahlen antreten, als Bürgerinitiative eben nicht. Damals war 
eigentlich noch nicht klar, in welche Richtung sich die Republikaner 
entwickeln würden. In Stuttgart gab es übrigens davor eine > Aktions- 
gemeinschaft vierte Parteis >AVP<. Diese AVP war eigentlich vor der 
Gründung der Grünen aktiv gewesen, hatte dann aber den Sprung 
nicht geschafft, und Mitglieder von dieser AVP, die es nun nicht mehr 
gab, waren anfangs auch zu uns, zu den Republikanern gekommen. 
El ging damals um die Gründung einer kleinen Partei rechts von der 



CDU, und vom eigenen Empfinden her mehr einer Art CSU. Der 
CDU wird ja vorgeworfen — Schicksal der großen Volkspartei - , 
daß sie den Spagat versucht. Sie will auf der rechten Seite national 
Gesonnene noch erreichen, aber auf der linken Seite Wechselwähler 
von SPD und FDP doch abknabbern. Und das kann sie eigentlich 
nicht mit einer einheitlichen Position machen, sondern indem sie 
unterschiedliche Politiker hinstellt, Dregger fürs Völkische beispiels- 
weise und Frau Professor Süssmuth für Wechselwähler, Frauenfragen 
und so was. Und angenommen nun, der bürgerliche Teil der CDU 
würde von außerhalb massiv unterstützt, dann würde er vielleicht 
innerhalb der CDU an Bedeutung gewinnen. Das war so ein bißchen 
der Gedanke gewesen damals bei der Gründung der Republikaner: 
Also eine kleine Partei zunächst, praktisch eine bundesweite CSU, 
aber dann doch mit dem Ziel der Unterstützung einer bürgernahen 
Politik für deutsche Interessen. 

Frage: Kostet das politische Engagement Sie nicht sehr viel Zeit? Man 
steht doch sowieso unter Berufsstreß, man hat Familie, haben Sie 
eigentlich noch Kinder im Haus? 
Herr A.: Ja, zwei. 

Frage: Sehen Sie, das kostet doch alles Zeit, und dann ist das politi- 
sche Engagement doch geradezu ein Opfer. 

Herr A.: Ja, sehen Sie, die Alternative für mich wäre: zu Hause im 
Sessel sitzen und sich ärgern über jeden zweiten Fernsehbeitrag, oder 
ein Blick auf die Straße genügt eigentlich schon, oder aber entspre- 
chend aktiv zu werden. 

Frage: Bei den Republikanern hat man als Außenstehender den Ein- 
druck, daß es ein starkes Niveaugefälle gibt zwischen der Führung 
und den gewöhnlichen Mitgliedern oder Anhängern. Die einen sind 
relativ weltläufig und gebildet, bei den anderen ist das eher nicht so. 
Sehen Sie darin ein Problem? 

Herr A.: Wissen Sie, das Schöne an solchen Interviews ist, daß man 
dabei manchmal den blinden Fleck im eigenen Auge entdeckt. Ich habe 
darin eigentlich weniger ein Problem gesehen, auch wenn ich mit Par- 
teifreunden manchmal grämlich spreche und dann eben hadere. 
Schönhuber hat es ja selber gesagt, daß der Versuch einer Intellektuali- 
sierung der Republikaner unternommen werden muß, und das würde 
in diese Richtung gehen. Die Mitglieder sollten auf die gleiche 
Bewußtseinsebene gebracht werden, wie vielleicht einige Aktive sie 
besitzen, und das würde heißen, daß auch eine gewisse Bildungsarbeit 
geleistet werden muß. Es genügt nicht nur, sich eine Meinung anzu- 
eignen, möglichst eine, die von Tatsachen ungetrübt ist, sondern im 
Gegenteil eine, die dann an den Tatsachen dran ist, vielleicht eine 
Deutung der Welt bringt, aber immer wieder an den Tatsachen sich 
messen läßt. 

Frage: Sehen Sie kein Problem hinsichtlich der sozialen Herkunft? 



K2 



Bildungsfragen werden innerhalb der Parteiarbeit allein nicht zu lösen 
sein, sondern sie hängen ab von den Schichten, die eine Partei 
anspricht. Solange die Leute, welche die Republikaner wählen und der 
Partei auch beitreten, sich aus Problemgebieten wie Großsiedlungen 
rekrutieren . . . 

Herr A.: . . . Batteriehaltung von Wählern, Wohnsilos 

Frage: . . . solange wird das Erscheinungsbild der Partei zwangsläufig 

diesen Gegensatz aufweisen. 

Herr A.: Ja, das ist ein Problem für uns. Angenommen, wir hätten 
einige Leute, die in der Lage sind, komplizierte Probleme verständlich 
darzulegen . . . 

Frage: . . . Ich meine das etwas anders. Da haben wir eine Partei, die 
Wert legt auf die Erhaltung des Volkes - und damit ist doch sicher 
auch die Erhaltung seiner Kultur, Tradition und Zivilisation gemeint. 
Nun bekommt diese Partei aber Zulauf aus Schichten, denen man 
nicht nachsagen kann, daß sie der Bannerträger deutscher Kultur und 
Tradition wären. 

Herr A.: Was Literatur betrifft, so gebe ich zu, daß Günter Graß 
nicht bei den Republikanern ist. 

Frage: Richtig, aber ein großer Teil Ihrer Wähler wird sich für 
Goethe exakt so wenig wie für Graß interessieren, sondern der interes- 
siert sich für Video. 

Herr A.: Das stimmt schon, vor einem Jahr zum Beispiel wollte 
Franz Schönhuber in Stuttgart eine Ansprache halten, und sie fiel 
dann zeitlich mit einem UEFA-Cup-Fußballspiel zusammen. Weil ein 
großer Teil unserer Anhänger auch Fußballanhänger sind, war der 
Andrang dann geringer als sonst. Den meisten Aktiven ist das zumin- 
dest halb bewußt, und das heißt auch, daß unsere Anhangerschaft poli- 
tisch eher harmlos ist. Sie jubeln jemandem zu, der es mal versteht, die 
Dinge ein bißchen auf den Punkt zu bringen, wie Franz Schönhuber zum 
Beispiel, sie freuen sich, wenn der politische Gegner stinkig und madig 
gemacht wird, es ist mehr diese Volksfestatmosphäre - möglichst Blas- 
kapelle und auf den Putz gehauen, Franz Joseph Strauß selig läßt grü- 
ßen. 

Im Grunde genommen sind viele unserer Anhänger nicht verbiestert, 
sondern die haben einfach Spaß an der Sache, und sie sind politisch an 
Einzelfragen gar nicht so sehr interessiert. Sie meinen eher: Die Regie- 
rung macht mit uns sowieso, was sie will, der sollte man mal einen 
Denkzettel geben. Und diese Wähler leben dann in Erwartung einer 
Wahl bereits in der Vorfreude, und deshalb auch manchmal der starke 
Unterschied zwischen Meinungsumfragen und Ergebnissen. Was wer- 
den Sie wählen? Ja, vielleicht Grüne diesmal, oder FDP, sagt der, und 
im Hinterkopf sagt der gleiche Mann: Hahaha, wenn der wüßte. Aber 
so dämlich, dem das auf die Nase zu binden, bin ich nicht. Dann 
kommt also die Wahl, und die ganze Woche lebt er in der Vorfreude. 



83 



Ich habe das beobachtet hier in Baden-Württemberg bei der Kommu- 
nalwahl in unserer Kantine. Wenn dann Kollegen, die ich nicht 
kannte, sich unterhalten haben, wie die Wahl ausgehen würde: Da war 
eine gewisse Schadenfreude - und dann kreuzen wir denen da oben 
aber eine rein. Die wissen, welche Partei auf der Speisekarte diejenige 
ist, welche die da oben am meisten ärgert, und über welches Ergebnis 
sich Presse, Funk und Fernsehen am meisten aufregen würden. Er 
wählt also REP, nicht weil er in der Wolle braungefärbt ist oder weil 
er von einem Groß-Israel nichts hält, sondern mehr von einem Groß- 
Deutschland. Sondern er wählt seiner diffusen Protesthaltung wegen, 
die sich letzten Endes gegen die da oben richtet. Und zu denen da 
oben gehört für solche Menschen eben auch das Establishment, also 
Presse, Funk und Fernsehen. — Kürzlich wurde in einer Fernsehdis- 
kussion bedauert, daß die REP-Wähler aufklärenden Artikeln über 
die REP so wenig zugänglich wären, weil nur 10 Prozent von ihnen 
überhaupt eine Zeitung lesen. 

Frage: Politik lebt von Gegensätzen, man kann ruhig auch von Feind- 
schaften sprechen, Kapitalisten gegen Kommunisten etc. Ganz offen 
gefragt: Wer ist Ihr Feind? 

Herr A.: Der Grundfeind? Ich würde meinen, das objektive Problem 
wären die vielen Ausländer. Das heißt also, daß eine menschliche 
Rückführung das Hauptproblem wäre. Das wäre aber nicht der Aus- 
länder als Feind, sondern als Problemfeld, welches wir angehen müß- 
ten. Und jetzt stellt sich die Frage: Wer wäre bei diesem Weg eventuell 
Bundesgenosse? Und da müssen wir sagen: zunächst keiner. Die CDU 
schwärmt von der Multikultur, die SPD ist internationalistisch bis auf 
die Knochen, der FDP ist sowieso alles egal, die Grünen sind von der 
Menschlichkeit bis zum Gehtnichtmehr angegrünt. Wer wäre auf 
unserer Seite? Keiner. Die Gewerkschaften — die schwärmen von den 
Ausländern. Die Kirchen - die reden von der Menschenliebe. Es gibt 
kaum Freunde für uns. Das ist das Grundproblem. 

Und wenn ich sagen sollte, wer der Hauptgegner der Republikaner 
ist: Das ist schwer auszumachen. Wir können nicht sagen: die böse 
CDU. Die CDU hat zwar den Geißler, aber der Geißler ist ja ent- 
machtet. Ich kann noch nicht einmal sagen: die SPD. Zwar hat 
Lafontaine gesagt, er wäre beliebig koalitionsfähig, nur mit REPs 
nicht. Aber was sollte er denn auch sonst jetzt sagen? Sollte er sagen: 
Selbstverständlich mit den Republikanern? Warum sollte er. Die FDP 
wiederum hat ihren Schwerpunkt in der Wirtschaftspolitik, wozu 
mein Standpunkt allerdings ist: Das ganze Hirn ist nichts, wenn das 
Herz fehlt. 

Die Lage ist heute ganz anders als in den zwanziger Jahren, als mit 
Prügelkommandos die Machtfrage auf der Straße angedacht und 
gestellt wurde. Wir haben heute allgemein nicht den Haß zwischen 
den Parteiungen in diesem Maße, auch bei den Republikanern nicht. 



84 



Ich zum Beispiel - ich sitze hier im Gemeinderat - habe , wenn ich 
so die Grünen sehe, immer den Eindruck, daß die größere Berüh- 
rungsängste haben als man selber. Ich will denen nicht auf den 
Wecker fallen und halte mich deshalb zurück, und das gleiche würde 
für die Sozialdemokraten gelten. 

Frage: Wenn es schwer zu bestimmen ist , wer der Gegner ist . . . 
Herr A.: . . . Alle, oder keiner. . . 

Frage: . . . dann fragen wir doch mal umgekehrt: Wie sähe Ihre 
Wunschvorstellung für Deutschland im Jahr 2050 aus. Also nicht: 
wogegen, sondern: wofür? 

Herr A.: Also praktisch: Herr Ober, was wünschen wir jetzt? Ein 
gebratenes, knuspriges Schweinchen, aber nicht zu klein. 

Es sollte außer Deutschen durchaus andere Völker geben in der Welt. 
Diese Völker sollten, jedes für sich, in ihrem Land leben und mit 
Deutschland freundschaftlich verbunden sein. Das deutsche Volk 
könnte in seiner Stückzahl durchaus heruntergegangen sein. Wir haben 
heute 60 Millionen Bewohner der Bundesrepublik, die sich hier auf 
den Füßen hemmtrampeln, davon vielleicht 50 Millionen Deutsche 
oder 55 Millionen, je nach Zählung... 

Frage: Sie finden also, daß die Bundesrepublik zu eng besiedelt ist? 
Herr A.: Es ist eng besiedelt, und letzten Endes: Das Boot ist voll. 
Da sind wir mit Lafontaine einer Meinung. Nur daß er diese Parole 
t ntdeckt, wenn es um deutsche Übersiedler geht, während wir sagen, 
daß die Drehtür erfunden werden muß: Da kommen dann zur einen 
Seite Deutsche rein, und zur anderen müssen Ausländer raus. Dann 
kann man das so herausschrauben. Wissen Sie, es darf auf keinen Fall 
eine Erhöhung der Einwohnerzahl sein. Wenn es keine Ausländer auf 
deutschem Boden geben sollte, was ja nicht zu machen ist - man hat 
ja manchmal ein Ziel, eine Marschrichtung, eine Wunschvorstellung 
- wenn man sie auf ein Drittel verringern könnte, das wäre schon ein 
ganz toller Erfolg. Dann könnte man sich überlegen, daß das deutsche 
Volk nicht wie jetzt 50 Millionen auf dem Territorium der Bundesre- 
publik . . . 

Flage ... Sie rechnen also noch ohne DDR, weil es nach der Wieder- 
vereinigung ja 75 Millionen wären. 
Herr A.: 65 Millionen 

Frage BRD 60 Millionen, DDR 16 Millionen, also 76 Millionen . . . 
Herr A.: . . . sagen wir mal 70 Millionen . . . 

Frage . . . und die DDR ist deutlich dünner besiedelt als die BRD. 
Wäre Ihr Problem also mit der Wiedervereinigung nicht gelöst? 
Herr A.: Ja, die Wiedervereinigung ist bestimmt eine schöne Vision, 
aber noch ist sie nicht ganz da. Aber nehmen wir doch mal nur das 
Territorium der Bundesrepublik. Angenommen, wir hätten im Jahr 
2050 statt 55 Millionen Deutschen nur 30 Millionen - das wäre nicht 
schlecht 



85 



Frage: Also auf eine möglichst zahlreiche Bevölkerung würden Sie 
gar keinen Wert legen? 

Herr A.: Im Gegenteil, Nämlich Lebensqualität hängt auch ab vom 
Lebensraum für jedermann. Und ich muß sagen, als Jugendlicher habe 
ich drüben in der DDR Bücher gelesen, die im Dritten Reich 
gedruckt worden waren, Restbestände in Bürgerhäusern und derglei- 
chen. Da war dann auch die Frage diskutiert worden >Volk ohne 
Raum<, und da wurde gesagt, Deutschland sei zu eng besiedelt, und 
es brauchte weiteres Gelände, möglichst Richtung Ukraine. Hitler hat 
es selber geschrieben, in »Mein Kampf <, wenn ich mich recht erinnere, 
und eine Verringerung der Zahl des deutschen Volkes ginge natürlich 
nicht. 

Da sagen wir vom heutigen Standpunkt aus: Wieso nicht? Im 
Gegenteil, es wäre eine sehr schöne Lösung. Aber es geht nicht in einer 
Welt, wo der Schwächere zugleich derjenige ist, der angefallen wird 
von allen anderen. Und das ist natürlich ein Problem unserer Welt im 
Moment: Die explodierende Bevölkerung in allen Nationen der Welt.* 2 

Nehmen wir also mal an, wir wären hier die Insel der Glückseligen 
mit Stahlmauern um das Territorium herum - was wir nicht sind -, 
dann wäre die Senkung der Bevölkerungszahl prima. 

Ist es dagegen so, daß der Kampf zwischen Süd und Nord losgeht in den 
Jahren, so ist man für jeden Soldaten dankbar. 

Und das ist ein ganz schwieriges Problem heute, daß diese beiden 
Zielrichtungen einander widersprechen. Was sollen wir machen? 
Frage: Also den Kampf zwischen Süd und Nord, hervorgerufen 
durch das Wohlstandsgefälle, den halten Sie für denkbar? 
Herr A.: Ich befürchte ihn sogar. Wir kennen das schöne Wort >Not 
kennt kein Gebot< - es wird manchmal sogar in Anzeigen vom Dia- 
koniewerk verwendet. Und wenn wir uns überlegen, wie eine solche 
Auseinandersetzung sich abwickeln wird: Also ich denke beispiels- 
weise mit Terror, Erpressung. Dann ist es beispielsweise nicht der 
Senegal gewesen, sondern eine Studentengruppe aus Heidelberg. Die 
hat Giftgaskanister mit Zeitzündern deponiert — vielleicht Senegale- 
sen, vielleicht auch junge Deutsche -, und diese Giftgaskanister wer- 
den dann geöffnet, wenn die Forderung nicht erfüllt wird. Die Forde- 
rung heißt: Ihr zahlt jetzt an den Senegal eine Milliarde Mark - in 
Lebensmitteln. Not kennt kein Gebot. 

Ich habe mir als Naturwissenschaftler und auch als technisch Inter- 
essierter mal überlegt, welche Waffen das dann wären - vermutlich 
Chemiewaffen. Bei Kernwaffen gibt es nämlich die Atomwaffensperr- 
verträge, das könnte man eventuell noch kontrollieren. Chemiefabri- 
ken dagegen kann man nicht kontrollieren, und die dritte Welt 
braucht Chemiefabriken, das ist sonnenklar, sie muß zum Beispiel 
Kunstdünger produzieren, und Sie wissen, daß man die Kunstdünger- 
herstellung leicht auf Sprengstoffproduktion umstellen kann. Die 



86 



/ weite Strophe ist: Man braucht Chemiefabriken zur Herstellung von 
Insektengiften, für die Bekämpfung von Malaria und dergleichen. 
Und in diesen Fabriken kann man auch andere Gifte herstellen. Hat 
man erst mal Großchemie installiert, dann kann man alles machen. 
Frage: Halten Sie es in diesem Zusammenhang nicht für besonders 
lahrlässig, daß bundesrepublikanische Firmen Libyen zu einer Gift- 
g.isfabrik verholfen haben? 

Herr A.: Ja - ich lese in der Zeitung davon - Chemiefabrik Rabda. 
Im Grunde genommen würden das andere genauso machen, mit dem 
gleichen Erfolg. Wir haben beispielsweise in Brasilien Atomanlagen, 
die auch von deutschen Firmen gebaut wurden, und Brasilien ist, 
meine ich, nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten, mit der 
Begründung, der sei von den Yankees diktiert. 

Und wenn ich zum Beispiel lese, nach Südafrika seien U-Boot-Pläne 
geliefert worden, und es herrscht in der veröffentlichten Meinung eine 
Entrüstung darüber - also wissen Sie, Negerbekämpfung mit 
U-Booten in Afrika, das ist eigentlich nur schwer zu verstehen. 
Frage: Kurz mal weg von der Politik. Was lesen, hören sehen Sie 
gerne, beispielsweise im Fernsehen . . . 
Herr A.: Miami Vice . . . 

Frage: Also keine Bedenken, wie sie manchmal von den Republika- 
nern geäußert werden, Bedenken wegen der Überfremdung hiesiger 
Kultur durch amerikanische Serien? 

Herr A.: Doch, aber an anderer Stelle. Wenn ich zum Beispiel im 
Auto ein bißchen Musik hören will, habe ich die Wahl zwischen Wer- 
bereklame, dem Wetter von ganz Europa mit Wasserstandsmeldungen 
kombiniert oder Musik in englischer Sprache, von Negern vorgetra- 
gen. Und ich muß sagen, das widerstrebt mir. Ich muß das entrüstet 
jedesmal wieder ausschalten, und zwar ganz egal, welche Sender ich 
antaste. Auf keinem kriege ich ein Programm, welches mir halbwegs 
gefallen würde. Das wäre zum Beispiel ein Musikprogramm ohne 
Werbung. 

Frage: Und um welche Art von Musik sollte es sich dabei handeln? 

Die Hitparade mögen Sie nicht, weil die Interpreten oft Schwarze 

sind. Stört es Sie eigentlich nicht, daß in Miami Vice einer der beiden 

Helden ebenfalls ein Schwarzer ist. 

Herr A.: Ach nein, nicht solange er in Amerika lebt 

Frage: Und welche Musik mögen Sie? 

Herr A.: Allgemeine Unterhaltungsmusik. Wissen Sie, wenn die 
Leute älter werden, dann mögen sie immer noch die Musik, die sie in 
der Phase gehört haben, von der sie geprägt wurden: allgemeine Tanz- 
musik eben, auch Operetten, beliebige Instrumentalmusik, und 
komischerweise muß ich sagen: Im Werbefunk da kommt sie, nur im 
normalen Programm nicht. 
Ich kaue zufällig keinen Kaugummi, aber Cola trinke ich ganz gern. 



S7 



Und hier, der Kaffee, er wird ja in Brasilien hergestellt, das ist eine der 
ganz tollen Sachen, die wir hier in der Zivilisation haben, daß es Kaf- 
fee gibt aus fremden Ländern. 

Frage: Und beim Lesen, haben Sie bestimmte Lieblingsautoren oder 
Genres? 

Herr A.: Selbstkritisch muß ich bekennen, daß ich sehr stark lese. Ich 
bin als Einzelkind groß geworden, und da war das für mich eigentlich 
ein Fenster zur Welt. Ich habe mit fünf Jahren lesen gelernt, und zwar 
zu Hause, mehr auf eigene Faust. Meine Mutter hatte mir eine Fibel 
vermacht, und ich hatte mir dann die Buchstaben erklären lassen, 
d. h. bei mir gibt es einen gut ausgebauten optischen Kanal. Früher habe 
ich Berge von Science-fiction gelesen, utopische Romane. Wenn man 
fragt, was wird da gebracht: einerseits diese Visionen, andererseits 
wurden in den 60er Jahren, dem >golden age of science-fiction«, da 
auch Zivilisationsprobleme abgehandelt und durchgekaut. Und es ist 
wichtig, auch eine Art Spielwiese für die eigenen Gedanken zu haben. 
Dann Berge von Kriminalromanen, außerdem zwei Tageszeitungen. 
Ich lese, wenn ich drankomme, auch die Zeitung >Die Zeit<, aber 
mehr so angelesen, außer wenn ich speziell auf einen Artikel auf- 
merksam gemacht wurde. Ich habe ferner abonniert das >Spektrum 
der Wissenschafts das ist die deutschsprachige Ausgabe von »Scientific 
America<, um auf dem laufenden zu bleiben über allgemeine Natur- 
wissenschaft und Technik. Und was ich noch gern lese, ist Ernst 
Jünger. 

Frage: Vorbilder, Idole, Ideale - gibt es so was? 
Herr A.: Eines wäre Bismarck - dessen Werke habe ich übrigens 
auch gelesen. Es hat mir als Jugendlicher imponiert, und auch jetzt 
im fortgeschrittenen Alter, mit 51, daß ein Mann es schaffte, auf 
eigene Faust im Alleingang so etwas zu machen, was der Wunsch des 
deutschen Volkes gewesen war und wofür so viele ihr Herzblut gege- 
ben hatten, ohne es zu schaffen, dieses gewaltige Deutschland. 
Frage: Aber Bismarck wird von manchen doch vorgeworfen, daß er 
nur die kleindeutsche Lösung herbeigeführt habe. 
Herr A.: Klar, aber man muß mit der Realität leben. Im Grunde 
genommen aber müßte es die Möglichkeit geben, daß alle Menschen einer 
Sprache sich vereinen können zu einem großen, föderalistischen Staat. 
Dieser Staat muß nicht nur beschränkt sein auf die Menschen einer 
Sprache, es könnte auch die gleiche Ausrichtung sein, zum Beispiel 
die Nordländer. Aber die Sprache ist doch ein einigendes Band, oder, 
wie wir von früher her wissen: das Volk als Schicksalsgemeinschaft. 
Frage: Aber wenn es die Sprache ist, welche die Einheit des Volkes 
bewirkt, dann dürfte ihnen die Einwanderung heute nicht so viel Sor- 
gen machen. Die Eltern sprechen zwar meist miserables Deutsch, aber 
schon die Kinder, die hier aufwachsen und die Schule besuchen, sind 
pcrteKt. 



Herr A.: Ja, es sind ja auch in früheren Jahren Menschen zum deut- 
schen Volk gestoßen. Wir sehen zum Beispiel im süddeutschen Raum 
häufiger Leute, die haben nicht wie Sie blaue Augen, sondern braune 
Augen, die haben einen dunklen Teint und eher schwarze Haare. Und 
wenn wir dann mal nachfragen, dann ist das eine schwäbische Familie, 
wo der Vater in Stalingrad geblieben und der Großvater in der 
Somme-Schlacht verblutet ist. Wissen Sie, es waren Einwanderer, viel- 
leicht aus Italien um 1870, aber die haben ihren Eintrittspreis in Blut 
und Knochen gezahlt, und zwar in Kilogramm Lebendfleisch. Wo bleibt 
der Preis, wenn eine türkische Familie hierher kommt? Keiner! Nulltarif} 
Und das ist ein solches Unrecht und eine solche Ungerechtigkeit, die zum 
Himmel schreit! 

Frage: Wenn man so argumentiert, dann müßte man doch sagen, es 
blieb diesen türkischen Einwanderern heute die Gelegenheit . . . 
Herr A.: ... verwehrt 

Frage: . . . oder erspart, den Preis zahlen zu können, weil es noch kei- 
nen Krieg gab. Und die italienischen Einwanderer um 1870 sind wohl 
nur der unbedeutendste Teil, ganze Gebiete wie das Ruhrgebiet oder 
wie Berlin sind doch von Einwanderern, hauptsächlich aus Polen, 
besiedelt worden, wie man das heute noch an den Namen erkennt. 
Ihrer Ansicht nach sind die nun Deutsche dadurch geworden, daß sie 
diesen Eintrittspreis zahlten... 

Herr A.: ...Jawoll, zwei von fünf müssen umkommen, für Deutsch' 
land! Was meinen Sie, was die Neger dazu sagen würden? 
Frage: Aber das hängt doch weniger vom freien Willen des einzelnen 
ab, sondern wenn ein Krieg im Gange ist, werden eben die Bürger als 
Soldaten rekrutiert. Noch ein Punkt: Sie sprachen ganz am Anfang 
von der Identität, die einem verloren ginge durch die Einwanderung 
und die davon hervorgerufene stärkere Inhomogenität, und Sie 
erwähnten in diesem Zusammenhang den leer bleibenden Spiegel. Da 
könnte ich nun ganz platt sagen: Wenn ich in den Spiegel schaue, 
dann sehe ich mich, die Person Pohrt, wie sie heute aussieht . . . 
Herr A.: Herrn Doktor Pohrt.. 

Frage: . . . Nun ja, den Doktor sehe ich eigentlich nicht im Spiegel, 
da sehe ich nur mein Gesicht, und die Nationalität sehe ich eigentlich 
auch nicht im Spiegel. 

Herr A.: Der Spiegel ist auch der Strom der Entgegenkommenden 
auf der Straße. In Frankreich haben wir doch auch das Phänomen, 
daß zwei Drittel der Bevölkerung nicht auf der Seite der Regierung 
stehen, sondern auf der Seite der nationalen Identität, und daß die 
Bevölkerung sagt: Wir haben zu viele Neger, zu viele Algerier, zu 
viele Marokkaner im Land. Und im Grunde genommen fragt man 
sich doch: Ist eine Regierung befugt, gegen den Willen der Bevölke- 
rung zu agieren, und auch gegen die Interessen der Bevölkerung? Im 
Grunde genommen ist das, muß ich sagen, eine zutiefst zu kritisie- 



89 



rende Haltung, gegen den Willen und gegen die Interessen der Bevöl- 
kerung zu handeln, und zwar um der Ideale willen, beispielsweise des 
Internationalismus, auch der Aussöhnung zwischen den Völkern. 
Und da würden wir doch sagen: Das darf nicht sein. Diese Machtvoll- 
kommenheit hat zwar eine Regierung, aber sie muß für das Volk da 
sein, nicht gegen das Volk. Die Ideale sind für das Volk da, nicht das 
Volk für die Ideale. 

Wenn der Herr Bundespräsident zum Beispiel eine kritische Hal- 
tung zu Deutschland einnimmt - nicht das deutsche Volk ist für den 
Bundespräsidenten da, sondern er in seiner Person als Funktionär, als 
Funktionsträger für das deutsche Volk, und zwar für die Interessen 
des deutschen Volkes. Wenn er also ehrlich sein will und eine kriti- 
sche Haltung einnehmen möchte, dann kann er sie ruhig einnehmen 
für seine Person, für seine Familie, für seinen Vater, den Herrn Staats- 
sekretär, diese angebräunte Familie dort, diese Goldfasane, die nicht in 
den Schlachtfeldern Flanderns waren, sondern in relativer Sicherheit in 
Berlin lebten - Reichskanzlei, Auswärtiges Amt, so was -, und nicht 
umgekehrt. Es ist unsolidarisch. Und im Grunde genommen, wissen 
Sie, müßte ein Regierender, einer, der Macht ausübt, die Haltung einneh- 
men des Vaters zu seinen Kindern - der Schutz seiner Menschen. Und 
ich denke, das wäre eine ganz wichtige Haltung auch für Deutschland 

Jetzt sagt man vielleicht: Das hieß doch im Dritten Reich genauso. 
Aber das war eine andere Zeit, das Vorfeld waren die 20er Jahre, die 
Zeit der Bitterkeit nach dem Ersten Weltkrieg, des Bürgerkrieges 
nachher, und dann die Nacht der langen Messer, also eine andere 
Grundhaltung. Hier ist es also mehr die Glucke und ihre Küken, auch 
die Kaffeemütze auf der Kanne - nicht, daß Sie mich jetzt als Schlaf- 
mütze ansehen. 

Frage: Wenn wir noch mal auf die Einwanderer zurückkommen, so 
müssen Sie doch konzedieren, daß die nicht aus Gründen eines altrui- 
stischen Humanismus eingeladen worden sind, sondern zu dem 
Zweck, das Sozialprodukt zu mehren. 
Herr A.: Ja, das war die Begründung gewesen. 
Frage: Und sie meinen, daß es in Wahrheit andere Gründe gab? 
Herr A.: Japan zum Beispiel war in der gleichen Lage, mehr Produk- 
tionsaufträge als Arbeitskräfte zu haben, und Japan hat keine Einwan- 
derung zugelassen, obwohl man dort auch Koreaner hätte nehmen 
können. Die Japaner haben einerseits Industrieexport gemacht, also 
Taiwan, Hongkong und so was, und zum anderen Rationalisierung 
und Automation. Die Japaner brüsten sich heute noch damit, daß ein 
Teil des japanischen Fortschrittes nur dem zu verdanken sei, daß 
Japan als Nation unverfälscht geblieben ist, kein Melting Pot, zum 
Arger der USA, es gab da letzthin Auseinandersetzungen zwischen 
der japanischen und der amerikanischen Regierung. 
Als Deutschland also vor demselben Problem wie Japan stand, 



90 



wurde hier in einem Akt vorauseilenden Gehorsams die Melting-Pot- 
Strategie praktiziert - kommet alle her zu mir, die ihr beladen seid, 
ich will euch erquicken... 

Trage: Mit vorauseilendem Gehorsam ist solcher gemeint, der sich 
den USA unterwirft? 

I lerr A.: Ja. Denn das war ja auch das erklärte Kriegsziel Amerikas 
gewesen, von Roosevelt selber proklamiert. Roosevelt hat gesagt, daß 
dann, wenn nach dem Krieg wieder ein Deutschland existieren würde, 
man es daran messen müßte, inwieweit dann Leute - er hatte da Semi- 
ten im Auge gehabt - sich hier frei auf den Straßen bewegen könnten, 
ohne irgendwie schief angeguckt zu werden. Deswegen dann auch 
gleich solche Strukturen im Grundgesetz und dergleichen. 
Frage: Sie sprachen gerade von Semiten, und das ist doch in anderen 
Kategorien als denen der Staatsbürgerschaft gedacht. Deutsche Semi- 
ten gäbe es ebenso, wie es deutsche Alemannen gibt, deutsche Schwa- 
l>cn, Nordfriesen etc. 

Herr A.: Ich möchte es genau sagen und überlege, wie ich einen Ansatz 
machen kann. Es ist ja nun ein Volksstamm und zugleich eine Religion, 
und zwar eine Nationalreligion, wie der Katholizismus in Polen. 

Ein anderes Beispiel, ein Gegenbeispiel wären die Hugenotten, die 
.ils Einwanderer aus Frankreich nach Deutschland kamen. Bernt 
l'jigelmann bemeckert es in seinem Buch Deutschland ohne Juden<, 
wieso man eigentlich in ganz Deutschland zu keiner Zeit etwas gegen 
I lugenotten gehabt hätte. Und das ist eine ganz interessante Frage. 
I )ie Frage ist nämlich toller, als Bernt Engelmann meint. 
Frage: Inwiefern? 

Herr A.: Weil nämlich die Hugenotten in Deutschland bis zum heuti- 
gen Tag den besten Eindruck gemacht haben. Wir haben aus dem 
Ersten Weltkrieg Jagdflieger - Galant zum Beispiel -, die Hugenot- 
ten waren. Die waren im allgemeinen auf einer sehr patriotischen 
Grundschiene, während das von der Mehrzahl des jüdischen Volkes 
nicht gesagt werden konnte, im Gegenteil, dort sah man mehr die 
Stammeszugehörigkeit. 

Wir haben das ja sonst auch in der Bevölkerung. Eine Studentenver- 
bindung zum Beispiel, heißt es, lohne sich, weil die Alten Herren lei- 
tende Stellungen in den Firmen haben und weil sie einen aus der glei- 
chen Verbindung nachziehen würden. Das ist natürlich prima für die 
Verbindung, aber böse für die Gesamtheit. Die Seilschaften, die sich 
da ausbilden, wo einer den anderen nachzieht, das macht natürlich in 
Völkern böses Blut. Und wenn dann beispielweise noch ein bestimm- 
ter Satz von kriminellen Neigungen hinzukommt . . . 
Frage: Sie lehnen Burschenschaften grundsätzlich ab? 
Herr A.: Ich sehe sie eigentlich wertfrei, aber man muß das so sehen, 
daß es Seilschaften auch in anderen Bereichen gibt, nur eben geht das 
auf Kosten der Gesamtheit des Volkes. 



91 



Frage: Und das würden Sie nun auch den Juden vorwerfen, daß sie 
eben Seilschaften bilden? 

Herr A.: Ja, oder gebildet haben. Wenn ich zum Beispiel bei Bernt 
Engelmann lese, daß 80 Prozent derer, die überhaupt in der Großstadt 
Glanz und Namen hatten, Semiten gewesen waren, dann gibt einem 
das zu denken. Die Semiten stellten ja nicht 80 Prozent der Bevölke- 
rung. Wir wissen aus dem Amerika der 70er Jahre: Reichtum sind die 
Ersparnisse vieler in den Taschen weniger. Und daß das böses Blut 
macht, das ist eigentlich nachvollziehbar. 

Frage: Obwohl man sagen könnte, die Existenz von Arm und Reich 
oder die ökonomische Ungleichheit sei das Funktionsprinzip aller 
bisherigen Gesellschaften. 

Herr A.: Böses Blut macht es, wenn der Reichtum mit einer identifi- 
zierbaren Gruppe zusammenfällt. Ein anderes Beispiel dazu: Als die 
Negerstaaten in Ostafrika selbständig wurden, da haben die gesagt: 
Inder raus. Nun könnte man fragen: Was haben die gegen Inder, und 
da war die Antwort: Die Inder hatten auch den Handel in der Hand, 
und da hat eben der Vetter und der Schwager ebenfalls den Handel 
in der Hand gehabt. Die Inder bildeten praktisch das Establishment. 
Und dann kommt der Klassenkampf als Rassenkamp/. 

Erstaunlicherweise werden diese einfachen Sachverhalte in der deut- 
schen Publizistik ignoriert. Da wird beispielsweise beklagt, wie den 
Juden im Dritten Reich übel mitgespielt worden wäre, und auch 
Judenhaß wird eventuell noch beklagt, aber schon mehr durch die 
Blume. Aber was dazu führt, das wird eigentlich gar nicht binterfragt. 
Da wird eigentlich unterstellt, das sei schon früher so gewesen, und 
das wäre doch dann eigentlich um so schlimmer. Und wenn wir von 
kriminellen Neigungen sprechen: Da genügt ja ein kleiner Prozent- 
satz dieser identifizierbaren Gruppe. Wir wissen aus einer Vielzahl 
von Späßen: Die Schotten sind geizig. Im Grunde genommen besagt 
das über den einzelnen Schotten noch gar nichts, der lebt vielleicht 
in Saus und Braus. Aber wenn eine Gruppe so ein Etikett gekriegt 
hat, ist es gefährlich, wenn sie sich von dem Etikett nicht ganz 
befreien kann. 

Hinzu kam in den 20er Jahren noch eine andere Sache - ich 
fürchte, ich bin da zu ausschweifend bei dem Thema, aber vielleicht 
ist es interessant, allgemein objektiv interessant. Nehmen Sie die Welt 
der Literatur, einen Autor wie Tucholsky, den ich ganz gut leiden kann, 
Sie wahrscheinlich auch. Er hat eine flotte Schreibe und ist unterhalt- 
sam zu lesen. Er schreibt: Irgend jemand sagt was gegen den Waffen- 
ruhm des deutschen Soldaten, und halb Deutschland sitzt auf der 
Couch und ist beleidigt. Eben. Er nicht. Er empfindet die Beleidigung 
auch gar nicht - es ist nicht sein Volk Wissen Sie, es fehlt die Identifi- 
zierung, und deshalb ist er nicht beleidigt, im Gegenteil, er sieht es 
wertfrei. Und da kommt dann eines zum anderen. Oder nehmen wir 



92 



Sigmund Freud, diesen Pionier der Psychoanalyse. Neulich stand in 
der »Stuttgarter Zeitung«, er habe sich da irgendwelche Gelder geben 
lassen wollen, aber wissen Sie, kein Mensch ist frei von Schatten. Aber 
damals die Ödipustheorie, die dann im nachhinein, in der heutigen 
Psychoanalyse, eigentlich zurückgenommen wird - da wird unter- 
stellt, der kleine Junge sei auf seinen Vater eifersüchtig, und er möchte 
selber mit der Mutter schlafen, und das sei eben die Grundlage für 
den Vaterhaß, und der sei in allen Familien vorhanden. Die einzelnen 
lUirgersfamilien in Deutschland, durch den Ersten Weltkrieg gebeu- 
telt, durch die Arbeitslosigkeit gebeutelt, durch die Inflation gebeu- 
telt, und das bißchen was sie noch haben, das Familienglück - der Tep- 
pich wird ihnen noch unter den Füßen weggezogen. Im nachhinein stellt 
sich raus: Es stimmt gar nicht. (Unverständliches Glucksen, Herr A. 
imitiert die Imitation des jüdischen Tonfalls.) Und wenn so einer wie- 
derum einer Gruppe angehört, die identifizierbar ist, summiert sich 
das Ganze nachher. 

Trage: Warum sind nur die Juden eine identifizierbare Gruppe? 
Warum spricht man nicht von Bayern, Schwaben, etc.? 
Herr A.: Wegen der Religion und dem stärkeren Zusammengehörig- 
keitsgefühl. Wenn neue jüdische Einwanderer kamen, fanden die 
zunächst beim Rabbiner Unterschlupf. Und dann sieht der einzelne 
Bürger, der vielleicht arbeitslos ist: Der Taschendieb ist Jude, und spä- 
ter liest er in der Zeitung: Der, der mit unterschlagenem Geld ins Aus- 
land verduftet ist, ist auch ein Jude. Und dann sagt er sich: Aha, jetzt 
sehe ich aber eine Karriere. 

Trage: Sie argumentieren jetzt etwas zweigleisig. Sie nennen Gründe 
für die Entstehung von Vorurteilen, und man weiß nicht, ob Sie das 
Vorurteil kritisieren oder legitimieren wollen. Sie sagen: Nur deshalb, 
weil der Reichtum zufälligerweise mit einer Gruppe identifizierbar 
ist, ruft er Ressentiments hervor, während man sich sonst mit der 
Ungleichheit von Arm und Reich abfindet. 

Herr A.: Die Frage also, ob ich das Vorurteil kritisiere oder ob ich 
es teile, eigentlich als Urteil akzeptiere. Also man findet sich mit der 
Ungleichheit nur in der Erwartung ab, daß wir selber als Privatperso- 
nen Zugang zur statistischen Gruppe finden könnten. Wenn die 
Gruppe hingegen stark untereinander gluckt, ist der Zugang schwer. 
Das ist eine Teilfrage zum Thema, warum nie Hugenotten angefeindet 
wurden, eben deshalb nicht, weil sie Deutschland ganz anders sahen. 
Und es ist ein Hinweis auf die Schwierigkeit des Ausländerproblems 
heute. Das waren damals ja winzige Gruppen, ich habe mal gelesen, in 
Deutschland lebten damals 100 000 oder 150 000 Juden, nicht mehr. 
Und heute haben wir fünf oder zehn Millionen Ausländer auf deutschem 
Hoden. 

Das rappelt sich zu Problemen zusammen, und zwar zu unlösbaren 
Problemen. Wir haben in den Bundesrepublik heute einen überho- 



93 



hen Lebensstandard, eine überhitzte Wirtschaft, eine Konjunktur, die 
ihresgleichen sucht. Nehmen wir mal an, das ist eines Tages nicht 
mehr der Fall. Die Konjunktur läuft nicht mehr, die bundesdeutschen 
Firmen würden gern weiterhin exportieren, aber die Staaten der drit- 
ten Welt können nicht bezahlen. D. h. der Export stagniert oder 
bricht zusammen. Um die verbleibenden Weltmärkte, beispielsweise 
ölexportierende Länder - wir verbrauchen stark Öl - entbrennt ein 
furchtbarer Kampf . Dann wird es eine furchtbare Lage, und dann sind 
weiterhin die ausländischen Bevölkerungsgruppen auf deutschem 
Boden. 

Frage: Und Sie befürchten dann bürgerkriegsähnliche Unruhen? 
Herr A.: Ja, in der Linie Arbeitslosigkeit, sinkender Lebensstandard, 
Sündenböcke - da kommt dann eins zum anderen. 
Frage: Sie sprechen von Sündenböcken. Ein Sündenbock ist einer, 
den ich zu meiner Entlastung verantwortlich mache, obwohl er nicht 
schuld ist. Also müßte man doch eigentlich die Bevölkerung darüber 
aufklären, daß an der Wirtschaftskrise nicht die Ausländer schuld 
sind. Wie meinen Sie das? 

Herr A.: Die sind aber schuld. Wären sie nicht auf deutschem Boden, 
dann wäre mehr da für jedermann. Deutschland kann zum Beispiel 
mit seiner landwirtschaftlichen Produktion sich nicht selber ernäh- 
ren. Zwar stammen 90 Prozent des in Deutschland verzehrten Schwei- 
nefleisches aus deutscher Produktion, aber die Futtermittel - Soja- 
bohnen - müssen importiert werden. In der verstädterten Welt, wo 
wollen wir unsere Weizenfelder anlegen, wenn jetzt die letzten freien Flä- 
chen im Raum Baden-Württemberg zubetoniert werden? 

Gemeinsam verläßt man das Cafe, Herr A. kommt auf die Wahlnie- 
derlagen zu sprechen, welche die Republikaner gerade hatten hinneh- 
men müssen. Traurig ist er darüber nicht, ganz im Gegenteil: Alles, 
was in den Zeiten der großen Erfolge an Morschem hinzugekommen 
sei zur Partei, würde nun wieder von ihr abfallen, besonders würden 
die Karrieristen sich wieder zurückziehen, die drauf und dran waren, 
»uns unterzubuttern«. 

Zu dieser rialtung paßt es, daß Herr A. aus eigener Initiative die 
Wiedervereinigung nicht einmal erwähnt und sie, als er darauf ange- 
sprochen wird, mit der Formel >eine schöne Vision* auch schon wie- 
der wegschiebt. Sein Wunsch ist eigentlich nicht das riesige Volk in 
einem riesigen, starken Reich, sondern die restlos entvölkerte Erde, 
die 30 Millionen auf dem Territorium der BRD mit der Stahlmauer 
drumherum können nur eine Übergangslösung sein. 



94 



Vollstrecken und hinrichten 
( icspräch mit Herrn B. 

I lerr B. ist 24 Jahre alt, von Beruf Programmierer, und er wirkt wie 
ein etwas blasser Junge: schmächtig, unscheinbar, unsicher, unerwach- 
sen, kurzhaarig, bebrillt, schmallippig, das Gesicht eher maskenhaft 
und von ungesunder Farbe. Er sieht humorlos aus, lächelt trotzdem 
viel, kann es aber nicht, er spricht einen gehetzten Dialekt und ver- 
schluckt dabei Silben und ganze Wörter. Er scheint unter Streß zu ste- 
llen, ohne dabei fahrig, nervös oder aggressiv zu werden, aber der 
Widerspruch führt nicht dazu, daß die Person vor angespannter 
Selbstbeherrschung vibriert und dadurch den Eindruck von großer 
Präsenz und innerer Kraft vermittelt, sondern in der äußeren Ruhe, 
fast Laschheit wirkt sie chaotisch, unaufgeräumt, zerfallen und, wie 
Scliultz-Gerstein einmal über Michael Kühnen schrieb, »wie einge- 
luinkert«. Auffallend an den Gesichtszügen ist, daß man nachher 
nicht weiß, ob sie als freudlos-asketisch zu bezeichnen sind, weil man 
sie zugleich als rundlich erinnert und diese Rundlichkeit wiederum 
mit Wohlgenährtheit nichts zu tun hat. 

An einer Fachhochschule, wo sein Vater unterrichtet, hat Herr B. 
Wirtschaftsinformatik studiert, nebenbei schon für die Softwarefirma 
gearbeitet, bei der er noch beschäftigt ist. Mit einem breiten Grinsen, 
aber nicht prahlerisch, erzählt er, daß er dort schon das Gehalt eines 
promovierten Informatikers bezog, bevor er überhaupt ein Diplom 
hatte. Trotz der Doppelbelastung von Job und Studium hat er dann 
den besten Abschluß seines Jahrgangs gemacht. Ein wirtschaftswis- 
senschaftliches Fernstudium ist sein nächstes Ziel. 

Während besonders die Älteren unter seinen Parteifreunden bei den 
Skalensätzen nicht an Zustimmung sparten, erwies sich Herr B. als 
ausgesprochen kritisch. Mit einem Durchschnittswert von 3,78 ran- 
gierte er bei den low-scorern, und wenn die Skala ein absolut zuverläs- 
siges Instrument wäre, dann müßte man ihn trotz seiner Kandidatur 
Hir die FAP als vergleichsweise resistent gegen faschistische Ideologie 
einstufen. 

Allerdings hatte Herr B. nicht nur den Fragebogen ausgefüllt, son- 
dern zusätzlich auf separatem Papier einzelne Sätze kommentiert, und 
diese Anmerkungen waren der Beweis dafür, daß ein niedriger 
Gesamtpunktwert im Einzelfall noch nicht viel bedeutet. Der low- 
scorer entpuppte sich als schlauer Pedant mit einer Schwäche für Ver- 
fahrensfragen, liebevoll tüftelt er offenbar in der Freizeit Bedingungen 
und Bestimmungen aus, unter denen es als gesetzlich erlaubt und als 
sozial nützlich gelten würde, einen Menschen zu töten. 

Bevor mit Herrn B. gesprochen wurde, lag also der folgende Text 
von ihm vor - die Hervorhebungen sind im Original nicht enthal- 
ten, sie wurden hier der Übersichtlichkeit halber zugefügt: 

Zu Nr. 2 (Im Wohlstand verkümmern die inneren Werte): 



95 



Sogenannte »innere Werte«, die nur in Armut gedeihen, haben m. E. 
menschenverachtenden Charakter und sind somit abzulehnen (z. B. die 
Werte der katholischen Kirche). »Innere Werte* wie z. B. Fleiß, Streb- 
samkeit und Intelligenz führen zwangsläufig immer zu Wohlstand. 
Zu Nr. 3 (Wichtige Lehren stets mit Leiden bezahlen): 
Jeder, der willens ist, sein Gehirn zu benutzen, kann auch ohne Lei- 
den Lehren ziehen. Nur wer sich konsequent weigert, sein Gehirn zu 
benutzen, wird immer wieder leiden, allerdings nie Lehren ziehen. 
Zu Nr. 5 (Arbeitslosigkeit und Drückeberger): 

Daß Arbeitslosigkeit ein Problem ist, wird kaum jemand leugnen 
können. Drückeberger wären kein Problem, wenn sie das Volk nicht 
schädigen würden (materiell, visuell oder auf eine andere Art). Auch 
wenn mehr als 99 Prozent das Volk nicht schädigen würden, so wäre 
der Rest (und damit Drückeberger) ein Problem. 
Zu Nr. 11 (Europa/organisiertes Verbrechen): 

Aber auch in einem Europa mit Grenzen findet das organisierte Ver- 
brechen seinen Weg nach Deutschland. 
Zu Nr. 12 (Zerstörung der Ozonschicht): 

Bezüglich des Umweltschutzes möchte ich hier nur kurz folgende Sta- 
tements abgeben: 

- Umweltschutz muß von allen Bürgern bezahlt werden, 

- fahrlässige Umweltverschmutzung sollte mindestens doppelt so 
viel kosten wie der angerichtete (auch Langzeit-)Schaden, 

- vorsätzliche Umweltverschmutzung sollte mit Enteignung des 
gesamten Besitzes und der anschließenden Hinrichtung des Verur- 
sachers geahndet werden, 

- Tempo-30-Zonen sowie sonstige Straßenverengungen sind 
schnellstmöglich wieder aufzuheben aufgrund ihrer umweltschädi- 
genden Auswirkungen. 

Zu Nr. 13 (Wertvolle Menschen opfern sich): 

Generell würde ich folgendes Beurteilungskriterium für einen wert- 
vollen Menschen aufstellen: 

Wert - Summe aller Inputleistungen zur Steigerung des Wohls des 
Volkes minus Summe aller Outputleistungen des Volkes, welche von 
dem betreffenden Menschen alleine vereinnahmt werden, um seine 
egoistischen Ziele zu erfüllen (z. B. Gehalt). 
Zu Nr. 18 ßtarke politische Führung): 

An der Aussage stört mich das Wort »stark«. Ich würde folgende For- 
mulierung abgeben: Wir brauchen eine kompetente, zukunftswei- 
sende politische Führung, deren Ziel es sein muß, den Wohlstand des 
deutschen Volkes langfristig zu mehren und zu sichern, wobei zu ver- 
suchen ist, die übrige Welt in die Wohlstandssteigerung einzube- 
ziehen. 

ZuNr. 19 (Ausländer kapseln sich ab) und Nr. 27 (Auslander wollen sich 
nicht anpassen): 



96 



Zur Ausländerfeindlichkeit ließe sich meiner Meinung nach folgendes 

Mfea: 

Eine Gleichstellung von Deutschen und Ausländern dürfte meiner 
Meinung nach immer zu Ausländerfeindlichkeit führen (die Schuld 
liegt allerdings nicht bei den Ausländern, sondern bei den Politikern). 

Ausländer, die das deutsche Volk schädigen (wie z. B. durch Mord, 
I 1 pressung. . .) sollten ausgewiesen werden, da gerade sie zu einem 
hohen Prozentsatz an der Ausländerfeindlichkeit schuld sind. 

Abgewiesene Ausländer, die nicht ausgewiesen werden können, da 
ihre Staatsbürgerschaft nicht festgestellt werden kann, sollten zum 
Jode verurteilt werden, wobei der Vollzug nur dann durchzuführen 
ist, falls der Verurteilte nicht innerhalb eines Monats einen Staat 
gefunden hat, welcher ihm Asyl gewährt. Innerhalb dieser Monats- 
frist ist er im Gefängnis einzusperren. 
/// Nr. 20 (Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen): 
Siitlichkeitsverbrecher ins Gefängnis zu stecken ist meiner Meinung 
nach unsinnig. Statt dessen sollte man ihn in eine psychiatrische 
Anstalt stecken. Sollte innerhalb eines Jahres keine Heilung erfolgt 
sein, so ist er zum Tode zu verurteilen. Ein Wiederholungstäter ist, 
s< »lern die Umstände nicht dagegen sprechen, sofort zum Tode zu ver- 
urteilen. 

Zu Nr. 22 (Es gibt kaum etwas Gemeineres.. JL* 

Wer sich nichts Gemeineres vorstellen kann, dem fehlt es an Fantasie. 

/// Nr. 24 (Wir Deutsche haben wenig Freunde): 

Siehe Zweiter Weltkrieg, siehe Wiedervereinigung 

/// Nr. 26 (Homosexualität): 

I himosexualität ist eine natürliche Evolution, die sich aufgrund der 
I rillenden Möglichkeit nicht fortpflanzen kann (es sei denn durch 

( ientechnologie). 

V.u Nr. 31 (Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhan- 
del): 

Meiner Meinung nach kann das Drogenproblem auch durch noch so 
hohe Strafen (z. B. Folterung, bis der Tod eintritt) nicht ausreichend 
gelöst werden. Ich würde das Drogenproblem durch folgende Maß- 
nahmen lösen: 

- Drogen werden vom Staat legal verkauft, wobei der Drogenpreis 
nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten festzulegen ist. 

- Drogen dürfen nur nach vorheriger Information über die Neben- 
wirkungen verkauft werden. 

- Der Verkauf von Drogen über Privatpersonen bleibt verboten. 

- Süchtige werden zwangsweise in eine Entzugsanstalt geschickt (ca. 
6-12 Monate); süchtig ist jeder, welcher nicht aus eigenem legalem 
Einkommen die Drogen bezahlen kann. Fall jemand das zweite Mal 
süchtig geworden ist, so wird er mit dem Tode bestraft. 

Vm Nr. 32 (Deutschen fehlt Zukunftsvision)- 



97 



Wenn man das Wort machtvoll streichen würde, dann könnte man aus 
meiner +1 eine +3 machen. 

Zu Nr. 36 (Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt. . .): 
Da Asylbewerber und Aussiedler nur sehr wenig miteinander zu tun 
haben, sollte man keine Aussagen treffen, welche beide Gruppen 
berühren, es sei denn, die Aussage ist für beide gültig. In Ihrer Frage 
trifft dies nicht zu. 

Zu Nr. 40 (Weihnachten in der Familie feiern): 
Da ich glaube, daß die Kirchen (z. B. die Religion und die Sekten 
überhaupt) im großen und ganzen menschenverachtende Verbrecher- 
organisationen sind, würde ich die Mitgliedschaft in einer solchen 
Organisation unter das Jugendschutzgesetz stellen, desgleichen gott- 
verherrlichende Schriften etc. Bei einer solchen Meinung erübrigt 
sich, glaube ich, die Beantwortung dieser Frage. 
Zu Nr. 45 (A rme glücklicher als Reiche) und Nr. 53 (Schönheit nur Zei- 
cheti für Leere): 

Eine Aussage, die m. E. nur von Neid besessene Menschen aufstellen 
können. 

Über gewöhnliche Neid- und Haßgefühle ist Herr B. schon hinaus. 
Selbst zum Sittlichkeitsverbrecher nimmt er eine nüchtern-abgeklärte 
Haltung ein, was in seinem Alter doch etwas verwundert, weil die 
Zeit um die Pubertät herum eine Phase ist, in welcher männliche 
Jugendliche eigene verdrängte Wünsche auf den Wüstling projizieren, 
aus dessen Fängen es das unschuldige schöne Mädchen zu retten gilt 
- typische Pubertäts-Dramen in diesem Sinn wären beispielsweise 
Schillers »Kabale und Liebe« oder Lessings »Emilia Galotti«. Zur Her- 
ausbildung der moralischen Person gehört es offenbar, zeitweilig den 
edlen Helden ebenso glühend zu verehren wie den Schurken bitter zu 
hassen, und der Unhold ist sonst gerade für männliche Jugendliche 
einer, den man nicht zum Psychiater auf die Couch schleppen, son- 
dern den man kräftig verhauen will, in seiner Eigenschaft als Stellver- 
treter für eigene Triebanteile nämlich, deren Zurückweisung aller- 
hand emotionale Energie erfordert. 

Gegen die landläufige Meinung nun, dies Reaktionsschema sei irra- 
tional, weil es auf Projektion beruht, ist mit Adorno und Horkhei- 
mer einzuwenden, daß in gewisser Weise alles Wahrnehmen Projizie- 
ren ist und das Pathische an der pathischen Projektion der Ausfall der 
Reflexion darin. Zugespitzter noch könnte man sagen, daß erst das 
Projizieren eigener Wünsche und Triebe auf andere menschliche Ver- 
hältnisse herstellt. Indem man den Schurken haßt und ihn bestrafen 
will, akzeptiert man ihn zugleich als Subjekt, mit dem eben nicht wie 
mit einer Sache verfahren werden kann: Der Bösewicht, der mir vors 
Schienbein getreten hat, ist etwas anderes als der Stein, über den ich 
gestolpert bin. Letzterer kann einfach weggeräumt werden, er ist nur 



ein Problem, erste rer aber ein Feind, und selbst wenn ich ihn in den 
Mülleimer stecken dürfte, wäre die Tat, die er an mir begangen hat, 
deshalb nicht ungeschehen. Während ich den Stein am besten 
wegräume, muß ich mich am Bösewicht, der mich trat, auch rächen, 
indem ich ihm den Schmerz zurückgebe, den er mir verursacht hat. 
Zwischen uns gibt es eine Rechnung zu begleichen, weil er sich an sei- 
nen Tritt erinnert. Dem Stein hingegen bin ich später nicht mehr 
böse, weil er von seinem Triumph und meinem Wehgeschrei nichts 
weiß. 

Der Akt der Bestrafung umfaßt nun beides zugleich, das Wegräu- 
men und die Rache. Ich räche mich, indem ich dem Bösewicht einen 
Kinnhaken verpasse, um ihm Schmerz zuzufügen, und ich räume die 
Ursache des von mir erlittenen Schmerzes weg, indem ich auf die 
pädagogisch heilsame Wirkung meines Kinnhakens vertraue: Der 
Bösewicht wird mich nicht noch mal treten, weil er weiß, was ihm 
dann blüht. Besser noch, ich sperre den Bösewicht ins Gefängnis ein, 
denn dann kann er mich gar nicht treten. Ich behandele ihn damit 
wie den Stein, den ich beiseite lege, damit ich nicht mehr über ihn 
stolpern werde, ich behandele ihn nicht wie ein Subjekt, sondern wie 
ein Objekt, und diese Variante der Behandlung von Übeltätern wird 
als besonders fortschrittliche und humane gerade hier gepriesen, wo 
vielleicht die Angst vor den Rächern der unzähligen Ermordeten 
dazu führt, den Juden unter Verweis aufs Alte Testament ein barbari- 
sches Rachebedürfnis zu unterstellen, wie es sich so gar nicht mit dem 
Gebot christlicher Barmherzigkeit verträgt. 

Daß der Verzicht auf Rache nicht human sein muß, daß es vielmehr 
ausgesprochen widerwärtige Konsequenzen haben kann, wenn Men- 
schen als Objekte betrachtet und behandelt werden, hat sich, nicht nur 
in den Vernichtungslagern gezeigt, wo leidenschaftslos umgebracht 
wurde und es den Mördern ausdrücklich verboten war, ihre Opfer zu 
hassen, sondern dies geht auch aus dem kleinen Kommentar von 
Herrn B. hervor. Den Sittenstrolch strenger bestrafen möchte er 
nicht, weil er ihn nicht haßt, und er haßt ihn nicht, weil er mit ihm 
schon fertig ist: Warum den Sittenstrolch eigentlich noch hassen, wo 
es doch längst beschlossene Sache ist, daß er repariert oder eliminiert 
werden soll. 

Im Unterschied zum gewöhnlichen Autoritären hat Herr B. schon 
den Punkt erreicht, wo er sich die Gemütsaufwallungen schenken 
kann, die durch pathische Projektion angekurbelt werden müssen. 
Die Absichten bedürfen keines größeren Aufwandes an moralischer 
Rechtfertigung mehr, lediglich Verfahrensfragen und Ausführungsbe- 
stimmungen sind noch zu klären, weil die Grundsatzentscheidung 
schon gefallen ist. Nicht die sadistische, bluttriefende Strafaktion ist 
bezweckt, die dem Opfer Schmerz und dem Täter Lust bereitet, son- 
dern intendiert ist die hygienische, nach Möglichkeit auch juristisch 



99 



saubere und nicht zuletzt kostensparende Lösung. So blaß wie die 
Liquidation selber können daher auch die Affekte sein, die ihre Vor- 
bereitung begleiten, und im Interview spricht Herr B. eher verständ- 
nisvoll als haßerfüllt über den Triebtäter, in dessen eigenem Interesse 
es schließlich läge, wenn er durch den Tod von seinen Qualen erlöst 
wird. Beinahe drängt sich der Eindruck auf, wie wenn dieser Herr B. 
einfach nichts zum Projizieren hätte, und zu seinem unterkühlten 
Plädoyer für die Eliminierung von Triebtätern paßt es ganz gut, daß 
er im Interview auch auf gezielte Fragen hin keine einzige Person zu 
nennen wissen wird, die ihm wirklich was bedeutet. 

Anders als Herr A. also, der sich noch an der Vorstellung von Blut, 
Knochen und Kilogramm Lebendfleisch berauschte, legt Herr B. als 
Person ohne Innenleben auf solche Opulenz keinen Wert mehr. Was 
ihm Genugtuung bereitet, ist eher das ausgetüftelte Verfahren, wel- 
ches ohne Blut, Geschrei und Gestank zur Beseitigung eines Men- 
schen führt, oder auch der kurze Prozeß: »Standardlösung, also 
erschießen«, wie es Herrn B. während des Interviews einmal heraus- 
rutscht. Diesem Verfahren einen Hauch von Begründung oder Sinn 
zu geben ist der einzige Zweck des verfügbaren Restbestandes an völ- 
kischer oder nationalistischer Ideologie, der bei Herrn B. noch küm- 
merlicher, brüchiger und fadenscheiniger ist, als er dies schon bei sei- 
nen Gesinnungsgenossen war. 

Überhaupt fiel bei allen Interviewten auf, daß ihr Nationalismus 
ein vordergründiger, aufgesetzter ist, daß ihnen das Deutschtümeln 
eine Pflichtübung bedeutet, die sie trotz Anstrengung nicht bewälti- 
gen, daß ihre Vorstellungen vom deutschen Volk oder einem künfti- 
gen deutschen Reich kaum eine halbe Druckseite füllen würden und 
daß solchen Vorstellungen alles Schwärmerische abgeht. Visionen von 
einer herrlichen großdeutschen Zukunft, wie sie im Prinzip durchaus 
denkbar wären, existieren praktisch nicht, keiner scheint fähig zu 
sein, sich Zustände auszumalen, die er für paradiesisch halten würde. 
Jeder epische Atem, jede Symptomfülle, jede gestalterische Kraft fehlt 
diesem Wahn, der bei Herrn B. fast schon wie seine eigene Karikatur 
wirkt, weil der Junge mit dem Kopf-ab-Tick eigentlich wie ein delirie- 
render Vollidiot immer nur >hinrichten<, vollstrecken« oder >erschie- 
ßen< sagen möchte. Keineswegs bringen Begriffe wie Volk, Reich, 
Deutschland, Heimat, Vaterland seine Augen zum Leuchten, keines- 
wegs sind diese Wörter zu einem wenngleich schaurigen, so doch 
inhaltsreichen Märchen verwoben, welches sich lang und breit erzäh- 
len und beliebig ausschmücken oder weiterspinnen läßt, und eben 
dies, nämlich daß der deutsche Nationalismus keine Vorstellung von 
seinen eigenen Zielen und Wünschen besitzt, macht ihn zu einem 
absolut Negativen, welches seinen einzigen Daseinszweck in der Ver- 
nichtung hat. 

Damit tritt er in Gegensatz zu allen Systemen, Dogmen, Lehren, die 



100 



im Hauptberuf das Leben der Menschen, nicht ihre Ausrottung 
regeln und dabei Vernunft setzen, wie irrwitzig und unvernünftig sie 
selber zunächst auch sein mögen. Was nämlich den deutschen Natio- 
nalismus vom krudesten Stammeskult wie vom Christentum oder 
vom Kommunismus unterscheidet, ist, daß diese das Leben der Men- 
schen unter vernünftigere oder unvernünftigere Bestimmungen des 
Willens setzen, während jener dazu nicht in der Lage ist. Im Wider- 
spruch zu seinen Allmachtsphantasien, zu seinem Herrenmenschen- 
getue, zum Führerkult oder zum Gerede vom gestalterischen Schöp- 
fertum fehlt ihm die Kraft zur Dezision, die Fähigkeit, es zu beschlie- 
ßen und zu dekretieren, was fortan als erstrebenswert, als gut und 
richtig gelten soll. 

Intensive Aversionen rufen bei Herrn B. daher alle Dogmen hervor, 
er wäre kein schlechter Vorkämpfer der hier allerseits geforderten Ent- 
ideologisierung. Er haßt die Kirche, wie aus seinen Kommentaren 
hervorgeht, den Kommunismus haßt er noch mehr, und derselbe 
Mann, der eben die Hinrichtung eines Menschen nur deshalb for- 
derte, weil dieser keine Staatsangehörigkeit, keinen Paß besitzt, wagt 
es dann, auf die Kirche und ihre Morallehre gemünzt, doch tatsäch- 
lich das Wort »menschenverachtend« im anklagenden Sinn zu benut- 
zen. Es zeigt sich bei ihm noch deutlicher als bei den anderen Inter- 
viewten, wie leicht abwaschbar gerade die dick aufgetragene morali- 
sche Tünche hier ist, die Reaktionsbildung auf tiefer sitzenden 
Amoralismus, und es zeigt sich ferner, daß deutsche Emanzipations- 
l>emühungen mit höchster Vorsicht zu genießen sind, weil sie meist 
nicht dem Willen zur Humanisierung der Gesellschaft entstammen, 
sondern dem Wunsch, auch noch die letzten Hemmungen abzustrei- 
fen, die ihrer Barbarisierung im Wege standen. 

Exkurs: Amoralismus und Naturanalogie 

Es muß sich bei dieser auch von den übrigen Interviewten mehr oder 
minder geteilten Haltung, die vielleicht einer Unfähigkeit zum Subli- 
tmeren entspringt, tatsächlich um eine Dauererscheinung im deut- 
schen Volkscharakter handeln, weil schon Marx sie, freilich in ganz 
anderem Zusammenhang, als eine typisch deutsche beschreibt und 
analysiert und weil sie mit einer anderen zweifellos typisch deutschen 
Neigung eng zusammenhängt, mit der Neigung nämlich, vermeintli- 
che Naturgesetze als gesellschaftliches Regulativ installieren zu wol- 
len, ganz gleich, ob dieser Wille nun rassistisch oder ökologisch 
begründet werde, wobei der Unterschied wiederum geringer ist, als 
man gern annimmt. So wird gegen das Heiraten zwischen Schwarzen 
und Weißen beispielsweise schon eingewendet, dergleichen liefe doch 
auf das Aussterben der blonden Rasse hinaus, und man wolle die 
blonden Blauäugigen nicht dereinst nur noch im Naturkundemu- 



101 



seum bewundern können, wie dies heute schon bei aussterbenden 
Tier- und Pflanzenarten der Fall sei. 

Marx also, der vor anderthalb Jahrhunderten schon auf das gleiche 
Phänomen stieß, zitiert zunächst den deutschen Rechtgelehrten 
Gustav Hugo, welcher einerseits die Ehe dafür lobt, daß sie die Befrie- 
digung des Geschlechtriebes ermögliche, andererseits aber auch 
gewisse Bedenken gegen die Institution Ehe vorbringt: »Viel bedenkli- 
cher ist schon die zweite Beziehung, daß außer der Ehe die Befriedigung 
dieses Triebes nicht erlaubt ist Die tierische Natur ist dieser Einschrän- 
kung zuwider. Die vernünftige ist es noch mehr, weil ein Mensch beinahe 
allwissend sein müßte, welchen Erfolg es haben werde, weil es also Gott 
versuchen heißt, wenn man sich verpflichtet, einen der heftigsten Natur- 
triebe nur dann zu befriedigen, wenn es mit einer bestimmten anderen 
Person geschehen kann.« 

Soweit Gustav Hugo, der im Jahr 1819 ohne Kenntnis der Psycho- 
analyse schon so schlau war, wie die Protestbewegungsgeneration von 
1968 erst durch falsch verstandenen Freud wurde. Marx bemerkt 
dazu: »Seht ihr, in welche Schule unsere Jungdeutschen gegangen 
sind«, und er schreibt: 

»Aber die Heiligung des Geschlechtstriebs durch die Ausschließlich- 
keit, die Bändigung des Triebs durch die Gesetze, die sittliche Schön- 
heit, die das Naturgebot zu einem Moment geistiger Verbindung idea- 
lisiert - das geistige Wesen der Ehe - das eben ist dem Herrn Hugo 
das Bedenkliche an der Ehe . . . Selbst wenn Hugo die Schwere der 
Gründe abwägt, so wird er mit unfehlbar sicherem Instinkt das Ver- 
nünftige und Sittliche an den Institutionen bedenklich für ihre Ver- 
nunft finden. Nur das Tierische erscheint seiner Vernunft als das Unbe- 
denkliche.. . Jede Existenz gilt ihm für eine Autorität, jede Autorität 
gilt ihm für einen Grund.«" 

Kaum besser als mit Marxens Worten über Gustav Hugo ließe sich die 
Position aller Interviewten zu Fragen der Moral beschreiben, alle 
bemühen Naturanalogien, wenn sie etwas rechtfertigen wollen, han- 
dele es sich nun wie bei Herrn A. um das Tulpenbeet, dem die Unter- 
wanderung und Uberwucherung durch Unkraut drohe, oder um eine 
genetisch bedingte >Grundausländerfeindlichkeit<, die Herr B. heran- 
ziehen wird. Weniger der Inhalt wirklicher Naturgesetze wird dabei 
übernommen als vielmehr die Denkform, unter der sie Alltagswissen 
wurden, eine Denkform also, welche komplizierteres Fachwissen 
soweit trivialisiert, daß auch Laien sich für eingeweiht halten können. 
Wie dem Inhalt nach die Tulpenbeet-Analogie von Herrn A. absolut 
idiotisch ist, weil sie auf das Gegenteil des Bezweckten herauslaufen 
würde, auf den Nachweis der Vergeblich keit aller völkischen 
Reinhaltungs- und Rettungsversuche nämlich, insofern das deutsche 
Volk a) einer unnatürlichen und damit nicht schützenswerten Züch- 
tung gleichgesetzt wird, insofern b) solche Treibhauspflanzen in der 



102 



rauhen Natur allerdings schlechte Karten hätten, und insofern c) kein 
Gärtner benannt wird, welcher ins Pflanzenleben der Völker eingrei- 
fen würde - die Tulpen können sich schließlich nicht selber gegen das 
Unkraut schützen -, so ist dem Inhalt nach die Argumentation der 
Ökologen idiotisch, die unter Berufung auf ein »Leben im Einklang 
mit der Natur« den Artenschutz fordern, obgleich die Natur selber 
keine Naturschutzgesetze kennt und weder den Dinosaurier noch den 
Neandertaler unter Artenschutz stellte. 

Keineswegs werden also, wie die faschistoide Ideologie selber 
behauptet und wie man ihr gelegentlich vorwirft, aus dem Studium 
der Natur Lehren und Grundsätze für das gesellschaftliche Leben der 
Menschen abgeleitet, zumal das Verhältnis der Deutschen zur Natur 
durchweg ein bloß sentimentales ist und harmlose Tierchen auf 
einem Campingplatz im Süden gerade die Naturfreunde leicht in 
Panik und Hysterie versetzen, sondern die Denkformen naturwissen- 
schaftlicher Halbbildung allein werden übernommen, und sie wer- 
den deshalb übernommen, weil sich mit ihnen ein Nachdenken und 
Bescheidwissen über Nichtgedachtes und Nichtgewußtes suggerieren 
läßt. Die Naturanalogie füllt gleichsam die Lücke, welche die Unfä- 
higkeit zur Ideologiebildung hinterläßt, die Unfähigkeit dazu, 
irgendeine schwärmerische Vorstellung vom Gewünschten zu ent- 
wickeln. Wie die Nationalisten hier absolut unfähig sind, sich das 
Vierte Reich als eine wenigstens sie selber begeisternde Vision auszu- 
malen; wie die Idee der Grünen von einer glücklicheren Zukunft 
sich auf die stumpfsinnige Formel vom »Leben im Einklang mit der 
Natur« reduziert, um die herum sich dann einige geistlose bündnis- 
politische Erwägungen und tödlich langweilige Gesetzesinitiativen 
ranken, so flüchteten schon die Nationalsozialisten zu Naturanalo- 
gien, weil sie von Dingen wie Volk oder Reich eben keine zumindest 
sie selber faszinierende, als gut und begehrenswert begründete Vor- 
stellung besaßen, sondern das Ziel ihrer Politik grundlose Vernich- 
tung war, die keinen Gedanken dulden kann, der diesen Namen ver- 
dienen würde. Als Beleg dafür, wie die Nationalsozialisten in Erman- 
gelung einer Vorstellung von ihren Zielen argumentierten, folgt nun 
ein längeres Zitat, entnommen einer 1941 erschienenen Schrift, die 
pikanterweise den Titel trägt: »Deutschland ordnet Europa neu«, und 
in der schon, wie später von den Grünen, das »neue Denken« gefor- 
dert wurde. 

»Zur Betrachtung von solchen rassischen Auseinandersetzungen sind 
die bisherigen Methoden der Geschichtsforschung nicht mehr ausreichend 
Es ergeben sich hier andere Perspektiven, die einem naturkundlichen 
Denken entnommen sind Genau so wie in der Natur, in der Tier- und 
auch Pflanzenwelt das schaffende und das parasitäre Prinzip vertreten 
ist, genau so gilt dies auch für das Völkerleben. Diese Prinzipien, das 
schaffende und das parasitäre, sind eben von vornherein in allen Teilen 



103 



der Schöpfung tätig gewesen, und als ein Teil der Schöpfung müssen die 
Rassen und Völker betrachtet werden. 

Ein gutes Beispiel für eine derartige Auseinandersetzung bietet der 
menschliche Körper. Er stellt einen hochentwickelten Zellenstaat dar, der 
parasitär z. Ä durch Bakterien unterwandert wird, die seihst nicht in der 
Lage sind, einen Staat zu bilden. Sie können in einem Körper wohnen, 
sie können sich dort vermehren, an bestimmten Stellen festsetzen. Sie 
sondern dort ihre Gifte ab und führen damit zu Reaktionen des Körpers, 
die mit inneren Vorgängen im Völkerleben, die aus ähnlichen Gründen 
stattfinden, sehr gut verglichen werden können. Ein so befallener Körper 
muß die eingedrungenen Parasiten überwinden oder er wird von ihnen 
überwunden. Hat er sie überwunden, so muß er ein Interesse daran 
haben, auch seine Umgebung von ihnen zu säubern, um eine Infektion 
für die Zukunft zu verhindern. 

Bei derartigen Auseinandersetzungen und Vorgängen können humani- 
täre Grundsätze überhaupt nicht herangezogen werden, ebensowenig wie 
bei einer Desinfektion eines Körpers oder verseuchten Raumes. Es muß 
hier ein vollständig neues Denken Platz greifen. Nur ein solches Denken 
kann wirklich zu der letzten Entscheidung fuhren, die in unserer Zeit fal- 
len muß um die große schöpferische Rasse in ihrem Bestand und in ihrer 
großen Aufgabe in der Welt zu siehern.«" 

Die ranzige Innerlichkeit, auf welche die Skala teilweise zielt, kann 
also jederzeit umschlagen ins krasse Gegenteil, in die Ablehnung aller 
Sittlichkeit, in jene Haltung also, die zu übertünchen die Funktion 
des Geredes und Getues ist. Treten aber die tiefsitzende Asozialität 
und die Reaktionsbildung auf sie gleichtzeitig auf, so kann eine Skala 
sie nicht mit absoluter Zuverlässigkeit messen. Unnütz ist sie trotz- 
dem nicht, weil die offene Verachtung aller Sittlichkeit in der faschi- 
stischen Massenbewegung wohl den wenigen vorbehalten bleibt, die 
wie Herr B., ein gut verdienender Single, aus Gründen der persönli- 
chen Lebensverhältnisse unter nur geringem Rationalisierungsdruck 
stehen. 

Anzumerken zu dem Gespräch ist noch, daß es teilweise ins 
Stocken geriet und Herr B. den Interviewer mit seiner Einsilbigkeit 
gehörig ins Schwitzen brachte. Der Grund dafür ist, daß es wenig 
Themen gibt, die Herrn B. überhaupt interessieren. Weit stärker als 
bei Herrn A., der erzählenderweise ins Schwärmen geriet, wenngleich 
nicht ins Schwärmen von einer großen und mächtigen deutschen 
Nation, sondern von Kilogramm Lebendfleisch, erscheint bei Herrn 
B. das Ich zusammengeschrumpft, näher dem Punkt allerdings auch, 
wo der Vernichtungswille, seine Haupttriebkraft, unkontrolliert 
durchbricht. Was Herrn B. dann wieder mit Herrn A. verbindet, ist 
der Wunsch, es möge endlich weniger Deutsche geben. 30 Millionen 
auf dem Gebiet der BRD hatte Herr A. angepeilt, etwas großzügiger 
ist Herr B. - immerhin 40 Millionen. 



104 



Frage: Welches waren die Gründe für Ihr politisches Engagement? 
Gerade in Ihrem Beruf - Sie sind Programmierer - , hat man doch 
ohnehin schon genug Streß. 

Herr B.: Für mich ist der Hauptgrund erst mal der, daß es keine ver- 
nünftige Partei gibt, seit ich im Wählalter bin, die ich ruhigen Gewis- 
sens wählen könnte. Das ist einer der Hauptgründe. Wenn man in 
einer Demokratie ist, und man findet keine Partei, die man wählen 
kann, dann bringt einem die Demokratie recht wenig. Deswegen bin 
ich der Meinung, daß man sich dann engagieren sollte. 
Frage: Und warum gerade für die FAP? Finden Sie die Programmatik 
interessant, oder hat sich das ganz zufällig ergeben? 
Herr B.: Ergeben hat sich das so, daß ich mal den »Deutschen Stand- 
punkt« zugeschickt bekommen habe, und da wurde gleich nachge- 
fragt, ob ich Parteimitglied werden will. Das wollte ich erst mal nicht, 
und ich bin momentan auch kein Parteimitglied. Ich habe mir dann 
mal die Programmpunkte geben lassen, und ich muß sagen, daß ich 
mindestens 60 Prozent oder 70 Prozent Übereinstimmung gehabt habe. 
Ich habe mich dann mit den Leuten unterhalten und dabei festgestellt, 
daß es dort auch viele beschränkte Leute gibt, aber das Parteipro- 
gramm war nicht schlecht, wenn auch verbesserungsbedürftig. 
Frage: Und welche Punkte haben Ihnen bei der FAP besonders gefal- 
len? 

Herr B.: Erstens, daß sie sich gegen Abrüstung wenden und der Mei- 
nung sind, daß man sich gegen einen Feind verteidigen sollte. Das ist 
für mich eine ganz wichtige Sache, denn man hat im Zweiten Welt- 
krieg gesehen, daß diejenigen Staaten, die sich nicht verteidigen kön- 
nen - also die haben auf gut deutsch eins auf die Klappe bekommen. 
Und das möchte ich doch stark verhindern. Gerade wenn man sich 
auch die DDR anschaut: Die Leute wurden gefoltert, deshalb, weil sie 
zu geizig waren oder zu faul, sich zu verteidigen. 
Frage: Sie meinen also, die Bevölkerung sei zu faul gewesen, sich zu 
verteidigen.. 

Herr B.: Ja, wenn man jetzt sieht, daß die PDS nur 16 Prozent 
bekommt, dann war das eine Minderheit. Und wenn eine Minderheit 
sich so stark durchsetzen kann, dann gehört auf jeden Fall die 
Abschreckung dazu. 

Das zweite, was mir an der FAP gefallen hat, ist das Umwelt- 
Engagement. Ich bin der Meinung, daß man härtere Strafen bräuchte 
gegen die Umweltverschmutzung. Da wird zu wenig getan, die Grünen 
sprechen das zwar an, aber ihre Lösungen sind schlecht. 
Frage: Sie meinen also, daß die Grünen zu lasch sind? 
Herr B.: Nicht zu lasch. Die Grünen gehen das ja richtig an, sie 
haben nur die falschen Lösungen, beispielsweise die Tempo-30-Zonen, 
von denen erwiesen ist, daß man 90 Prozent mehr Kraftstoff ver- 
braucht. Oder auch die Hindernisse in den verkehrsberuhigten 



105 



Zonen. Man kann nicht im vierten Gang fahren, man muß dauernd 
schalten, es passieren mehr Unfälle, weil man sich nicht auf den Ver- 
kehr oder auf die Kinder konzentrieren kann, und die Rettungsfahr- 
zeuge kommen nicht durch. 

Frage: Und welches wären im Hinblick auf die Umweltverschmut- 
zung nun die besseren Konzepte der FAP? 

Herr B.: Erst mal Geld reinstecken in die Forschung, zweitens öffent- 
liches Verkehrsnetz ausbauen. 

Frage: In Ihren Anmerkungen zum Fragebogen haben Sie sich öfter 
auf das Volk bezogen. Wer ist das? 

Herr B.: Das sind für mich erst mal primär die Leute, die hier in 
Deutschland leben und dort auch geboren sind, und im weiteren 
Sinne auch die Aussiedler. 

Frage: Im ersten Teil des Satzes haben Sie von den Leuten gesprochen, 
die hier leben, und darunter würden doch auch die Ausländer fallen. 
Herr B.: Ich würde sagen, diejenigen, die hier leben und die deutsche 
Staatsbürgerschaft haben . . . 

Frage: D. h. wenn die aus dem Ausland Eingewanderten die deutsche 
Staatsbürgerschaft bekommen hätten, wäre alles in Ordnung. 
Herr B.: Dann ist alles in Ordnung. 

Frage: Also wäre das, was man immer als Ausländerproblem bezeich- 
net, eigentlich bloß ein juristisches Problem? 
Herr B.: Da wäre wieder die Frage, was man unter einem Ausländer- 
problem versteht. Ich muß sagen, daß wir zur Zeit eigentlich kein so 
starkes Ausländerproblem haben, weil sich auch die Ausländerfeind- 
lichkeit arg in Grenzen hält. Ausländerproblematik würde ich so auch 
nicht stehen lassen, meiner Ansicht nach ist das Problem die Überbevöl- 
kerung, und das ist was anderes. Das heißt, es leben einfach auf einer zu 
kleinen Fläche zu viele Menschen. Das ist das Hauptproblem hier in der 
Bundesrepublik das und der Umweltschutz. Bei den Arbeitsplätzen 
hingegen sehe ich keine Probleme, die gibt es genug. 
Frage: Aber dann müßten doch auch die zuwandernden Aussiedler 
ein Problem sein. 

Herr B.: Natürlich gibt es da Probleme, aber ich würde ihnen eine 
Vorrangstellung gegenüber Ausländern einräumen, die keine deutsche 
Staatsbürgerschaft haben. Asylbewerber hingegen würde ich in die 
DDR schicken, weil die dünner besiedelt ist, weil dort mehr Platz ist, 
weil es dort die ganze Problematik nicht gibt/ 5 Aber ich würde kei- 
nem Aussiedler verbieten hierherzuziehen. Er ist praktisch doch ein 
Deutscher, und der muß hinziehen können, wo er will. Man braucht sie 
aber auch nicht unterstützen - ohne Sonderbegünstigung, aber auch 
ohne Benachteiligung. Und jeder Ausländer, der deutscher Staatsbür- 
ger wird, weil die deutsche Regierung damit einverstanden ist, der 
muß dann auch die gleichen Rechte und Pflichten haben, da habe ich 
gar keine Vorbehalte. 



106 



Frage: Nun könnte ich sagen, daß einer, der aus Rußland kommt, 
zunächst ein Russe ist, egal, ob sein Urgroßvater mal ein Deutscher 
gewesen war. 

Herr B.: Ich sage ja, das ist Definitionssache, da will ich auch gar 
nichts vorschreiben. Wenn er halt als Ausländer betrachtet wird, dann 
darf er auch nicht bevorzugt werden. Bei mir hätte er fast die gleichen 
Rechte wie ein Deutscher, mit gewissen Einschränkungen natürlich 
schon. Die Reihenfolge wäre dann: Deutscher, Aussiedler, Ausländer. 
Frage: Und wie begründet man die Bevorzugung der Aussiedler 
gegenüber den anderen Ausländern? In Deutschland geboren worden 
sind sie nicht, die deutsche Sprache können sie oft auch nicht, was ist 
nun eigentlich das Deutsche an denen? 

Herr B.: Man muß sich die Aussiedler mal ansehen. Da gab es mal 
in einer Sendung einen Aussiedler, eine Spanierin und einen Deut- 
schen. Von der ganzen Mentalität her, vom Aussehen her, von der Ein- 
stellung her, von den ganzen Bewegungen her hätte man dem Aussiedler 
nicht angemerkt, daß er kein Deutscher ist, es sei denn, man hört ihn 
sprechen. 

Frage: Also Sie meinen, man hätte den Aussiedler für einen Deut- 
schen halten können, man hätte ihn als Deutschen erkannt? 
Herr B.: Ja, wenn man ihn nur gesehen hätte, ohne daß er spricht, 
dann hätte man ihn erkannt. Auch vom ganzen Meinungsbild her. 
Beim Ausländer ist das anders, der sagt, daß die Deutschen die Allein- 
schuld am Zweiten Weltkrieg haben, der hat eine negative Einstellung 
gegenüber Deutschland. Meiner Ansicht nach kann man die Allein- 
schuld so nicht sehen, und wenn einer deutsch sein will, dann muß er 
auch sagen: Wir - oder ich - haben Mitschuld gehabt, aber er kann 
nicht sagen »die Deutschen*. Wenn jemand Deutscher sein will, kann er 
auch sagen, wir oder die Nachkriegsgeneration haben eine Mitschuld, 
aber dann darf er sich nicht ausschließen. 

Frage: Deutschland im Jahr 2050 - wie sähe Ihre Wunschvorstellung 

aus? 

Herr B.: Erstens, wie schon gesagt, muß die Überbevölkerung weg sein. 
Zweitens Vollbeschäftigung, und dann auch intakte Natur. 
Frage: Wenn man das nun politisch konkretisiert, welches Gebiet 
sollte Deutschland umfassen? 

Herr B.: Von der Fläche her ist mir das ziemlich egal, ich habe weder 
Gebietsansprüche noch sonstwas. Meiner Ansicht nach muß jeder 
Staat sagen können, ob er die deutsche Regierung haben möchte oder 
nicht. Er muß also sagen können, wir möchten deutsch werden oder 
nicht, Deutschland muß dann die Möglichkeit haben, abzulehnen 
oder zuzustimmen. Aber auf längere Sicht würde ich sowieso sagen: 
Die Grenzen müssen weg. Wichtig ist, daß wir im Wohlstand leben 
- keine Arbeitslosigkeit, keine Unterdrückung, Meinungsfreiheit 
und so weiter. 



107 



Frage: Sie haben auch in ihren Anmerkungen geschrieben, daß es das 
Ziel der Regierung sein müsse, den Wohlstand der Deutschen zu meh- 
ren. Dagegen könnte man natürlich fragen: Haben sie denn noch 
nicht genug? 

Herr B.: Unter Wohlstand verstehe ich, das muß ich dazusagen nicht 
nur das Monetäre, sondern auch die Beseitigung der Umweltverschmut- 
zung, und die Straßen müssen einigermaßen frei sein, die dürfen nicht 
dauernd verstopft sein. Das heißt auf gut deutsch, wenn ich in den Wald 
gehe, möchte ich auch Wald sehen und zum Beispiel keine Menschenmas- 
sen. Das heißt, wenn ich Natur sehen wül, muß ich die sehen können. 
Wenn ich in Urlaub gehe, dann gehört für mich zum Wohlstand dazu, 
daß ich mich dabei auch erholen kann. Wenn man sagt, es ginge uns 
so gut wie noch nie zuvor, dann bezieht sich das nur aufs Geld, und 
das ist meiner Meinung nach nicht ausreichend. Wenn man Geld hat, 
aber keine Erholung, weil überall Staus sind, überall Leute, dann ist 
das für mich kein Wohlstand. Und hier ist es überbevölkert, hier sieht 
man überall Menschenmassen. In Frankreich dagegen, wenn man da 
über die Landstraßen fährt, sieht man auch mal weit und breit keinen, 
sondern grüne Landschaft, und es ist noch nicht alles verbaut. 
Frage: Wer wäre denn Ihr politischer Gegner? 
Herr B.: Kommunisten oder Sozialisten, weil sie die Leute unter- 
drücken, zweitens weil sie weiter KZs in Betrieb halten, drittens weil 
sie massiv die Umwelt zerstören und weil sie psychisches Leben zer- 
stören, also geistig zu Tode foltern. 

Frage: Unter welchen kommunistischen Regimes geschieht dies Ihrer 
Ansicht nach? 

Herr B.: Man sieht das in Äthiopien, wo die Millionen da verhun- 
gern, man sieht es in Rumänien ganz deutlich, wo man nicht höher 
als bis 14 Grad heizen durfte, und das ist unverschämt. Ein anderes 
Problem ist, daß die formal schon eine Sechs-Tage-Woche haben, real 
aber eine Sieben-Tage-Woche, die Busse sind überfüllt, Privatautos gibt 
es nicht, wer sich nicht reinquetschen lassen will kommt erst mal ins 
Arbeitslager für 10 oder 20 Jahre. 

Frage: Sie haben allerdings, wie ich Ihren Anmerkungen entnommen 
habe, auch recht rigorose Vorstellungen davon, wie Übeltäter zu 
bestrafen seien, häufig mit dem Tod. Wenn Sie den Kommunisten nun 
Inhumanität vorwerfen, sehen Sie darin keinen Widerspruch? 
Herr B.: Nein, da muß man sehr streng unterscheiden zwischen Fol- 
ter und Todesstrafe. Für mich ist die Todesstrafe im eigentlichen Sinn 
keine Strafe, weil der Verurteilte, wenn er stirbt, praktisch nichts mehr 
spürt. Und in dem Sinne wird er ja eigentlich nicht bestraft. Bestraft 
wird er, wenn er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wird und die gan- 
zen 15 Jahre voll mitkriegt. Zweitens: Ein psychisch Kranker, der nicht 
anders kann, würde ja ewig im Gefängnis schmoren müssen, weil er 
immer wieder reinkommt, und das würde ihm bei meiner Lösung 



108 



erspart bleiben. Man muß allerdings unterscheiden zwischen dem, was 
ich hier sage, und dem, was ich politisch durchsetzen würde. Politisch 
würde ich das anders machen, ich würde ihm die Wahlmöglichkeit 
geben, also er soll entscheiden können, ob er für 15 Jahre ins Gefäng- 
nis oder zum Tode verurteilt werden will. Letzteres würde mir am 
besten gefallen, nicht zuletzt auch aus Kostengründen, und weil das 
andere inhuman ist, aber ich würde ihm die Wahlmöglichkeit geben. 
Der Verurteilte muß selber entscheiden können. So, wie man heute 
sagt, ich spende im Todesfall meine Organe, so muß er sagen können: 
Ich will zum Tode verurteilt werden. Uberhaupt sollten wir uns hin 
zu einer Gesellschaft entwickeln, in der man human leben und 
human sterben kann. Human sterben heißt für mich, daß man selbst 
über seinen Tod bestimmt, also aktive und passive Sterbehilfe. 
Frage: Deutschland, Heimat, Vaterland - was bedeutet das für Sie? 
Bedeutet es was, oder bedeutet es nichts? 

Herr B.: Relativ wenig. Also meine Heimat ist es, aber ich könnte mir 
auch vorstellen, in einem anderen Land zu leben 
Frage.: Vorbilder, Ideale, Idole - gibt es für Sie so was? Früher waren 
das beispielsweise Albert Einstein oder Max Planck, wenn man sich, 
wie Sie, für Naturwissenschaften interessierte, oder es waren Politiker 
oder Stars aus der Pop-Szene. 

Herr B.: Eigentlich nicht, muß ich sagen. Ich kenne keine einzige 
Person oder Persönlichkeit, die mich irgendwo oder irgendwie über- 
zeugen würde. 

Frage: Was lesen, hören oder sehen Sie gern, zum Beispiel im Fernse- 
hen? 

Herr B.: Im Fernsehen extrem wenig, auch keine Serien. Ich habe ein- 
mal in eine reingeschaut, und das hat mir ausgereicht. Ich schaue mir 
manchmal das Magazin Report an oder andere politische Sendungen, 
Nachrichten halt, oder wenn es wirklich mal gute Spielfilme gibt. 
Musik höre ich die Top Ten, dann Hardrock, allgemein Discomusik. 
Auch Klassik, aber nichts Spezielles - Zauberflöte, Requiem, Vier 
Jahreszeiten - also relativ breit gefächert. Was ich weniger gern höre, 
sind die deutschen Schlager, und deutsche Volksmusik mag ich auch 
nicht, trotz FAP, wo ich bei vielen sage: rechtsradikale Idioten. 

Die FAP ist übrigens stark unterwandert, durch V-Leute vom Ver- 
fassungsschutz. Immer wieder erzählt jemand NS-Zeug im Namen 
der FAP, da braucht er noch nicht mal ein Mitglied zu sein oder ein 
Parteiamt zu haben, und bleibt straffrei. Die Republikaner sind mei- 
ner Ansicht nach auch unterwandert, die NPD schon seit langem, 
eigentlich jede Partei rechts von der CDU, seit 50 Jahren, und das 
finde ich erstaunlich. Man sieht das einfach daran, daß manche verfas- 
sungswidriges Zeug behaupten können und nicht verknackt werden, 
etwa >die FAP ist eine Nachfolgeorganisation der NSDAP< oder >Völ- 
kermischung ist Rassenmord< oder >der Kapitalismus ist eine Ausge- 



109 



burt des Judentums<. Das ist öffentlich gesagt worden und nicht 
bestraft worden, das ist für mich nicht nachvollziehbar. 
Frage: Was lesen Sie denn gerne? Früher - Sie sind sehr viel jünger 
als ich - hat man kiloweise Krimis verschlungen, Jerry Cotton, Kom- 
missar X und so was. 

Herr. B.: Das eigentlich nicht, ich lese hauptsächlich Fachliteratur, 
Fachbücher über Datenbanksysteme und Netzwerke, fast ausschließ- 
lich, und wenn ich sonst nach was lese, dann Science-fiction, oder 
eben auch politische Sachen. An Zeitungen das Lokalblatt, die >VDI- 
Nachrichten<, den >Deutschen Standpunkts >Der Republikaners 
>Deutsche Nationalzeitungs aber nicht mehr lange, die taugt nicht 
viel, und den >Spiegel< noch relativ regelmäßig. 
Frage: Irgendwelche Lieblingsbücher aus der Jugend - früher waren 
das Lederstrumpf oder Tom Sawyer? 
Herr B.: Das gar nicht. 

Frage: Und Lieblingsfilme, solche, die man besonders gern sieht, wo 
man sich den Titel und die Darsteller oder den Regisseur gemerkt hat? 
Oder daß man für Stars schwärmen würde - Michael Jackson, 
Prince, Elvis Presly, Tom Cruise? 

Herr B.: Gibt es an sich auch nicht, oder vielleicht Spielberg, >Krieg 
der Sterne«, >Alien< und lustige Filme» z. B. >Otto<. 
Frage: Sie sind ja noch sehr jung, 24 Jahre alt, glaube ich, wie stellt 
man sich denn in diesem Alter heute sein Leben vor? Der eine möchte 
gern Karriere machen, der andere sinnt auf Abenteuer, der dritte 
möchte gern reich werden, ein vierter möchte bald eine Familie grün- 
den, wie ist das bei Ihnen? 

Herr B.: Ich würde sagen: Karriere und angemessener Wohlstand, und 
daß man rechtzeitig in Rente gehen kann, bevor man sich überarbeitet. 
Ich nehme an, daß Informatiker in ihrem Beruf nicht alt werden. Da 
sollte man auch was für sich tun und mit 50 Schluß machen können. 
Der Beruf ist nämlich ziemlich streßreich, und da sollte man schauen, 
daß man möglichst bald in eine angemessene Position kommt. 
Frage: Mancher hat den Tick, daß er unbedingt mal mit dem Falt- 
boot den Amazonas runterfahren oder die Sahara durchqueren will, 
oder er möchte berühmt werden. Gibt es was ähnliches bei Ihnen? 
Herr B.: Nee, so was gibt es nicht, auf Titel lege ich zum Beispiel gar 
keinen Wert, die sind mir ziemlich egal. 
Frage: Wohnen Sie eigentlich noch bei Ihren Eltern? 
Herr B.: Nein, ich wohne in einer Dreizimmerwohnung hier in der 
Stadt, ich habe die geschickt gekriegt über meinen Chef und zahle 195 
Mark. 

Frage: Drei Zimmer für Sie allein - ist das nicht fast ein bißchen 
groß? 

Herr B.: So groß sind die Zimmer nicht, und voll kriegen tut man 
sie immer. 



110 



Frage: Sie haben ja offiziell für die FAP kandidiert. Gibt es in der 
Familie, im Bekanntenkreis oder unter den Arbeitskollegen darüber 
manchmal Diskussionen? 

Herr B.: Diskussionen nur, wenn ich sie anrege. In der Familie disku- 
tieren wir kaum, weil keiner von seiner Position abweicht. Mein Vater 
tendiert eher zu den Republikanern oder der CDU, mein älterer Bru- 
der zur CDU oder zur SPD, und mein jüngerer Bruder ist mehr für 
die Grünen. 

Frage: Stichwort Grüne. Der Umweltschutz ist ja für Sie auch sehr 
wichtig, was trennt Sie eigentlich von dieser Partei? 
Herr B.: Ich würde sagen, der Umweltschutz ist eigentlich der einzige 
gute Programmpunkt, den die Grünen haben. Negativ ist, daß sie zu 
lange für die Teilung waren, außerdem ist das eine Chaotenfraktion, 
die sind zu zerstritten, und die Abrüstungspolitik ist der absolute 
Wahnsinn. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Im großen 
und ganzen finde ich es natürlich gut, daß es diese Partei gibt, denn 
die haben wenigstens die Leute wegen dem Umweltschutz mal wach- 
gerüttelt. 

Frage: Sie sind zwar noch jung, aber andererseits auch schon 24 Jahre 
alt. Haben Sie vor, mal in nächster Zeit eine Familie zu gründen, ist 
jemand in Sicht, den Sie heiraten möchten? 

Herr B.: Nein, und da wird sich in den nächsten fünf oder sechs Jah- 
ren auch nichts tun, da habe ich wenig Interesse. Und außerdem sind 
in der Bundesrepublik die, welche Kinder haben, immer die Ange- 
schmierten, die sind finanziell die Schwächsten, und wenn es irgend- 
welche Kürzungen gibt, sind das die ersten. Außerdem sind wir hier 
sowieso überbevolkert, und dann gibt es auch noch Probleme mit der 
Scheidung. 

Frage: Von einer nationalen Position aus argumentiert, könnte man 
dagegen einwenden, daß die Deutschen aussterben, wenn alle es so 
machen. 

Herr B.: Alle machen es aber nicht so, und ich sage ja: 40 Millionen 
reichen aus, 40 Millionen auf dem Gebiet der Bundesrepublik. 
Frage: In Ihrem Alter hat man früher beispielsweise von einem Mas- 
serati-Sportwagen oder ähnlichen Luxusgegenständen geschwärmt. 
Gibt es für Sie etwas, was Sie sich gern leisten würden, wenn Sie auf 
Geld keine Rücksicht nehmen müßten? 

Herr B.: Also wenn ich mir was leisten würde, dann wahrscheinlich 
nur ein anständiges, schönes Haus, mit Swimmingpool, Sauna usw. 
Frage: Sie erwähnten vorhin die V-Leute, die den Nationalsozialismus 
verherrlichen. Welches wäre denn die richtige Einstellung zum Natio- 
nalsozialismus? 

Herr B.: Das kommt darauf an, ob man die Nationalsozialisten von 
damals oder von heute meint. Heute würde ich das unter Strafe stellen, 
und zwar rigotos* Für den, der sich nicht daran hält: Standardlösung, 



111 



also erschießen, weil die einfach deutschlandpolitisch Schaden anrich- 
ten. Also die aktiven Neonazis würde ich rigoros bestrafen. 

Aber man muß zwischen denen und dem Gespräch über die Ver- 
gangenheit unterscheiden. Was ich zum Beispiel am Geschichtsunter- 
richt schlecht finde, ist, daß darin die Geschichte verfälscht wird, und 
meiner Meinung nach dient die Verfälschung der Geschichte immer 
nur zur Verharmlosung. Die Republikaner zum Beispiel wurden als 
Neonazis bezeichnet, und da würde ich sagen: Wenn das Neonazis 
sind, dann waren die Nazis nicht schlimm. Denn die Republikaner 
haben, zumindest am Anfang doch eine ziemlich gemäßigte Politik 
gemacht. 

Frage: In Ihren Anmerkungen zum Satz: »Die Deutschen haben viel- 
leicht manche Bewunderer, aber wenig Freunde auf der Welt« hatten 
Sie geschrieben: Siehe Zweiter Weltkrieg, siehe Wiedervereinigung. 
Meinen Sie damit, daß die Deutschen es auch nicht verdienen, viele 
Freunde zu haben, weil sie ja den Zweiten Weltkrieg angefangen 
haben, oder meinen Sie: Daran, wie der Zweite Weltkrieg abgelaufen 
ist, sieht man, daß die Deutschen wenig Freunde hatten? 
Herr B.: Meiner Ansicht nach ist es so, daß sie wenig Freunde hatten. 
Meiner Meinung nach wäre der Zweite Weltkrieg durchaus vermeid- 
bar gewesen. Das Hauptproblem war ja damals mit den Polen, und im 
Geschichtsunterricht wird immer erzählt, die Deutschen hätten ange- 
griffen, und die Behauptung, die Deutschen hätten nur zurückge- 
schossen, wäre falsch. Die Information aber, die ich jetzt habe, sieht 
folgendermaßen aus: Erstens gab es einen längeren Streit zwischen 
Polen und Deutschland, zweitens haben die Deutschen mehrmals ver- 
sucht, Friedensverhandlungen durchzuführen, was aber gescheitert 
ist, woran wahrscheinlich beide Seiten schuld haben, aber auf jeden 
Fall auch die Polen. Polen hat Großbritannien und Frankreich als 
Bündnispartner gesucht, und wenn Großbritannien nicht als Bünd- 
nispartner zugesagt hätte, dann hätte es Friedensverhandlungen gege- 
ben. Polen hat mehrmals das deutsche Gebiet übertreten und geplün- 
dert und die deutsche Bevölkerungsgruppe innerhalb Polens massa- 
kriert, teilweise wenigstens, auch schwarze Listen ausgeteilt. Die 
Polen haben zum Krieg gegen Deutschland aufgerufen, dort die deut- 
sche Sprache verboten, sie haben unmittelbar vor dem deutschen 
Angriff einen deutschen Diplomaten umgebracht, was heutzutage als 
Kriegsgrund gilt, und sie haben zwei zivile Flugzeuge beschossen. 
Und ich muß sagen, unter diesen Bedingungen hätte ich wohl auch 
angegriffen. 

Frage: Sie meinen also, die Kriegsschuldfrage wäre nicht so einfach zu 
klären, und der zweite Hauptschuldige wäre Polen. 
Herr B.: Nein, England und Frankreich haben letztendlich Deutsch- 
land den Krieg erklärt. Und es sah auch so aus, daß Deutschland, um 
Polen überhaupt überfallen zu können, mordsmäßiges Schwein hatte. 



112 



Wenn die Franzosen rechtzeitig zugeschlagen hätten, dann wäre die 
deutsche Wehrmacht innerhalb kürzester Zeit futsch gewesen, d. h, 
die Deutschen hätten unter normalen, vernünftigen Bedingungen gar 
nicht wagen können, Polen anzugreifen. Schuld haben also meiner 
Meinung nach erstens die Polen und dann die Bündnispartner Groß- 
britannien und Frankreich. 

Frage: Sie würden also sagen, daß man der Regierung Hitler nicht die 
I lauptschuld am Kriegsausbruch geben kann. 
Herr B.: Ich würde sagen, daß Deutschland schon zu 30 Prozent bis 
SO Prozent Schuld trägt, aber die Frage ist: Welche Alternativen hätte 
es gegeben? Die Demokratie hatte total versagt, und die Kommunisten 
kann man nicht wählen. 

I • rage: Und was es sonst noch unter dem Nationalsozialismus gab, 
den Arbeitsdienst beispielsweise, wie würden Sie das einschätzen? 
Herr B.: Ich würde mal so sagen, das ganze mit der Judenverfolgung 
war totaler Schwachsinn. Mich würde mal interessieren, was die 
Gruppe um Röhm gemacht hätte, vielleicht hätten die eine vernünf- 
tige Richtung gefahren. Wenn es die ganze Judenvergasung nicht gege- 
ben hätte, und die KZs hätte man meiner Ansicht nach auch nicht 
errichten müssen, und wenn man die Arbeitslager einigermaßen 
human gestaltet hätte, dann hätte es was werden können. Ob es lang- 
fristig was hätte werden können, ist wieder eine andere Frage, weil 
Polen ja Deutschland besetzen wollte. Im Zweiten Weltkrieg haben 
die Polen, wie ich erst kürzlich las, ich wußte das vorher auch nicht, 
eine Polenkarte herausgegeben, die reichte von Moskau bis Berlin. 
Die hat halt praktisch Groß-Polen dargestellt. 
Frage: Warum interessiert sich jemand in Ihrem Alter eigentlich so 
intensiv für die Kriegsschuldfrage von 1939. Warum ist Ihnen das 
nicht ganz einfach egal? 

Herr B.: Wenn man nicht weiß, wie es damals war, dann heißt das 
auf gut deutsch, daß die gleichen Leute noch mal drankommen kön- 
nen. Man muß also meiner Ansicht nach aus dem Zweiten Weltkrieg 
lernen. Neulich gab es doch aus Rumänien diese Fotos mit den Lei- 
chenbergen, und ich muß sagen, das war eine Unverschämtheit. Da 
sind nämlich einige Journalisten, die nichts zu fotografieren hatten, 
zum nächsten Friedhof gegangen und haben die Leichen ausgebud- 
delt, das war einfach Greuelpropaganda. Und genau das gleiche, habe 
ich schon gehört, ist damals bei den Juden passiert, d. h. ich kann 
nicht genau verifizieren, ob es stimmt. 

Frage: Sic sagten, man müsse aus der Geschichte lernen, damit nicht 
noch mal die gleichen Leute drankommen. Aber warum ist das ein 
Risiko, wo Ihrer Meinung nach doch der Nationalsozialismus, wenn 
man von der Judenverfolgung absieht, die Sie als noch nicht ganz 
erwiesen betrachten, gar nicht so schlecht gewesen ist? 
Herr B.: Ich würde meinen, daß es ausreicht, was die gemacht haben. 



113 



des Apple oder den Gründer von Microsoft. Eifert man solchen Per- 
sonen nach? 

Herr B.: Eigentlich nicht. 

Frage.: Wie verbringen Sie eigentlich Ihre Freizeit - viel werden Sie 
nicht haben, Sie sind vermutlich arg eingespannt in den Job 
Herr B.: Also was ich gern mache, ist wandern, schwimmen gehen 
im Hallenbad, in die Sauna gehe ich jetzt regelmäßig, manchmal in 
die Disco, ins Roxy. 

Frage: Wandern Sie mit Freundin oder Bekannten, oder lieber allein? 
Herr B.: Meistens allein, da kann man sich rein halten. 
Frage: Zur Politik noch mal. Sie argumentieren einerseits sehr nüch- 
tern, und dann kommt, meine ich, doch immer wieder das nationale 
Interesse durch. Ganz verstehe ich Ihre Position eigentlich nicht. 
Herr B.: Das kommt auch darauf an, was man unter nationalem 
Interesse versteht. Schlecht finde ich an der FAP die Europafeindlich- 
keit, ich bin für ein Europa ohne Grenzen, weil wir dann in der Kon- 
kurrenz gegen Japan und die USA die erste Macht werden könnten, 
kh denke naml.ch die USA geraten ins Abseits. Wenn man sich die 
beschichte nämlich mal anschaut, dann sieht das so aus: Eine Macht 
steigt auf, und dann geht es auch wieder bergab. Mit der Sowjetunion 
geht es zur Zeit recht kräftig bergab, und ich glaube, daß auch die 
USA auf dem absteigenden Ast sind. Und so, wie Europa sich jetzt 
entwickelt, hat es die besten Voraussetzungen, bis zum Jahr 2000 die 
Nummer 1 zu werden. 

Frage: Stichwort USA. Da gibt es in Ihrer Partei, aber auch in weiten 
Kreisen der Öffentlichkeit den Vorwurf, der amerikanische Kulturim- 
penalimus würde die deutsche Kultur überfremden, mit TV-Serien 
und so was. Sehen Sie das auch so oder anders, oder ist das weniger 
Ihr Interessengebiet? 

Herr B.: Überfremdung von deutschem Kulturgut? Also ich muß 
sagen, ich habe über diese Frage noch nicht nachgedacht, da kam 
noch nichts rüber. Die USA sind eben ein Vielvölkerstaat und ich 
wurde sagen, daß es schon Probleme gibt, wenn man viele Kulturen 
zusammenmengt. Auch das Rassenproblem zwischen Schwarzen und 
WeiiSen gehört meiner Meinung nach zu einer multikulturellen 
Oeselischart dazu. 

Frage: Würden Sie für Deutschland so eine multikulturelle Gesell- 
schart für möglich halten? 

Herr B.: Also ich würde sie ablehnen, weil die meisten Kulturen auf 
Religionen basieren, und die sind meistens intolerant. Mein Bruder 
zum Beispiel wohnt im Studentenheim, wo es auch viele Kulturen 
gibt, und wenn man da zu einem was sagt, dann kann das sehr schnell 
eine Beleidigung sein, wo der einen auch ganz schnell umbringen 
kann im krassen Fall, ganz einfach deshalb, weil man die Kultur nicht 
kennt und weil die Kultur zusätzlich auch intolerant ist. 



116 



Frage: Von der Religion halten Sie doch ohnehin wenig. Wäre das 
Problem dann gelöst, wenn die Leute einfach alle auf ihren Glauben 

verzichten? 

I Icrr B.: Humaner wäre es. Aber wenn man sich Südafrika oder die 
USA oder die Sowjetunion anschaut: Da sind überall verschiedene 
Kulturen zusammen, und überall gibt es Ärger. Und ich muß sagen, 
das brauchen wir in Deutschland nicht, wir haben genug Ärger 
gehabt. Meiner Meinung nach muß eine Kultur sich frei entwickeln 
können, und zwar unabhängig von anderen Kulturen, es sei denn, 
man käme zu einer Gesellschaft, in der die Religion absolut keine 
Kolle spielt. 

Frage: Aber in den USA spielt die Religionszugehörigkeit doch keine 
Kolle, Weiße und Schwarze haben dieselbe. 

Herr B.: Da gibt es eben Differenzen wegen der Hautfarbe, und die 
sind, wie ich mal gelesen habe, gentechnologisch bedingt, d. h. es gibt 
eine gewisse Grundausländerfeindlicheit. Bei Schwarzen sieht es halt 
so aus, daß sie sich offensichtlich unterscheiden. Der Mensch ist 
instinktiv gegen alles Fremde auf jeden Fall, und wenn man das poli- 
tisch nicht in den Griff kriegt, dann hat man halt wie in den USA 
auf Dauer nur Probleme. Das ist teilweise ein Uberlebensinstinkt. Da 
Kab es bei den Neandertalern auch die verschiedenen Gruppierungen, 
und einem Fremden hat man nicht nur deshalb nicht getraut, weil 
man ihn nicht gekannt hat, sondern weil das Leben davon abhängig 
war. 



Ich bin ein Mann von unten 
Gesprach mit Herrn C. 

Zwei freistehende, 14geschossige Wohntürme, genau auf der Grenze 
zwischen einem Industriegebiet und einem Naturschutzgebiet etwas 
außerhalb der Stadt. In einem davon, und dort in der 8. Etage, wohnt 
Herr C., »schön ruhig«, wie er meint, zu ruhig vielleicht für einen 
Mann, der am spaten Nachmittag nach der Arbeit nicht die gering- 
sten Spuren von Ermüdung zeigt. Fahrstuhl und Treppenhaus deuten 
auf solvente und solide Mieter hin, die Wohnung von Herrn C. ist 
komfortabel, hell und sehr geräumig, das Mobiliar signalisiert Wohl- 
stand. Herr C. ist 49 Jahre alt, er verdient seinen Lebensunterhalt als 
Schichtarbeiter, auf der Kandidatenliste gab er als Beruf Kunst- 
schmied an. Die beiden erwachsenen Töchter wohnen nicht mehr bei 
ihm, seine Frau ist ebenfalls berufstätig. Der typische Zwei-Personen- 
Doppelverdiener-Haushalt also, der keine Kinder mehr zu versorgen 
hat und der nun über mehr Platz, Zeit und Geld als je zuvor verfügt. 

»Der Fragebogen war ja eine angenehme Überraschung«, sagt 
Herr C. zur Begrüßung, und er bestätigt damit, was die Auswertung 
(Durchschnittswert: 6.4) ergab. Den Interviewer scheint er für einen 



117 



Bundesgenossen und getarnten Talentsucher zu halten, und der 
Grund für das Mißverständnis ist, daß der Mann nach Höherem 
strebt. Bei der Verabschiedung jedenfalls sinnt Herr C. über seine 
Fähigkeiten nach, und er meint, daß für ihn als Zugewanderten die 
Lokalpolitik nur unter der Bedingung das richtige Ressort wäre, daß 
er gute Berater bekäme, er kenne sich in der Stadt einfach nicht gut 
genug aus. Was ihn hingegen reizen würde und wo er seine Fähigkei- 
ten sieht, das wäre die Außenpolitik. So absurd, wie dies Szenario 
einerseits ist, so genau spiegelt es doch die Tatsache wider, daß Herr 
C. sich die ersehnten Ämter und Ehren nur von einem politischen 
Umbruch nach dem Vorbild von 1933 erhoffen kann. 

Endlich mal einer also, der auf die Skala so reagiert, wie sich der 
Forscher das gedacht hatte. Neben Herrn A. als dem weitläufigen SS- 
Offizier und Herrn B. als dem Funktionär und Experten für Vernich- 
tungsfragen hinter den Kulissen wäre Herr C. mit seiner infantilen 
Mischung aus List und Dummheit, Vertrauensseligkeit und Berech- 
nung im Spielfilm keine schlechte Besetzung für eine komische Rolle, 
für die Rolle des Konzentrationslager-Erhardt in »Sein oder Nicht- 
sein« zum Beispiel, wo der ungebildete Nazi vorgeführt wird, der in 
dauernder Angst vor einer Denunziation lebt, weil ihm gegen besten 
Willen immer wieder Bemerkungen herausrutschen, die an seiner 
weltschanschaulichen Zuverlässigkeit zweifeln lassen. Besonders 
attraktiv scheint die Skala also für den engagierten, beflissenen Mit- 
läufer zu sein, für den »misfit bourgeois«, den unangepaßten Bürger, 
der eigentlich auch ein unangepaßter Nazi bleibt, hier wie dort fürch- 
ten muß, daß er sich daneben benimmt und deshalb einer der laute- 
sten Schreier wird. 

Zwar zeigt Herr C. sich zunächst mißtrauisch, als er um sein Ein- 
verständnis mit der Aufzeichnung des Gesprächs gebeten wird, er 
möchte einen Interviewer-Ausweis sehen. Tatsächlich aber ist das 
Mißtrauen gespielt, Herr C. will eigentlich Wachsamkeit und Pflicht- 
bewußtsein, seine Eignung zum Aufseher demonstrieren, und außer- 
dem genießt er es ein bißchen, sich als Kontrolleur oder Polizist zu 
fühlen. Er läßt sich dann auch schnell davon überzeugen, daß 
Interviewer-Ausweise nur ans subalterne Personal vergeben werden 
und der Projektleiter sich solche Formalitäten sparen kann. Gönner- 
haft sagt er schließlich: »Ich vertraue Ihnen.« Als das Aufnahmegerät, 
ein Sony Walkman Professional, dann ausgepackt wird, entwickelt 
Herr C. daran ein lebhaftes Interesse, und er möchte sich gern über- 
zeugen davon, daß es auch richtig funktioniert. Nach dem Ende des 
Gesprächs wird die Kassette daher kurz auf dem Recorder von Herrn 
C. ausprobiert, und Herr C. ist von der Tonqualität sichtlich beein- 
druckt. Sein größtes Glück müßte es sein, einmal im Fernsehen oder 
im Radio aufzutreten. 
Wie Herr A. ist auch Herr C. der perfekte Alleinunterhalter. »Was, 



118 



schon so spät? Da haben wir uns ganz schön verplaudert«, meint 
I lerr C. nach anderthalb Stunden Monolog, und er bemerkt es nicht 
mal, daß sein geduldiger Zuhörer das Wort von der Plauderei nur als 
hlanken Hohn empfinden kann. Der Abschied, auf den der Inter- 
viewer mit Hinweis auf die fortgeschrittene Zeit drängt, zieht sich in 
die Länge, bis ins Treppenhaus redet Herr C. auf den Interviewer ein, 
und das Gespräch endet erst wirklich im Moment, wo sich hinter 
dem nunmehr erleichterten Interviewer die Fahrstuhltür schließt. Im 
I amilien- und Bekanntenkreis müßte Herr C. als gefürchtete Nerven- 
säge gelten. 

Während die anderen Gespräche weitgehend im Wortlaut wiederge- 
geben werden konnten, mit unwesentlichen kleineren Auslassungen 
oder Korrekturen, sind diesmal größere Eingriffe erforderlich. Herr 
C. spricht nämlich nicht nur einen Berliner Jargon von der allerpene- 
t rantesten Sorte, sondern er spricht obendrein eine Sprache, die wört- 
lich niedergeschrieben keinen Sinn mehr ergibt. Kaum einen der 
Sätze, die er anfängt, bringt er auch zu Ende, meist entgleisen sie völ- 
lig, wenn ein als Stichwort brauchbarer Begriff darin vorkommt, und 
sie verzweigen dann ohne Rücksicht auf die Syntax nach allen Rich- 
tungen. Das sprachliche Ausdrucksvermögen von Herrn C. kann nur 
als debil bezeichnet werden, der Mensch faselt wie ein Schwachsinni- 
ger daher, und der Grund dafür ist, daß ihm jede Logik, jede Konse- 
quenz, selbst die von Subjekt - Prädikat - Objekt nur im Wege 
steht, weil der Zusammenhang zwischen seinen Wünschen die abso- 
lute Inkonsequenz ist. Ein wenig erinnert Herr C. an den Kanzler, 
dessen politische Rhetorik durchaus avantgardistische Züge trägt, 
insofern sie sich um Syntax und Bedeutung im hergebrachten Sinn 
nicht mehr kümmert und wie der abstrakten, nicht-gegenständlichen 
Malerei oder dem absurden Theater nachgebildet erscheint. 

Nur eine kurze Passage am Anfang wird daher unkorrigiert wieder- 
gegeben, als Kostprobe gewissermaßen, und im Unterschied zu den 
übrigen Gesprächen wird dieses fortlaufend kommentiert. 
Frage: Warum haben Sie sich politisch engagiert? 
Herr C.: Jeder sollte sich engagieren, jeder sollte sich ein bißchen 
politisch engagieren, und wenn es da Leute gibt, die sich aufstellen las- 
sen, weil sie eine bestimmte politische Richtung repräsentieren wollen 

- und einer davon bin ich auch - und auch er möchte was andern 

- will - , also ich bin eine Person, die was ändern möchte - viele 
Sachen sind zu ändern, praktisch zum Guten für das Volk, für das 
Volk. Und die Politiker, die augenblicklich dran sind - also da bin 
ich nicht einverstanden mit, die tun sich da Diäten selber verschrei- 
ben. So was dürfte nicht sein, das müßte alles mehr oder weniger 
praktisch über das Volk gehen, da müßten Volksabstimmungen über 
größere Probleme direkt übers Volk, wie da in Schweden der 
Ombudsmann, nicht wahr, der die Meinung vom Volk vertritt, nicht 



119 



wahr, so was Ähnliches in Deutschland stelle ich mir auch vor, daß 
praktisch das Volk repräsentiert wird, und nicht nur die Politiker, die 
ihre eigene Meinung praktisch von der Kanzel reden, nicht wahr. Es 
müßte mehr wie das Volk denkt - das sieht man ja jetzt so viel. Nicht 
wahr, jetzt in Mitteldeutschland zum Beispiel, da hat ja nur alles das 
Volk, das Volk hat jetzt die Wende gebracht. Die Politiker, die Politi- 
ker von Ost und West, na von Osten natürlich noch weniger, die hät- 
ten nie die Einigung gebracht, nie, die hätten wir in 200 Jahren noch 
nicht gehabt. Das kommt von unten heraus, und deswegen - ich bin 
ein Mann von unten, und der möchte auch - und ich sehe, die mei- 
sten Politiker, die so existieren, das sind Rechtsanwälte und so was 
sind. Die sind dann schon, möchte ich sagen, in gehobenen Stellungen 
und haben keinen richtigen Kontakt zum einfachen Volk, und ich bin 
direkt ein Mann vom Volk, und ich sehe, wo es klemmt. Zum Beispiel 
nehmen wir mal an jetzt hier die Tarife, die - praktisch die Verkehrs- 
tarife. Das ist doch uhhnmööglich, unmöglich überhaupt, daß man 
die Verkehrsmittel erhöht, erhöht und erhöht, und die Autos von der 
Straße verbannen will. Das ist doch das letzte. Also der kleine Mann 
denkt, na gut, ich würde mein Auto zu Hause stehen lassen, aber ich 
komme doch viel billiger zur Arbeit, als wenn ich das Verkehrsmittel 
benutze. 

Soweit der OTon von Herrn C, wobei allerdings der Berliner Jargon 
(>ick<, >jut<, etc.) schon eingedeutscht wurde. Am Politikerberuf faszi- 
niert Herrn C. besonders die Möglichkeit, selber über die Höhe des 
Gehalts zu entscheiden. Sodann empfiehlt sich Herr C. als der bes- 
sere Kontaktmann zum Volk. Er ist einer, der weiß, wo uns der Schuh 
drückt, er kommt ja selber aus dem einfachen Volk. Wäre Herr C. 
schon Politiker, so würde man sagen; Er wirft seinen Hut in den Ring, 
er bringt sich als Kandidat ins Gespräch, er meldet Ansprüche an. 
Immerhin korrespondiert er schon, wie er gleich erzählen wird, mit 
dem Oberbürgermeister. Und mit dem ist er so vertraut, daß er ihn ein- 
fach >Herr Rommel« nennt. Überhaupt hat Herr C. sich während des 
kurzen Gestammels verwandelt: Er will nicht mehr Politiker werden, 
sondern er ist es schon, denn nur einer, der bereits aufgestiegen ist! 
muß seine Herkunft betonen. Wer »Ich bin ein Mann von unten, direkt 
vom Volk* sagt, ist natürlich keiner mehr, weil die Feststellung, wenn 
sie zuträfe, überflüssig wäre. Wer so spricht, steht vielmehr schon auf 
der Rednertribüne und wartet auf den tosenden Beifall der Massen. 

Herr C. denkt also: Mein Schichtarbeiterjob befriedigt mich nicht, 
ich fühle mich zu Höherem berufen, ich möchte auch wie der Gen- 
scher von Hauptstadt zu Hauptstadt düsen, überall Reden schwingen, 
ins Fernsehen kommen, in guten Hotels übernachten und obendrein 
noch am Monatsende einen Blankoscheck kriegen. Und tagträumend 
hat sich sein Wunsch schon zur Hälfte erfüllt, er tüftelt bereits an den 



120 



Hoden, die er halten würde, und er ähnelt dabei den Unterschriftstel- 
Irm oder politischen Publizisten wie Rudolf Augstein oder Theo Som- 
mer, die es lieben, sich die Köpfe der Mächtigen zu zerbrechen, und 
< Ii -ren geheimer Wunsch es wohl sein muß, bei einem Gipfeltreffen die 
I u ,'schlüsse zu diktieren. Nicht immer fällt es Herrn C. dabei leicht, Tag- 
traum und Realität auseinanderzuhalten, und dies ist einer der Gründe 
dir seine debil erscheinende Redeweise. 

Gerade bei solchen Linken, hinter deren sozialem Engagement 
sich ein unstillbarer Ehrgeiz verbirgt, würde Herr C. vermutlich sogar 
.ml volles Verständnis stoßen, mit der Begründung etwa, daß derglei- 
chen doch jeder wolle und daß besonders bei einem durch Schich- 
tarbeit Unterprivilegierten dieser Wunsch nur zu natürlich sei. Überse- 
hen wird dabei, daß das Politikerleben, wie es sich im Fernsehen dar- 
stellt, keineswegs jedem als begehrenswert erscheinen muß, daß 
vielmehr gerade ein müde von der Schicht nach Hause kommender 
Büro- oder Fabrikarbeiter seine Brieftauben, seinen Garten oder seine 
Schmöker gern haben kann und daß die Vorstellung ihm vielleicht 
sogar Entsetzen einflößen wird, er müßte nun mit drückenden Schu- 
hen und zwickendem Jackett ohne Getränk und ohne Erdnüsse in 
der UNO-Vollversammlung, beim Agrarminister-Treffen oder beim 
Staatsbegräbnis in der ersten Reihe sitzen und stundenlang das Strei- 
chergewinsel und all den langweiligen Quark über sich ergehen las- 
sen, den er im Fernsehen immer sofort abdreht. Übersehen wird also 
dabei, daß Menschen sich normalerweise an ihre Lebensbedingun- 
gen gewöhnen und an ihnen hängen, daß ein bestimmter Bedürfnis- 
norizont sicn entwicKeit, aab einen drienauDenzucnter aer erste rreis 
beim Wettfliegen mehr reizt als die Vorstellung, einmal Bundeskanzler 
zu sein. 

Im Unterschied zu einer solchen Person, die sich mit ihren Lebens- 
bedingungen arrangiert hat, träumt Herr C. also wie ein 14jähriger von 
einer steilen Karriere, er entwickelt die Omnipotenzphantasien, wie sie 
an Stammtischen die Runde machen. Obendrein aber möchte er 
seine raffgierigen und machtgierigen Ambitionen als völkische Gesin- 
nung verkaufen, und dazu fehlt ihm die nötige schulische Bildung. So 
kommt es dann, daß er sich während des ganzen Gesprächs wie ein 
schlechter Lügner bei fast jedem Satz heillos verheddert, und eben 
deshalb wird fortan auf die wörtliche Wiedergabe des Gesprächs ver- 
zichtet und statt dessen eine geschönte präsentiert, in welcher die 
angefangenen Sätze meistens auch sinngemäß enden. 

Herr C. (Fortsetzung): Oder mein Fall: Ich muß zur Arbeit nach Sin- 
delfingen, und ich habe schon ein paar mal eine Eingabe beim Ober- 
bürgermeister gemacht, hier beim Herrn Rommel, daß die S-Bahnen 
früher fahren müßten. Um 5.08 fährt die erste Bahn, und das ist für 
mich zu spät. Das ist doch hier auch kein Dorf, sondern eine große 



121 



Stadt, und da müßte die S-Bahn eigentlich während der ganzen Nacht 
fahren, aber hier im Schwabenland ist es eben nicht so. 

Außerdem dürften die Grundnahrungsmittel nicht verteuert wer- 
den, und überhaupt, wenn man das so verfolgt: Erst gibt es Lohnerhö- 
hungen, und dann kommen Preiserhöhungen. Freie Marktwirtschaft 
schön und gut, aber etwas müßte das doch gedämpft werden, daß der 
Handel nicht gleich aufschlägt. Oder nehmen Sie das Nord-Süd- 
Gefälle: Ich lebe in Norddeutschland viel billiger, hier verdiene ich 
zwar mehr, aber dafür ist alles teurer. Daß ich mehr verdiene, nützt 
mir gar nichts, ich lebe nicht besser als ein Norddeutscher, der weni- 
ger Miete zahlt. Wenn man zum Beispiel die Bockwurst nimmt: Hier 
kostet sie 3,20 Mark, da oben in Norddeutschland kostet sie 2,60 
Mark. 

Ich bin deshalb für mehr Sozialleistungen, nicht für mehr Lohner- 
höhungen. Lohnerhöhungen sind nur inflationär, alles wird teurer. 

Die sinnentleerte Pfennigfuchserei um die Bockwurstpreise im Zusam- 
menhang mit der Begründung, warum jemand Politiker werden 
möchte, oder die Gleichzeitigkeit von Überrealismus und Realitätsver- 
lust, ist typisch für Herrn C. und für einen ganzen Sozialcharakter. Den 
Interviewer erinnert sie an ein Lokal in Heraklion, wo am Nachbartisch 
deutsche Alternativtouristen einen ganzen Abend lang lautstark dar- 
über debattierten, wo man auf Kreta die billigsten Eier - kein Witz, 
sondern Tatsache - kaufen kann, obgleich die Eierpreise das Touri- 
stenbudget ungefähr so stark belasten wie die Bockwurstpreise oder 
die Preise für Grundnahrungsmittel das Einkommen eines bundes- 
deutschen Doppelverdienerhaushalts (schätzungsweise DM 4000 
netto mindestens) ohne zu versorgende Kinder. Auch im weiteren 
Gesprächsverlauf wird Herr C. immer wieder (hier weggelassene) 
Kostproben seines Gedächtnisses für Preise und Wechselkurse liefern, 
und es drängt sich insgesamt der Eindruck auf, daß dieser Mensch 
es stets als Zumutung, wenn nicht gar als Raub empfindet, wenn er 
etwas bezahlen und sich von seinem lieben Geld trennen soll. Über- 
haupt hat er eine starke Abneigung gegen das Äquivalenzprinzip, 
weshalb ihn einerseits der von den Politikern vermeintlich eingesteckte 
Blankoscheck interessiert und weshalb er später gegen Bezieher von 
Arbeitslosengeld wüten wird. Eigentlich müßte seiner Meinung nach 
er es sein, der alles umsonst und geschenkt bekommt, und weil man 
in dieser garstigen Welt überall zahlen muß, fühlt er sich ständig aus- 
gebeutet und übervorteilt, fast möchte man sagen: ungeliebt. 

Frage: Sie reden ja fast wie ein Kommunist. 
Herr C: Ich bin natürlich keiner. Aber man kann nicht alles verdam- 
men, was die machen. Wie jetzt bei der Wiedervereinigung: Man 
sollte aus der BRD und aus der DDR jeweils das Beste übernehmen. 



122 



Aber das wichtigste ist, daß der Mensch frei ist, und im Kommunis- 
mus kann er nicht frei sein. Das sind Steinzeitmenschen. Aber soziale 
Sachen sollte man übernehmen. Verkehrsmittel müssen billig sein, 
oder ein anderes Beispiel: unser Staatsfernsehen. Die Filme, die da 
gebracht werden, sind uralt, ich schaue mir nur noch politische Sen- 
dungen an. Trotzdem erhöhen die dauernd die Gebühren. Ein Privat- 
sender dagegen bringt Unterhaltung und kostet keine Gebühren, 
dafür aber Werbung. Wir kommen jetzt von einem zum anderen: Die 
Werbung würde ich natürlich auch abschaffen, besonders die Banden- 
werbung in den Stadien. Da steht manchmal nur der Name einer 
l'irma, und man weiß gar nicht, für welches Produkt das ist. Das finde 
ich unmöglich. Und was die Firmen für die Werbung bezahlen, das 
sind praktisch wieder Steuergelder, die können das nämlich von der 
Steuer absetzen. Der kleine Mann dagegen kann wenig absetzen. Und 
dann wird manchmal für Artikel geworben, die ich hier in der Kauf- 
halle noch gar nicht bekomme. Aber was dem kleinen Mann wieder 
bei der Werbung zugutekommt, ist, daß er bei den Privatsendern 
keine Fernsehgebühren bezahlen muß. 

Oder nehmen Sie mal die Ratesendungen, wo man Zigtausende 
gewinnen kann. Also ich würde mich freuen, wenn ich da mal mit der 
Familie im Fernsehen auftreten könnte und gesehen werden würde, 
und ich kann mir das zu Hause aufnehmen auf Video, und ich kriege 
vielleicht einen Hundertmarkschein. Ich brauche aber nicht 20 000 
t »der 30 000 Mark, und dadrin stecken ja die Gebühren. Und nun 
kommen sie mit dem Geld nicht klar, und wir müssen mehr zahlen. 

Mit kommunistisch oder sozialistisch hat das aber nichts zu tun, 
oder man könnte natürlich sagen: Der Faschismus kommt ja auch 
vom Kommunismus, Mussolini hat sich ja damals von den Sozialisten 
abgespalten. Bei mir ist es weder noch, sondern einfach volksnah. Ich 
möchte sehen, daß der einzelne Bürger für sein Geld auch was hat und 
daß die Steuergelder nicht rausgeschmissen werden. Und das ist ja 
allerhand, was man hier an Steuern zu zahlen hat. 

Wir kommen jetzt von einem zum anderen, sagt Herr C, und dazu 
paßt es, daß er an der populären Idee Gefallen findet, aus der DDR 
und der BRD jeweils das Beste zu übernehmen, aus der DDR bei- 
spielsweise die Preise für Mieten und Grundnahrungsmittel, aus der 
BRD den Rest. Die Tirade über das Fernsehen wurde hier wieder 
gekürzt, weit Herr C. lang und breit erzählt, warum die Sendung »Ver- 
stehen Sie Spaß?< früher besser war. Den roten Faden aber verliert 
Herr C. trotzdem nicht, denn am Ende beklagt er sich wieder darüber, 
daß er zahlen muß, diesmal sind es die Steuern. Dazwischen klagt er 
über eine weitere Ungerechtigkeit der Welt. Sie besteht darin, daß man 
bei Fernseh-Ratespielen Geldsummen gewinnen kann, die Herr C. mit 
seinen Gebühren finanziert. Gerechtigkeit ist für Herrn C, wenn jeder 



123 



einen Hundertmarkschein zugesteckt bekommt, seine Vorstellung von 
Volksnähe heißt schlicht und einfach »Freibier für alle«. 

Obgleich der Mann berufstätig ist und gewiß nicht schlecht verdient, 
denkt er wie ein Unterstützungsempfänger, und die Gier, etwas 
geschenkt zu bekommen, macht ihn vermutlich für die ökonomischen 
Realitäten insofern blind, als er ganz billig zu kaufen wäre mit der 
Wahlkampfparole beispielsweise, jeder Bürger solle zum Geburtstag 
vom Bundespräsidenten 500 Mark und einen Freßkorb bekommen. 

Frage: Wer ist Ihr politischer Gegner? 

Herr C: Das linke Spektrum, teilweise auch das Zentrum, weil die 
eben doch nicht so volksnah regieren, wie sie sollten. 
Frage: Was verstehen Sie unter den Linken? 

Herr C: Die SPD zum Beispiel, das ist für mich eine Schmach für 
Deutschland. 

Frage: Stichwort Deutschland - wie sollte das im Jahr 2050 ausse- 
hen? 

Herr C: Dann müßte Deutschland wieder sein, was es mal war und 
bis zur russischen Grenze reichen. Jetzt haben wir ja eine Wiederverei- 
nigung nur zwischen Mitteldeutschland und Westdeutschland, ohne 
die Ostgebiete, die großen schönen deutschen Ostgebiete wie Schle- 
sien und Pommern und Westpreußen und Ostpreußen. Das ist dort 
ein Menschenschlag, ein deutscher Menschenschlag, der arbeitsam 
und genügsam ist. Die Menschen im Osten haben wenig vom Feiern 
gehalten, anders als die Rheinländer hier, die feiern lieber und arbei- 
ten weniger. Jedenfalls kommt das arbeitsamste Potential des deut- 
schen Volkes aus dem Osten. Und für das Jahr 2050 wünsche ich mir, 
daß wirklich so ein Deutschland wieder existiert - aber wir wollen 
ja von keinem Menschen was haben. Und wenn man sich die Ent- 
wicklung in Litauen anschaut: Wenn Litauen selbständig ist, kommt 
der Russe an Ostpreußen gar nicht mehr ran, nur über See oder über 
Polen. Was will er also damit? Das kann er den Deutschen wieder 
zurückgeben, so, wie es sich eigentlich gehört. Denn nicht wir haben 
den Krieg verloren, sondern die deutsche Wehrmacht hat den Krieg verlo- 
ren und, wie schon gesagt, die Führung. Das deutsche Volk dagegen hat 
nur gelitten. 

Was bei Herrn A. und Herrn B. ein tiefsitzendes Ressentiment gewe- 
sen war, die Vorstellung nämlich, das deutsche Volk habe nur gelitten, 
ist bei Herrn C. eher ein plumper Trick. Der kleine Gauner will die gro- 
ßen, schönen deutschen Ostgebiete kriegen, und dabei ist ihm jede 
Begründung recht, wenn sie nur ihren Zweck erfüllt. Herr C. also in der 
Rolle des Staubsaugervertreters, der gerade der Kundin erklärt, daß 
man das Gerät selbstverständlich auch als Waschmaschine oder als 
Trockenhaube benutzen könne. 



124 



Wie ein Patriot wirkt er dabei wirklich nicht, eher wie ein Kolonialist, 
«l<:r die Gebiete inspiziert, die er erobern möchte. Der arbeitsame, 
<i<!nügsame Menschenschlag, das arbeitsamste Potential - das sind 
nicht die Kosenamen, die ein Patriot für seine geliebten Landsleute 
erfindet, sondern das sind die Kategorien, unter denen de Investor 
«me Bevölkerung betrachtet. Mit der bereits erwähnten, für diesen 
' >( »/ialcharakter typischen Mischung aus Überrealismus und Realitäts- 
verlust hat Herr C. offenbar schon sehr genau die Landkarte studiert, 
< I* >r Wahn ist gewissermaßen bis auf die letzte Dezimalstelle hinter dem 
Komma durchkalkuliert. Wie die sinnlose Pfennigfuchserei überhaupt 
eine Art Ersatz für Realitätskontakt zu sein scheint, fast eine Art Ersatz- 
welt, so dürfte es auch hier die Funktion des Landkartenstudiums sein, 
.iberwitzigen Plänen einen Anstrich von Realisierbarkeit zu geben. 

Anders als bei Herrn A. und Herrn B. sind die Annexionspläne dies- 
mal nicht mit offen geäußerten Aggressionen oder Ressentiments 
< legen Polen verknüpft, aus dem einfachen Grund, daß Herr C. sich 
«Jas Verdrängen und Projizieren sparen kann, weil er gar nicht wahr- 
nimmt. Seinem Vertrauen darauf, daß die Aneignung fremden Gebiets 
iuf dem Wege gütlicher Einigung werde herbeigeführt werden kön- 
nen, entspricht sein Vertrauen darauf, daß ein 50jähriger Schichtarbei- 
ter durchaus noch Außenminister oder Volkstribun werden könnte, 
wenn er nur gründlich genug die Landkarte studiert. Seinem zurück- 
gebliebenen Gemüt kommt es einfach nicht so recht in den Sinn, daß 
Polen sich möglicherweise weigern könnte. Um so größere Ausbrüche 
kindischen, unberechenbaren Hasses sind daher zu erwarten, regel- 
rechte Tobsuchtsanfälle vielleicht, wenn das Schlaraffenland, wo nur 
zugegriffen werden muß, dadurch zerstört wird, daß uneinsichtige 
Polen es besetzt halten. 

Trage: Aber die Polen würden diese Gebiete vielleicht nicht so gern 
hergeben. 

Herr C: Nun ja, was heißt nicht gerne hergeben. Also militärisch ist 
da nichts drin, wir wollen ja keinen Krieg, ich war nicht im Krieg, 
ich stelle ihn mir furchtbar vor, da müßte auf internationaler Ebene 
verhandelt werden, und überhaupt mit den Russen. Der Russe ist der 
Querkopf, und wenn der Ja sagt, ist alles in Ordnung. Dann kriegen 
die Polen wieder, was früher Polen war, und die Polen gehen von ganz 
allein wieder hin, das sind herrliche Gebiete, Masuren zum Beispiel. 
Ich bin ja nun ein Mensch, der oft ins heutige Polen gekommen ist. 
Die Leute, die bis ca. 100 Kilometer hinter der sogenannten Oder- 
Neiße-Grenze wohnen, die sagen sich, daß die Deutschen ja wieder- 
kommen, und deshalb bauen die dort nichts auf. Also wenn die ganze 
Geschichte zwischen dem einfachen Volk entschieden würde, dann 
würde das alles harmonisch laufen. 

Frage: Würden Sie denn wieder in die ehemaligen Ostgebiete wollen, 



125 



wo Sie doch nun hier nach Stuttgart gezogen sind, so weit in den 
Süden? 

Herr W.: Aber selbstverständlich, mein Vater kommt aus Schlesien, 
die Familie hatte dort eine Fleischerei. Wenn es dort Arbeit gäbe, 
würde ich gleich hinziehen, sonst als Rentner. Das sind wirklich noch 
saubere Gebiete, gerade da, wo noch wenig Bevölkerung ist: Grüne 
Landschaft, Wälder, weil da wenig Industrie ist, ich rede jetzt von der 
Gegend zwischen Tschechei und Sudetengau. Die Ecke da unten ist 
eine herrliche Ecke, obwohl ich mich auch sehr als Preuße fühle, weil 
ich selber ja erst in Potsdam geboren worden bin. 

Aus der Tatsache also, daß seine Mutter zufälligerweise in der Nähe 
von Potsdam niederkam, leitet der Abstammungs-Schlesier sein Preu- 
ßentum ab, und von gleicher Qualität sind alle seine Bindungen. 
Bezeichnend für seinen Patriotismus ist wieder, daß er die Ostgebiete 
als solche mit wenig Bevölkerung, aber viel Wald und Wiesen schätzt, 
als menschenleeren Siedlungsraum tendenziell. Gleichwohl ist die 
erklärte Bereitschaft, sich dort spätestens als Rentner niederlassen zu 
wollen, nicht sonderlich ernst zu nehmen. Allen Einwänden gegen den 
Süden zum Trotz, die Herr C. nun vorbringt, ist Südafrika das Land sei- 
ner Aussteiger- und Rentnerträume, wie er im weiteren Gesprächsver- 
lauf verraten wird. 

Ein nomadischer Zug, eine Unfähigkeit zur Seßhaftigkeit prägt die- 
sen Mann, der eben deshalb später den Ausländern unterstellen wird, 
sie würden im Falle der Wirtschaftsflaute der BRD schnell den Rücken 
kehren. Weil er dort, wo er hinzog und nun schon lange arbeitet und 
wohnt, offenbar nicht heimisch werden kann, hält er dauernd nach 
günstigeren Siedlungsgebieten Ausschau. Jede Befähigung dazu, 
etwas wie Heimatverbundenheit überhaupt entwickeln zu können, 
dementiert er selber durch die Absichtserklärung, bei nächstbester 
Gelegenheit in eine ferne Gegend zu ziehen, wo er weder alte 
Freunde, noch Bekannte oder Familie haben würde. 

Frage: Ich frage nur, weil es die Bundesbürger nicht nur im Urlaub 
immer zur Sonne zieht. Und schon aus klimatischen Gründen war ich 
nicht so sicher, daß viele freiwillig in die Ostgebiete gehen würden. 
Herr C: Im Urlaub ist die Hitze gut, aber nur für drei Wochen. 
Leben möchte ich dort nicht, da liegt Deutschland wunderbar, und 
das bringt auch den fleißigen, arbeitsamen Menschenschlag hervor. 
Im Süden zum Beispiel kann man nicht den ganzen Tag arbeiten, da 
muß man mittags Pause machen, in Deutschland kann man von früh 
bis abends arbeiten. Ich bin so ein traditioneller Mensch, der das im 
Süden vermissen würde. 

Frage: Also auch hier in Stuttgart sind Sie nicht so richtig heimisch 
geworden? 



126 



Herr C: Nein, also der Preuße, und der Berliner überhaupt, der tut 
sich wenig ändern, wenn er woanders wohnt, der behält seinen Stil, 
seine Auffassung und seinen Charakter, wohingegen sich Sachsen sehr 
schnell angleichen können. Die kommen mit den Schwaben besser 
aus, und der Schwabe ist wirklich ein besonderer Menschenschlag. 
I )er kennt die Welt nicht, der ist vielleicht noch nicht mal nach Berlin 
gekommen, wenn er auch 60 ist, und sein Häuschen, sein Häuschen, 
und dann vielleicht noch ein Häuschen, und dann ist er nur am 
Arbeiten an seinem Häuschen. Ein Haus ist ja was Schönes, aber man 
muß sich doch auch was gönnen im Leben. Die können weder mitre- 
den, noch interessieren sie sich für die Weltgeschichte - also der 
Schwabe ist nicht für die Wiedervereinigung. Die sagen: Es ist eine 
Schande, daß die Mauer gefallen ist, die Mauer müßte noch viel höher 
sein. Aber das ist nur der Schwabe. 

Herr C, der sich für einen traditionellen Menschen hält und der in 
Wahrheit ein konformierender Asozialer ohne Tradition und Bindungen 
ist, bringt hier wieder das Kunststück fertig, innerhalb weniger Sätze 
seine Position zu wechseln und es nicht einmal zu bemerken. Eben 
lobte er noch den arbeitsamen Menschenschlag, eben betonte er 
noch, er würde im Süden nicht leben mögen, weil man dort nicht den 
ganzen Tag arbeiten kann, und nun benutzt er das Schaffe-schaffe- 
Häusle-baue-Klischee in diskriminierender Absicht. Nicht herumzurei- 
sen, sondern daheim zu bleiben wird nicht als Ausdruck wünschens- 
werter Heimatverbundenheit oder Bodenständigkeit, sondern als Zei- 
chen von Borniertheit betrachtet. 

Eben dies macht die Unberechenbarkeit und die Gefährlichkeit des 
deutschen Sozialcharakters aus, daß er kein klares, in sich stimmiges 
Bild von sich und seinen Wünschen besitzt. 

Frage: Sie haben hinsichtlich der Kosten für die Wiedervereinigung 
keine Bedenken? 

Herr C: Nein, ich habe ja immer dafür gekämpft. Und wenn die 
Wiedervereinigung noch so viel kostet - aber sie kostet den kleinen 
Mann ja nichts, sondern das macht alles das Privatkapital. Da gibt es 
doch viele Firmen in der DDR, die hiesigen Firmen gehören, und die 
gibt man einfach zurück. 

Herr C. erscheint hier für einen Sekundenbruchteil in der Rolle des 
opferbereiten Idealisten. Kaum spricht er den Satz »und wenn die Wie- 
dervereinigung noch so viel kostet« aus, so stockt ihm freilich schon 
der Atem. Doch wo Gefahr ist, ist das Rettende auch: Die Wiederverei- 
nigung kostet ja nichts, ganz im Gegenteil, es gibt sogar was zu holen, 
nämlich dergestalt, daß bundesdeutsche Firmen sich die DDR-Firmen 
schnappen. Wo also die Realität mit den Wünschen von Herrn C. kon- 



127 



fligiert, macht er einfach einen kleinen Gedankensprung und ist dann 
in einer anderen Welt. 

Herr C. (Fortsetzung): Außerdem kann man am Rüstungsetat spa- 
ren, obwohl man natürlich gegenüber dem Russen wachsam bleiben 
muß. Ich sage immer: Der Gorbatschow ist ein Wolf im Schafspelz, 
auch wenn durch ihn die ganze Entwicklung ins Rollen gekommen 
ist, und der läßt keinen raus aus seinem KZ. Die haben doch da in 
Russland Völker zusammengeschweißt, die naturmäßig gar nicht 
zusammen harmonieren. Was meinen Sie, wenn der Usbeke mit dem 
Russen zusammenkommt - ich habe das ja viel erlebt, ich bin ja mit 
solchen Leuten zusammengewesen, weil ich auch aus der Zone 
komme, aber das ist schon lange her. Ich kann das deutsche Reich ver- 
größern, aber im Sprachraum. Mache ich weiter, geht es zugrunde. So 
ist das mit Rußland auch. Der Russe hat andere Völker vereinnahmt, 
und die wollen ihre Freiheit. Und das ist für mich natürlich, deshalb 
verstehe ich mit der EG die ganze Geschichte nicht. Die Völker soll- 
ten getrennt bleiben, man kann nicht die Völker mischen. In Belgien 
zum Beispiel bekämpfen sich die Flamen und die Wallonen schon 
ewig, in Spanien müßten die Basken einen Staat für sich haben, denn 
das sind ja eigentlich keine Spanier. In Nordirland ist es dasselbe, dort 
hat der Engländer nicht zu suchen. 

Frage: In die USA sind aber Leute aus vielen Ländern eingewandert, 
und daraus wurde eine erfolgreiche Nation. 

Herr C: Richtig, aber das ist zusammengewachsen. Was hier zusam- 
mengewachsen ist, das ist was anderes, hier sind Völker zusammenge- 
wachsen, das wäre Fanatismus, sie vermischen zu wollen. 

Hier haben an der europäischen Einigung nur diejenigen Interesse, 
die dabei gewinnen. Der Portugiese zum Beispiel ist dann froh, daß 
er in Deutschland arbeiten kann. Gott sei Dank, daß jetzt die Einheit 
kommt, denn sonst hätte ich schwarzgesehen, daß Westdeutschland 
praktisch ein Entwicklungsland würde. Denn hier sind die Löhne 
höher, die Sozialleistungen sind hoch. Die Industrie, die westdeut- 
sche, würde abwandern in die Billiglohnländer. Portugal habe ich sehr 
hoch geschätzt, das wäre für mich das Industrieland Nr. 1 in Westeu- 
ropa geworden, weil das augenblicklich die billigsten Löhne hat, da 
wäre alles reingeflossen. Die Ausländer hier waren nachgewandert, 
denn die sind ja noch nicht seßhaft, weil sie noch nicht solange hier sind, 
erst in der nächsten Generation werden sie seßhaft und vermischen sich. 
Zurück wäre der Deutsche gehlieben, und hier wäre keine Arbeit mehr. 
So wäre das gekommen. Für die Betriebe ist die EG gut, aber für das 
einfache Volk nicht, die Völker wollen für sich bleiben. Der Deutsche 
hat dabei noch nicht mal so einen Nationalstolz wie der Italiener, wie 
die Südländer, die möchten eigentlich nur des Geldes wegen die EG. 



128 



I )er Mann aus dem Volk, der Schichtarbeiter schätzt nun Portugal der 
geringen Löhne und Sozialleistungen wegen, und das Schlimme an 
den Ausländern ist, daß sie mangelnder Seßhaftigkeit wegen unzuver- 
lässig sind, fast könnte man sagen: treulos. Im Falle eines Falles bliebe 
der Deutsche mutterseelenallein zurück und stünde da als der 
Dumme. Wäre das Problem also gelöst, wenn die Ausländer in der 
BRD seßhaft würden? 

Trage: Sie sagten vorhin, daß die Ausländer noch nicht richtig seßhaft 
sind, daß deren Kinder es aber sein werden. Also sehen Sie kein Aus- 
länderproblem? 

Herr C: Also mit den europäischen Einwanderern sehe ich wenig 
Probleme, aber mit den asiatischen. Wo man nachher nicht sieht, daß 
sie früher mal einer anderen Nation angehörten, sehe ich keine Pro- 
bleme, aber bei den Vietnamesen sehe ich große Probleme kommen, 
wegen der Rasse schon, dem kleinen Wuchs, dem Aussehen - und 
das bleibt trotz Vermischung. 

Und ich habe auch nichts gegen die Türken, die waren schon 
immer deutschfreundlich, aber daß es nun doch solche Massen davon 
hier in Deutschland gibt, daß die ihre Moscheen bauen wollen, also 
der Fanatismus kommt ja jetzt augenblicklich von den Moslems. Die 
sollen ja ihren Glauben ausüben dürfen, aber doch nicht so Öffentlich, da 
sehe ich schon eine Kristallnacht kommen, daß das alles zerschlagen 
wird. Deswegen sollte man erst gar nicht so was bauen. 

Dann ist es auch so: Der Deutsche sitzt zu Hause, und die Auslän- 
der arbeiten. Es sollte so sein wie in der Schweiz: Gut, die Ausländer 
haben wir gebraucht, sollen sie hier arbeiten und zwei Jahre leben, 
aber das muß man den Leuten von vornherein sagen. Man muß doch 
ein Datum haben, wo man das Ventil öffnet, damit das wieder 
zurückflutet. Ich sage auch immer zu meinen Kollegen, Italienern 
/um Beispiel: Ihr könnt euch doch hier gar nicht wohlfühlen, hier ist 
es so kalt. Aber die sagen, sie fühlen sich wohl. Aber wenn die in Ita- 
lien genausoviel Geld verdienen würden, dann würden viele wieder 
zurückgehen. Das ist eben eine Geldfrage, und die Einheit kommt ja 
jetzt auch mehr oder minder zustande durch die Geldfrage. Die Ostmark 
ist nichts wert, und die Leute wollen, solange sie leben, auch noch was 
sehen, das kommt von unten heraus, daß die für ihren sauer verdienten 
Groschen auch was bekommen. Denn bisher haben die gar nichts gese- 
hen, die konnten im Ostblock herumfahren, und da wurden sie auch 
abgestempelt wie früher ein Jude. Da hat jeder im Ostblock nur 
gefragt: ostdeutsch oder westdeutsch, und wenn man ostdeutsch gesagt 
hat, hat man im Restaurant nichts mehr bekommen, gerade in 
Ungarn, deshalb bin ich später auch nicht mehr hingefahren, weil die 
Ostdeutschen so behandelt wurden. 

Und wenn wir mal davon reden: Der Deutsche ist in der Welt über- 



129 



haupt nicht angesehen, das ist nur die Mark. Es gibt nur ein paar Völ- 
ker, die deutschfreundlich, sind: Der Türke ist deutschfreundlich und 
der Japaner ist deutschfreundlich und das wär's dann auch schon. 

Ich komme ja nun viel ins Ausland, und wenn man da die Mark 
nicht springen läßt, dann kommen die auf Faschist und sonstwas, 
dann werden die gleich beleidigend. 

Frage: Aber ist es nicht ganz normal, daß der Tourist wie ein zahlen- 
der Gast und nicht wie ein lieber Gast behandelt wird? Hier in der BRD 
würde man doch auch nicht zu Fremden grundlos freundlich sein 

Herr C: Nein, in der Bundesrepublik wird jeder so bedient, wie 
der Ober das gelernt hat. Und wenn er auch nicht zahlen kann, dann 
wird er höflich aufgefordert, etwas zu hinterlegen, aber der Ober wird 
nie ausfallend. Der Deutsche im großen und ganzen - ich rede jetzt von 
der Masse also der bescheißt doch nicht den anderen. Die ganze Welt 
bescheißt, die ganze Welt ist bestechlich - der Deutsche nicht, im großen 
und ganzen, 

Frage: Allerdings sprachen Sie vorhin von den hiesigen Politikern 
und ihrer Neigung zur Selbstbedienung. 

Herr C: Ich spreche jetzt nur vom Tourismus. Ob es nun der Deut- 
sche oder der Italiener ist, der nach Tunesien kommt: Der Tunesier 
ist doch nur darauf bedacht, ihn zu bescheißen, ihn reinzulegen. Und 
der Italiener ist wieder darauf bedacht, den Deutschen reinzulegen. 
Da bieten die einem eine Rolex-Uhr an, ganz billig, für 50 Mark, weil 
sie angeblich Piloten sind und die eingeschmuggelt haben - also den 
Deutschen, weil der nun mal besser gestellt ist, den wollen sie überall 
ausnutzen -, und wenn man dahinterkommt und ablehnt - die Uhr 
taugt nicht sehr viel, dann wird man beleidigt. 

Warum Herr C. sich stets als Betrogener fühlt: 1) Herr C. will eine 
Rolex-Uhr weit unter Preis erwerben, d. h. er hat die Absicht, den Ver- 
kaufer zu übervorteilen; 2) Herr C. muß feststellen, daß der Verkäufer 
die gleiche Absicht hatte; 3) Herr C. sagt nicht zu sich selber: Pech 
gehabt, wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, sondern: 
Der andere, und nur er, ist ein Betrüger. Das Beispiel vom zahlungsun- 
fähigen Gast, der in Deutschland so zuvorkommend behandelt werde, 
könnte als Hinweis darauf verstanden werden, daß Herr C. im Ausland 
mal ein bißchen Zechprellerei probieren wollte und damit wenig Erfolg 
hatte. 

Herr C. (Fortsetzung): Der Deutsche ist ja im großen und ganzen 
nicht so ein erfahrener Händler, da wird man korrekt behandelt. Ich 
möchte sagen, da wird ein Vietnamese wie ein Türke nicht rausgewie- 
sen aus einem normalen Lokal. Der Deutsche ist zuvorkommend, 
und im Ausland wird er ausgenutzt, aber überall, ich bin ja schon 
überall gewesen. 



130 



Trage: Wo waren Sie denn schon überall? 

I lerr C: Südostasien z. B., verschiedene Länder. Hinfahren würde 
i< h auch gern mal nach Südafrika, das ist für mich das schönste Land 
der Welt. In diesem Land soll ja die ganze Welt verkörpert sein, also 
l.wulschaftsmäßig, und tiermäßig gibt es da fast alle Tiere, die im 
Süden leben. Südafrika ist für mich das Land, wo ich mich mal später 
> 1 1« ler lassen möchte. 

Trage: Und wo waren Sie schon in Südostasien? 
I lerr C: In Thailand, in Malaysia und in Australien. Australien ist 
ein Land - sauber. Aber zu teuer, für einen Deutschen zu teuer, da 
im die Mark nur noch eine halbe Mark wert, und die Preise sind wie 

Ii irr. 

Trage: Sie sagten vorhin, mit den Gastarbeitern solle man in der BRD 
s< > verfahren, wie die Schweiz das praktiziert. Gegenargument: Dann 
wird die BRD allmählich entvölkert, die Leute haben doch hier zu 
wenig Kinder. Es gibt Modellrechnungen, daß es im Jahr 2030 nur 
noch 30 Millionen Einwohner sein werden. 

Herr C: Also erstens: Natürlich sollte jede deutsche Familie zwei 
Kinder haben, möglichst einen Jungen und ein Mädel. Eine Ehe ohne 
Kinder kann ich mir nicht vorstellen, und die jungen Leute heute soll- 
ten es sich auch überlegen, daß eine Ehe nicht so schnell auseinander- 
geht, wenn Kinder da sind. Kinder halten die Ehe zusammen, die 
I h '» listen Scheidungsraten findet man bei Jungverheirateten, die noch 
keine Kinder haben. 

Und zweitens: Die Bevölkerungszahl kann ja ruhig etwas absinken, 
desto höher ist doch der Lebensstandard. Deshalb hat doch der Rest der 
Welt Westdeutschland beneidet, weil der einzelne sich hier was leisten 
konnte, weil er nicht so viele Kinder um sich hatte. Deshalb habe ich 
auch keine Angst, daß Deutschland entvölkert wird. Deutschland ist ja 
mit das dichtbesiedeltste Land der Welt. Jetzt werden wir ja ein bißchen 
I nfi bekommen. Ich hoffe, daß die neuen Lander in Mitteldeutschland 
gleich einen Ausländerstopp erlassen werden* Das wird mal ein Wirt- 
schaftswunderland, und in acht Jahren werden vielleicht viele von 
hier nach dort ziehen. Da liegt nämlich jetzt alles darnieder, da wer- 
den jetzt nämlich die supermodernen Fabriken gebaut, wie es mal 
nach dem Krieg in Westdeutschland war. 

Vor allem hier im Schwabenland hat der Ami viel getan. Hier war 
doch davor mehr oder weniger Landwirtschaft, und alle Betriebe sind 
nach dem Krieg entstanden, weil der Ami die Marshallplan-Gelder 
reingesteckt hat, deswegen stehen die hier so gut da. 
Frage: Es wird viel von den Gefahren gesprochen, die der Menschheit 
durch das Ozonloch oder durch das Abholzen der tropischen Regen- 
wälder drohen. Sehen Sie diese Gefahren auch? 
Herr C.: Aber das ist doch selbstverständlich, jeder vernünftig denkende 
Mensch tut das. Wer da keine Bedenken hat, das ist doch ein Steinzeit- 



131 



mensch. Ich möchte doch weiterleben, und die Welt soll doch ewig 
bestehen, und da muß man doch so wirtschaften, daß man die Welt 
erhält. Und die wirtschaften doch heute so, daß eventuell die obere 
Schicht sich absetzt auf einen anderen Stern, das wird ja später alles 
zu machen sein. Ich sehe nämlich gerne Science-fiction-Filme, und 
jetzt stelle ich fest: Das ist ja bald soweit, die sind bald soweit, daß sie 
künstliche Menschen machen. 
Frage: Was sehen Sie am liebsten im Fernsehen? 
Herr C: Naturfilme und Dokumentarfilme, alles, was wirklich ist, 
auch Tiersendungen, ich bin ja auch ein Kämpfer für die Natur und 
die Tiere. Ich würde sagen, eher sollen die Menschen etwas unwürdiger 
leben, aber die Tiere, und gerade die, die am aussterben sind, die sollte 
man für spätere Generationen erhalten, damit die nicht bloß ausgestopfte 
Tiere sehen. Deshalb sollte sich der Mensch einschränken, wenn man 
damit den Tieren helfen kann. 

(Herr C. meint allerdings beschwichtigend dazu, daß die Natur in Süd- 
deutschland ja noch ganz in Ordnung wäre, und er zählt dann wie ein 
kleiner Junge auf, was er im Wald alles schon gesehen hat. Rehe, 
Eichhörnchen, etc.) 

Frage: Kommen Sie nicht eigentlich aus der Großstadt? 
Herr C: Nein, ich habe immer randmäßig gewohnt, so wie hier, also 
in Berlin, aber am Rand. Ich bin zwar ein Städter, und ich möchte 
auch nicht auf dem Land wohnen, weil es doch zu provinziell ist. 
Man muß schon mit der Welt ein bißchen mitgehen. Auf dem 
Land - gut, mein Bungalow und zur Erholung. Wie man halt gebo- 
ren ist, in der Stadt - aber wohnen in der Stadt möchte ich nicht, 
wo es so wirbelt. Aber mich in den Wirbel reinschmeißen und mit- 
laufen können, das möchte ich doch, da lernt man so einige Sachen 
kennen, verschiedene Menschentypen und Verkaufskulturen, was auf 
dem Land nicht so ist, da ist nur ein Laden, und da muß man neh- 
men, was der hat. Also ich bin doch eigentlich eher ein Städter. 

Nichts kennzeichnet die Bewußtseinslage von Herrn C. besser als das 
Wort von der »Verkaufskultur«. Er hat es irgendwo rumliegen gesehen, 
es gleich eingesteckt und mitgenommen, obwohl er es überhaupt 
nicht brauchen kann. Der Grund dafür ist, daß ihm jede Art von Stan- 
desbewußtsein oder Klassenbewußtsein fehlt, er ist keine Person, die 
im Lauf der Zeit eine ihr eigene Bedürfnisstruktur entwickelt hat, und 
eben deshalb gebraucht er häufig die Floskel »ich bin ein Mensch, 
der . . .« Herr C. ist so wenig ein Städter, wie er kein Dorfbewohner ist, 
und daß er nichts ist, weil er alles haben möchte, macht die Satzbil- 
dung so ungeheuer schwierig. Faktisch ist er Schichtarbeiter, aber er 
hat kein klares Bewußtsein davon, weil er andernfalls nicht vom Bunga- 



132 



low auf dem Land faseln würde, den er sich trotz guten Einkommens 
vermutlich niemals leisten kann. 

Frage: Warum haben Sie gerade für die FAP kandidiert, im nationa- 
len Spektrum gibt es ja auch noch andere Parteien. 
I lerr C: Ich bin seit vier Jahren hier, und ich habe mich selber 
darum beworben. Da ist noch viel zu machen, daß die gezielt Leute 
ansprechen. Also ich habe selbst gesucht, und ich bin ein deutsch- 
national gesinnter Mensch, und zur FAP hat es mich gezogen, weil die 
eben die preußischen Farben in ihrer Trikolore hat. Und der Stand- 
punkt dieser Partei ist nicht so schlecht, denn die kommt ja mehr 
vom Bismarckschen her, die tun ja den Bismarck verehren, und so ein 
Mensch bin ich: Einheit - der hat alles zusammengezimmert, dieser 
Mann. Der wurde ja dann vom späteren Kaiser da entlassen, vom letz- 
ten Kaiser, also das war doch wie hieß er doch, unser letzter Kaiser . . . 
Frage: ... Wilhelm 

Herr C: Ja, Wilhelm IL, und unter Wilhelm I. hat er diese Einheit 
gemacht. Wie gesagt, ich bin für Einheit, Einheit macht stark. Nun 
ja, wir haben nun dieses Erbe da, dieses Erbe von Adolf, aber andere 
Völker haben dasselbe, ich meine große Völker. Nehmen wir doch 
Napoleon, und der wird jetzt verehrt, oder Stalin, das war alles schon 
mal. Die haben früher auch Leute erschossen und Völkerstämme aus- 
gerottet, und jetzt ist das ja sogar in der Türkei noch so, mit den, 
na. . . 

Frage: ... Kurden 

Herr C: Ja, die Kurden. Die sind doch ein Stamm, ein Volk für sich, 
die müßte man doch für sich ein Land bilden lassen. Die einzelnen 
Völkerschaften darf man nicht unterdrücken, man darf da aber auch 
keine fremden Völker reinholen. In Mitteldeutschland gibt es zwar 
auch so was, die Sorben und die Wenden, die haben ihre Kultur erhal- 
ten, aber sie fühlen sich als Deutsche, und das finde ich gut so. Das 
ist was anderes als die Türken jetzt, weil die Mohammedaner fana- 
tisch sind. 

Frage: Wenn die Türken auf ihren Glauben einfach verzichten wür- 
den, wäre dann alles in Ordnung, oder würden Sie dann immer noch 
Probleme sehen? 

Herr C: Doch, immer noch. Jedes Volk für sich, in Mitteldeutsch- 
land wird man dafür sorgen. Ich kam von da, und Sie können sich gar 
nicht vorstellen, wie das ist, wenn man als erwachsener Mann nach 
Deutschland kommt, und sieht auf einmal auf der Straße fast nur 
noch Ausländer, mehr als in der Türkei, zum Beispiel hier in Vaihin- 
gen. Wie ich da geschlottert habe, die erste Zeit. Ich dachte, das gibt's 
doch gar nicht. Am Tage arbeitet ja der normale Mensch, aber die 
Ausländer haben noch ihre Truppenteile da, ihre Familie, die kaufen 
da ein. Was heißt Ausländer - also die Türken, in der Türkei habe ich 



133 



sie wunderbar gerne, also da freue ich mich, und die Türken könnten 
in Deutschland auch Urlaub machen. Mit manchen Jugoslawen, 
wenn sie richtig schön Deutsch sprechen können - wie gesagt, da 
kommt man schon klar. Aber viele hängen an ihren Traditionen, und 
das ist der wunde Punkt, daß die sich nicht angleichen. Und in 
Deutschland möchte der Deutsche unter sich sein. Nur hat der Deut- 
sche noch diesen Kurzschluß vom Krieg, wir müßten alles wiedergut- 
machen. Aber das waren doch nicht wir, das waren einige Leute, und 
das Volk mußte mitziehen, obwohl die Gesinnung da war, wegen der 
Wirtschaft. Also der Hitler, wenn der nicht seine Großraumstrategie 
gehabt hätte und den Judenhaß, der hat doch viel Gutes gebracht. Auf 
den Autobahnen fährt man doch heute noch spazieren. Und dann der 
Arbeitsdienst, der Arbeitsdienst vor allem. 

Das Stichwort »Hitler« bringt nun eine neue Qualität ins Gespräch. 
Herr C, das Bündel chaotischer, unersättlicher Bedürfnisse, welches 
unbedingt etwas darstellen möchte und auf der Suche nach der eige- 
nen Identität zur Vorstellung flüchtet, ein zufälliger Geburtsort nahe 
Potsdam bürge allein schon für Preußentum, dies Non-Ich also strafft 
sich plötzlich, und dank der Identifikation mit dem Führer spricht Herr 
C. klar und fest in der ersten Person. 

Herr C. (Fortsetzung): Also bei mir würde keiner auf der Straße sit- 
zen und betteln, keiner. Der würde genommen und von der Stadt 
bezahlt, den Wald sauber zu machen, eben wie beim Arbeitsdienst, 
da hat man am Tag eine Mark bekommen. Und wer nicht will: Da 
gibt es ein paar Heime, und da wird der reingesetzt. Auf der Straße 
würde keiner rumbetteln bei mir, keiner. Und Drogensucht würde 
von mir unheimlich hart bekämpft werden. Ich sage das auch immer 
zu meiner Frau: Diese Bettler, die kriegen vielleicht sogar Arbeitslo- 
sengeld und verdienen noch was dazu. Und wenn da manchmal steht: 
habe keine Wohnung, also das kann ich mir gar nicht vorstellen, der 
muß doch irgendwo wohnen. Aber das gibt's wirklich, und da muß 
der Staat doch zugreifen, nicht ins Gefängnis, aber ins ganz normale 
Arbeitslager, und da muß er sich sein Mittagessen verdienen. 

Viele wollen auch gar nicht arbeiten, die sagen: Mir reicht das Geld 
vom Arbeitsamt. Da sage ich: Du kannst doch überhaupt nichts, kei- 
nen vernünftigen Urlaub machen, gerade mal was zu essen kaufen, 
und einen Fernseher hast du noch, aber du kommt doch nie hoch, 
und du bist doch noch ein junger Kerl. Gerade die Langzeitarbeitslo- 
sen müßte man noch und noch überprüfen, und wer nicht arbeiten 
will: wie gesagt, Arbeitslager. Also dieser Arbeitsdienst war nicht 
schlecht, diese Spatenkolonnen. Wunderbar, für 'ne Mark und das 
Essen. 

Frage: Sie sagten vorhin, Ausländer auf der Straße und besonders als 



134 



Nachbarn hätten Sie nicht gerne. Nun wohnen Sie in einem Hoch- 
Ii. ms, wo man normalerweise die Leute in den anderen Stockwerken 
gar nicht kennt. Wenn in diesem Haus Ausländer wohnen würden, 
lütten Sie mit denen doch gar nichts zu tun. 
I lerr C: Wenn ich mit ihnen nicht zu tun hätte, wenn ich sie nicht 
M-hen würde, dann gäbe es ja auch keinen Anlaß. 
Trage: Also bereits das Sehen stört Sie? 
I lerr C: Nicht das Sehen, das Sprechen. 

Trage: Aber redet man im Wohnhochhaus unter Nachbarn so viel? 
I lerr C.: Nein, aber die Ausländer unterhalten sich. Ich bin Deut- 
scher, ich wohne hier in Stuttgart, und ich höre jedesmal, wenn ich 
hier in den Fahrstuhl steige, Italienisch. Verstehen Sie das? Ich fühle 
mich doch gar nicht in meiner Heimat. 

Was Herrn C. und manche Einheimische an den Ausländern stört, ist, 
« laß sie überhaupt eine Sprache fließend sprechen, daß sie sich unter- 
halten können, daß ihnen die Worte scheinbar mühelos von der Zunge 
und über die Lippen kommen, während es Herrn C. große und meist 
vergebliche Anstrengung kostet, einen vollständigen Satz zu bilden. 
Heimatliche Gefühle kann Herr C, wenn er die Ohren aufsperrt, in 
Süddeutsch land übrigens ohnehin nicht empfinden, weil sein pene- 
tranter Berliner Jargon auf ein ebenso penetrantes Schwäbisch trifft, 
und seine Reaktion ist ein Musterbeispiel dafür, wie aus mißlungener 
Vergesellschaftung, praktisch aus Asozialität, Fremdenhaß entsteht, 
insofern die Deutschen ihre eigene wechselseitige Fremdheit, ihre 
Unkenntnis der eigenen Sprache auf Ausländer projizieren, die ihrer- 
seits freilich in Deutschland mehr als in anderen Ländern zur Asoziali- 
tät tendieren. Woher auch sollte der Einwanderer die Landessprache 
lernen, wenn einer wie Herr C. sein Kollege oder Bekannter ist. 

Herr C. (Fortsetzung): Also nicht das Aussehen direkt, aber die Spra- 
che. Also ich kann das nicht mehr hören - überall Ausländisch. Also 
in Vaihingen, da denkt man: Den kannst du doch fragen, wo die 
Straße ist, und dann waren das Jugoslawen oder Türken. Alle Türken 
kann man nämlich auch nicht als Türken erkennen. Ja, und dann fan- 
gen die an, ausländisch zu stottern. Das ist natürlich in Mitteldeutsch- 
land nicht der Fall. Hier gibt es dagegen dies gehackte Deutsch von 
den Jugoslawen, hier denkt man: Ist man denn noch in Deutschland 
oder nur noch im Ausländerbereich. 

Frage: Jetzt will ich mal gemein sein: Wenn Sie mit Ihrem Berliner 
Dialekt hier in der Nähe, meinetwegen in Rottweil, auf der Straße 
einen Einheimischen ansprechen, versteht der Sie nicht, und Sie ver- 
stehen ihn nicht. 

Herr Gl Ach Sie meinen jetzt den Dialekt? Das ist doch was anderes, 
das muß ja auch sein. Also da freut man sich doch, daß es so was noch 



135 



gibt. Ich habe ja nichts gegen - gut, ich habe schon was gegen die 
Schwaben, aber er spricht eben so. Das sind ja nun alte deutsche Dia- 
lekte, man hört doch die Satzbildung, und man spricht ja auch 
manchmal selbst schon so wie die Ausländer, man spricht ja gar nicht 
fließend, sondern man stottert auch schon so dahin. Grundprinzip: 
Deutschland den Deutschen, und man muß zusehen, daß man die 
Ausländer langsam wieder in ihre Heimat zurückbringen kann. Wenn 
es hier nur ein paar wären, da würde man sich sogar darüber freuen. 
Aber das ist eine richtige Schwemme. Wenn ich von der Schicht 
komme in Vaihingen - nur Ausländer - Sie können sich gar nicht 
vorstellen, wie mich das anstinkt. Ich will nicht einsehen, daß 
Deutschland sich wegen dem Krieg verpflichtet fühlt, ganz Europa 
aufzunehmen. Für den Amerikaner bin ich ja gewesen, und ich bin 
es auch jetzt noch. Aber wenn ich mich hier umsehe, sehe ich, daß 
das meistens Schwarze sind, die unteren Dienstgrade. Die Hautfarbe 

- also in der Familie möchte ich keinen Schwarzen haben, obwohl 
das ein guter Kerl sein kann. Ich bin dafür, daß die Rassen getrennt 
aufwachsen. Das ist das Wichtigste: Die Hautfarben müssen getrennt 
bleiben, kein Mischmasch. Das ist so, wie wenn man die Tierwelt erhält, 
die am Aussterben ist. Denn wenn alles gemischt ist - wie sah dann der 
Deutsche mal aust So sieht das später mal aus, wenn dann das Mischvolk 
existiert, daß man eine kleine Kolonie Deutscher anlegt, um zeigen zu 
können, wie die ausgesehen haben. 

Man kann auch nicht sagen, daß sich das jetzt alles in Europa 
mischen soll, das geht gar nicht, die Menschen sind von Natur aus 
anders. Ein Südländer hat andere Eigenschaften als ein Nordländer, 
mit dem Nordländer kommt man doch besser klar als mit dem Süd- 
länder, weil die Südländer gleich so durchdrehen. Wenn man sich mit 
denen streitet, greifen die doch gleich zum Messer, während man sich 
mit dem Nordländer doch eine ganze Weile streiten und dann ruhig 
auseinandergehen kann. Das ist die Natur, dieses südländische Blut, 
dieses südländische heiße Blut. Und da kann man das doch nicht 
mischen. 

Frage: Zum Schluß: Was hören Sie denn gern - Lieblingssänger, 
Stars, etc.? 

Herr C: Immer noch Rock V Roll, Fats Domino, und meine Lieb- 
lingssängerin ist diese Tina Turner. Dann höre ich Operette gerne, 
und so was wie Nabucco, aber kein Streichorchester und keine Oper 

- und vor allem deutsche Volkslieder. Das wäre ja ein dolles Ding, 
wenn ich jetzt ein Interview gegeben habe und die deutschen Volkslie- 
der vergesse. Das steht mit an erster Stelle. Das schwimmt ja auf mei- 
ner Welle, das Deutschtum. Aber was die Amerikanisierung betrifft: 
Wir brauchen keine Besatzungsmacht, der Ami kann gehen, aber der 
amerikanische Militärsender sollte doch bleiben. Ich höre fast nur 
AFN, weil ich gern Musik hören möchte, wenn ich von der Arbeit 



136 



komme, am liebsten solche Musik, die ich gar nicht verstehe, und weil 
i< Ii nun kein Englisch kann, ist mir der AFN am liebsten. Also 
« obwohl ich sehr für deutsche Lieder bin, der AFN soll für immer und 
ewig in Deutschland bleiben. 

I in verlegenes Lachen begleitete die Ausrede von Herrn C, daß er die 
deutsche Volksmusik doch beinahe glatt vergessen härte, die er in 
Wahrheit so wenig mag und hört, wie ihm der schwäbische Dialekt 
verhaßt sein muß. Ferner erklärt derselbe Mann, der die Ausländer 
nicht ertragen zu können meint, weil sie eine ihm unverständliche 
: iprache sprechen, daß der AFN sein Lieblingssender sei, weil er gern 
Schlager hört, ohne den Text zu verstehen. Und der Rassist, der 
blonde Blauäugige unter Artenschutz stellen will, schwärmt für den 
Sehwarzen Fats Domino und für Tina Turner, von der jeder Regenbo- 
«lenblattleser weiß, daß in ihrer Ahnengalerie keine der ethnischen 
( ir uppen fehlt, die in den USA zusammenleben. 

Zusammenfassung 

Nach drei ausführlichen Gesprächen mit politisch aktiven Deutsch- 
nationalen erhärtet sich der Verdacht, daß es sich beim Deutschtum, 
bei der deutschen Folklore Marke >Musikantenstadl<, bei der deut- 
schcn Filmkunst, bei der deutschen Kultur, bei den Deutschen und 
k*i Deutschland einschließlich der Wiedervereinigung um Dinge han- 
delt, welche auch den Deutschnationalen in Wahrheit nichts bedeu- 
tcn. Kein Wunder daher, daß die Polemik gegen den Nationalismus 
»Hier die Aufklärung über ihn hier so hilflos wie wirkungslos bleibt, 
weil die Argumente eigentlich immer daneben zielen. Entweder wer- 
den die Angesprochenen sich mit einer gewissen Berechtigung gar 
nicht getroffen fühlen und betonen, daß Italiener, Engländer oder 
l-ranzosen viel nationalistischer seien - so reagiert der links-liberale 
akademische Mittelstand, wenn er nationalistische Positionen ver- 
tritt, ohne dies auch schon wahrhaben zu wollen. Oder die Angegrif- 
fenen werden für die gegen sie erhobenen Vorwürfe unwissentlich 
sogar dankbar sein, weil diese Vorwürfe sie in ihrem falschen, aber 
gewünschten Selbstbild bestärken. In einem nicht für möglich gehalte- 
nen Maß scheint der Nationalismus hier eine Farce zu sein, welche 
diverse Gruppen einander vorspielen, um damit jeweils verschiedene 
Ziele zu erreichen. 

Bei Herrn C. beispielsweise ist Nationalismus ein anderes Wort für 
den Wunsch, auch in Australien oder Südafrika wie der Generalgou- 
verneur empfangen und kostenlos bedient zu werden. Großdeutsch- 
land in den Grenzen von 1937 bedeutet für ihn ungefähr, sich den 
Traum vom freistehenden Eigenheim mit größerem Grundstück in 
Pommern erfüllen zu können, wo ein arbeitsamer und genügsamer 



137 



Menschenschlag auf die Kommandos des neuen Gutsherrn wartet, 
ohne dabei von seiner eigenen Existenz allzuviel Aufhebens zu 
machen: die Eingeborenen als dienstbare Geister, die zur Stelle sind, 
wenn man sie braucht, die sich sonst aber gefälligst zu verdrücken 
haben, damit sie nicht durch sichtbare Anwesenheit das Bild von der 
menschenleeren schönen Landschaft verschandeln. 

Mit den Landsleuten, nicht nur mit denen im Osten, verbinden ihn 
keine Gefühle von Sympathie. Die Deutschen, unter denen er tatsäch- 
lich lebt, werden als Schwaben betrachtet, deren vermeintliche Stam- 
meseigenschaften ihm einen Vorwand dafür liefern, die Gleichberech- 
tigten unter seinen Mitmenschen nicht mögen zu müssen. Eigentlich 
sind ihm die Türken sogar viel lieber, er hat sie, wie er sagt, »wunder- 
bar gerne«, aber eben nur in der Türkei, wo sie als arme, naive, gast- 
freundliche Leute um ihn herumwieseln und wo ein Bundesdeutscher 
schon der Wechselkurse wegen das Gefühl haben konnte, hier 
bekäme man alles geschenkt, hier müßte man, wenn man mal was 
brauchte, nur mit dem Finger schnippen. Was seinen Wünschen am 
nächsten käme, wäre eine Art erweiterter Diplomatenpaß, der seinem 
Besitzer sämtliche nur denkbaren Befugnisse zum Nehmen und Herr- 
schen erteilt. 

Mit diesem kindischen Gemüt wäre Herr C. zwar der ideale Mitläu- 
fer einer faschistischen Massenbewegung, die ihrer Gefolgschaft uner- 
meßliche Vorrechte und Vorteile verspricht, aber er besitzt nicht das 
Naturell, um eine solche Bewegung unter deutschen Verhältnissen zu 
gründen und voranzubringen. Daß der Verfolgungseifer bei ihm 
bereits ein Eigenleben führt, geht zwar aus seinem Interesse an Tier- 
sendungen hervor: Der 49 Jahre alte Hobby-Naturkundler ist keiner, 
der sich über possierliche oder drollige Tierchen freut, sondern einer, 
der die Kreatur kalt belauen. Doch übertrifft normalerweise bei ihm, 
wenn er jagt, immer noch das Interesse an der Beute den Spaß an der 
Sache. Auch sein Rassismus ist kein eifernder, sondern ein vorder- 
gründiger, und er dient weniger unmittelbarer Triebbefriedigung als 
vielmehr nur dem Zweck, den Anspruch auf Privilegien zu begrün- 
den. Nach Südafrika, wo er sich später gern zur Ruhe setzen würde, 
paßt er einerseits ganz gut, weil er die Juden, die Schwarzen oder Gott 
weiß wen nicht ausrotten, sondern lieber eine Art weißer Stammes- 
herrschaft über sie errichten würde. 

Nach Südafrika paßt er andererseits auch wieder nicht, weil er viel 
zu asozial ist, um wenigstens die burische Variante von Stammesbe- 
wußtsein und damit die Basis dauerhafter Stammesherrschaft zu ent- 
wickeln. Im Unterschied zu den Buren mag er seine eigenen Stammes- 
brüder ja eigentlich nicht, Fats Domino und Tina Turner sind ihm 
viel lieber, den Urlaub verbringt er nicht in Berchtesgaden, sondern 
in Malaysia, ähnlich wie Schönhuber übrigens, der sich nicht auf dem 
Obersalzberg, sondern an der türkischen Ägäis erholt. Er will nicht 



138 



mit Kind und Kegel und einer ganzen Sippe aufbrechen in unbesiedel- 
tes Gebiet wie die amerikanischen Trekker bei der Landnahme im 
Wilden Westen, sondern er möchte sich solo in Südafrika niederlas- 
sen, um dort die Flora und Fauna zu beäugen, und er möchte dies, 
obgleich er nach eigenem Bekunden kein Englisch versteht. Er stellt 
den Typus des Ausstiegswilligen im fortgeschrittenen Lebensalter dar, 
wie er unter bundesdeutschen Männern erstaunlich verbreitet sein 
dürfte, einen Typus, der jeden Anspruch an seine zivilisatorischen 
Fähigkeiten als unzumutbare Belastung empfindet und der weder 
reden, noch denken noch Verantwortung übernehmen mag. Nichts 
läge diesem genauen Gegenteil eines Patriarchen ferner, als anderswo 
eine deutsche Kolonie zu gründen, sondern er möchte eigentlich dort- 
hin, wo sonst keine Deutschen sind und wo die Eingeborenen deshalb 
die Non-Sprache, die er spricht, für Deutsch halten. 

So wenig freilich wie Herr C. zum Patriarchen taugt, genauso wenig 
taugt er für die Rolle des einsamen, konsequent auf eigene Rechnung 
und auf eigenes Risiko arbeitenden Helden oder Verbrechers. Unvor- 
stellbar, daß er auf die Frage nach seiner Staatsangehörigkeit »Alkoho- 
liker antworten würde, weil er sein Deutschtum braucht, um 
anderswo als Delegierter oder Vertreter einer großen Macht aufzutre- 
ten. Er mag eigentlich die Gemeinschaft nicht, weil er keine Gleich- 
berechtigten um sich haben will, denen man nichts wegnehmen darf, 
sondern denen man Gleichwertiges geben muß, um etwas zu bekom- 
men: Die Zirkulationssphäre, der Aquivalententausch, der Handel, 
kurz alles, was die Menschen zu formell Gleichberechtigten macht, 
die einander nicht durch Androhung oder Anwendung von unmittel- 
barer Gewalt zwingen dürfen, ist ihm zutiefst zuwider. Aber er ver- 
traut andererseits auch nicht auf die eigenen Kräfte, er ist keiner, der 
nach seinem eigenen Gesetz leben und es dem Rest der Welt aufzwin- 
gen will, sondern er fühlt sich in der Ferne von den Landsleuten nur 
wohl als deren Abgesandter, der mächtige Protektion genießt. Er 
ähnelt dem kleineren Bruder, der den größeren zwar nicht in seiner 
Nähe haben will, ihn aber dennoch braucht, um seine Feinde bei ihm 
zu verpetzen. 

Obgleich die Aussicht auf einen Gutsherrenjob in Ostpreußen 
Herrn C. außerordentlich reizen muß, darf man ihm glauben, daß er 
dafür nicht in einem Krieg kämpfen wollen würde, weil er nicht nur 
was zu kriegen, sondern auch was zu verlieren hat. Uberhaupt würde 
er im Ernstfall, also wenn der andere nicht hergibt, was er haben will, 
seine abstrusen Eroberungswünsche suspendieren und zurückwei- 
chen, wie es die Lage erfordert. Gefährlich bleibt dieser Typus gleich- 
wohl, weil die kindische Raffgier politische Fakten schaffen kann, die 
nicht jederzeit bei Bedarf wieder zu revidieren sind. Bezogen auf die 
sogenannten Ostgebiete beispielsweise würde Herr C. in eigener Per- 
son lange Finger machen bis zu genau dem Moment, wo ihm jemand 



139 



kräftig draufklopft. Nur hätte er unterdessen eine politische Maschi- 
nerie in Bewegung gebracht, die einem anderen Verhaltensmuster 
gehorcht. 

Es ist nämlich nicht nur faule Ausrede, wenn Herr C. behauptet, 
nur die Wehrmacht und die Führung, nicht das deutsche Volk, habe 
den Zweiten Weltkrieg angefangen und verloren. Tatsächlich würde 
Herr C. nie eine Entscheidung treffen, die unmittelbar mit schwer- 
wiegenden Konsequenzen für ihn verbunden ist. In der Rolle des 
Bankräubers beispielsweise würde er vor dem geplanten Überfall 
nicht kalkulieren: >Eine Million oder 20 Jahre Knast, die Chancen ste- 
hen 30 zu 70, aber das Risiko trage ich und die möglichen Folgen 
nehme ich in Kauf«, sondern er würde jeden Gedanken an das Risiko 
strikt vermeiden, sich Illusionen machen, bitter enttäuscht sein, wenn 
man ihn schnappt, und dann sagen: >Ich habe es nicht gewußt, ich 
habe es nicht gewollt, mir war gar nicht klar, was ich da eigentlich 
tat.< Er ist einer, der >Schiebung< schreit, wenn die Würfel gegen ihn 
fallen, er ist ein miserabler Verlierer, er hat keinen Sinn für Fair Play. 

Er weicht daher Situationen aus, die von ihm Entscheidungen ver- 
langen, welche unmittelbar mit klar erkennbaren Konsequenzen für 
ihn verbunden sind. Zwischen seine Entscheidung und die Konse- 
quenzen muß vielmehr eine Art Unklarheit stiftender Puffer treten 
- die Illusion, das Wegschauen, die Führung. Für die Annexion Ost- 
preußens entscheidet er sich, wenn er sich entweder eingeredet hat, 
die Polen würden es freiwillig räumen, oder wenn die Zwangsräu- 
mung an einen Dritten delegiert werden kann, dem Herr C. bloß 
akklamieren zu müssen meint. Er würde eine deutsche Regierung 
unterstützen, welche die Annexion Ostpreußens zum Programm- 
punkt macht, er würde militärische Aktionen vielleicht sogar auf das 
Risiko hin akzeptieren, selber als Soldat an ihnen beteiligt zu sein, 
eben deshalb, weil er glaubt, unter diesen Voraussetzungen die Verant- 
wortung für das Unternehmen abstreiten und sagen zu können: 
>Nicht ich habe Polen angegriffen, das hat nur die Regierung getan, 
und als Soldat habe ich einfach meinen Befehlen gehorcht. < 

Herr C. ist also einer, der Illusionen braucht, hauptsächlich die Illu- 
sion, daß er keine Verantwortung trüge, und diesen Charaktertyp 
kann die Skala offenbar ziemlich präzise identifizieren. Die Samm- 
lung von Ausflüchten, die sie anbietet, spricht Leuten aus der Seele, 
die es nicht wahrhaben wollen, daß die von ihnen verfolgten Ziele auf 
den totalen Krieg gegen den Rest der Welt und auf den eigenen Unter- 
gang hinauslaufen. Sie können Millionen Menschen vorsätzlich 
umbringen und sich nachher wirklich wundern, warum man ihnen 
eigentlich böse ist, weil doch gar nicht sie selbst es waren, die das Ver- 
brechen beschlossen und planten. 

Tatsächlich sind sie, weil sie das Verbrechen im Stande vermeintli- 
cher Unzurechnungsfähigkeit begehen müssen, zum Beschluß und 



140 



zur Planung auch gar nicht fähig. Was sie anrichten, muß sich darstel- 
len, als wäre es über sie gekommen, und sie brauchen deshalb eine 
l ührung. Wer von der beabsichtigten Annexion sogenannter Ostge- 
biete so kindische Vorstellungen hat, wie Herr C. sie entwickelt, wird 
selber zu dumm sein, um das Unternehmen zu leiten. Er braucht 
einen anderen, der die Kommandogewalt übernehmen kann, weil er 
nicht mit völliger vorsätzlicher Blindheit, sondern halbwissend und 
lialbsehend agiert. Zur politischen Macht wird die infantile Raffgier 
erst, wenn ein gegen sich und andere beinahe indifferenter Vernich- 
lungswille sie leitet. 

An dieser Stelle kommen nun die Herren A. und B. ins Spiel. Sie 
könnten planen, was Herr C. sich nur wünscht, denn im Unterschied 
zu ihm brauchen sie weniger Illusionen, weil sie seine Bedenken nicht 
teilen. Während Herr C, wie er glaubhaft versichert, sich den Krieg 
als etwas Furchtbares vorstellt, ist der Krieg für Herrn A. eine gran- 
diose Sache, an >Kilogramm Lebendfleisch< kann er sich förmlich 
berauschen. Herrn B. wiederum böte der Krieg eine gute Gelegenheit, 
die von ihm entwickelten Standardlösungen für diverse soziale Pro- 
bleme einmal in der Praxis durchzuexerzieren. Und beide müssen das 
Blutopfer zugleich als heilsamen Aderlaß betrachten, weil ihre Haupt- 
sorge dem gilt, was sie als Überbevölkerung bezeichnen. Ist für Herrn 
C. der Krieg nur eine Implikation seines Strebens nach Vorrechten 
und Vorteilen, und zwar eine Implikation, die er nicht wahrhaben 
will, so verhält es sich bei den Herren A. und B. eher umgekehrt: Die 
Vorrechte und Vorteile sind allenfalls eine Zugabe bei der Entvölke- 
rung der Welt, die sie wollen. Weit tiefer, grundsätzlicher und unheil- 
barer als beim hiesigen proletarischen Milieu scheint beim hiesigen 
Mittelstand, besonders beim akademisch gebildeten, jener gegen alle 
Menschen gerichtete Vernichtungswille zu sein, welchen man dem 
Nationalsozialismus mangels besserer Möglichkeiten, ihn zu begrei- 
fen, unterstellen muß. 



141 



Michel-Syndrom und M-Skala 



Das Michel-Syndrom 

Die kleine Befragung mit der Test-Skala sollte nicht die Richtigkeit 
von Hypothesen oder Vermutungen prüfen, der Zweck der Übung 
bestand eher darin, den einen oder anderen empirischen Anhalts- 
punkt zu finden, etwa so, wie bei der ersten Tatortbesichtigung jede 
auffällige Wahrnehmung interessiert, die zum Spekulieren und Kom- 
binieren Anlaß gibt. Erst muß man die Vorstellung von der faschistoi- 
den Charakterstruktur nämlich haben, bevor man sie prüfen, korri- 
gieren, modifizieren kann, und Vorstellungen entwickelt das träge 
Hirn bekanntlich nur, wenn es über Ungereimtheiten stolpert. 

Was im Krimi das Kaninchenhaar auf dem Katzenfell ist, war in 
diesem Fall die generell hohe Zustimmung zu Satz Nr. 9, ein Phäno- 
men, welches im vorigen Kapitel schon kurz diskutiert wurde. Der 
Satz hieß: »Wichtiger als äußere Schönheit ist, daß jemand echte Per- 
sönlichkeit besitzt.« Erwartet worden war, daß dieser Satz ähnliche 
Werte wie Nr. 14 aufweisen würde: »Die Deutschen sind steifer als 
die Italiener und die Franzosen, aber dafür sind sie auch nicht so 
oberflächlich* - eine Behauptung, die ebenfalls den sichtbaren Man- 
gel als Indiz für unsichtbare Überlegenheit interpretiert. Während 
der Ausländer-Satz aber den geringen Mittelwert 3,91 und die über- 
durchschnittliche Trennschärfe 3,50 besaß, kam der unverfänglichere 
Satz über die Schönheit auf den imposanten Mittelwert von 6,39 und 
die minimale Trennschärfe von 0,83. Weil er keines der Themen 
berührte, die den aufgeklärten Bundesbürger vorsichtig werden, ihn 
den Braten gewissermaßen riechen lassen, hatte der Schönheits-Satz 
also die allgemein verbreitete Neigung offenbart, mit Ressentiments 
auf Eindrücke zu reagieren, die Bewunderung und Freude hervorru- 
fen müßten. 

Wenn 20 Befragte der Meinung sind, daß 2 plus 2 die Summe 4 
ergibt, kann man nicht von einer Gruppe sprechen, weil die einzelnen 
keine besondere Eigenschaft verbindet. Im Hinblick auf elementare 
Leistungen des Verstandes sind sie einfach nur so normal, wie man das 
von jedem Menschen erwartet. Erklären von 20 Befragten 19 jedoch, 
2 plus 2 mache 5, so hat man es offensichtlich mit einer Gruppe zu 
tun, deren Mitglieder sich von anderen Menschen dadurch unterschei- 
den, daß sie nicht addieren können. Die massenhafte Bereitschaft, 
kurzum zu disqualifizieren, für unerheblich, ja minderwertig zu 
erklären, was man normalerweise genießt und verehrt, ließ deshalb 
auf einen besonderen Sozialcharakter schließen, auf einen Sozialcha- 
rakter nämlich, der lieber eine schwere Störung seines Kontakts zur 
Realität hinnimmt, als den Gedanken zu ertragen, daß »hinter den sie- 



142 



U n Bergen bei den sieben Zwergen jemand tausendmal schöner« ist 

ils er. 

Eine schwere Störung ihres Kontakts zur Realität liegt vor, wenn 
Menschen es abstreiten, daß man bei anderen an einer verkorksten 
Seele wenig Anstoß nimmt, weil sich die Seele leicht ignorieren läßt, 
wahrend entstellte Gesichter oder verstümmelte Gliedmaßen schnell 
.uifs Gemüt und den Appetit drücken. Erinnert werden darf in diesem 
Zusammenhang an die publizistische Entrüstungswelle, die vor eini- 
gen Jahren hereinbrach über eine Urlauberin, die gegen den Reisever- 
anstalter auf Schadenersatz klagte, weil in ihrem Hotel gleichzeitig 
eine Behindertengruppe logiert hatte. Die Kommentatoren sprachen 
von Menschenverachtung und hatten kein Verständnis dafür, daß 
jemandem der Urlaub gründlich verdorben ist, wenn er zwischen 
Kollstühlen und Beinamputierten frühstücken soll. 

Wenn bei einer Gruppe einerseits die Ansicht dominiert, man dürfe 
sich bei Anblick massenhaft auftretender Krüppel nicht gruseln, und 
wenn diese Gruppe andererseits Ressentiments gegen Schönheit zeigt 
dder gegen eindeutig benannte bewundernswerte Eigenschaften ganz 
allgemein - an Stelle von Schönheit hätte vermutlich auch Intelligenz 
stehen können dann muß man nach einer Erklärung suchen. 
Frklärt werden könnte das sonderbare Verhalten beispielsweise durch 
die Unfähigkeit, sich einer Empfindung hinzugeben oder sich mit 
einer Person zu identifizieren, welche intensive Empfindungen - 
Bewunderung oder Mitleid - auslöst: Der halbe Mensch im Rollstuhl 
flößt mir kein Entsetzen ein, er läßt mich kalt, weil ich mich in ihn 
nicht hineinversetzen kann. Es tritt, wenn ich ihn sehe, nicht schock- 
haft das Gefühl bei mir ein, ich selber hätte keine Beine mehr, der 
Anblick des Beinamputierten wirkt auf mich nicht wie eine an mir 
selber vorgenommene Beinamputation. Kein Grund daher, weshalb 
ich mich vor dem Krüppel gruseln sollte, wo er doch nicht mal richtig 
laufen und mir also bestimmt nicht gefährlich werden kann. Und 
umgekehrt freue ich mich über ein schönes Gesicht ebensowenig, wie 
der Ziegenbock am Anblick eines schöneren Ziegenbocks keinen 
Gefallen findet, sondern das Prachtexemplar als Rivalen haßt und 
fürchtet. Ich müßte nämlich, um von dem schöneren fremden Men- 
schen angezogen zu werden, so empfinden, wie er dies meiner 
Ansicht nach tun muß. Der Schönere muß glücklich sein, ein solches 
Gesicht, eine solche Figur etc. zu besitzen, und dies Glück empfände 
ich, während er sich an seine Schönheit vermutlich ebenso gewöhnt 
haben dürfte wie der Krüppel an den Verlust seiner Beine. Das Glück, 
welches ich bei seinem Anblick empfände, käme also auch ihm 
zugute, weil es ihm zum Bewußtsein von seiner Schönheit verhilft 
oder dieses zumindest auffrischt. 

Statt dessen aber scheint das auf Selbstbehauptung um jeden Preis 
und in jeder Lage dressierte Subjekt seine Wahrnehmung ausschließ- 



143 



lieh nach dem Schema Freund - Feind, Konkurrent oder nicht, bes- 
ser als ich oder schlechter zu organisieren, mit dem Effekt, daß es 
Glück oder Schönheit eher meidet und die Gesellschaft von häßli- 
chen, elenden, verunstalteten, dummen Menschen sucht, die ihm 
seine eigene Überlegenheit beweisen. An Tieren schätzt dieses auf 
Selbstbehauptung dressierte Subjekt, daß sie ihm den eigenen Rang 
nicht streitig machen, und der Hund ist ein guter Kamerad, weil keine 
Gefahr besteht, der Kläffer könnte plötzlich anfangen zu sprechen. 

Bezeichnend für dies auch unter dem Namen >Sozialarbeitersyn- 
drom< bekannte Verhaltensmuster in der Bundesrepublik ist, daß die 
Linken in den Einwanderern »die ganz unten« lieben, unterdrückte, 
elende Menschen, die nichts als nur Probleme haben. Die gleichen 
Linken, und zumal solche, die selber unter der Last ihrer Vater- oder 
Mutterfreuden ächzen, geben es hingegen ungern zu, daß türkische 
kleine Kinder niedlicher und putziger als die einheimischen sind, weil 
sie eher noch den animalischen Charme kleiner Tiere besitzen, wel- 
cher Kinder so reizvoll und unwiderstehlich machte, bevor sie ein 
Opfer der Frühvergreisung und daher kindisch, infantil schon im 
Kindesalter wurden. Zur Neigung, das Offensichtliche zu verleugnen, 
wenn es nicht mit den eigenen Interessen harmoniert, paßt dann auch 
die allgemein in der BRD zu beobachtende Tendenz, erfolgreicher 
und daher unbestreitbar gewordener Schönheit mit Häme zu begeg- 
nen. Immer wieder staunt man beispielsweise darüber, zu welchem 
Scharfsinn und boshaftem Witz sonst lahme hiesige Feuilletonisten 
sich aufraffen können, vorausgesetzt nur, daß sie die Waffen der Auf- 
klärung in den Dienst des muffigsten Ressentiments stellen dürfen 
und die Attacke auf amerikanische Popstars wie Michael Jackson, 
Prince oder Madonna zielt. 

Während es sonst ein Gattungsmerkmal des unter menschenwürdi- 
gen Bedingungen lebenden Menschen ist, sich auch über für ihn 
unnütze oder unerreichbare Dinge freuen zu können, im Unterschied 
zum Hund etwa, der den ästhetischen oder intellektuellen Genuß 
nicht kennt, sondern ein Sklave seiner auf den Nutzeffekt abgerichte- 
ten Instinkte blieb, scheint bei diesem Sozialcharakter die Differenz 
zwischen der Beurteilung eines Dinges und der Beurteilung seiner 
Brauchbarkeit oder Verfügbarkeit für eigene Zwecke nicht zu existie- 
ren. Solche Unfähigkeit zur Objektivierung drückt sich dann im 
Sprachgebrauch aus, in Redewendungen wie »was bringt mir das« oder 
»ich will auf meine Kosten kommen«, und ganz allgemein im übermä- 
ßigen Gebrauch persönlicher Fürwörter, beispielsweise in der Ich- 
Form bei Kommentaren und Essays. Die Wahrnehmungsstörung wird 
erstaunlicherweise durch Institutionen oder Apparate nicht weggefil- 
tert oder neutralisiert, sondern der Sozialcharakter prägt sogar die 
Regierungspolitik, deren Pannen und Fehleinschätzungen das Unver- 
mögen verraten, zumindest während strategischer Überlegungen sich 



144 



in die Lage anderer hineinzudenken. Wenn die Deutschen sich selber 
Arglosigkeit und ihren Feinden Arglist bescheinigen, so hieße dies 
demnach, daß sie für eine Tugend halten, was in Wahrheit verhärteter 
Egoismus ist, der sich, weil er realitätsblind macht, am Ende auch 
gegen die eigenen Interessen wendet. 

Mit der Differenz zwischen der Beurteilung eines Dinges und der 
Beurteilung seines Nutzwerts für eigene Zwecke entfällt die Frist, die 
/wischen dem Hingerissensein von einem schönen Anblick und dem 
nnüchternden Blick in den Spiegel liegen kann, bei einem jungen 
Mädchen etwa, welches melancholisch darüber werden darf, daß es 
i rrett Garbo nicht ähnelt. Den Erwachsenen und noch mehr den 
Alten kennzeichnet es hingegen, daß von solcher Trauer nicht mehr 
als ein leiser Anflug übriggeblieben sein darf und er gelernt haben 
muß, von der eigenen Person zu abstrahieren. Die kindliche Devise 
-Ich auch!« würde ihm jeden Spaß an Filmen, an Romanen oder am 
I eben überhaupt verderben, weil der fertige Mensch im Unterschied 
/um Jugendlichen keinen Trost bei der Illusion finden kann, er würde 
in ferner Zukunft vielleicht einmal seinen Idolen ähneln. In seinem 
eigenen Interesse läge es daher, die Fähigkeiten zu entwickeln, welche 
der Erwachsene und noch mehr der Alte den Kindern und Jugendli- 
chen voraus haben sollte, die Fähigkeit beispielsweise, nicht selber 
Kanz dringend ein Eis haben zu müssen, wenn man den anderen eines 
schlotzen sieht, die Fähigkeit zur objektiven, nicht permanent von 
Neid und persönlichem Interesse gefärbten Beurteilung. Je älter er 
wird, desto mehr werden seine Freuden spezifisch menschliche sein 

Identifikation mit Gesehenem, Gehörtem oder Gelesenem -, oder 
er wird andernfalls wenig Freude haben, weil schon der 30jährige ver- 
heiratete Bankangestellte mit zwei Kindern nicht mehr darauf rechnen 
kann, daß er in eigener Person je ein ganz anderer würde. 

Demgegenüber hat man bei den Deutschen oft das Gefühl, daß sie 
das Stadium kindischer Habsucht nie überwanden, obgleich sie natür- 
lich keineswegs die kindliche Begeisterungsfähigkeit und die Intensi- 
tät der Empfindungen besitzen, welche bei Kindern die Gier, das 
unbedingte Habenwollen auch wieder reizvoll und niedlich macht. 
Während das Kind nämlich wenigstens für einen Moment entzückt 
ist, wenn es die Puppe bekommt, mit der es nie spielen wird, fallen 
beim infantilen Erwachsenen Wunscherfüllung und Enttäuschung 
unmittelbar zusammen. Er kennt daher kein Glück, sondern nur 
Unglück in dieser oder jener Form. 

Die Unfähigkeit zur Identifikation, unter welcher die Schönheits- 
verächter leiden, ist die Ursache einer unheilbaren Armut, weil dem 
Affektlosen die Welt so fern und fremd bleiben muß wie er sich. Und 
keineswegs tritt die Störung ausschließlich im Verhältnis zu anderen 
Personen auf, sondern sie macht sich darin nur besonders kraß 
bemerkbar. Der Affektlose mag die fremde Person so wenig wie den 



145 



eigenen Besitz und sich selbst, mit dem Unterschied allerdings, daß 
er seinen Besitz und sich selbst haben, wenn auch damit wenig anfan- 
gen kann, ohne beides mögen zu müssen. Während bei den veräußer- 
lichen Gegenständen also der Besitztitel die Genußunfähigkeit über- 
deckt, trifft den Affektlosen die Störung seines Realitätskontakts 
ungemildert, wenn er mit begehrenswerten unveräußerlichen Dingen 
konfrontiert wird. Weil Schönheit oder andere an eine Person gebun- 
dene Eigenschaften als bloße Eigenschaften nicht transferierbar sind 
- ich kann jemandes Taschenuhr ohne diesen jemanden haben, nicht 
aber seine Schönheit -, muß einer, der von einer schönen Person 
nicht entzückt sein oder sich in sie verlieben kann, in der Schönheit 
nichts als den Stachel sehen, der ihm Schlimmeres bewußt macht als 
die eigene Häßlichkeit, nämlich seine Unfähigkeit, die Welt zu genie- 
ßen. 

Denn erst die Fähigkeit, Personen und Sachen zu mögen, gestattet 
es, aus vorhandenen Rechtstiteln auf diese Personen oder Sachen, aus 
der Verfügungsgewalt über sie, auch einen Nutzen zu ziehen. Um 
ihrer selbst froh werden zu können, darf Herrschaft gleichsam in 
ihrem Begriff nicht so restlos aufgehen, wie dies die deutsche unter 
den Nazis und vorher schon in den Kolonien tat, aus denen die Deut- 
schen als Massenschlächter zurückkamen, ohne wenigstens Gewürze, 
Genußmittel oder ein paar Eingeborene mitzubringen, im Unter- 
schied zu den Engländern oder Franzosen etwa, die bei aller Härte 
den Opfern ihrer kolonialen Unterdrückung doch wenigstens genug 
Zuneigung entgegenbrachten, um sich an ihnen bereichern zu kön- 
nen, indem sie selbst oder ihre Speisen und Genußmittel importiert 
wurden. 

Wie die koloniale Vergangenheit den englischen oder französischen 
Alltag angenehmer machte, indem sie ihn beispielsweise mit Ingwer- 
plätzchen oder Gebäck aus marokkanischen Konditoreien versüßt 
hat, während die koloniale Vergangenheit im deutschen Alltag keine 
Spuren hinterließ, nicht mal ein paar Deutsche schwarzer oder dunk- 
ler Hautfarbe, so scheint generell das Verhältnis zu Personen und 
Sachen in Deutschland ein eigentümlich beziehungsloses zu sein. Die 
im vorigen Kapitel schon erwähnten gemeinsamen öffentlichen Auf- 
tritte von bundesdeutschen Politikern und ihren Gattinnen beispiels- 
weise strahlen eine solche Fremdheit, Lieblosigkeit und Beziehungslo- 
sigkeit aus, daß der Mann sich im Glanz seiner Frau auch dann nicht 
sonnen könnte, wenn sie eine atemberaubende Schönheit oder eine 
imposante Erscheinung wäre. Wie aber die Frau den Mann nicht ziert, 
weil er sie wie ein zufällig am Weg aufgelesenes Stück Holz, wie einen 
Fremdkörper behandelt, so tragen die Frauen meist die Kleider auf 
eine Weise, als wäre der Stoff radioaktiv kontaminiert, und alle sehen 
ein wenig danach aus, als würden sie sich voreinander und vor sich 
selber ekeln. 



146 



I )ie Unfähigkeit, ein erworbenes teures Kleidungsstück auch tragen 
KU können, und allgemein die Unfähigkeit, den eigenen Besitz zu 
mögen und zu nutzen, dürfte einer der Gründe für die speziell bei 
faschistoiden Deutschen anzutreffende Aversion gegen die Zirkula- 
1 1» mssphäre sein, gegen den Handel, der als Domäne betrügerischer 
luden und Ausländer betrachtet wird. Der Selbstbetrug - durch 
Erwerb eines Dinges überdecke ich meine Unfähigkeit, es zu benut- 
zen - wird als betrügerische Handlung eines Fremden interpretiert, 
dem der arglose Deutsche zum Opfer fällt, und als wahrer Kern der 
I iige entpuppt sich der unbestreitbare Sachverhalt, daß die Deutschen 
i arsachlich am Ende stets die Betrogenen sind, wie sehr sie auch selber 
liniere übervorteilen, plündern und berauben. Sie gewinnen nichts 
dabei, wenn sie etwas kriegen, und eben daraus entwickelt sich eine 
/wanghafte Beschäftigung mit nichtigen Geldangelegenheiten, die 
nervtÖtende öffentliche Feilscherei um Pfennigbeträge beispielsweise, 
welche die Nachrichtensendungen zur Tortur macht, wenn über 
Tarif Verhandlungen, Kindergeld für Trümmerfrauen oder Rentener- 
höhungen berichtet wird. 

Das aus Lieblosigkeit resultierende Unvermögen, Schönheit in 
( .est alt einer anderen Person besitzen zu können, unterscheidet sich 
vom Unvermögen aus Mangel an Gelegenheit durch seine grundsätz- 
liche Unaufhebbarkeit. Wer nur arm und häßlich ist, kann sich beim 
Anblick von für ihn momentan unerreichbarer Schönheit tagträu- 
mend mit der Hoffnung auf künftigen Erfolg trösten, darauf beispiels- 
weise, daß er als mächtiger Industriekapitän oder als berühmte Sänge- 
rin besitzen wird, was er einstweilen nur aus der Ferne bewundern 
darf, nämlich die schöne Frau oder den begehrenswerten Mann. Sein 
Ziel ist Eroberung, nicht aber Zerstörung und Vernichtung, während 
der Lieblose jede in Gestalt einer anderen Person existierende und 
daher für sein verhärtetes Selbst unerreichbare Schönheit als Krän- 
kung, Beleidigung und Bedrohung empfinden muß, die in letzter 
Konsequenz Zerstörung und Vernichtung verdient. Das Universum 
der Genüsse wird von ihm als eine Quelle unausgesetzten bitteren Lei- 
dens erlebt, dem er nicht entkommen kann, weil er sich in seinem 
freudlosen Dasein doch nach Genüssen sehnt und alle Genüsse nur 
sein Unglück schüren: Grausame Welt, wenn die Trapezkünstler im 
Zirkus den bösartigen 60jährigen nur zu weinerlichen Betrachtungen 
über die Klapprigkeit der eigenen alten Knochen stimulieren, und 
wenn die Eltern sich durch ihre halbwüchsigen Kinder weniger an die 
eigene Jugend erinnert fühlen, als daß sie vielmehr den Konkurrenz- 
druck verspüren, mitmachen und siegen zu müssen. Vermutlich in 
keinem anderen Land sind die Ressentiments so bitter, welche die 
40jährigen gegen die beneideten 20jährigen entwickeln, vermutlich in 
keinem anderen Land auch zeigen die Alten jene realitätsfremde Bru- 
talität, der sie manchmal zum Opfer fallen, wenn sie sich in Verken- 



147 



nung ihrer wirklichen Körperkräfte mit Jugendlichen messen wollen. 

Aus der allgemein hohen Zustimmung zur Behauptung, echte Per- 
sönlichkeit sei wichtiger als äußere Schönheit, wird also auf einen 
Sozialcharakter geschlossenen, dessen hervorstechender Zug seine 
Bereitschaft ist, die Welt als ihm feindlich gesinnte, ihn immer nur 
frustrierende zu erleben, und das erste nicht vorläufige, sondern end- 
gültige Resultat dieser Studie lautet: Es besteht allgemein in der Bevöl- 
kerung die Disposition dafür, ein Wahnsystem nach dem Schema 
>Wir sind umzingelt von Feinden und müssen sie ausrotten < zu ent- 
wickeln - die allgemein hohe Zustimmung zur Behauptung, wichti- 
ger als äußere Schönheit sei echte Persönlichkeit, erlaubt keine andere 
Interpretation. 

Eine Disposition zu finden aber heißt noch nicht viel, weil Men- 
schen neben der einen Disposition meist auch noch ganz andere besit- 
zen, weil ferner das Subjekt kein blindes Vollzugsorgan der in ihm 
enthaltenen Anlagen ist und weil es schließlich weitgehend von den 
Bedingungen und Umständen abhängt, ob einer wird, wozu er die 
Voraussetzungen hätte. Zu prüfen blieb also, ob neben der Disposi- 
tion auch schon das Wahnsystem bestand, welches aus der Disposi- 
tion allein nicht einmal logisch zwingend abgeleitet werden könnte, 
welches aber dennoch Formen und Konturen gewinnt, wenn man die 
Disposition assoziativ verknüpft mit Alltagserfahrungen, mit Kennt- 
nissen über den Verlauf der deutschen Geschichte und über Eigenhei- 
ten des Nationalcharakters. 

Anders als in der A utboritarian Personality wird in dieser Studie ein 
Nationalcharakter unterstellt, und zwar als Worst-Case-Hypothese. 
Im schlimmsten Fall, so die Annahme, hätten die Bundesbürger nicht 
nur äußerlich zu Deutschland, sondern auch innerlich zur nationalen 
Identität zurückgefunden, wie dies jahrelang von Linken wie Rechten 
behauptet und gefordert worden war. Die erste Frage lautet dann, was 
man sich unter einem deutschen Nationalcharakter heute vorzustel- 
len hätte. Die zweite Frage wäre, ob und in welchem Maß dies Ding 
in der Realität existiert. Zunächst ist der Nationalcharakter, von dem 
bislang schon fortwährend die Rede war, ohne daß das Kind auch 
beim Namen genannt worden wäre, also ein Konstrukt, ein Gemenge 
aus Fakten, Tatsachenbehauptungen und Verdächtigungen, welches 
zweifellos ebensowenig von der Ansicht durchdrungen ist, die Deut- 
schen seien harmlos, wie ein Kriminalist sich bei seinen Ermittlungen 
nicht vom arglosen Glauben an das Gute im Menschen leiten lassen 
und der Arzt nicht das Beste hoffen darf. Deutschfeindlichkeit oder 
gar Deutschenhaß, wie sie mancher der Studie vielleicht vorwerfen 
wird, hat also in diesem Fall mit Parteilichkeit nichts zu tun, sondern 
dergleichen ist nur die unvermeidliche methodische Konsequenz aus 
dem Ziel der Untersuchung. Es handelt sich dabei, dies sei noch ein- 
mal betont, um den Versuch, zunächst einen faschistoiden National- 



148 



< lurakter zu zeichen, mit Seitenblick auf lebende Personen zwar, aber 
zugleich unter Inanspruchnahme voller künstlerischer Freiheit. Erst 
die Empirie wird zeigen, welche Ähnlichkeit mit lebenden Personen 
Jas Monster hat, dessen seelische Grundhaltung - Identifikationsun- 
fähigkeit und Lieblosigkeit - schon beschrieben wurde, und dessen 
Steckbrief nun um einige Charaktereigenschaften ergänzt werden soll. 

/ hr/.ufriedenkeit und Asozialität 

Aus der Bereitschaft, Schönheit zu disqualifizieren, war auf Unfähig- 
keit zur Identifikation geschlossen worden, und die macht, wie 
gezeigt wurde, das Leben trübe und freudlos. Kein Wunder daher, daß 
die Deutschen sich in einer bemitleidenswerten Figur bespiegeln, im 
sprichwörtlichen deutschen Michel eben, der ungefähr folgendes zu 
Protokoll geben würde, wenn er reden könnte: 

Allen geht es besser als mir, und das liegt nur daran, daß ich zu 
anständig und zu gutmütig bin. Mein Leben lang wurde ich 
eigentlich betrogen, übervorteilt, hintergangen und verkannt. 
Stets wurde mir vorenthalten, was mir zusteht. Weil ich immer zu 
kurz kam und nie auf meine Kosten, bin ich gekränkt und belei- 
digt. Ich verspüre Nachholbedarf und besitze Anspruch auf Wie- 
dergutmachung, die Welt schuldet mir was, und nicht nur den 
Platz an der Sonne. 
Die dominierende Komponente im Lebensgefühl wäre demnach 
rine tiefe Unzufriedenheit, ein allgemeines und grundsätzliches 
Unwohlbefinden in der Welt, und wenn die Deutschen Gemütlich- 
keit als einen ihrer hervorstechenden Wesenszüge reklamieren, so 
ähnelt dies Selbstbild den Kritzeleien kurzbeiniger kleiner Jungen, die 
immer Zweimetermänner malen. Gerade Abwesendes, Fehlendes 
wird in Deutschland gern durch das Gerede darüber, durch Gerede 
wie über Vorhandenes ersetzt, und die Versicherung, man habe oder 
linde es gemütlich, bedeutet fast immer, daß man sich dabei lausig 
fühlt. Uberhaupt markieren Eigenschaften, die als typisch deutsche 
gelten, in der Regel Charakterlücken, d. h. Heimatverbundenheit und 
Vaterlandsliebe sind die Namen für zwei Leerstellen im hiesigen 
Gemütshaushalt. Die Phantomhaftigkeit ihres Nationalcharakters 
wiederum läßt die Deutschen als unberechenbar und unergründlich 
erscheinen, und sie ist die Erklärung dafür, warum hier häufig betont 
wird, es müsse sich jemand zu seinen Gefühlen bekennen und zu sei- 
nen Gefühlen stehen, oder warum man hier alles Künstliche zurück- 
weist und sich statt dessen nach dem Echten, Kernigen, Urigen, 
Unverfälschten sehnt. Auch diese Sehnsucht weist auf Abwesendes 
hin oder darauf, daß insgeheim alle die Schaumschlägerei durch- 
schauen, den hysterischen Anfall, zu dem einer sich erst furchtbar 
zwingen muß, um richtig in Rage zu kommen, den gepreßten, pene- 
tranten Sound, der das gemeinsame Merkmal der Reden von Gen- 



149 



scher, Lafontaine und Joseph Fischer ist, die wiederum im aktuellen 
Kreisch- und Fuchteltheater keine schlechte Figur machen würden, 
welches seinerseits wie der O-Ton von Ufa- und Nazi-Schinken klingt. 

Ziellose Rebellion und Aggressivität 

Analog dazu drückt die Forderung, sich unterzuordnen, einzufügen, 
anzupassen, nicht die besonders gut entwickelte Fähigkeit aus, dieser 
Forderung auch nachzukommen, sondern umgekehrt soll der Wort- 
schwall einen realen Mangel kompensieren. Auch der Gemeinschafts- 
kult ist eher Ersatz für Zusammengehörigkeitsgefühl als dieses selber, 
er wird desto dicker aufgetragen, je mehr tiefsitzende Asozialität es zu 
überschminken gilt, und wenn den Deutschen eine Neigung zu Diszi- 
plin und Gehorsamkeit nachgesagt wird, eine gewisse Förmlichkeit 
und Steifheit, ein Denken in den Kategorien von Unterordnung und 
Überordnung, so wird dabei übersehen, daß die genannten Eigen- 
schaften und Verhaltensmuster meist Reaktionsbildungen darstellen 
auf ihnen genau zuwiderlaufende Triebe. 

Die prätentiöse Anrede >Herr Doktor< oder >Herr Oberstabsgefrei- 
ter«, über die so viele Deutschenwitze im Ausland kursieren und die 
im Deutschen sowohl ehrerbietig als auch bedrohlich gemeint sein 
und klingen kann, kommt nicht daher, daß die Anerkennung und 
Achtung sozialer Distanz den Menschen zur zweiten Natur wurde, 
sondern die Förmlichkeit ist ein Reflex auf den mächtigen Wunsch, 
es nicht zu dulden, daß einer anders sei, und jedem durch das 
aggressiv-vertrauliche Du zu bedeuten, daß keiner sich von der Masse 
absondern und unterscheiden dürfe. Daß die gesellschaftlichen For- 
men in Deutschland oft als Zwinger empfunden werden, weshalb 
man >die Sau rauslassen< will oder >den inneren Schweinehund 
bekämpfen« muß, verrät daher den unzivilisierten und asozialen 
Zustand der darin eingesperrten Triebe. 

Während also nach außen oft der Anschein entsteht, als ginge 
gerade der Deutsche restlos auf in den Rängen und Amtern, die er 
bekleidet, in den Titeln und Orden, mit denen er sich schmücken 
oder behängen darf, zeichnet ihn in Wahrheit die Unfähigkeit aus, 
sich ohne Ressentiment mit bestimmten Formen gesellschaftlicher 
Ungleichheit oder überhaupt mit gesellschaftlichen Formen, auch 
mit vernünftigen und berechtigten, anzufreunden, die er vielmehr als 
Einengung, Einschränkung oder Fesselung seiner wahren Natur 
betrachtet. Sein Mangel an Begabung zur Revolution resultiert nicht 
aus übermäßiger Friedfertigkeit oder Genügsamkeit, sondern aus 
übermäßiger und deshalb so zielloser wie kraftloser Aggressivität ei- 
nerseits, andererseits aus der Unfähigkeit, sich für irgendeine Gesell- 
schaftsform entscheiden zu können. Und weil er nicht fähig ist, sich 
selber Regeln zu setzen, wird eine Führerfigur gebraucht, die freilich 
die tiefsitzende Unzufriedenheit nur verschlimmern kann, weil alle 



150 



das Unmögliche von ihr erwarten. Als typisch darf man deshalb die 
l-iit wicklung in der DDR bezeichnen, wo eben kein Volk einem 
Ancien Regime die Herrschaft entriß, um sie selber anzutreten, son- 
dern wo ein verfolgungs- wie akklamationswütiger Mob die Schwäche 
dei alten Machthaber nutzte, um die Macht einem vermeintlich spen- 
dableren Führer anzutragen. 

i < tifiiterter rronsinn 

Auch dies Unbehagen in der Kultur y eben die grundsätzliche Unfähig- 
keit des Deutschen, irgendwelche gesellschaftlichen Formen zu akzep- 
lieren, führt dazu, daß er unter der schon erwähnten Genußunfähig- 
keit leidet, und er leidet noch mehr, wenn er sich per Kraftakt über 
die Deformation hinwegsetzen will. Übertrieben vielleicht, aber 
nicht ganz falsch ist deshalb das Klischee vom Deutschen, der im 
I Irlaub oder an Fest- und Feiertagen besonders aggressiv und unglück- 
lich ist und am zufriedensten und verträglichsten dann, wenn eine 
geregelte Arbeit ihm die Qual erspart, sich amüsieren zu müssen. 
I )em Puritanismus, den kein Glaube versöhnt, der Verzicht auf irdi- 
sche Genüsse werde durch himmlische Freuden belohnt, entspricht 
ein Hang zum Orgiastischen, worunter die freudlose Ausschweifung 
verstanden wird, der Exzeß, der wieder nicht glücklich macht, im 
Kxtremfall das unartikulierte Gegröle, wie es mit Duldung der 
( )ffentlichkeit und der Polizei hier von hordenweise auftretenden 
Wehrpflichtigen angestimmt wird, bei denen der feste Vorsatz, einmal 
lustig sein und sich richtig austoben zu wollen, schon daran scheitert, 
daß sie Text und Melodie der Lieder nicht wissen, die sie gern gemein- 
sam singen würden. 

Beim sich selbst als lustorientiert mißverstehenden bundesdeut- 
schen Mittelstand wiederum, welcher beispielsweise meint, zusätzlich 
ZU seinem eigenen Überfluß auch noch die Folklore der Armen mit- 
konsumieren zu müssen, unbekümmert darum, daß ein steifer deut- 
scher Büromensch sich beim Flamenco oder beim Bauchtanz zum 
Affen macht, fühlt man sich an das Verhalten verzogener Kinder erin- 
nert, die sich den Teller vollschaufeln, obwohl sie schon an dem Bis- 
sen im Mund fast ersticken. Der Zweck solchen Verhaltens besteht 
gerade darin, die eigene Genußunfähigkeit als eine Deformation der 
Person vergessen zu machen. Sie wird statt dessen auf äußere Armut 
oder einen Mangel an Gelegenheit zurückgeführt, etwa nach der 
Devise: Eine morgenländische Prinzessin steckt in der pensionsbe- 
rechtigten 40jährigen Grund- und Hauptschullehrerin allemal, wenn 
sie nur irgendwie Bauchtanzunterricht kriegen könnte. Der Illusion 
folgt freilich die Enttäuschung auf dem Fuße, und so läuft der genuß- 
unfähige Genußsüchtige mit hungrigen Augen und neidischem Blick 
als ewig und unheilbar Benachteiligter durch die Welt. Daraus wie- 
derum resultiert seine Härte, der oft notierte Mangel an Mitleid: Im 



151 



Flüchtling noch, wenn dieser nicht gerade ein Gerippe ist, wird er 
nicht den Leidenden sehen, sondern eher den beneidenswerten 
Abenteurer, der endlich mal herauskommt aus dem Alltagstrott. 

Durch Frust gehärtet 

Denn keineswegs wird dieser Sozialcharakter nur durch die Existenz 
von Personen gekränkt, die mit Grund zu beneiden sind, sondern 
weil ihm jeder soziale Unterschied, eigentlich jeder Unterschied über- 
haupt, eine Benachteiligung seiner selbst bedeutet, beneidet er ebenso 
Leute, die eher sein Mitleid erregen müßten. Er kann es den hungri- 
gen Armen nicht verzeihen, daß sie ihre karge Mahlzeit mit Appetit 
verschlingen, und obgleich er mit keinem Arbeitslosen tauschen wol- 
len würde, erträgt er die Vorstellung nicht, daß dieser Arbeitslose sich 
mit seiner Situation arrangiert haben oder daran sogar einen beschei- 
denen Spaß finden könnte. Oft stellt sich hier der Eindruck her, daß 
die Habgier eigentlich nur Vorwand ist und das Habenwollen eher auf 
den Genuß zielt, den andere aus dem Gebrauch eines Dinges ziehen, 
als auf den Besitz dieses Dinges selber. Man möchte ihm weniger den 
Reichtum als die Freude daran wegnehmen, und wer keinen Neid 
erregen will, muß es nur glaubhaft machen, daß alle von ihm besesse- 
nen Privilegien ihm nichts nützen. 

Von Feinden umstellt 

Wohin er auch blickt - überall kann er nur Verursacher seines 
Unglücklichseins erkennen, analog etwa zum Hypochonder, der jede 
Mahlzeit und jedes Atemholen unter dem Aspekt der damit mögli- 
cherweise verbundenen Schadstoffaufnahme betrachtet. Wie der ein- 
gebildete Kranke, dessen Leiden ein Eigenfabrikat ist, sich selber als 
von Natur aus kerngesund voraussetzt, deshalb für jede Unpäßlich- 
keit einen fremden, äußeren Verursacher sucht und insgeheim denkt, 
das Alter käme nur von der falschen Ernährung, so wird der hier in 
den schwärzesten Farben gemalte Bilderbuch-Deutsche die Welt gene- 
rell als eine ihn verderbende und benachteiligende betrachten, von 
Schadstoffen und Fremdkörpern verseucht und von Feinden, Schmarot- 
zern und Parasiten bevölkert. Mit den wirklichen Bundesbürgern ver- 
bindet den Bilderbuch-Deutschen allerdings, daß in seiner Figur zwei 
Glaubensrichtungen zusammengefunden haben, die einstweilen noch 
auf verschiedene Schichten der Gesellschaft verteilt sind, einerseits die 
Angst vor Verseuchung und Vergiftung nämlich, die beim aufgeklär- 
ten, bessergestellten akademischen Mittelstand dominiert und dort die 
Spezies der Tschernobyl-Mütter hervorbrachte, eine besonders häßli- 
che Perversion der menschlichen Natur, andererseits die Aversion 
gegen Fremdkörper und Schadstoffe in Menschengestalt, wie man sie 
wohl eher bei der bedrängten unteren Mittelschicht findet. 



152 



/ htschuldig aus Prinzip 

Wie kommt es nun, daß der Deutsche überall nur Verursacher seines 
1 Iiiglücklichseins erkennt und sich als Opfer, nicht als Tölpel fühlt, 
auch wenn niemand als er selber sich auf den Daumen drosch? Jan 
Philipp Reemtsma schreibt: 

»Die Nach-45er-Deutschen haben nicht verdrängt, sie haben aber 
dafür gewissermaßen ihren Subjekt-Status aufgegeben. Keine Verdrän- 
gung hat stattgefunden, sondern an ihre Stelle ist eine Spaltung in zwei 
Welten getreten: die der Apperzeption und die der Handlungen und 
Konsequenzen. Diese Trennung bleibt natürlich für die Wahrnehmun- 
gen nicht ohne Konsequenzen: die Einheitlichkeit meiner Welterfah- 
rung - daß ich zu dem »bündle of perception< »Ich< sage - liegt darin, 
daß ich als Handelnder Kontinuität stifte. Ich handele, meine Hand- 
lungen haben Konsequenzen (intendierte und nicht intendierte), ich 
habe einen Begriff von Ursache-und-Wirkung, weil ich etwas bewirke, 
und von Verantwortung, weil ich zur Verantwortung gezogen werden 
kann für das, was ich anrichte. Wird der Begriff der Verantwortlichkeit 
so gründlich suspendiert wie nach 1945, bleibt der Begriff des Wirkun- 
gen zeitigenden Handelns nicht unbeschädigt und damit auch der 
( I rund der Fähigkeit, >Ich< zu sagen. (...) Ich denke, daß man mit die- 
ser Erklärung der vorherrschenden moralischen Wurschtigkeit in der 
Kundesrepublik wie dem merkwürdig clownesken Umgang mit der 
Wirklichkeit ein wenig näherkommt.« 37 

Solche Preisgabe des Subjekt-Status läuft auf die Selbstentmündi- 
gung hinaus, mit der sich die Deutschen auf vielfältige Weise (ich habe 
es nicht gewußt, ich habe es nicht gewollt, ich kann nicht dafür, was 
hätte ich denn tun sollen, etc.) gern brüsten. Wenn ich nun aber unzu- 
rechnungsfähig bin und mich an der heißen Herdplatte verbrenne, so 
ist das natürlich nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Auf- 
sichtspersonals, welches mich daran hätte hindern müssen. Scheide 
ich als Subjekt aus, so komme ich als Täter, als Handelnder grundsätz- 
lich nicht in Frage, sondern kann stets nur der Leidende sein. Kriege 
ich Rheuma, oder fallen mir die Haare aus, so nicht deshalb, weil 
mein Körper den Gang aller Dinge geht, denn weder ich noch mein 
Körper können der Verursacher von irgendwas sein, sondern das muß 
an den Dioxinen und der übrigen Schadstoffbelastung liegen. 

Auch natürliche Vorgänge verwandeln sich also, wenn das Subjekt 
seinen Subjekt-Statuts verleugnet, in finstere Machenschaften, und es 
findet etwas statt, was man als Rückkehr des Animismus bezeichnen 
könnte, wobei die Vorstellung, es würden in den Dingen böse Geister 
hausen, sich mit naturwissenschaftlicher Halbbildung zu jenem 
unauflösbaren Gemisch verbindet, welches der Form nach die Blut- 
und Rassetheorien der Nazis ebenso waren, wie es die heute kursie- 
renden Theorien über die Unvermeidlichkeit der Klimakatastrophe 
sind. 



153 



Freudlos aus Verantwortungslosigkeit 

Im Zustand permanenter Unzurechnungsfähigkeit entfällt mit dem 
Risiko, für seine Taten bestraft zu werden, allerdings auch die Mög- 
lichkeit, sich Leistungen als eigene zuschreiben, auf sie stolz sein, 
durch sie Befriedigung finden zu können, und vielleicht liefert die 
Preisgabe des Subjekt-Status auch die Erklärung dafür, daß die Deut- 
schen ein offenbar unstillbares Verlangen danach haben, sich selbst zu 
verwirklichen, sich selbst einzubringen oder persönlich etwas zu 
gestalten. Gerade weil der Grundsatz »Jeder ist sich selbst ein Würst- 
chen« (Adorno) das praktische Handeln aller lenkt, ist und war die 
Selbstverwirklichung ein deutsches Massenbedürfnis seit den Tagen 
der ersten Jugendbewegung. 

Obendrein wird einer, der zu seinem > bündle of perception< nicht 
►Ich< sagen kann, unter allen Bedingungen unzufrieden und leidend 
sein, weil die Bedürfnisbefriedigung ein Ich voraussetzt, welches Ent- 
scheidungen trifft: Ich muß mich entscheiden, ob ich nach Abwechs- 
lung oder nach Bewegung hungere, weil ich im Kino stillsitzen muß 
und beim Spazierengehen nichts Sensationelles zu sehen bekomme. 
Demgegenüber scheinen besonders die Deutschen unter einer chaoti- 
schen, unorganisierten Bedürfnisstruktur zu leiden, unter der Unfä- 
higkeit, sich selbst wenigstens kurzfristig auf bestimmte Wünsche 
oder Ziele festzulegen. Was im Alltag oft nervt, die logische Inkonse- 
quenz des Gejammers von Leuten beispielsweise, die in der Stadt 
unter Lärm oder schlechter Luft und im Vorort unter der Öde dort 
zu leiden meinen, prägt selbst die Meinungen über Politik. Gleichzei- 
tig, und mit beinahe gleicher Intensität, will man beispielsweise die 
Wiedervereinigung haben und den gewohnten Lebensstandard behal- 
ten, man möchte das eine tun und das andere dabei nicht lassen, wie 
Kinder, die es noch nicht begriffen haben, daß man die Schokolade 
nur aufessen oder aufsparen kann, aber nicht beides zugleich. 

Der Manipulative mit den ungeschickten Fingern 
Ein Indiz dafür, daß die Unfähigkeit, mit sich oder der Welt etwas 
anzufangen, neuerdings stärker als früher empfunden wird, ist das 
Auftauchen einer Floskel, die in vielen Zusammenhängen gebraucht 
wird, und die der Bundespräsident am besten zu intonieren weiß. 
Nicht das >Sicheinbringen< ist diesmal gemeint, sondern das >Mit- 
etwas-Umgehens meist im Fragesatz durch ein wie eingeleitet, etwa: 
>wie wir mit unserer Geschichte umgehen<, >wie wir miteinander 
umgehen s »wie wir mit unseren Nachbarn umgehen<, >wie wir mit 
unseren Problemen umgehen«, etc. Auch in diesem Fall ist anzuneh- 
men, daß vom >Mit-etwas-Umgehen< viel geredet wird, weil man dazu 
nicht in der Lage ist, zumal die Tätigkeit am ungeeigneten Objekt 
vollzogen werden soll: Mit einer Geschichte, wenn sie die meine ist 
und ich mich von ihr deshalb beim besten Willen nicht trennen kann, 



154 



I um ich nicht >umgehen< wie mit einem Gegenstand, den ich auch 
wegwerfen oder liegenlassen könnte. Ebensowenig kann ich mich zu 
me inem Problem verhalten, wie wenn es gar nicht zu mir gehören 
würde, wie wenn es gar nicht meines, sondern irgendeines wäre. 

In der neuen Umgänglichkeit steckt, nur sprachlich verbrämt, der 
alte Hang zur Sonderbehandlung, insofern sie ausschließt, daß es 
I tinge gibt, die nicht mit sich umspringen lassen oder die vielleicht 
einfach in Ruhe gelassen werden wollen. Vielleicht, weil sie für sich 
se lber den Subjekt-Status nicht in Anspruch nehmen, billigen die 
I Putschen ihn auch keinem anderen zu, und die ganze Welt, ein- 
schließlich der Deutsche selbst, verwandelt sich in eine Ansammlung 
von Objekten. 

Konkurrenzneid 

I ).imit wiederum dürfte sich die Neigung verschärfen, welcher die 
Unfähigkeit zum Gebrauch der Dinge entstammt, die Neigung, die 
Welt hauptsächlich in den Kategorien von Konkurrenz und Machtge- 
lälle zu erleben. Was man um seiner selbst willen nicht mögen kann, 
dessen Wert läßt sich nur durch Relation zu anderem bestimmen. 
Wenn mir mein Leben grundsätzlich nicht gefällt, weil ich nichts und 
niemanden mögen kann, meine Kinder nicht, meinen Beruf nicht, 
meine Wohnung nicht, und am allerwenigsten mich selber, muß ich 
dies Leben ausschließlich nach Maßgabe seines Rangplatzes auf der 
Einkommens- oder Machtskala beurteilen. Weil es auf jeder Stufe der 
I iierarchie aber welche gibt, die höher stehen und mehr haben, wird 
der Rangvergleich relativ unabhängig von der materiellen und sozia- 
len Lage oder von der Schichtzugehörigkeit zur permanenten Frustra- 
tion und zur Entwicklung verhaltener rebellischer Impulse gegen die 
gesellschaftliche Ordnung führen, wie sie für den faschistoiden Cha- 
rakter typisch sind. 3 * 

Wenn die Deutschen Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit für 
ihre Nationaltugenden halten, so basiert dies falsche Selbstbild in der 
Kegel auf maßlosem Ehrgeiz. Der 50jährige rechtsradikale Schichtar- 
beiter, der insgeheim mit einer richtige Karriere in der Politik liebäu- 
gelt, oder die gleichaltrige Mittelständlerin, die erstmals in ihrem 
Leben Ballettunterricht nimmt - sie werden sich beide Anspruchslo- 
sigkeit und Bescheidenheit attestieren, weil der eine nicht Minister ist 
und die andere nicht auf der Bühne steht. Wie die Deutschen in Wahr- 
heit nicht mögen, was sie ihre Heimat oder ihr Vaterland nennen, so 
hängen sie auch nicht an ihrer Schicht oder überhaupt an ihrer sozia- 
len Lage und den mit ihr verbundenen Lebensgewohnheiten. Sie 
haben daher, wenn sie sich selbst im Vergleich mit anderen beurteilen 
wollen, keinen realistischen Maßstab, sie sind als Privatpersonen wie 
als Nation nie saturiert. Wie es keine ausgeprägten proletarischen, 
mittelständischen oder individuellen Bedürfnisstrukturen gibt, die es 



155 



berechenbar machen, worauf jemand nicht verzichten und was er gar 
nicht haben wollen würde, so besitzen die Deutschen als Nation keine 
halbwegs klar umrissenen Ziele. National zu empfinden heißt für sie, 
sich gleichzeitig als Opfer der Polen und als den Amerikanern eben- 
bürtig, wenn nicht überlegen zu fühlen. 

Angst vor der Macht 

Wie der Deutsche heute seines Lebens nicht froh wird, so wurde das 
deutsche Bürgertum seiner politischen Macht nicht froh, die es auch 
gar nicht haben wollte. Seit dem Vormärz schon waren die deutschen 
Bürger der Mob, welcher die Herrschaft nicht selber antreten, son- 
dern sie einem anderen antragen will. Mehr der Not als dem freien 
Willen gehorchend griffen sie 1918 selber zu, als die Gefahr bestand, 
daß andernfalls die Kommunisten bekommen hätten, was der Kaiser 
nicht mehr halten konnte, und bei der erstbesten Gelegenheit gaben 
sie die ihnen mehr zugefallene als von ihnen eroberte Macht an den 
Führer ab. Als einen ihrer Prototypen könnte man den ehemaligen 
DDR-Ministerpräsidenten de Maiziere bezeichnen, der zum Jagen fast 
getragen werden mußte, der aber trotzdem nicht verzichtete auf den 
Job, welcher ihn offensichtlich überforderte; dem die nackte Angst im 
Gesicht geschrieben stand, und der die Macht nur nahm, um sie mög- 
lichst schnell wieder loszuwerden. 

Nie erkämpfte das deutsche Bürgertum sich soviel Machtbewußt- 
sein, Entscheidungsfreude und Zuversicht, wie der Job an der Spitze 
nun mal erfordert. Weltuntergangsgestimmt vom ersten Augenblick 
an, gab es sich volkstümlich, leutselig und bescheiden, sein gesell- 
schaftliches Privileg erfüllte nicht, wie in anderen Ländern, auch den 
Zweck, den Ausgebeuteten Souveränität und Luxus vorzuführen, die 
zu erstreben das Recht eines jeden ist und die in einer von Ausbeu- 
tung und Unterdrückung befreiten Gesellschaft alle genießen würden. 
Fast könnte man sagen, daß die deutsche Gesellschaft schon seit der 
ausgebliebenen bürgerlichen Revolution eine subjektlose und vater- 
lose war, weshalb dann die Väter, Feldwebel, Führer und andere Sub- 
jekte, wenn sie sich in Positur warfen, immer wie schlechte Laien- 
schauspieler wirkten, die den Mangel an Darstellungskunst zu verber- 
gen suchen mittels Gehampel und Gebrüll, welches in diesem Fall 
zusätzlich die eigene Angst übertönen mußte. Nur in Deutschland 
konnte daher das Wort vom »Willen zur Macht* geprägt werden und 
Furore machen, weil anderswo keiner verstanden hätte, warum die 
Selbstverständlichkeit, daß der Machthaber ein solcher sein will, 
eigens betont und wie eine großartige Entdeckung dargeboten werden 
muß. Und nur hier, wo die Amöbenhaftigkeit des Menschen als des- 
sen Normalzustand vorausgesetzt wurde, konnte man sich über nor- 
male menschliche Fähigkeiten dermaßen wundern, daß ihr Besitzer 
als Genie bestaunt wurde. 



156 



Niehl auszuschließen ist daher, daß die Wiedervereinigung sehr viel 
t n In sitzende kollektive Ängste mobilisieren wird als die vordergrün- 
dige Sorge um die Stabilität der Währung und der Renten, beispiels- 
weise die tiefsitzende alte Angst davor, Macht und Verantwortung 
Übernehmen zu müssen, mit dem Effekt, daß die Überforderten 
panikartig nach der Entlastung suchen, die ihnen ein seine eigene 
P.mik überspielender Führer verspricht. Der Anschluß der DDR an 
die ItRD könnte dann zum Modell für eine gesamtdeutsche Lösung 
der Machtfrage dergestalt werden, daß abermals eine Regierung, nur 
diesmal eben die gesamtdeutsche, die Geschäfte mit dem Ausdruck 
• i l.rleichterung an den Nächstbesten übergibt, der sie haben will, 
und dafür der Bevölkerung eine Extraration Bananen verspricht. 

Nachträglich scheint das Erfolgsgeheimnis der deutschen Nach- 
ki M beschichte die Tatsache zu sein, daß einer Nation, die keine zu 
ihrer politischen Führung befähigte Klasse besitzt, die volle Souverä- 
mi.it erspart blieb. Als Kollektiv ähneln die Deutschen einer Person, 
welcher es nicht gelang, im richtigen Alter erwachsen zu werden, und 
deren viel zu späte Emanzipationsversuche dann etwas Psychopathi- 
N des an sich haben und mit fataler Konsequenz in noch größere 
Abhängigkeit zurückführen, wie bei jenen unglücklichen Verbrecher- 
n.iuiren, bei denen das eigentliche Tatziel nicht die Millionenbeute, 
.ondern der Gefängnisaufenthalt ist, weshalb sie erst richtig rabiat 
werden, wenn man sie mit Nachsicht behandelt. Man fühlt sich jeden- 
falls, wenn man die Propaganda für nationale Souveränität und Identi- 
i.u und Selbstbestimmung hört, an die vielen hier erinnert, die im 
Molzen Alter von 40 oder 50 Jahren mit der Aufarbeitung ihrer 
ruhcrtätskonflikte und der Emanzipation von ihren Eltern beginnen 
ii ikI die es nicht zu merken scheinen, daß Versäumtes sich nicht belie- 
big nachholen läßt, daß also ein 50jähriger sich durch die Beschäfti- 
gung mit seinen Eltern nicht von ihnen emanzipieren, sondern nur 
kindisch werden kann. 

faschistisch aus Angst und Schwäche 

Statt sich der Gesellschaft als die sie politisch beherrschende Klasse 
entgegenzustellen, wie dies ihrer Rolle im Produktionsprozeß ent- 
sprochen hätte, versuchte die deutsche Bourgeoisie stets, in dieser 
( iesellschaft unterzutauchen, und der Grund für die Volkstümlich- 
keit war derselbe, aus dem sich die Revolution gegen Kaiser und Für- 
sten verbot. Hannah Arendt schreibt: »In seinem fieberhaften Bemü- 
hen, es dem Adel nach- und gleichzutun, hatte das deutsche Bürger- 
tum noch nicht einmal den Mut, sich von den unteren Klassen des 
eigenen Volkes ideologisch zu distanzieren, obwohl dies faktisch 
natürlich schon durch die Einführung des Privilegs der Bildung und 
eben das Bildungsphilistertum geschehen war.« 3 '* Die Verzagtheit von 
Machthabern wiederum, welche Angst vor der offenen Ausübung 



157 



ihrer Klassenherrschaft hatten, war der Grund für die Aggressivität 
der deutschen Außenpolitik und dafür, daß das Wort >Rasse<, welches 
als politischer Kampfbegriff ursprünglich soviel wie >Klasse< meinte, 
in Deutschland eine seltsame Bedeutung bekam: »Wie der Rassebe- 
griff der französischen Aristokratie dazu bestimmt war, das Volk zu 
spalten und daher eine Bürgerkriegswaffe werden konnte, war das völ- 
kische Nationalbewußtsein der Deutschen, in dessen Rahmen der 
spezifisch deutsche Rassebegriff erwuchs, dazu bestimmt, die Einheit 
des Volkes nach außen zu sichern; er konnte daher vor allem für 
nationale Kriege mobilisiert werden.« 40 

Analog dazu steht zu befürchten, daß ein gesamtdeutsches Natio- 
nalbewußtsein wieder ein völkisches mit allen Konsequenzen werden 
wird, eben deshalb, weil es keine zur Herrschaft befähigte Klasse gibt, 
die aufs Paktieren mit dem Mob verzichten würde. 

Die M-Skala 

Gemäß ihrem Zweck, den hiesigen Sozialcharakter so abzubilden, wie 
er im Kapitel Michel-Syndrom skizziert worden war, sollte die neue 
Skala M-Skala heißen, und der Name war Programm, Programm für 
die Kritik an der Testversion. Was immer nämlich es im einzelnen an 
der alten Skala auszusetzen gab, war nebensächlich im Vergleich zum 
Haupteinwand: einfach nicht >michel< genug, in dem Sinne etwa, wie 
es unerheblich ist, daß ein Hühnchen obendrein auch noch ange- 
brannt und überwürzt ist, wenn es erst gar nicht nach Huhn, sondern 
eher nach Fisch schmeckt. Nach der Devise >mehr Michels und unter 
Berücksichtigung der restlichen Überlegungen selbstverständlich, 
wurde also die folgende Skalenversion produziert: 

1. Echte Freiheit verlangt, daß man sich in die Gemeinschaft ein- 
fügt. 

2. Im Wohlstand verkümmern die inneren Werte, weil jeder nur 
auf den eigenen Vorteil bedacht ist. 

3. Wichtige Lehren muß man stets mit Leiden bezahlen. 

4. Unseren Politikern fehlt das Format, sich zugunsten des 
Gemeinwohls gegen Interessengruppen wie Gewerkschaften 
oder Unternehmer durchzusetzen. 

5. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. 

6. Jeder Mensch braucht im Leben einen Halt, einen festen Glau- 
ben, an dem er niemals zweifelt. 

7. Das Leben war früher härter als heute, aber dafür war es auch 
natürlicher und gesünder. 

8. Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht über- 
vorteilt oder ausgenützt. 



158 



*' Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. 

10. Die Deutschen sind steifer als Italiener oder Franzosen, aber 
dafür sind sie auch nicht so oberflächlich. 

11. Wer ein Europa ohne Grenzen will, muß damit rechnen, daß 
dann auch das organisierte Verbrechen seinen Weg nach 
Deutschland findet. 

12. Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 

I V Wertvolle Menschen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, 
sich für das große gemeinsame Ziel aufopfern zu können. 

1 4. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. 

1 5. Freundlichkeit und Nachsicht werden von den meisten Men- 
schen doch nur als Schwäche ausgelegt. 

16. Junge Menschen haben manchmal Flausen im Kopf, aber 
wenn sie dann im harten Berufsleben stehen, werden sie 
schnell vernünftig. 

1 7. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. 

IX. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 

I*>. Die Ausländer hier machen sich manchmal unbeliebt, weil sie 
sich gegen die Deutschen abkapseln und nur mit ihren eigenen 
Landsleuten verkehren. 

20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 
paar Jahre Gefängnis. 

21. Die Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwa- 
chen und die Starken. 

22. Es gibt kaum etwas Gemeineres als einen Menschen, der nicht 
Liebe, Dankbarkeit und Achtung für seine Eltern empfindet. 

23. Wenn Gastarbeiter in deutsche Familien einheiraten, bringt 
das nur Probleme für beide Seiten. 

24. Wir Deutsche haben vielleicht manche Bewunderer, aber nur 
wenige Freunde in der Welt. 

25. Eine der Hauptaufgaben für die nächsten Jahre wird es sein, 
die Bevölkerungslawine einzudämmen. 

26. Homosexualität wird zwar nicht mehr bestraft, trotzdem 
bleibt sie widernatürlich. 

27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. 

28. Kein normaler Mensch könnte jemals einen guten Freund oder 
nahen Verwandten kränken wollen. 



159 



29. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 
die besseren Menschen. 

30. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. 

31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. 

32. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 
ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 
und Gemeinsamkeit. 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. 

34. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. 

35. Ei ner der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 
den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 
übernommen haben. 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. 

37. Wenn jemand an UFOs, an die Seelenwanderung oder die Wie- 
dergeburt glaubt, darf man ihn deshalb nicht verspotten. 

38. Was dem einzelnen Kraft gibt, ist seine Geborgenheit in der 
Familie und seine Verankerung in der Gemeinschaft. 

39. Presse und Fernsehen neigen dazu, mit ihrer verantwortungs- 
losen Kritiksucht alles Gute und Schöne in den Schmutz zu 
ziehen. 

40. Auch wenn dies immer mehr aus der Mode kommt: Weih- 
nachten sollte ein Fest bleiben, welches man daheim im Fami- 
lienkreis feiert. 

41. Die armen Völker mit ihren riesigen Menschenmassen könn- 
ten sich eines Tages zu einem gnadenlosen Vernichtungskrieg 
gegen die reichen Länder verbünden. 

42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. 

43. Im Leben gewinnt nicht der Bessere, sondern Erfolg hat, wer 
besonders rücksichtslos, raffiniert und gerissen ist. 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. 

45. Der Arme ist oft glücklicher als der Reiche, weil er sich 
über die einfachen Dinge des Lebens noch richtig freuen 
kann. 

160 



i«. Wer Karriere machen will, muß vor allem Beziehungen haben 
und die richtigen Leute kennen. 

47. Wer kein Herz für Kinder hat, verdient, daß man ihn verach- 
tet. 

IK Die steigende Zahl der Krebstoten beweist, daß uns die vielen 
chemischen Schadstoffe in Nahrung, Wasser und Luft allmäh- 
lich vergiften. 

\/9 Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind, 
kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 
zieht. 

SO. Wer nicht buckelt, sondern ehrlich zu seiner eigenen Uberzeu- 
gung steht, muß im Leben mit Nachteilen rechnen. 
I Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 
Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. 
Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 

i I Äußere Schönheit ist bei einem Menschen oft nur das Zeichen 
für Eitelkeit, für innere Kälte und Leere, 
i Als wiedervereinigtes Volk sollten die Deutschen mehr Selbst- 
bewußtsein und Stärke zeigen. 

SV Jeder unverklemmte Mensch hat das Bedürfnis, manchmal alle 
Fesseln der Zivilisation abzustreifen und sich richtig auszu- 
leben. 



Vorläufiges Gliederungsschema 

/war wurde vorausgesetzt, daß sämtliche Sätze dem Faschistoiden 
gefallen müßten und daß mit der Höhe des Gesamtpunktwerts einer 
Person deren Eignung zum Gefolgschaftsanhänger wuchs. Doch 
. In nso klar war, daß es zwischen manchen Behauptungen große Ähn- 
lichkeiten, zwischen anderen Behauptungen aber deutliche Unter- 
n hiede gab und daß die Unterschiede und Ähnlichkeiten wiederum 
eine Struktur abbilden, nämlich den Bauplan fürs autoritäre Syn- 
drom, worin allerlei Komponenten zusammenwirken. Das Problem 
dabei: Woher es wissen, daß Drahthaardackel nicht zu den Ratten, 
sondern mit den Doggen ins gleiche Kästchen gehören und Doggen 
wiederum trotz ähnlichen Erscheinungsbildes nicht mit Kälbern ver- 
wandt sind, wenn man den Begriff >Hund< noch nicht kennt? Stets 
MCZt das Urteil über Ähnlichkeit oder Differenz Begriffe oder 
Wesensbestimmungen in dem Sinne voraus, daß die Entscheidung 
darüber gefallen ist, welche Eigenschaften oder Merkmale als wesent- 
lich, welche anderen als unwesentlich oder akzidentel gelten sollen. 

I )ie Skala in verschiedene Gruppen einander ähnlicher Sätze glie- 
dern zu wollen hieß demnach, als schon vorhanden genau die 
r.rkenntnisse vorauszusetzen, die Resultat der empirischen Unter- 



161 



suchung sein sollten. Nur wenn man das Wesen des Autoritarismus 
kennt, weiß man auch, ob der Konventionalismus zu seinen wesent- 
lichen Komponenten zählt. Und dann muß man auch noch das 
Wesen des Konventionalismus kennen, bevor man entscheiden kann, 
ob der einzelne Skalensatz solchen enthält. Ist man aber schon so 
schlau, so kann man sich das Zuordnen und Sortieren eigentlich spa- 
ren, unter der Voraussetzung jedenfalls, daß die Skala nicht bloß den 
Umfang eines hinsichtlich seiner Qualität schon bekannten faschi- 
stoiden Potentials messen soll, sondern daß ihr Hauptzweck vielmehr 
darin besteht, dieses Potential besser verstehen zu lernen. Wenn man 
nun umgekehrt aber über die Qualität des Potentials noch gar nichts 
wüßte, würde man es auch nicht empirisch untersuchen können, weil 
es sich nicht mal identifizieren ließe, und was für das faschistoide 
Potential als Ganzes gilt, gilt ebenso für seine Elemente. Anders 
gesagt: Die Klärung schwieriger Fragen ist ein konfuser Prozeß, bei 
dem sich auf jeder Etappe Theorie und Empirie unentwirrbar vermi- 
schen. Er verlangt die Spekulation, und er leidet unter ihr, er braucht 
eine Vorstellung vom Ende, damit er anfangen kann, und alle diese 
Überlegungen nützen in der Praxis wenig, weil der Soziologe, der 
statt des Gegenstands das eigene Nachdenken über ihn analysiert, sich 
bald in der Situation eines Läufers befinden, der sich beim Laufen das 
komplizierte Zusammenspiel der zahllosen Muskeln vergegenwärti- 
gen will und deshalb über die eigenen Füße stolpert. 

Wenn das Räsonnement nicht mehr weiterhilft, ist der Punkt 
erreicht, wo Entscheidungen getroffen werden müssen, und kraft 
Amtes beschloß der Forscher, daß der vorläufige Bauplan für das auto- 
ritäre Syndrom wie folgt aussehen soll. 

/. Unterwerfungswünsche 

Die Frage >wer wen< stellt sich für den Autoritären erst in zweiter 
Linie, es kommt ihm gar nicht so sehr darauf an, ob er der Unterwer- 
fende oder der Unterworfene ist, Hauptsache es wird geknechtet. Die 
Lieblosigkeit, mit der er die eigene Person behandelt, ist der Preis der 
Feigheit. Er will zwar herrschen, aber er kann es nur, indem er sich 
einem Mächtigeren unterwirft. Jede Selbstherrlichkeit muß ihm 
daher unerreichbar und als unerreichbare ein Dorn im Auge bleiben. 
Besonders verhaßt dürften ihm Leute sein, von denen er annehmen 
muß, daß sie sich nicht abstrampeln und hochstrampeln wollen. Die 
Schikanen und Demütigungen, die ein Vorgesetzter ihm zufügt, 
betrachtet er fast als Liebesbeweise, zur Weißglut aber kann ihn der 
Penner auf der Parkbank bringen, der ihn einfach ignoriert. So einen 
würde er als arrogant oder eingebildet bezeichnen. 

Große Zustimmung zu Items aus dieser Gruppe deutet auf nur 
mühsam gebändigte rebellische Impulse hin, der Unterwerfungs- 
wunsch ist echt und zugleich doch einer, den man sich dauernd ein- 



162 



irden muß. Glücklich ist eigentlich keiner, wenn er kriegt, was er 
Will, weil der Sklave durch noch so viel Macht kein Freier wird. 
I Mahlen: VI, V4, V6, V9, V16, V18, V21, V32, V38, V54 

// Triebhafte Aversionen gegen Fremdes 

1 eint ist eine instinktiv gewordene Abneigung, die nicht nach 

dem Sündenbock-Schema erklärt werden kann, also etwa dergestalt, 
dafi ein Arbeitsloser lieber die Einwanderer verflucht, weil er sich 
mangels Einsicht oder Mut mit den wirklichen Verursachern seiner 
dtp linierenden Situation nicht anlegen mag. Keiner der Sätze lautet 
daher »Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg«, sondern 
die Sätze sagen den Ausländern irgendwelche an den Haaren herbei- 
v* vo^enen Dinge nach, die dem Normalbürger nur herzlich gleich- 
|ültig sein können. 
1 Mahlen: Vll, V14, V19, V23, V24, V26, V27, V34, V41, V49 

// I Hstfeindschaft 

/um Nationalcharakter gehört auch die altjüngferlich-bigotte, zickige 
An, für bedenklich und verwerflich zu halten, was jeden reizt - 
Reichtum, Freiheit, Schönheit, Sensationen, Promiskuität beispiels- 
. . Diese Komponente ist eng mit der vorigen - triebhafte Aver- 

"ii ^egen Fremdes - verwandt. Deshalb tauchen verschiedene Sätze 
in beiden Gruppen auf, nur ist der Akzent bei der Interpretation 
Im ht verschoben. AIDS (14) und Eheprobleme (23) sollten vorhin 
instinktiv gewordene Abneigung gegen Fremde rationalisieren, jetzt 
miiiI sie ein Trost für Personen, die sich den Flirt mit der oder dem 
M lumen Fremden hatten bitter verkneifen müssen. 

Variablen: V2, V9, V10, V14, V23, V30, V35, V45, V53 

IV. Futterneid 

In der AP hieß das Phänomen >No pity for the poor<, hier ist es wei- 
ter gefaßt: statt Mitleid Futterneid; der liebe Nächste als unnützer 
I* vser; die Neugeborenen als Eindringlinge oder ungebetene Gäste; der 
Mensch als Wesen, welches durch seine bloße Existenz schon zur 
llrdrohung wird nach dem Motto >Das Boot ist voll«; die Eigengruppe 
als Gemeinschaft von Schiffbrüchigen, die im Interesse aller hart blei- 
ben müssen, wenn sie die Katastrophe überstehen wollen. 

Die Unfähigkeit zur Identifikation mit Menschen, die eigentlich 
Mitleid erregen müßten, führt in Deutschland selten bloß zu dem 
r.ntschluß, ihnen nichts abgeben zu wollen, nach der Devise etwa: 
Was geht mich das an, sollen sie doch sehen, wie sie durchkommen; 
wer arm ist, ist selber schuld, und ich bin nicht der liebe Gott. Viel- 
mehr gehen Egoismus, Härte und Geiz einerseits, andererseits Verant- 
wortungsbewußtsein für das große Ganze hier eine merkwürdige Ver- 
bindung ein, und das Resultat ist ein ungeschriebenes Gesetz, wie es 



163 



durch folgenden in der Nazi-Zeit kursierenden Witz auf die Formel 
gebracht wurde: »Keiner darf hungern und frieren, wer's trotzdem 
tut, kommt ins KZ.« Analog zur eugenischen Komponente national- 
sozialistischer Sozialfürsorge dürfte der hiesige Futterneid einer sein, 
dem auch globale bevölkerungspolitische Spekulationen nicht fremd 
sind. Ende Mai 1990 jedenfalls hatten nach der »Zeit« auch das Fernse- 
hen, die lokale Tagespresse und der »Spiegel« das Thema »Bevölke- 
rungsexplosion« wiederentdeckt, welches lange zuvor schon die 
Hauptsorge von Personen gewesen war, die sich für die REP, die NPD 
oder die FAP engagierten (Vgl. »Gespräche mit den Herren A., B. und 
C<). 

Variablen: V5, V25, V36, V42, V52 
V Frustration 

Gemeint ist die Reaktion nach dem Schema: Ich betrachte, was ich für 
meine Benachteiligung halte - und benachteiligt fühle ich mich 
eigentlich immer - als Beweis für meine moralische Überlegenheit. 
Daß ich betrogen, hintergangen und übervorteilt wurde, liegt nur an 
meiner Gutgläubigkeit und meiner Gutmütigkeit. So verschaffe ich 
mir für kommende Missetaten die Rechtfertigung: Ich habe bewiesen, 
daß ich ein guter Mensch sein wollte, aber die böse Welt ließ es nicht 
zu. 

Gerade auch Linke hegen in Deutschland gern die Illusion, wirkli- 
che oder vermeintliche berufliche Nachteile seien die Folge ihrer poli- 
tischen Gesinnung oder Überzeugung, und es gäbe eine Instanz, die 
ihnen den Verrat ihrer Gesinnung oder Überzeugung vergolden 
würde. Sie übersehen dabei, daß die erwünschte politische Einstellung 
heute keineswegs mehr eine Karriere und ein herausragendes Einkom- 
men garantiert, wie Millionen Bild-Leser beweisen. 

Variablen: V3, V8, V15, V17, V43, V46, V50, V51 

VI. Zivilisationsfeindschaft 

Es handelt sich dabei um eine Komponente, die der Lustfeindschaft 
ähnelt: Gelobt sei, was hart macht, verflucht sei, was den Menschen 
verwöhnt und verweichlicht. Aus der Regel, daß Medizin meist bitter 
schmeckt, wird der Schluß gezogen, daß alles Bittere heilsam sei. 

Zurück zur Natur, wieder hinauf auf die Bäume, würde eigentlich 
die Devise heißen, aber in Deutschland führt sie selten dazu, daß ein- 
zelne kauzig werden und irgendwo auf dem Land das Leben eines zivi- 
lisationsflüchtigen Sonderlings führen. Auch die Siedlungsbewegun- 
gen blieben hier immer kurzlebige Projekte, und begeisterte Schilde- 
rungen oder Berichte von Beteiligten gibt es nicht. Der Akzent 
scheint hier mehr auf dem Haß gegen die Zivilisation als auf der 
Liebe zum einfachen Leben zu liegen. 

Variablen: V7, V29, V44, V45, V48 



164 



l //. Straf und Verfolgungswünsche 

I >ie Straf- und Verfolgungswünsche stellen eine Radikalisierung der 
l Interwerfungswünsche dar: Es reicht nicht, daß geknechtet wird, es 
muß auch richtig weh tun. Dabei ist es dem Autoritären ziemlich 
egal, warum einer bestraft und eingesperrt werden soll - irgendein 
( ii und wird sich schon finden. Als besonders abscheulich wird daher 
(»•lies Delikt empfunden, ganz gleich, ob ein armer Schlucker das 
Sozialamt um einen ihm nicht zustehenden Hundertmarkschein 
ei leichtert oder ob Eskimos Robben und Italiener Singvögel verspei- 
«n. 

Variablen: V20, V31, V33, V44 

I ///. Überbetonung von Altruismus und Gemeinsinn 
Wie die Unterwerfungswünsche eine Reaktionsbildung auf kaum zu 
luiuligende rebellische Impulse waren, so ist die Überbetonung von 
Altruismus und Gemeinsinn eine Reaktionsbildung auf tiefsitzende 
Asozialität. Die Zustimmung zur Behauptung beispielsweise, daß 
Weihnachten im Familienkreis gefeiert werden solle, mochte vor hun- 
dert Jahren noch plausibel sein. Heute hingegen, wo rund 50 Prozent 
der Haushalte in Großstädten Einpersonenhaushalte sind und wo zur 
Weihnachtszeit alle Betten auf den Kanarischen Inseln belegt sind, 
muß die gleiche Zustimmung als Symptom begriffen werden, als 
Vmptom für einen Bedarf im Gemütshaushalt, der mit Weihnachten 
selber wenig zu tun hat. 

Warum geben die Leute es nicht einfach zu, daß ihnen der weih- 
nachtliche Ergriffenheitsrummel auf die Nerven geht, daß man die 
l.imiliäre Geselligkeit just um diese Zeit am allerschlechtesten erträgt? 
K.ium deshalb, weil speziell diese Aversion gegen Geselligkeit eine 
besonders verwerfliche oder zumindest noch tabuisierte wäre, son- 
dern vielleicht, weil die spezielle Aversion ein sehr viel weiter reichen- 
« les Empfinden verraten würde, welches man aus guten Gründen nicht 
.in die große Glocke hängt, nach der Devise etwa, daß einer sich nicht 
k-im Ladendiebstahl erwischen lassen soll, wenn eine Leiche in sei- 
nem Keller liegt. 

Variablen: V13, V22, V28, V39, V40, V47 

Einwände 

Erfahrungsgemäß stößt in sozialwissenschaftlichen Studien der Frage- 
bogen stets auf besonders heftige Kritik, und meist ist sie auch berech- 
ligt. Solche Kritik abwimmeln sollen die folgenden Erläuterungen 
nicht, sie sind nur ein Versuch, den Kritiker zu größeren Anstrengun- 
gen anzuspornen, insofern manche der Einwände, die er vorbringen 
mag, durchaus bekannt waren, aber nach reiflicher Überlegung ver- 
worfen worden sind. 



165 



Empirischer Teil I: Tabellen 



Befragung und Sample 

Zwischen Anfang April und Mitte Juli 1990 wurde die M-Skala unter 
die Leute gebracht, und der Mühe Lohn waren genau 690 zufrieden- 
stellend ausgefüllte Formulare. Auch diesmal kam in die Stichprobe, 
wer erreichbar und willig war, 45 einziges Auswahlkriterium blieb ein 
möglichst günstiges Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Noch 
immer nämlich ging es in erster Linie darum, sich ein zutreffendes 
Bild vom Faschistoiden zu machen. Keineswegs wurde der schon als 
definitiv bekannte Größe vorausgesetzt, als Typus, über dessen Vor- 
kommen und Verteilung in der Bevölkerung mittels einer Repräsenta- 
tiverhebung gültige Aussagen innerhalb angebbarer Fehlergrenzen zu 
treffen wären. 

Vermutungen, woran der gesuchte Zweibeiner zu erkennen sein 
würde, gab es zwar, aber Beweise gab es nicht, und die Frage war also, 
ob die Vorstellungen, die vom Michel-Syndrom entwickelt worden 
waren, auch den Tatsachen entsprachen oder ob diese Vorstellungen 
anhand des Datenmaterials korrigiert oder präzisiert werden mußten. 
Erst nämlich muß man den Bösewicht identifiziert haben, bevor man 
ihn systematisch suchen kann, denn wenn kein Steckbrief existiert, 
hat es wenig Sinn, den ganzen Fahndungsapparat anzuwerfen. Den 
Bösewicht identifizieren und ihn fangen wiederum sind zwei Jobs, die 
verschiedene Methoden verlangen: Im einen Fall prüfen wenige 
Ermittler viele vage Anhaltspunkte, im anderen Fall ist die Zahl der 
Polizisten groß, die nach wenigen, aber deutlichen Kennzeichen, bei- 
spielsweise der Narbe über der rechten Augenbraue suchen. Analog 
dazu war die Skala, weil sie Ermittlungszwecken diente, noch sehr 
umfangreich, und die Erfahrung lehrt, daß bei schriftlichen Befragun- 
gen beispielsweise die Rücksendungsquote sich etwa umgekehrt pro- 
portional zur Zahl der Fragen verhält, welche die Leute beantworten 
sollen. Das Formular zu kürzen aber hätte bedeutet, den Sinn und 
Zweck der Befragung ihrer Repräsentativität zu opfern: Man weiß 
dann sehr genau, wieviel Prozent der Bundesbürger beispielsweise an 
den ozonlochbedingten Weltuntergang glauben, aber was der Prozent- 
wert eigentlich bedeuten soll, weiß man nicht. 

So kam es bei der Auswahl der Befragten nicht auf eine exakt pro- 
portionierte, sondern auf eine möglichst bunte Mischung und darauf 
an, ohne allzu langwierige Vorbereitungen Material zu erhalten. Um 
Unterstützung waren deshalb Freunde, Bekannte und Kollegen gebe- 
ten worden, die an Schulen, Hochschulen oder in der Erwachsenen- 
bildung tätig sind, weil die Erhebung sich im größeren Maßstab mit 
vertretbarem Aufwand nur durchführen ließ, wenn Gruppen befragt 

168 



«mim konnten, die ohnehin wenigstens eine halbe Stunde stillsitzen 
müssen. Das Formular wurde an die jeweils Anwesenden also mit der 
litte verteilt, es auszufüllen und gleich abzugeben. Auf die erklärte 
ll< M it Willigkeit der Leute nämlich, das Ausfüllen daheim erledigen zu 
«rollen, ist kein Verlaß, und Fragebögen, die man einmal ganz aus 
.1. in Auge verlor, sieht man erfahrungsgemäß auch nie wieder. Die 
Kernteilung der 55 Sätze erfordert offenbar mehr Anstrengung, Kon- 

■ in i.ii ion und Geduld, als die meisten aufbringen können, wenn sie 
im« In durch die Umstände dazu gezwungen sind. Vor allem die Leute, 
.Im sozusagen mitten im Leben stehen, erreicht man schlecht, weil sie 

iiiij; Bekannte und Termine haben. Auskunftswilliger sind Studen- 
ten und Rentner, die letzteren auch deshalb, weil es ihnen schmei- 
. Ii. Ii, wenn sie einer mal nach ihrer Meinung fragt. 

Eine weitere Methode des Datensammelns bestand beispielsweise 
darin, Mitgliedern eines Sportvereins ein kleines Erfolgshonorar zu 
lihlen für den Fall, daß sie Eltern, Arbeitskollegen oder Verwandte 
/um Ausfüllen des Fragebogens überreden würden. Jugendlichen, die 

h rinen kleinen Nebenverdienst verschaffen wollen, schlägt man 
.hm kleine Gefälligkeit nicht ab, und so wurden auf diese Weise auch 
I tute erreicht, die sich untereinander nicht treffen. Ebenfalls gegen 

• in kleines Honorar waren in Freiburg und Nürnberg Studenten 
bereit, ihre Kommilitonen und andere Bekannte zu interviewen. Zu 
• . wähnen ist ferner die kleine schriftliche Befragung von REP, FAP- 
und NPD-Kandidaten, die trotz magerer Ausbeute 44 ihren Zweck 
insofern erfüllte, als nun eine kleine, aber interessante Vergleichs- 
l'Mippe zur Verfügung stand. 

Nur der Vollständigkeit halber werden in der folgenden Tabelle die 

■ Ii versen Erhebungsgruppen mit ihrem Umfang und ihren Skalenmit- 
1. 1 werten aufgelistet, im Auswertungsverfahren selber spielt diese Ein- 
teilung keine Rolle mehr, sondern es wird nach anderen Kriterien 
sortiert und selektiert. Für die Skala zu sprechen scheint, daß die 
Aktiven von REP/NPD/FAP tatsächlich den höchsten Gruppenmit- 
i. Iwert (5,90) besitzen. Auf den folgenden Plätzen liegen allerdings die 
v l.werversehrten (5,51), die Fabrikarbeiterinnen (5,50) und die Kir- 

* lu-ndiener (5,46), die alle meist sozialdemokratisch wählen. 



169 



Tabelle 1 

Gruppen, Gruppenumfang (N) 



und Gruppen mittel werte (Mean) 


KI 
IN 


Mean 


REP/FAP/NPD-Kandidaten für Gemeinderat 


24 


5.90 


Berufsschüler, Elektroinstallateur 


67 


4.99 


Berufsfachschüler 


41 


4.76 


Fortbildung, Umschulung 


12 


4.60 


Hauptschüler 


20 


4.47 


Evangelische Schwerversehrte 2.4.90 


29 


5.51 


Technisches Gymnasium 


27 


4.29 


Studenten der Politikwissenschaft 7.5.90 


56 


3.34 


Diverse Mai 90 


71 


5.01 


Evangelische Bundesbahnbedicnstete 7.5. 90 


14 


5.00 


Evangelische Polizeibeamte 7.5. 90 


25 


5.10 


Evangelische Mitarbeiter der Kirche 


9 


3.70 


Soziologiestudenten 16.5. 90 


18 


3.40 


Studenten Lüneburg (Philosophie) 


35 


3.16 


Studenten Lüneburg (Soziologie) 


24 


4.00 


Industriepfarramt Hannover (Fabrikarbeiterinnen) 


22 


5.50 


Nürnberg, Mai -Juni, diverse, mcut Studenten 


99 


3.50 


Fanzeitungsredakteure, Düsseldorf 


22 


4.37 


Ev. Kirchendiener 22.6. 


15 


5.46 


Ev. Personalräte (öffentl. Dienst) 18.6. 


25 


4.94 


Freiburg Ende Juni, diverse 


18 


3.78 


Ev. Industriepfarramt Freiburg, ÖTV, 8.7. 


17 


4.76 


Gesamt 690 



Chancen für Korrelationsanalyse 

Das Resultat vielfältigen Sammeins, wie es sich in der Tabelle wider- 
spiegelt, war ein Datensatz mit den schon erwähnten 690 Fällen. 
Außer den Noten für die 55 Items enthielt er noch eine laufende 
Nummer und das Alter der Person, ferner kodierte Angaben zum 
Geschlecht, zur Parteipräferenz, zum Status, zum Beruf und zur 
Gruppenzugehörigkeit. Gegeben waren also genau 43 470 eingetippte 
Zahlen in 690 Reihen und 63 Spalten, und darin wurden nun Bezie- 
hungen, Gesetzmäßigkeiten, Strukturen oder Muster gesucht, die sich 
vielleicht zu einer Physiognomie des Faschistoiden verdichten ließen. 

Schon wieder hatte also die Studie einen jener Punkte erreicht, wo 
die Wissenschaft allein nicht mehr weiterhilft. »Datenanalyse ist oft 
mit Detektivarbeit verglichen worden«, heißt es in einem amerikani- 
schen Lehrbuch, im Update Manual zur Version 3.0 vom Programm- 
paket SPSS/PC 45 , und Detektivarbeit ist sowohl Glückssache als 
auch ein trickreiches, für den Außenstehenden etwas undurchschau- 
bares Geschäft, weshalb man Churchill nur zustimmen kann, der 
gesagt haben soll, er traue keiner Statistik, die er nicht selber gefälscht 
habe 4 *. Denn weder gibt es ein sicheres Rezept dafür, welcher Ver- 
fahren man sich im konkreten Fall zu bedienen habe, noch weiß man 



170 



mi voraus, welcher Manipulationen am Datensatz es jeweils bedarf, 
bevor ein brauchbares Verfahren seinen Zweck dann auch wirklich 
• rfUllt. Im Zweifelsfall wird man in dieser Phase daher zur Methode 
I 'i « »Uieren geht über studieren« greifen, und dies ist einer der Gründe 
ilaliir, warum die Zeit für die Datenauswertung nicht kürzer, sondern 
■ hei länger geworden ist, seit man am PC alle Verfahren und Varian- 
ten durchspielen kann. 

Wenn man im eigenen Datensatz bestimmte Muster oder Beziehun- 
gen /wischen den Variablen entdecken will, so wird man zunächst 
tinen Blick in ähnliche Untersuchungen werfen, um die Chancen 
dftfOr zu prüfen, daß überhaupt solche Beziehungen zu erwarten sind. 
I >.is Maß für die Beziehung zwischen zwei Variablen ist der Korrela- 
ixiiiskoeffizient, und die Vergleichswerte für diese Größe waren 
weder bei der F-Skala noch bei der A-Skala (einer deutsche Adaption 
der I Skala) ermutigend. 

[ )ie Satz-für-Satz-Korrelationsanalyse wurde, da sie ein arbeitsauf- 
wendiges und daher kostspieliges Verfahren war, als noch keine Rech- 
ner zur Verfügung standen, von den Mitarbeitern an der AP nur bei 
einer Gruppe durchgeführt, die mit 513 Personen 47 allerdings fast so 
umfangreich war wie hier die gesamte Stichprobe, und besonders viel- 
versprechend sind die errechneten Werte nicht: »Jeder Satz wurde mit 
jedem anderen korreliert. Das Mittel der 435 Koeffizienten 41 war 
0,13, die Variationsbreite lag zwischen 0,05 und 0,44.«** 

Noch blasser sehen die Zahlen für die A-Skala aus, die in den 60er 
fahren in der BRD getestet wurde: »Nur fünf Koeffizienten sind 
höher als 0,25, drei davon ergeben sich aus Korrelationen benachbar- 
tei Satze«, schreibt Michaela von Freyhold 50 , und ein Blick auf die 
Korrelationsmatrix zeigt, daß der Höchstwert für die Inter-Item- 
K» »rrelationen nur 0,3 beträgt. 

Mäßige und gleichmäßige Korrelationskoeffizienten, wie sie für 
ähnliche Skalen errechnet worden waren, ließen also ausgeprägte 
I Inmogenität befürchten, gleichsam einen gut durchgerührten Korre- 
I 'i ionskoeffizientenbrei, worin weder Strukturen noch Unterschiede 
zu entdecken wären. Wenn jeder Satz sich mit jedem anderen nahezu 
gleich gut verträgt, wenn sich keine besonderen Korrelationen aufspü- 
ren lassen, dann wäre der Zweck des Unternehmens insofern verfehlt, 
als der unbefriedigende Befund aus der AP übernommen werden 
müßte, wonach sich statistisch der Zusammenhang nicht nachweisen 
läßt, der beispielsweise zwischen solchen Sätzen bestehen müßte, die 
gemeinsam eine Variable bilden: »Wenn auch die Sätze aller Cluster 51 
aus Form 45 miteinander korrelieren (0,11 zu 0,24), so korrelieren 
il<>ch die Sätze eines jeden Clusters miteinander nicht besser als mit 
den zahlreichen Sätzen anderer Cluster. Diese Cluster 51 dürfen daher 
nur a priori als Diskussionshilfen benutzt werden.« 52 Anders gesagt: 
Die AP nimmt hier ihren theoretischen Anspruch zurück, gültige 



171 



Aussagen über die Komponenten des autoritären Syndroms zu treffen 
weil sie diesen theoretischen Anspruch empirisch nicht einlösen 
kann. 

Verbesserung der Werte für Inter-Item-Korrelation 
und Zuverlässigkeit durch Festlegen einer Altersgrenze 

Eine erste Auswertung der Daten zeigte, daß die mittlere und die 
maximale Inter-Item-Korrelation diesmal entschieden höher als bei 
der F- und der A-Skala lagen. Einer der Gründe dafür dürfte sein, daß 
in diesem Sample sowohl extreme Lowscorer (Soziologiestudenten 
etwa) als auch extreme Highscorer (REP-Mitglieder) vertreten sind. 
Die nächste Frage lautete nun, ob es vielleicht Personengruppen gab, 
deren Entfernung aus dem Sample zu noch besseren, d. h. besser inter- 
pretierbaren Werten führen würde. Nur gering war zwar der Effekt 
wenn bestimmte Statusgruppen - Schüler oder Studenten zum Bei- 
spiel - ausgeklammert blieben, mehr Erfolg aber hatten Testauswer- 
tungen, wenn das Lebensalter als Selektionskriterium genommen 

Die folgende Tabelle zeigt, wie die mittlere und die maximale Inter- 
Item-Korrelation sich verändern, wenn eine Untergrenze für das Alter 
festgelegt und diese kontinuierlich angehoben wird, wobei sich selbst- 
verständlich von Mal zu Mal die Zahl der ausgewerteten Fälle vermin- 
dert. Außer den Kennziffern für die Inter-Item-Korrelation wird der 
Skalen-Zuverlässigkeitskoeffizient Alpha ermittelt, auch unter dem 
Namen Crombach's a bekannt: Mit Werten um 0,7 kann man arbei- 
ten, Werte über 0,8 sind gut, Werte über 0,9 optimal. 



Tabelle 2 

Inter-hem-Correlations 





N 


Mean 




Maximum 


Variance 


Alpha 


Gesamt 


690 


.2755 


-.0809 


.6657 


.0192 


.9567 


Alter > 17 


629 


.2924 


-.0673 


.7135 


.0215 


.9601 


Alter > 18 


602 


.2979 


,0483 


.7251 


.0220 


.9611 


Alter > 19 


559 


.3084 


,0380 


.7313 


.0228 


.9630 


Alter > 20 


511 


.3195 


,0415 


.7578 


.0236 


.9648 


Alter > 21 


458 


.3345 


,0356 


.7702 


.0246 


.9671 


Alter > 22 


415 


.3407 


,0199 


.7658 


.0249 


.9679 


Alter > 23 


383 


.3382 


,0151 


.7646 


.0254 


.9676 


Alter > 24 


356 


.3310 


,0165 


.7521 


.0253 


.9665 


Alter > 25 


318 


.3235 


,0263 


.7688 


.0236 


.9652 


Alter < 21 


179 


.1199 


,3166 


.5245 


.0122 


.8850 



Die besten Werte für mittlere und maximale Inter-Item-Korrelation 
waren demnach zu erzielen gewesen, wenn in die Auswertung nur 
1 ersonen einbezogen worden wären, die mindestens 22 Jahre alt sind 



172 



I ric ( )|>timierung der Werte hätte aber eine deutliche weitere Reduzie- 
rung der Fallzahl bedeutet» und ein günstiger Kompromiß schien es 
U lein, das Mindestalter auf 21 Jahre (Alter > 20) festzusetzen. 
Nur spekuliert werden kann an dieser Stelle, warum die Jüngeren 
.!■< Korrelationen verpatzen, ganz unabhängig davon, ob sie Schüler, 
I • hrlinge oder Studenten sind, und obgleich sie keine auffallenden 
odci abweichenden Gruppenmittelwerte besitzen. Vielleicht kommt 

• Ii- . daher, daß sich bei den Jüngeren verschiedene Einflüsse - pro- 
fctrvsivcr Lehrer, reaktionäre Eltern - überlagern, oder die Ansichten 
I um s Menschen verfestigen sich erst mit steigendem Alter zur bere- 
- heilbaren Struktur. Statt nämlich, wie dies denkbar wäre, einfach nur 
andere Zusammenhänge zwischen Variablen aufzuweisen, ist das Mei- 
nungsbild der Jüngeren undeutlicher als bei den Älteren strukturiert. 
I »i<- mittlere und die maximale Inter-Item-Korrelation sind deutlich 
| ringer, in einem Fall gedrittelt, im anderen fast halbiert, und auch 
i i Zuverlässigkeitskoeffizient für die Skala fällt bescheidener aus, 
w i. die Zeile Alter < 21 zeigt. 

I Mi emes Mißverhältnis zwischen Studenten 
und Erwerbstätigen durch Gewichtung korrigiert 

Nachdem die wankelmütige Jugend aussortiert worden war, blieb ein 

• 1 1 lalle umfassender Datensatz übrig, der freilich einen großen Feh- 
Irr hatte und mehrere kleinere Mängel. Schlüsselte man die 511 inter- 
viewten Personen nach ihrem Status auf, so ergab sich folgendes Bild: 



labeile 3 




N 


% 




191 


37,4% 


i Um 


22 


4,3% 


IWufstätig 


209 


40,9% 


Kinincr 


51 


10,0% 


i iamthm 


26 


5,1% 


S« |,üler 


5 


1,0% 


unklar 


7 


1,4% 


u imincn 


511 


100,0% 



Weil sich mit den Gruppen >Schüler< und >unklar< der geringen Fall- 
/ahl wegen nichts anfangen ließ, wurden sie aus der Stichprobe ent- 
Icrnt, und weil die wenigen Lehrlinge ohnehin 21 Jahre und älter 
waren, wurden sie der Einfachheit halber bei den Berufstätigen ein- 
sortiert: 



173 



Tabelle 4 



Bereinigt 


N 


% 


Studium 


191 


38,3% 


Berufstätig 


231 


46,3% 


Rentner 


51 


10,2% 


Hausfrau 


26 


5,2% 


Zusammen 


499 


100.0% 



Nun, da die nach Status aufgeschlüsselte Stichprobe übersichtlich 
geworden war, stach es besonders ins Auge, daß sie, grob über den 
Daumen gepeilt, annähernd so viele Studenten wie Erwerbstätige ent- 
hielt, während das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen ungefähr 
den Wert 18,6 besitzt, wenn man die Zahlen für das Jahr 1988 aus dem 
Statistischen Jahrbuch 1989 für die Bundesrepublik Deutschland heran- 
zieht. 

Obgleich es, wie schon erwähnt, nicht der Ehrgeiz dieser empiri- 
schen Studie war, repräsentative Ergebnisse im strengen Sinn zu lie- 
fern, so konnte doch eine solche Verzerrung nicht hingenommen wer- 
den, weil sie zwar weniger die Korrelationen, dafür aber ganz ent- 
scheidend alle Mittelwerte grob verfälscht hätte, zumal unter den 
Studenten wiederum solche aus der linken Szene und aus den sozial- 
erer geisteswissenschaftlichen Fächern überrepräsentiert waren. Ska- 
len-Mittelwert und Item-Mittelwerte hätten also nicht einfach nur die 
Genauigkeit vermissen lassen, die man von Repräsentativumfragen 
erwartet, sondern sie hätten ein vollkommen falsches Bild von der 
Stimmungs- und Gesinnungslage der Bevölkerung gezeichnet. 

Wenn die Proportion zwischen zwei Gruppen in der Grundgesamt- 
heit bekannt ist, läßt sich das Mißverhältnis in der Stichprobe derge- 
stalt korrigieren, daß die unterrepräsentierte Gruppe durch einen Fak- 
tor höher als die andere gewichtet wird. In diesem Fall wurde die 
Maschine angewiesen, alle Gruppen außer den Studenten mit dem 
Faktor 18 zu gewichten, und wie durch ein Wunder war die Stich- 
probe nun auf mehr als das Zehnfache ihres ursprünglichen Umfangs 
angeschwollen. Die folgende Tabelle zeigt Umfang und Proportionen 
des durch Gewichtung vergrößerten, gleichsam fiktiven Datensatzes, 
welcher die Basis für alle weiteren Auswertungen und Berechnungen 
sein wird: 



174 



I. lulle 5 



I Nlgl 

Mihi Krwuhtrt N % 

Huil 191 3,3 

Utig 4158 72,5 

% r 918 16,0 

Htuifrau 468 8,2 

tirn 5735 100,0 



\\\ Hrrhin unterrepräsentiert sind in diesem Datensatz die Rentner, 
von denen es, wenn man ehemalige Angestellte, Arbeiter und Beamte 
/uvimmcnzählt, in der BRD ungefähr halb so viele wie Erwerbstätige 
|mI*i. U'ider ließ dies Mißverhältnis sich nicht korrigieren, weil das 
.i ii im ik Programm Gewichtungs-Befehle nicht sequentiell und 
I Ulmibttv verarbeitet, sondern ein neuer Befehl den vorangegangenen 
Überschreibe und aufhebt. 



Kennziffern für den manipulierten Datensatz (Selektion nach 
Mter > 20, kleine Gruppen entfernt oder zusammengelegt, alle 
< .nippen außer Studenten mit Faktor 18 gewichtet). 

Weil durch die Gewichtung der Einfluß extremer Lowscorer nun 
H duziert worden war, mußte mit einer Verringerung der mittleren 
und der maximalen Inter-Item-Korrelation gerechnet werden, und das 
I i wartete trat ein. Die folgende Tabelle enthält die Werte für den 
unbehandelten« und für den gewichteten Datensatz, außerdem wer- 
den die entsprechenden Zahlen für die F-Skala und die A-Skala 
ftnannt, soweit sie bekannt sind. 



Ifcbelle« 



IlMM lum-Correlations 




N 


Mein 




i Maximum 


Variance 


Alpha 


M Skala 


511 


.3195 


-.0415 


.7578 


.0236 


.9648 


1 1 mit tuet 


5.735 


.2586 


-.0825 


.7052 


.0186 


.9523 


1 Skala 


513 


.1300 


.0500 


.4400 






A Skala 








.3003 







/.um Vergleich mit den Werten der Test-Skala: Die Half-Split- 
Koliability betrug diesmal 0.9271** die Kenndaten für die Summenva- 
riable F (alle Item-Werte summiert) und für Fm (Summe durch 
Anzahl der Items geteilt) lauten: 



175 



Tabelle 7 



Variable 


Mean 


ScdDev 


Minimum 


Maximum 


N 


F 


270.09 


58.33 


70.00 


385.00 


5735 


Fm 


4.91 


1.06 


1.27 


7.00 


5735 



Trennschärfe und Mittelwerte der Items 

Nach dem gleichen Schema wie bei der Test-Skala wird auch hier wie- 
der die Trennschärfe der einzelnen Items ermittelt. Die Spalten von 
links nach rechts: Item-Nummer, Gesamt mittel wen (M), Mittelwert 
für das obere Quartil (Mh), Mittelwert für das untere Quartil (Mn), 
Differenz zwischen beiden oder Trennschärfeindex (T), Korrelation 
zwischen Item und Total-Score (r). 



Tabelle 8 





M 


Mh 


Mn 


T 


r 


VI 


5,09 


6.17 


4,22 


1,95 


0.364 


V2 


5,21 


6,04 


4,77 


U7 


0,276 


V3 


4,54 


5,48 


3,46 


2,02 


423 


V4 


5,17 


5,93 


4,76 


1.17 


0,253 


V5 


5,35 


6,62 


3,18 


3,44 


0,655 


V6 


5,82 


6,69 


4,56 


2.13 


528 


V7 


5,46 


6,44 


4.12 


2.32 


0,529 


V8 


5,37 


6,40 


4,05 


2,35 


0,516 


V9 


4,58 


6,35 


2.42 


3,93 


0,677 


V10 


4,39 


5,85 


2,54 


3,31 


0,618 


vn 


4,94 


6,39 


2,82 


3.57 


0,651 


V12 


6,41 


6,74 


6,16 


0,58 


0,196 


V13 


5.10 


6,06 


4.00 


2,06 


0,473 


VH 


4,89 


6,68 


2,60 


4.08 


0,701 


V15 


4,19 


5,41 


2,99 


2,42 


0,455 


V16 


4,76 


6,07 


3,32 


2,75 


0,579 


V17 


5.22 


6.21 


4,04 


2,17 


0,521 


V18 


5,48 


6.65 


3,73 


2.92 


0,654 


V19 


4,26 


5,75 


2,48 


3,27 


0,590 


V20 


5,75 


6,86 


3,96 


2,90 


0,611 


V21 


3.56 


5,20 


1.93 


3.27 


0.557 


V22 


4,53 


6,04 


2,48 


3.56 


0.666 


V23 


4,00 


5,75 


2,15 


3,60 


0,622 


V24 


4.32 


5,61 


3,25 


2,36 


0,420 


V25 


5,14 


5,99 


4,01 


1.98 


0,373 


V26 


4.31 


5,67 


2,25 


3.42 


0.573 


V27 


4,52 


6,18 


2,45 


3,73 


0.654 


V28 


4,43 


5,91 


2,86 


3,05 


0,535 


V29 


4,77 


6,11 


3,08 


3,03 


0,512 


V30 


3,% 


5,80 


2,20 


3,60 


0.614 


V31 


5,70 


6,94 


3.19 


3,75 


0.731 


V32 


4.12 


5,88 


1.85 


4,03 


0,698 


V33 


5,60 


6,80 


3,46 


3.34 


0,719 



176 





M 


Mh 


Mn 


T 


r 


V M 


4 77 


6 16 


7 7\ 


\ 9t 


0,672 


V IS 


4 24 

1^471 


S 78 


3 23 


2 55 


0,437 


\ Ii. 
\ 'Ii 


4 R? 


U 29 


2 65 


3 64 


0,661 


T »» 




S 81 

DyOJ 


S 41 


42 


0,087 


v in 


S RA 


h (%7 


4 94 


1 68 


0,494 


V W 


4 28 


5 58 


2 61 


2 97 


564 


V40 


S S6 


6 70 

D,/ V 


3 85 


2 85 


598 


Vil 


\ 74 


S 41 


2 71 


2 70 


449 


V4J 

v 




6 S6 


2 56 


4 00 


720 




4 77 


5 82 


3 96 


1 86 

1,00 


334 


V44 


5 96 


6,63 


5 10 


1 53 


0,460 


Vit 


S 14 


6 S4 


1 95 


2 59 


561 


V/4*. 




o,_u 


S 10 


1 10 


277 


V47 


4 97 


6.26 


3 63 


2 63 


526 


v im 


6 04 


6 71 


5 40 


1 31 


0,342 


V49 


3,75 


5.77 


1,82 


3,95 


0^668 


V*> 


5,26 


6,31 


4,33 


1,98 


0,453 


IUI 

VM 


6,22 


6,76 


5,92 


0,84 


U, Jh_ 


VN 


4,85 


6,46 


2,80 


3,66 


0,663 




3,40 


5,01 


1,92 


3,09 


0,543 


VS4 


4,46 


6,21 


2,22 


3,99 


0,712 


V» 


5,14 


5,76 


4,77 


0,99 


0,236 


Mutrl 


4,91 


6,15 


3,46 


2,68 


0.521 



I tu folgende Tabelle gibt die Rangfolge der Skalensätze wieder. Sor- 
tiert wurde aufsteigend, d. h. der jeweilige Spitzenreiter liegt auf dem 
• Platz. Die Disziplinen: Trennschärfe (T), Item-Total-Korrelation 
(r) und allgemeine Beliebtheit (M). 



I iIk-IIc 9 



i ndribii 


Itcm-Total-Korrclation 


Mittelwert 


i) 


V37 


0.42 


1) 


V37 


0,087 


1) 


V53 


3,40 


2) 


V12 


0,58 


2) 


V12 


0.196 


2) 


V21 


3,56 


n 


V51 


0,84 


3) 


V55 


0,236 


3) 


V41 


3,74 


4) 


V55 


0,99 


4) 


V4 


0,253 


4) 


V49 


3,75 


*) 


V46 


MO 


5) 


V51 


0,262 


5) 


V30 


3,96 


*) 


V4 


1,17 


6) 


V2 


0,276 


6) 


V23 


4,00 


7) 


V2 


1,27 


7) 


V46 


0,277 


7) 


V32 


4,12 


n 


V48 


1,31 


«) 


V43 


0,334 


8) 


V15 


4,19 


*) 


V44 


1.53 


9) 


V48 


0,342 


9) 


V35 


4,24 


10) 


V38 


1,68 


10) 


VI 


0,364 


10) 


V19 


43 


II) 


V43 


1,86 


11) 


V25 


0,373 


11) 


V34 


4,27 


12) 


VI 


1,95 


12) 


V24 


0,420 


12) 


V39 


4,28 


13) 


V25 


1,98 


13) 


V3 


0,423 


13) 


V26 


4,31 


14) 


V50 


1,98 


14) 


V35 


0,437 


H) 


V24 


4,32 


15) 


V3 


2.02 


15) 


V41 


0,449 


15) 


V10 


4,39 


14) 


V13 


2,06 


16) 


V50 


0,453 


16) 


V28 


4,43 


17) 


V6 


2,13 


17) 


V15 


0.455 


17) 


V54 


4.46 


18) 


V17 


2.17 


18) 


V44 




18) 


V27 


4.52 



177 



Trennschärfe 


Item-Total-Korrelation 


Mittelwert 


19) 


V7 


2,32 


19) 


V13 


0,473 


19) 


V22 


4,53 


20) 


Vg 


2,35 


20) 


V38 


0,494 


20) 


V3 


4,54 


21) 


V24 


2,36 


21) 


V29 


0,512 


21) 


V9 


4,58 


22) 


V15 


2,42 


22) 


V8 


0,516 


22) 


V16 


4,76 


23) 


V35 


2,55 


23) 


V17 


0,521 


23) 


V43 


4,77 


24) 


V45 


2,59 


24) 


V47 


0,526 


24) 


V29 


4,77 


25) 


V47 


2,63 


25) 


V6 


0,528 


25) 


V36 


4,82 


26) 


V41 


270 


26) 


V7 


0,529 


26) 


V52 


4,85 


27) 


V16 


2,75 


27) 


V28 


0,535 


27) 


V14 


4,89 


28) 


V40 


2,85 


28) 


V53 


0,543 


2«) 


Vll 


4,94 


29) 


V20 


2,90 


29) 


V21 


0,557 


29) 


V47 


4,97 


30) 


V18 


2,92 


30) 


V45 


0,561 


30) 


V42 


5,03 


31) 


V39 


2,97 


31) 


V39 


0,564 


31) 


VI 


5,09 


32) 


V29 


3,03 


32) 


V26 


0,573 


32) 


V13 


5,10 


33) 


V28 


3,05 


33) 


V16 


0,579 


33) 


V55 


5.14 


34) 


V53 


3.09 


34) 


V19 


0,590 


34) 


V25 


5,14 


35) 


V19 


3,27 


35) 


V40 


0,598 


35) 


V4 


5.17 


36) 


V21 


3,27 


36) 


V20 


0,611 


36) 


V2 


5,21 


37) 


V10 


3,31 


37) 


V30 


0,614 


37) 


V17 


5,22 


3«) 


V33 


3,34 


38) 


V10 


0,618 


38) 


V50 


5,26 


39) 


V26 


3,42 


39) 


V23 


0,622 


39) 


V45 


5,34 


40) 


V5 


3,44 


40) 


Vll 


0,651 


40) 


V5 


5,35 


41) 


V22 


3,56 


41) 


V18 


0,654 


41) 


V37 


5.36 


42) 


Vll 


3,57 


42) 


V27 


0,654 


42) 


V8 


5,37 


43) 


V23 


3,60 


43) 


V5 


0,655 


43) 


V7 


5,46 


44) 


V30 


3,60 


44) 


V36 


0,661 


44) 


V18 


5,48 


45) 


V36 


3,64 


45) 


V52 


0,663 


45) 


V40 


5,56 


46) 


V52 


3,66 


46) 


V22 


0,666 


46) 


V33 


5,60 


47) 


V27 


3,73 


47) 


V49 


0,668 


47) 


V31 


5,70 


**) 


VII 


* 7S 

V> 


48) 


VJ4 


0,6/2 


48) 


V20 


5,75 


49) 


V34 


3,93 


49) 


V9 


0,677 


49) 


V46 


5,79 


50) 


V9 


3,93 


50) 


V32 


0,698 


50) 


V6 


5,82 


51) 


V49 


3,95 


51) 


V14 


0,701 


51) 


V38 


5,86 


52) 


V54 


3,99 


52) 


V54 


0,712 


52) 


V44 


5,96 


53) 


V42 


4,00 


53) 


V33 


0,719 


53) 


V48 


6,04 


54) 


V32 


4,03 


54) 


V42 


0,720 


54) 


V51 


6,22 


55) 


V14 


4,08 


55) 


V31 


0,731 


55) 


V12 


Ml 



Skalenmittelwerte nach Parteipräferenz, Alter, 
Geschlecht und Status 

Aus den folgenden beiden Tabellen, welche eine Übersicht über die 
Parteipräferenzen und die zugehörigen Mittelwerte geben, geht 
zunächst hervor, daß die Stichprobe weit entfernt davon ist, repräsen- 
tativ zu sein. CDU-Wähler sind extrem unterrepräsentiert, SPD- 
Wähler sind deutlich überrepräsentiert. Der Grund dafür dürfte die 
Tatsache sein, daß hauptsächlich Gruppen befragt wurden, die in 
einem zumindest lockeren Zusammenhang mit der evangelischen Kir- 
che oder der Gewerkschaftsbewegung stehen. Die Mittelwerte für die 



178 



Smnmenvariable (in der Spalte Mean) passen fast ein wenig zu gut ins 
Kcehts-Links-Klischee, obgleich die Differenz zwischen den CDU- 
Wählern und den SPD-Wählern mit den FDP-Wählern in der Mitte 
sehr gering ist und nur die Grünen und die Rechtsradikalen deutliche 
Abweichungen zeigen. 



Libelle 10 



l'inripräfcrcnz 


N 


% Mean 


CDU 


675 


11,8% 5,03 


m 


2039 


35,6% 4,92 


1 DP 


170 


3,0% 4,97 


GRÜNE 


451 


7,9% 3,84 


Kl l'/NPD/FAP 


432 


7,5% 5,68 


keine 


1968 


34,3% 4.93 


< .« N4mi 


5735 


100,0% 4,91 


Libelle 11 


ohne 

1 imnischlossene 


N 


% Mean 


VSH 






«DU 


675 


17,9% 5,03 


M'D 


2039 


54,1% 4,92 


i DP 


170 


4,5% 4,97 


<,KÜNE 


451 


12,0% 3,84 


REP 


432 


11,5% 5,68 


■ Immm 


3767 


100,0% 4,90 



I )ie nächste Tabelle wäre ein gutes Argument gegen den Glauben, 
nun würde in der Gesellschaft, wie sie ist, mit steigendem Alter 
immer weiser und klüger. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, 
offenbar dauert es eine Weile, bis das Michel-Syndrom die Person 
»lunhdrungen hat, oder vielleicht könnte man auch sagen, daß der 
diesige Sozialcharakter generell eine Affinität zur Senilität besitzt und 
deshalb desto reiner in Erscheinung tritt, je älter die Leute werden. 
Zumindest teilweise sind die Jugendlichen in der BRD eben doch das 
Produkt einer internationalen Kulturindustrie, deren Einfluß erst spä- 
ter zurückgedrängt werden kann, wenn das Michel-Syndrom in den 
beengten, muffigen Verhältnissen derer, die nun in Beruf und Familie 
eingespannt sind, auch die ihm entsprechende materielle Basis findet. 
I )och könnten die Werte auch daher kommen, daß in den verschiede- 
nen Altersgruppen jeweils verschiedene Statusgruppen überrepräsen- 
i K i t sind, bei den Jüngeren beispielsweise die Studenten. Ohne Kom- 
mentar folgt dann die Tabelle mit der Aufschlüsselung nach 
< iesehlechtern, weil sie keine Aussagekraft besitzt. 



179 



Tabelle 12 



Altersgruppen 


N 


% 


Mean 


Alter 








21 bis 29 


1413 


24,6% 


4,36 


30 bis 39 


1182 


20,6% 


4,59 


40 bis 49 


1045 


18,2% 


5,18 


50 bis 59 


886 


15,4% 


4,99 


60 bis 69 


849 


14,8% 


5,53 


70 und älter 


360 


63% 


5,67 


Gesamt 


5735 


100,0% 


4,91 


Tabelle 13 


Geschlecht 


N 


% 


Mean 


Mann 


3324 


58,0% 


4,86 


Frau 


2411 


42,0% 


4,98 


Gesamt 


5735 


100,0% 


4,91 



Für die Aufschlüsselung der Mittelwerte nach Berufsgruppen war die 
Datenbasis zu klein, deshalb wurden nur grob fünf Statusgruppen 
unterschieden. Ungelernte Arbeiter, Rentner und Hausfrauen weisen 
überdurchschnittliche Werte auf, die ungelernten Arbeiter wiederum 
zeichnen sich, wie die übernächste Tabelle zeigt, durch einen beson- 
ders hohen Prozentsatz von SPD-Wählern aus, und eine Schlußfolge- 
rung daraus wäre, daß gerade unter den SPD-Stammwählern viele 
anfällig für den Rechtsradikalismus sind, obgleich sie derzeit noch 
keine rechtsradikale Partei offen bevorzugen. 

Wenn eine Skala ungelernten Arbeitern eine besonders hohe Nei- 
gung zum Autoritarismus attestiert, spricht man von ihrer »Bildungs- 
anfälligkeit«, und damit ist der Vorwurf gemeint, sie würde in Wahr- 
heit nicht Autoritarismus, sondern das Bildungsniveau messen - ein 
Vorwurf, der gegen die F-Skala erhoben wurde und der schließlich 
auch die A-Skala traf, obgleich bei deren Konstruktion große, aber 
vergebliche Mühe auf das Vermeiden von Bildungsanfälligkeit ver- 
wendet wurde. Michaela von Freyhold meint schließlich, es sei nicht 
zu entscheiden, ob der gemessene ausgeprägtere Autoritarismus der 
Unterschicht auf der psychischen Disposition oder auf der sozialen 
Lage basiere, weshalb erst »differenzierte empirische Untersuchun- 
gen« die Frage klären könnten, »ob eine bildungsneutrale Skala mög- 
lich und sinnvoll wäre«." 

Gegen allzu große Sorge um die Bildungsanfälligkeit einwenden 
ließe sich jedoch, daß auch eine psychische Disposition wie der Auto- 
ritarismus durch Skalen unmeßbar im Zustand der Latenz verharrt, 
wenn sie nicht die sozialen Voraussetzungen findet, unter denen sie 
zumindest partiell manifest werden kann. Der stärkere Autoritaris- 



180 



ums bei der Unterschicht würde demnach eine Prognose darüber 
. il.uiben, wie die begüterteren Schichten reagieren werden, wenn sie 
in eine Zwangslage geraten oder überhaupt ihr finanzieller und sozia- 
ler Spielraum eingeschränkt wird. 



Tabelle 14 



Si ii usgruppen 


N 


% 


Mean 


■.i 11 IIS 








ungelernte 








At heiter 


414 


7,2% 


5,82 


K entner 


918 


16,0% 


5,61 


1 l.iusfrau 


468 


8,2% 


5,17 


■ im leinen 


191 


3,3% 


3,34 


illf anderen 


3744 


65,3% 


4,69 


< pOMM 


5735 


100,0% 


4,91 



labeile 15 



l\iriei- 




Gesamt 


1 >i äferenz 
nach 


CDU 


SPD 


FDP 


GRÜNE 


REP/NPD 
/FAP 


keine 


N % 


Sutus 


N % 


N % 


N % 


N % 


N % 


N % 




Status 
















ungelernte 
Arbeiter 


18 4^ 
90 9,8 

126 26,9 
9 47 

432 11,5 


198 47,8 
324 353 
144 30,8 
59 30,9 
1314 35,1 


18 4.3 
18 2,0 

8 4,2 
126 3.4 


18 2,0 
54 113 
37 19,4 
342 9,1 


90 9,8 
18 3,8 

324 87 


180 433 
378 4M 
126 26,9 
78 40,8 
1206 32,2 


414 100 
918 HO 
468 100 
191 IM 
3744 IM 


(*samt 


675 11,8 


2039 35,6 


170 3,0 


451 7,9 


432 73 


1968 343 


5735 IM 



Faktoranalyse 

Die bisherigen Tabellen könnten den Eindruck erwecken, daß die 
Studie eben doch in erster Linie eine Meinungsumfrage sei: Was sagen 
die Arbeiter, was denken die Studenten? Tatsächlich aber gilt das 
Hauptaugenmerk in diesem Fall nicht den Personen oder Personen- 
gruppen, sondern dem Datensatz und seinen Items. Es interessiert bei- 
spielsweise, ob zwischen irgendwelchen Variablen irgendwelche deut- 
lichen Beziehungen existieren, Fraktionen oder Klüngeln vergleich- 
bar, wie sie sich unter Menschen bilden, und die Aufgabe heißt, die 
Variablen einer >Wer-mit-wem-Analyse< zu unterziehen. 

Exakt zu diesem Zweck haben Mathematiker eine ganze Reihe von 
Rechenverfahren erfunden, die man unter dem Begriff Faktoranalyse 



181 



zusammenfaßt. Faktoranalysen finden schnell heraus, daß etwa die 
Variablen Bizepsumfang, Lungenvolumen und Häufigkeit von Arzt- 
besuchen einerseits, andererseits die Variablen Einkommen, Schulab- 
schluß und Wohnkomfort jeweils rein rechnerisch zusammengehören 
oder eben jeweils einen gemeinsamen Faktor bilden. Und lange nach- 
denken braucht der Sozialwissenschaftler nicht, um auf die Idee zu 
kommen, daß es sich bei den beiden Faktoren oder Variablenbündeln 
im einen Fall ums körperliche Leistungsvermögen, im anderen Fall 
um den sozialen Status handeln dürfte. 

Der Nachteil solcher Verfahren freilich ist, daß sie mustergültige 
Ergebnisse nur unter mustergültigen Bedingungen liefern, und eine 
dieser Bedingungen ist, daß die Gesamtskala sich in Sub-Skalen auftei- 
len läßt, die untereinander nicht korrelieren: Die Variablen eines Fak- 
tors sollen miteinander möglichst hoch, die Faktoren untereinander 
möglichst überhaupt nicht korrelieren. Eine Unabhängigkeit aber 
wie die des Lungenvolumens vom Wohnkomfort sollte zwischen den 
Sätzen und den Satzgruppen oder Dimensionen der M-Skala gerade 
vermieden werden, die M-Skala sollte insgesamt nicht mehrdimensio- 
nal, sondern eindimensional sein, gleichwohl freilich kleine Klümp- 
chenbildungen aufweisen. Von den Unterwerfungswünschen einer- 
seits und den Strafwünschen andererseits beispielsweise war angenom- 
men worden, daß es sich dabei um Komponenten handelt, die man 
zwar voneinander unterscheiden kann, die aber gleichwohl eng 
zusammengehören. Würde die Faktoranalyse also Werte erzielen, wie 
sie den Forscher normalerweise entzücken, so hätte er in diesem Fall 
guten Grund, enttäuscht zu sein, weil die Durchführbarkeit des 
Rechenverfahrens die Annahmen widerlegt, auf welchen die Auswahl 
der Sätze beruht hatte. 54 

Zu solcher Enttäuschung besteht, wie der folgenden Tabelle zu ent- 
nehmen ist, überhaupt kein Anlaß, die Werte sind miserabel. Nach den 
Regeln der Kunst sollen einerseits nur Faktoren berücksichtigt werden, 
die einen größeren Erklärungswert für die Gesamtvarianz der Skala 
besitzen als jede einzelne Variable (Kaiser-Kriterium: Eigenvalue > 1). 
Ebenfalls nach den Regeln der Kunst sollen andererseits so viele Fakto- 
ren berücksichtigt werden, daß sie alle zusammen mindestens 90% von 
der Gesamtvarianz der Skala erklären. Obendrein sollten nur solche 
Variablen einem Faktor zugerechnet werden, die mit ihm höher als 0.5 
korrelieren, obgleich in dieser Hinsicht die Regeln milder sind und 
manche ältere Lehrbücher sich mit einem Wert von 0.35 begnügen. 

Ein Blick auf die Tabelle 16 zeigt, daß die Werte diesen Ansprüchen 
nicht genügen. Nach dem Kaiser-Kriterium konnten nur 12 Faktoren 
berücksichtigt werden, alle 12 Faktoren aber erklären nur 61% der 
Gesamtvarianz. Auch die Zurechnung der Variablen zu den Faktoren 
erfordert Großzügigkeit, weil nicht immer Korrelationskoeffizienten 
oder Faktorladungen von 0.5 und höher erreicht werden. 



182 



Während Tabelle 16 die Kenndaten der 12 berücksichtigten Fakto- 
ten zeigt, sind in der Tabelle 17 diese 12 Faktoren jeweils mit den 
Variablen, die sie bündeln, aufgelistet. Die Ziffer neben jeder Varia- 
blen ist analog zum Korrelationskoeffizienten ein Maß für den 
Zusammenhang zwischen Variabler und Faktor. Rotiert wurde die 
Paktormatrix nach der Methode Varimax (Default-Einstellung in 
SI'SSPC). 



Libelle 16 



1 ... n> 


r 


Eigenvalue 


Pttof Var 


Cum Pct 


1 




16.32262 


30.2 


30.2 


2 




2.72228 


5.0 


35.3 


\ 




2.13951 


4.0 


39.2 


4 




1.96827 


3.6 


42.9 


s 




1.55020 


2.9 


45.7 


6 




1.34902 


2.5 


48.2 


7 




1.31461 


2.4 


50.7 


I 




1.25184 


2.3 


53.0 


9 




1.15564 


2.1 


55.1 


lu 




1.10304 


2.0 


57.2 


II 




1.05704 


2.0 


59.1 


12 




1.03055 


1.9 


61.0 


Tabelle 17 








FACTOR 1 


FACTOR 2 


FACTOR 5 


FACTOR 9 


V42 


.77835 


V38 .75443 


V48 .78019 


V51 .73039 


V*6 


.76421 


V6 .60451 


V12 .69422 


V50 .58906 


V27 


.73014 


V40 .57146 


V44 .40897 




VW 


.71474 


VI .55085 






Vi! 


.71224 


V22 .54659 




FACTOR 10 


V54 


.70845 


V13 .49829 


FACTOR 6 




VI9 


.70081 


V16 .47046 




V3 .69438 


VS2 


/O/ / J 
.ÖOODt 


V18 .44659 


V46 .71804 


V4 .53541 


VII 


.66904 




V43 .56581 




V23 


.64514 




V17 .42875 




VS 


.63265 


FACTOR 3 


V8 .39196 


FACTOR 11 


V32 


.62056 








V26 


.61012 


V29 .66805 




V55 .77644 


V49 


.59207 


V45 .59372 


FACTOR 7 


V7 .38009 


VI4 


.58762 


V2 .55724 






9 


.53941 




V41 .62921 




V34 


.53904 




V35 .58223 


FACTOR 12 


V20 


.50327 








VI0 


.47273 


FACTOR 4 




V25 .58788 


V30 


.43035 




FACTOR 8 




V39 


.39607 


V15 .66363 






V53 


.37547 




V24 .75725 




V21 


.36930 




V28 .46951 




V47 


.29751 









183 



Korrelationsmatrix 

Trotz dürftiger Kennwerte für die Faktoranalyse sah die Bündelung 
der Variablen teilweise ganz plausibel aus, etwa bei Faktor 2, der alle 
Items zusammenfaßt, die den Wunsch nach Führung durch einen 
starken Mann oder nach Unterwerfung unter strenge Konventionen 
formulieren. Faktor 1 hingegen versammelt so viele Variablen unter 
einem Dach, daß der Zweck der ganzen Übung, nämlich einen engen 
und plausiblen Zusammenhang zwischen bestimmten Variablen zu 
ermitteln, nicht erfüllt wird. Mehr noch spricht aber gegen die Appli- 
kation der Faktoranalyse auf diesen Datensatz, daß die Ergebnisse 
außerordentlich labil sind, wie Testläufe bei verschiedenen Fallzah- 
len während der Eingabe zeigten. Auch ohne Änderung an den Para- 
metern warf die Maschine praktisch bei jedem Versuch andere Varia- 
blenbündel aus, auf die man sich allerdings meistens einen Reim 
machen konnte. Beim Stand von 640 eingegebenen Fragebögen bei- 
spielsweise tauchte ein besonders interessanter Faktor auf, der nur lei- 
der mit steigender Fallzahl wieder schwächer wurde und schließlich 
ganz verschwand. Er faßte die Skalensätze Nr. 25 (Bevölkerungsla- 
wine eindämmen) und Nr. 55 (Fesseln der Zivilisation abstreifen) 
zusammen, was den Verdacht bestätigt hätte, daß es von der Hem- 
mungslosigkeit zur hemmungslosen Mordlust in der BRD nur ein 
Schritt ist. 

Wenn aber die rein rechnerische Variablenbündelung ohnehin dem 
Zufall oder der Willkür unterworfen zu sein scheint, dann liegt es 
nahe, auf das rein rechnerische Verfahren zu verzichten und selber 
unter sachlichen Gesichtspunkten die Korrelationsmatrix zu sondie- 
ren, welche auch der Faktoranalyse zugrunde liegt. Die Korrelations- 
matrix wird deshalb die wichtigste Tabelle sein für alle später folgen- 
den Interpretationen. 



184 



Libelle 18 



< orrc 

iv F VI V2 V3 V4 V5 V6 V7 V8 

I 1.0000 .3635** .2758** .4226** .2530** .6547** .5278** .5287** .5164** 

^ l .3635** 1.000 .2299** .1694** .0724** .1600** .3401** .1965** .1191** 

V2 .2758** .2299** 1.0000 .2211** .1333** .1109** .1611** .1588** .1926** 

V\ .4226** .1694** .2211** 1.0000 .2821** .2726** .2358** .2727** .2615** 

\ » .2530** .0724** .1333** .2821** 1.0000 .1658** .0348* .1306** .1729** 

V5 .6547** .1600** .1109** .2726** .1658** 1.0000 .3711** .3723** .3352** 

V6 .5278** .3401** .1611** .2358** .0348* .3711** 1.0000 .3169** .1973** 

V; .5287** .1965** .1588** .2727** .1306** .3723** .3169** 1.0000 .3750** 

VH .5164** .1191** .1926** .2615** .1729** .3352** .1973** .3750** 1.0000 

V"* .6765** .3153** .2164** .3635** .0768** .4347** .4145** .2947** .3342** 

VI0 .6180** .2463** .0703** .2760** .0522** .4370** .3210** .3519** .3142** 

VII .6511** .1717** .0712** .3157** .1466** .5130** .2895** .2761** .2515** 

Vl> .1958** -.0810** .0984** .0205 .1963** .0402* .0014 .1026** .1402** 

V I * .4728** .2245** .1161** .1540** .1119** .3351** .2630** .2297** .2521** 

VII .7009** .3084** .1570** .2765** .0928** .4851** .4160** .3103** .2907** 
VIS .4554** .2089** .2039** .2651** .1438** .1978** .2995** .1427** .3035** 
V 16 .5787** .2644** .1546** .3078** .0343* .3819** .4168** .3266** .2724** 
VI7 .5210** .2101** .2239** .2561** .1374** .3721** .2894** .3586** .3590** 
VII .6541** .3022** .1919** .2603** .1732** .4363** .4015** .2715** .2539** 
VI9 .5904** .0861** .0565** .1879** .0705** .3842** .2577** .1775** .2991** 
V.'O .6112** .1394** .1317** .2217** .1932** .5067** .2805** .3410** .2946** 
V2I .5568** .1707** .1329** .2841** .0332* .4169** .3364** .3081** .3392** 
V.V .6659** .2970** .0966** .2444** .0440** .4325** .4137** .4250** .2646** 
V.M .6222** .1658** .1030** .2278** .0730** .4060** .3232** .3085** .2420** 
VJ4 .4200** .1315** .1396** .1663** .1267** .1943** .1954** .2069** .2030** 
V25 .3734** .1568** -.0416** .1443** .0900** .1929** .1850** .1324** .2097** 
V»6 .5732** .1527** .0174 .1670** .0535** .4238** .3467** .2247** .1542** 
V27 .6541** .1389** .0085 .1886** .1371** .4432** .3783** .1982** .3306** 
V28 .5349** .2176** .1837** .1604** .1071** .3405** .2513** .2956** .1836** 
V»> .5122** .0817** .2510** .1873** .1396** .3340** .1701** .3034** .2556** 
VK) .6141»* .3011** .1847** .2222** .0926** .3702** .3654** .37%** .3243** 
V»l .7308** .1788** .0858** .2826** .1282*» .5403** .4034** .3070** .3517** 
V12 .6979»* .2769** .1967** .2519** .1332** .4386** .3320** .2945** .2731** 
V33 .7193** .2056*» .0743»* .1857** .1250** .5684** .3612»* .3559»» .3365»» 
VH .6724** .3193** .1652** .2440*» .1610»» .3892»* .3714** .3981** .3405** 
VIS .4368** .1599** .3109** .2383»* .2481** .0857** .1290** .2413** .2149** 
V36 .6609** .1026** .0251 .1705** .1344** .5360** .2458** .3522** .3709** 
V*7 .0867** -.0694** .0724** -.0558»» .0628** -.0175 -.0604** -.0324* -.0424** 
V M .4940** .3490** .1511** .1825** .0514** .2525** .4558** .3088** .1917** 
V19 .5637** .0909** .1427** .1401** .1461** .4086** .2697** .3109»» .2499»» 
V40 .5975»* .3263** .0921** .1741** .0453** .3904*» .4481** .3665»* .1612** 
V41 .4494** .2224** .2305** .2631** .1080** .1773** .2273** .1874** .1595** 
V42 .7197** .1479** .0544** .1988** .1315** .5465»» .2954»* .3549** .3810** 
V43 .3344»* .0200 .1677** .2267** .2020** .0979** .0728** .1684** .3083** 
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V45 .5612»* .0592** .3060** .1733** .1420** .4218»* .2503*» .4177*» .3253»* 
V46 .2767** .0323* .0384* .0895** .1173** .1666** .0701** .1409** .2503** 
V47 .5261** .1810** .1160** .1282*» .0405» .2912»* .2387** .2850** .2631** 
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V49 .6679** .2356»* .1270** .2588** .0812** .4354** .3058** .2720** .3287** 
VVO .4534»* .2692»* .0949** .2280** .1652** .2094** .2492** .1374** .2003** 
V51 .2623»» .0509»» .1107*» .0858»» .2677»» .0454** .1080** .0538** .1042** 
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V55 .2362** ,0018 .0295 .1172»* .1536** .0856** .0863** .2190** .2410** 

N of cases: 5735 1-tailed Signif: * - .01 *» - .001 



Correla- 

tions: V9 V10 Vll V12 V13 V14 V15 V16 V17 



F .6765** .6180** .6511** .1958** .4728** .7009** .4554** .5787** .521-0** 

VI .3153** .2463** .1717** -.0810** .2245** .3084** .2089** .2644»* .2101** 
V2 .2164** .0703** .0712** .0984** .1161** .1570** .2039** .1546** .2239** 
V3 .3635** .2760** .3157** .0205 .1540** .2765** .2651** .3078** .2561** 
V4 .0768** .0522** .1466** .1963** .1119** .0928** .1438** .0343* .1374** 
V5 .4347** .4370** .5130** .0402* .3351** .4851** .1978** .3819** .3721** 
V6 .4145** .3210** .2895** .0014 .2630** .4160** .2995** .4168** .2894** 
V7 .2947** .3519** .2761** .1026** .2297** .3103** .1427** .3266** .3586** 
V8 .3342** .3142** .2515** .1402** .2521** .2907** .3035** .2724** .3590** 
V9 1.0000 .4356** .4784** -.0156 .3219** .5504** .4082** .4476** .3133*» 
V10 .4356** 1.0000 .3912** .0656** .3089** .4145** .3648** .3749*» .3217** 

VII .4784** .3912** 1.0000 .0693** .2823** .5516** .1656** .3348** .2869** 
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V17 .3133** .3217»* .2869*» .1379»* .3501** .3403** .2804*» .2885»» 1.0000 
V18 .3714»» .4217»* .4813** .1252** .3785** .4249** .2161** .4700** .4348** 
V19 .4575*» .4042** .4736** .0581** .1936** .4161** .2719** .3350** .1954** 
V20 .3837** .3783** .3928** .1863** .2914** .4841** .2652** .3697** .2947»* 
V21 .3557** .3664»» .3136*» .0383* .2252** .3126** .2932** .3617** .2859" 
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V27 .4032** .4504*» .4622** .0866*» .1824»* .4325»» .3542»* .2819** .1909*» 
V28 .3633** .3491** .2527** .0679** .1995** .2670** .2685** .3860** .2547** 
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V37 ,0789*» ,0008 .0119 .1609*» .0470»* ,0470** .0134 ,0430** .0731»» 
V38 .3019»* .2966** .2928** .1844»* .3817** .3740** .1838** .3767** .3373** 
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V41 .3230** .2587*» .2684»» ,0065 .1746»» .2840*» .2462** .2350** .2293** 
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V45 .2544** .3358** .3433** .17%** .2016** .3652** .2366** .2703** 3285** 
V46 .0844*» .1378»» .1542»* .0667»* .1488** .1708** .1616** .06%** .2069** 
V47 .3264»* .3441»* .3299** .1278** .3042'» .3690»» .2451»» .2518'* .2520** 
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V49 .4927»* .4658** .4473** .0118 .3171** .4175** .2785** .3610** .2748** 
V50 .2442»» .26*4»* .2456** .0944** .2204** .2879** .2912** .2035** .3055** 
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V54 .4882" .4445'* .5131** .0049 .2890** .5539** .3127** .3775" .3076" 
V55 .0236 .1210»* .1460** .1802** .1449" .1086** ,0219 .1172" .1265" 

N of cases: 5735 1-tailed Signif: » - .01 ** - .001 



t Oft» 

mc V18 V19 V20 V21 V22 V23 V24 V25 V26 



I .6541** .5904** .6112** .5568»» .6659** .6222** .4200** .3734** .5732** 

VI .3022** .0861** .1394»* .1707** .2970** .1658** .1315** .1568** .1527** 

V2 .1919" .0565** .1317»* .1329** .0966" .1030** .13%** ,0416" .0174 

V3 .2603** .1879** .2217** .2841** .2444** .2278** .1663** .1443** .1670** 

V4 .1732** .0705** .1932** .0332* .0440*» .0730** .1267** .0900** .0535** 

V5 .4363** .3842" .5067** .4169" .4325** .4060** .1943** .1929" .4238** 

V6 .4015»* .2577** .2805** .3364** .4137** .3232** .1954** .1850** .3467** 

V7 .2715** .1775** .3410** .3081** .4250** .3085** .2069** .1324** .2247** 

VI .2539** .2991** .2946** .3392** .2646** .2420** .2030** .2097** .1542" 
V9 .3714** .4575** .3837** .3557*» .5433** .4999** .2590" .1916" .4400** 
VIO .4217** .4042" .3783** .3664** .4186" .3911" .2119** .2292" .3943** 

VII .4813** .4736** .3928** .3136** .3854** .4565** .2325" .2535" .4651*» 
VI2 .1252** .0581** .1863** .0383* .1014" ,0312* .0549" .0931** .0464** 
VI3 .3785** .1936** .2914** .2252" .32%** .1966" .1129" .1577" .2003** 
VI4 .4249»* .4161*» .4841** .3126** .5118** .4180** .1850** .3067** .4934** 
VIS .2161** .2719** .2652" .2932" .2106" .2643" .2388" .1296" .2018" 
V16 .4700** .3350** .3697** .3617** .4746** .3309** .2945** .1687** .3611** 
V17 .4348** .1954*» .2947*» .2859** .3600** .2321** .1437*» .1794»» .1893** 
Vll 1.0000 .3520** .3601** .3664** .4292** .3294** .2694** .2835** .2602*» 
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V>6 .2602** .3559»* .3760** .2375** .4334»* .4364** .1926** .1883** 1.0000 
V27 .3686»» .5867*» .3748** .3252** .3736** .5742** .3229** .3074** .4911** 
V2« .3761** .3188** ,3232** .3456** .4210** .3634** .2936** .1258** .3113** 
V>9 .3366** .2265** .3146** .2086** .3333*» .1980*» .1369** .0836** .2151** 
ViQ .3121»* .2975»» .3350*» .3366" .4883** .4567" .1828" .1571»» .3442** 
V31 .5268»* .4735** .5381** .3457" .5346** .4261" .2054" .3101" .4361** 
V*2 .4467** .4215" .3992** .4077** .5021** .5280** .3635** .2106** .4582*» 
V33 .4945*» .5044" .4837** .3559** .4898** .4276** .2506** .3214** .4779" 
VM .3745*» .4302»» .3522*» .4096** .4517" .4436** .2576** .2492** .4041" 
V33 .2186" .1956" .2097** .2309** .2956** .2066** .3007** .1414** .1541*» 
V* .3894*» .5113** .4494** .3763** .3903** .4531** .2278** .2453** .3813** 
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V\8 .3658*» .1698*» .2333** .2050** .4771** .1805»» .0762»* .1050** .2713** 
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Corre- 

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F 


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VI 


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V6 


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vn 


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.1995- 


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V15 


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V55 .1852** .0950** .1768** .0742»» 

N <>f cascs: 5735 1-tailed Signif: * - .01 



.5975»» .4494*» .7197»» .3344** .4599»» 

.3263** .2224*» .1479*» .0200 .0974*» 

.0921»» .2305*» .0544** .1677*» .1300*» 

.1741»* .2631** .1988** .2267** .1270** 

.0453** .1080** .1315** .2020** .1596** 

.3904** .1773** .5465** .0979** .2393** 

.4481** .2273** .2954** .0728** .1679** 

.3665** .1874** .3549** .1684** .2486** 

.1612** .1595** .3810** .3083** .2707** 

.4234** .3230** .4710** .1447** .2095»* 

.3184** .2587** .4469** .0834** .2188** 

.4100** .2684»* .5094** .1718** .2985** 

.0777** ,0065 .0380* .1733** .2931*» 

.3093»* .1746*» .2998** .1267** .2622*» 

.3826*» .2840** .4986»» .0809»» .3187»* 

.1836** .2462** .2239*» .2270*» .1287** 

.3485*» .2350** .3617** .1097** .3220** 

.2771** .2293** .3292*» .2830*» .2730»* 

.4202** .2759*» .4442*» .1620** .3155»» 

.2895** .1932** .5187** .1449»» .2029»» 

.2815** .1316** .4443** .1274** .3683** 

.2782** .2528** .3611** .2284** .1325** 

.5375** .2578** .4701*» .0845»* .2749** 

.3336»» .3524** .4828** .1816** .1242*» 

.1268** .2437** .2328** .2439»* .1222** 

.1415** .2241** .3154** .1327** .1425** 

.4188»» .1712»* .3848** .1261»* .2106»» 

.3426»» .2835** .5607** .2368*» .1562*» 

.3485*» .1753** .3356** .1257** .1790»» 

.3408»» .1883»» .3413*» .1769** .4262** 

.3917*» .2755*» .4221*» .1314** .2472*» 

.4438»» .2187** .6751** .1484** .3885** 

.4171** .2744** .5526** .1311** .2245** 

.4216*» .1588** .6703** .1736*» .3379*» 

.3828*» .3209** .5103*» .1426»* .2283** 

.2380** .3187** .1582** .2893** .2044** 

.3724** .2601** .7052*» .1535»* .2705** 

,0054 .0297 ,0356* .0366* .1799*» 

.5281** .1892»» .2542** .0461»» .2572»» 

.3677»* .2176** .4062** .2008** .2753** 

1.0000 .3081»» .4328*» .1695** .2778»» 

.3081** 1.0000 .2744** .2321** .2014** 

.4328** .2744** 1.0000 .1850** .2820** 

.1695** .2321»» .1850*» 1.0000 .1715»* 

.2778** .2014** .2820»* .1715** 1.0000 

.3386** .1223** .37%** .1444** .3423** 

.0459** .0575*» .2030** .3175** .2099** 

.3108** .1978»* .3547** .0347* .3258** 

.1430** .1086** .1605** .1636*» .3156»» 

.4141** .3403** .5334»* .1791*» .1896** 

.2101*» .2746** .2594** .2723** .1599*» 

.1085*» .1176** .0926»» .2262»* .1962** 

.3527** .2743** .6225** .2458** .3430** 

.3043** .3268** .3788*» .1411** .1864»* 

.4320*» .2676*» .5871*» .1854** .2404** 

.0965»* .0670** .1307** .0769*» .1725** 

** - .Ml 



Corrc- 

lations: V45 V46 V47 V48 V49 V50 V51 V52 V53 

F .5612** .2767»* .5261** .3415** .6679** .4534** .2623** .6628** .5425** 

VI .0592** .0323* .1810** .0655** .2356** .2692** .0509** .1008** .2108** 
V2 .3060** .0384* .1160** .1182** .1270** .0949** .1107** .0651** .1411** 
V3 .1733** .0895** .1282** .1407** .2588** .2280** .0858** .2215** .2191** 
V4 .1420** .1173** .0405* .0900** .0812** .1652** .2677** .1510** .0780** 
V5 .4218** .1666** .2912** .0887** .4354** .2094** .0454** .4698** .2924** 
V6 .2503** .0701** .2387** .0691** .3058** .2492** .1080** .2321** .2433** 
V7 .4177** .1409** .2850** .2732** .2720** .1374** .0538** .2660** .2886** 
V8 .3253*» .2503** .2631** .2893** .3287** .2003** .1042** .3438** .3075*» 
V9 .2544»» .0844** .3264** .1725** .4927** .2442»* .0539** .3978** .3906** 
V10 .3358»» .1378** .3441** .2356** .4658** .2684** .0183 .3348** .3414** 

VII .3433** .1542** .3299** .1617** .4473** .2456*» .1088** .4639** .2934** 
V12 .1796*» .0667** .1278*» .4122»* .0118 .0944** .3185** .1679** .0190 
V13 .2016** .1488** .3042** .1776»» .3171** .2204** .1216** .2093** .1017** 
V14 .3652** .1708** .3690** .26%** .4175** .2879** .1119** .4575** .3891** 
V15 .2366** .1616** .2451** .2137** .2785** .2912*» .1407»* .2220** 3450*» 
V16 .2703»* .0696** .2518*» .1902»» .3610** .2035** .0959** .2943** .2826** 
V17 .3285** .2069*» .2520»* .2773** .2748»* .3055** .1456»* .2764** .1634** 
V18 .3463** .1711»* .3133** .0997** .3773** .3168** .2166** .4246** .2780*» 
V19 .3178*» .0401* .2459** .1233** .4752** .2888** .0974** .4158** .2905** 
V20 .3846** .1836** .3837»* .2504** .3117** .1898** .1814** .4138** .3213** 
V21 .2640** .1738** .3097** .1350** .4166*» .2069»» .0523»* .2944*» .3768»» 
V22 .3185** .1239** .4319*» .2297** .4394** .1893** .0202 .3937** .2855** 
V23 .2437** .0670** .2648** .1784** .5217** .2332** .0254 .4379** .3848** 
V24 .1561** .1373** .1789** .1580** .2363** .1819** .1753** .2163** J088** 
V25 .1182»* .0925** .1600** .1833»* .2390** .2298** .1411** .3183*» .2665** 
V26 .3015** .0987** .2768** .1487** .3622** .2056** .1252** .4245** .2963** 
V27 .3074** .1765** .2674** .1261** .4892** .3369** .1390** .5009** .3467** 
V28 .3656** .0563»* .2862*» .1195** .3412** .1482** .0920** .2944** .2655** 
V29 .4563»* .1425*» .3201** .1795** .2707** .1401** .1177** .3683** .2080** 
V30 .3374»» .1130»* .3517** .2552** .4578** .1624** .0945** .3756** .3911** 
V31 .3865** .2506** .3343** .1755** .4163** .3077** .1877** .5622** .3198** 
V32 .3045** .1405** .3349*» .1141** .4888** .2828** .1258*» .4548*» .3372** 
V33 .4010** .1639** .3149** .1227** .4372** .3126** .1518** .5389** .3552** 
V34 .4265** .1438*» .3379** .1902** .4971** .3125** .1709** .4171** .3177** 
V35 .2033** .1278** .1899»» .2838** .2774** .2275** .2533** .2212** .2180** 
V36 .3897** .1851** .2725** .0874** .4744** .1804** .0697** .5927** .3692** 
V37 .1149** -.0374» -.0419*» .0281 -.0094 .1549** .2479*» -.0121 -.0136 
V38 .2826** .0441** .2930** .2172** .2184** .2101** .1773** .1800** .1339** 
V39 .3338** .1714** .3643** .0795** .3552** .2679*» .1594** .3928** .2539** 
V40 .3386** .0459** .3108** .1430** .4141** .2101** .1085** .3527** .3043** 
V41 .1223*» .0575** .1978*» .1086** .3403** .2746** .1176** .2743** .3268** 
V42 .3796** .2030** .3547** .1605** .5334** .2594** .0926** .6225** .3788** 
V43 .1444** .3175** .0347* .1636** .1791** .2723** .2262** .2458** .1411** 
V44 .3423** .2099*» .3258** .3156»* .1896»» .1599»» .1962»» .3430»» .1864»* 
V45 1.0000 .1367** .2672** .2380** .3342** .1747** .1236** .3851** .3043** 
V46 .1367** 1.0000 .2349*» .1673** .1154** .1871** .1410** .2218** .1718** 
V47 .2672** .2349** 1.0000 .2397** .4229** .1897»* .0924** .3288** .3278** 
V48 .2380** .1673** .2397** 1.0000 .1347»* .1429** .1995** .2091*» .1863»* 
V49 .3342»» .1154** .4229*» .1347** 1.0000 .3144** .0703** .4629** .4044** 
V50 .1747** .1871** .1897** .1429** .3144** 1.0000 .4007** .2300** .2492** 
V51 .1236** .1410»* .0924** .1995** .0703*» .4007*» 1.0000 .2202*» .0348» 
V52 .3851** .2218»* .3288** .2091** .4629** .2300** .2202** 1.0000 .4286** 
V53 .3043** .1718** .3278** .1863** .4044** .2492** .0348* .4286** 1.0000 
V54 .3597** .0929** .4068*» .0884»» .5699»» .2736»* .0143 .5242** 3879** 
V55 .1702** .0747** .0881** .1663** .1574** .1135** .2370** .1528** .1454** 

N of cas«: 5735 1-tailcd Signif: * - .01 ** - .001 



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.5461** .1245** 


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.2404** .1725** 


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.3597** .1702** 


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.4068** .0881*» 


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V4K 


.0884** 


.1663** 


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.5699** .1574** 


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.2736** .1135** 


VM 


.0143 


.2370** 


V52 


.5242** .1528** 


Vs* 


.3879** .1454** 


VS4 


1.0000 


.1271** 


Vss 


.1271** 1.0000 



Nd 5735 1-tailea Signif: * - .01 ** - .001 



Prüfung des vorläufigen Klassifikationsschemas 

Was die Faktoranalyse nachträglich macht, sollte der Versuch, die 
Sätze ohne Kenntnis der Daten auf bestimmte Kästchen zu verteilen, 
schon im voraus leisten, nämlich die Bündelung von Skalensätzen, die 
besonders gut zusammenpassen. Die M-Skala wurde dabei als ein aus 
8 Sub-Skalen bestehendes Paket betrachtet, und wenn der Wissen- 
schaftler hellseherische Fähigkeiten besessen hätte, dann müßte der 
Zusammenhang innerhalb jeder der Sub-Skalen oder die mittlere 
Inter-Item-Korrelation größer sein als der für die ganze M-Skala 
errechnete Wert. 

Die folgende Tabelle zeigt, daß wissenschaftliche Hellseherei selten 
zu ganz idiotischen Prognosen führt, aber manchmal eben doch. In 
einem Fall, beim vermuteten Variablenbündel Frustration, war die 
Inter-Item-Korrelation mit 0.2330 sogar geringer als bei der Gesamt- 
Skala, wo der Wen 0.2586 betrug. Bei den restlichen sieben Gruppen 
ist eine Verbesserung des Zusammenhangs festzustellen, aber nur sel- 
ten fällt sie wirklich überzeugend aus. Zusätzlich zur mittleren Inter- 
Item-Korrelation wird für jede Sub-Skala der schon erwähnte Zuver- 
lässigkeitskoeffizient Alpha genannt. Daß er durchweg geringer als 
bei der Gesamtskala ausfällt, ist normal, weil er auch von der Anzahl 
der Variablen abhängt. 



Tabelle 19 



Korrelation Alpha 


1. Unterwerf ungs wünsche 


.3108 


.8182 


2. Triebhafte Aggression gegen Fremdes 


.3864 


.8635 


3. Lustfeindschaft 


.3119 


.8074 


4. Futterneid 


.4544 


.8102 


5. Frustration 


.2330 


.7104 


6. Zivilisationsfeindschaft 


.3201 


.7009 


7. Straf- und Verfolgungswünsche 


.4680 


.7833 


8. Überbetonung von Altruismus/Gemeinsinn 


.3481 


.7627 


Gesamtskala 




.9523 



Neues Klassifikationsverfahren 

In sieben von acht Fällen besaßen schon die Sub-Skalen des vorläufi- 
gen Klassifikationsschemas eine höhere Inter-Item-Korrelation als die 
Gesamtskala. Immerhin ein Fortschritt gegenüber der F-Skala also, 
nur könnte dieser meßtechnische Fortschritt auch eine Folge von 
Phantasiearmut bei der Formulierung der Sätze sein, denn je ähn- 
licher die sich alle sind, desto höher werden sie natürlich miteinander 
korrelieren. 

In einem Fall aber trat sogar eine Verringerung der Korrelation ein, 
und auch die brauchbaren Werte sahen so aus, als ob ihnen eine 



192 



/ tis.it /.liehe kleine Verbesserung nicht schlecht bekommen würde. Ein 
besseres Verfahren zur Verteilung der Sätze auf die Kästchen mußte 
also ausgeknobelt werden, wobei es zwei Forderungen zu berücksich- 
tigen galt: Einerseits sollte, anders als bei der Faktoranalyse, 
menschlicher Sachverstand mitentscheiden, andererseits sollte die 
Prozedur nicht allzu willkürlich sein, etwa dergestalt, daß man nach 
< .usto passend erscheinende Skalensätze kombiniert und dann das 
\ u ublenbündel rechnerisch solange siebt, bis eine Sub-Skala mit 
hoher Inter-Item-Korrelation übrigbleibt. 

Als Kompromiß zwischen diesen Forderungen wurde eine Methode 
gewählt, die sich dreier Schritte bedient: 

I Zu jedem Gliederungspunkt wurde ein Skalensatz gesucht, der a) 
mit diesem Gliederungspunkt möglichst breite inhaltliche Über- 
einstimmung und b) eine annehmbare Item-Total-Korrelation auf- 
wies. Dieser Skalensatz wird in den folgenden Tabellen als Schlüs- 
m-I variable bezeichnet. Als Schlüsselvariable für Gliederungspunkt 
Nr. 1 Unterwerfungswünsche wurde beispielsweise der Skalensatz 
Nr. 6 mit einer Item-Total-Korrelation von 0.5278 gewählt: »Jeder 
Mensch braucht im Leben einen Halt, einen festen Glauben, an 
dem er niemals zweifelt.« 

' In der Korrelationsmatrix (Tabelle 18) wurden die Koeffizienten 
lür die Schlüsselvariable nachgeschlagen, denn es galt nun, einen 
(Irenzwert festzulegen. Dieser Grenzwert sollte a) so klein sein, 
daß er wichtige thematisch verwandte Sätze nicht ausschloß, und 
l>) so groß, daß die Zahl einzubeziehender Sätze überschaubar 
blieb. 

■ War der Grenzwert einmal festgelegt, so wurde nun ausnahmslos 
jeder Skalensatz, der höher mit der Schlüsselvariablen korrelierte, 
in die Sub-Skala übernommen, ohne Rücksicht darauf, ob ein 
sachlicher oder thematischer Zusammenhang evident war. 

I >as Resultat des Verfahrens sind Sub-Skalen, die mit Werten zwi- 
tchen 0.3816 und 0.5254 deutlich höhere mittlere Inter-Item- 
Koi Delationen besitzen als die Gesamtskala (0.2586). Beim Durchse- 
in n und Vergleichen der Sub-Skalen fällt allerdings auf, daß man 
minier wieder auf die gleichen guten alten Bekannten trifft — Sätze, 
• In- in mehreren Gruppen vorkommen, obgleich diese Gruppen ver- 
miedene Schlüsselvariablen besitzen und verschiedene Phänomene 
nussen sollten. 

Einerseits also produziert das Verfahren eine Kollektion von Sub- 
Skalen, welche sich den Vorwurf >Etikettenschwindel< gefallen lassen 
muß: Unter immer neuem Markennamen werden leicht ergänzte 
oder leicht reduzierte Arrangements immer der gleichen Skalensätze 
angeboten. Was aber zunächst nur ein Nachteil zu sein scheint, 

■ i weise sich bei näherer Betrachtung auch als ein Vorteil: Man lernt 
dabei, die Skalensätze besser zu verstehen, weil sie je nach Kontext, 



193 



d. h. je nach der Sub-Skala, in welcher sie enthalten sind, eine andere 
Bedeutung bekommen. Einer der Hits beispielsweise ist Satz Nr. 9: 
»Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit oft ins 
Elend führt«, und es scheint sich bei diesem Item um ein wahres 
Allround-Talent zu handeln. Es rationalisiert oder drückt aus: 
L direkt die Aversion gegen Genuß, wenn der Akzent auf Droge und 
ungezügelt liegt; 

2. direkt die Aversion gegen Freiheit in jeder Form, wenn der 
Akzent auf der Kausalbeziehung zwischen Freiheit und Elend 
liegt; 

3. indirekt die Sehnsucht nach einer starken Macht, welche das 
lockere Treiben beendet; 

4. indirekt einen Vorwand, jemanden zwingen und bestrafen zu dür- 
fen; 

5. indirekt den Wunsch, es möge jeder ins Elend stürzen, der sein 
Leben genießt; 

6. indirekt das Gefühl, man sei selber bei der Jagd nach Glück zu 
kurz gekommen. 

Eine Interpretation des Gliederungsschemas und des Bedeutungs- 
wandels, welchen die Sätze durch die verschiedenen Subskalen erfah- 
ren, wird spater geleistet werden - der Hinweis an dieser Stelle soll 
nur warnen vor dem voreiligen Schluß, allein die Redundanz der Sub- 
Skalen wäre schon ein hinreichender Grund, sich nicht weiter mit 
ihnen beschäftigen zu müssen. 

Die folgenden acht Tabellen nennen für die Sub-Skalen diverse 
Werte. Die erste Zeile enthält den neuen Titel, welcher zwar an den 
alten angelehnt ist, ihn aber auch leicht modifiziert. Zurückgenom- 
men oder aufgelöst wurde meist die klotzige begriffliche Fixierung, 
die in den Sozialwissenschaften einen nicht vorhandenen Kenntnis- 
stand vortäuscht. In der zweiten Zeile wird die Schlüsselvariable 
genannt, und in der dritten Zeile wird der festgelegte Grenzwert ange- 
geben. In Tabelle 28 beispielsweise bedeutet er: Alle Sätze, die mit 
Satz Nr. 6 höher als 0.30 korrelieren, werden in die Sub-Skala Nr. 1 
übernommen. Welche Sätze das sind, ist der Zeile VARIABLEN- 
LISTE zu entnehmen. Die anderen Zeilen enthalten Kennzahlen, die 
teilweise schon erläutert wurden, ermittelt durch die Prozedur 
RELIABIUTY des Programms SPSSPC. 



194 



Libelle 20 



i I in Zwang, Macht, Unterwerfung. Gegen Freiheit in jeder Form. 

I Uuv*lvariable Satz Nr. 6: Jeder Mensch braucht im Leben eine festen Halt, 
Ul dem er niemals zweifelt. 

IW.I.iifcung: r > 0.30 

l« in Means Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

4.7841 3.5643 5.8574 2.2931 1.6434 .4971 

" Iiem- 

-'-«ions Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.3973 .1389 .6915 .5526 4.9794 .0088 

V 11 i iMrriliste: 

VI, VS, V6, V7, V9, V10, V14, V16, V18, V21, V22, V23, V26, V27, V30, V31, 
VM, V33. V34, V38, V40, V49, V54 

I ■ I. .Ulity Coefficients 23 Items 

Mpfa - .9383 Standardized Item Alpha - .9381 



Libelle 21 



I •< yyn alles, was als fremd empfunden wird 

UnsM'l variable Satz Nr. 23: Wenn Gastarbeiter in deutsche Familien einheiraten, 
' P das nur Probleme für beide Seiten. 

II. .Innung: r > 0.40 

U< m Mtrans Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

4.6285 3.7466 5.7003 1.9536 1.5214 .2962 

I nu r Intern 

1 >■ nl.it ions Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.4782 .2975 .7052 .4077 2.3703 .0048 

\ Ii ublcnliste: 

\ \ V», V11. V14, V19, V22, V23, V26, V27. V30, V31, V32, V33, V34, V36. 
V42. V49, V52, V54 

l'' li.ibihty Coefficicnts 19 Items 

Mplu - .9451 Standardized Item Alpha - .9457 



195 



Tabelle 22 



3. Gegen Schönheit und Genuß 

Schlüsselvariable Satz Nr. 53: Äußere Schönheit ist bei einem Menschen oft 
nur das Zeichen für Eitelkeit, für innere Leere und Kälte. 

Bedingung: r > 0.32 

Item Means Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variancc 

4.4527 3.4014 5 7536 2.3522 1.6915 .4251 

Intcr-Item 

Corrclations Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.4013 .1316 .7052 .5736 5.3574 .0108 

Variablenliste: 

V9, V10, V14, V15, V20, V21, V23, V27, V30, V32, V33, V36, V41, V42, V47, V49, V52, 
V53, V54 

Reliability Coefficients 19 Items 

Alpha - .9273 Standardized Item Alpha - .9272 



Tabelle 23 



4. Mißgunst, Futterneid 

Schlüsselvariable Satz Nr. 42: In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik 
Finanzhilfe verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart erarbeitet haben. 
Bedingung: r > 0.50 

Item Means Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

4.7444 3.7466 5.7003 1.9536 1.5214 .3443 

Inter-Item 

Correlations Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.5116 .3842 .7052 .3210 1.8355 .0045 

Var lablenlisten: 

V5, VU, V19. V27, V31, V32, V33. V34, V36, V42. V49, V52, V54 

Reliability Coefficients 13 Items 

Alpha - .9310 Standardized Item Alpha - .9316 



196 



Libelle 24 



5 Zu kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 

6 l.lüsselvariable Satz Nr. 8: Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht 
ihm i vorteilt una ausgenutzt. 

iwdiiigung r > 0.31 

IM Means Mean Minimu m Maximum Range Max/Min Variance 

4.8109 3.5643 5.7003 2.1360 1.5993 .4360 

In irr Item 

< i >i rvlations Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.4072 .1909 .7052 .5144 3.6951 .0095 

Um ublenliste: 

VS, V7, V8, V9, V10, V17, V21, V27, V30, V31, V33, V34, V36, V42, V45, V49, V52 

H. lubility Coefficients 17 Items 

Alpha - .9214 Standardized Item Alpha - .9211 



Tabelle 25 

*• < ic lobet sei, was hart macht 

S« hlüsselvariable Satz Nr. 7: Das Leben war früher härter als heute, aber dafür war es auch 
n-ii lirlicher und gesünder. 

IU dingung: r > 0.32 

kem Means Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

5.0286 3.9566 5.7536 1.7970 1.4542 .2991 

Una Item 

1 omUoM Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.3879 .1612 .7052 .5440 4.3756 .0069 

\ m.iblcnliste: 

Vs. V7, V8, V10, V16, V17, V20, V22, V30, V33, V34, V36, V40, V42, V45 

K. li.ibility Coefficients 15 Items 

Alpha - .9054 Standardized Item Alpha - .9048 



197 



Tabelle 26 



7. Wen kann man bestrafen, wem etwas verweigern? 

Schlüsselvariable Satz Nr. 33: Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man dir 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfc konsequenter verfolgen und strenger 
bestrafen. 

Bedingung: r > 0.50 

Item Means Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

4.8793 4.1229 5.7003 1.5773 1.3826 .2466 

Inter-item- 

Correlations Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.5254 .3842 .7052 .3210 1.8355 .0043 

Variablenliste: 

V5, Vll, V14, V19, V27, V31, V32, V33, V36, V42, V52, V54 
Rcliatibility Coefficients 12 Items 

Alpha - .9293 Standardized Item Alpha - .9300 



Tabelle 27 



8. Ein guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt 

Schlüsselvariable Satz Nr. 13: Wertvolle Menschen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, 
sich für das große gemeinsame Ziel aufopfern zu können. 

Bedingung: r > 0.30 

Item Means Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

5.0026 3.7466 5.8574 2.1107 1.5634 .3502 

Correlations Mean Minimum Maximum Range Max/Min Variance 

.3816 .2184 .6915 .4730 3.1657 .0074 

Variablenliste: 

V5, V9, V10, V13, V14, V17, V18. V22, V29, V31, V33, V38, V39. V40, V47, V49 
Rcliability Coefficients 16 Items 

Alpha - .9076 Standardized Item Alpha - .9080 



Teilskala > Stimmungsbarometer« 

Die vorigen Tabellen dürften den Eindruck hervorgerufen haben, daß 
alle Sub-Skalen ziemlich gleich sind. Die nächste Tabelle zeigt: Dieser 
Eindruck ist richtig, aber nur bedingt. Tabelle 28 listet auf, in wel- 
chen Sub-Skalen ein Satz verwendet wurde, und in der letzten Spalte 
steht die Anzahl der Nennungen. Rekordhalter ist Satz Nr. 33, der in 
allen Sub-Skalen vorkommt. 



198 



Libelle 28 



N 





i 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


Vi 


v 
A 
















IM 


V 
A 


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A 




Y 
A 


Y 
A 


y 
A 


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A 


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A 


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A 








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A 






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A 


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A 






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V 
A 


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A 


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A 




y 
A 






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A 


Vin 

V 1U 


Y 
A 




Y 
A 




y 
A 


Y 




Y 
A 


1 II 

Vll 




Y 
A 




Y 
A 






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A 




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A 


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A 


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A 


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A 








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A 


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A 


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A 












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v i n 


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A 






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V 1/ 










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A 


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A 




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A 


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A 














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A 


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V 
A 




y 

A 






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A 




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Y 
A 






y 

A 






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V 
A 




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A 




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A 


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A 






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Y 
A 


Y 
A 












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A 


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A 


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A 


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A 












1 1 


Y 
A. 


Y 
A 














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Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 




Y 
A 




V irf 
















Y 
A 




V 
A 


Y 
A 


Y 
A 




Y 
A 


Y 
A 






Vll 

V » 1 


Y 
A 


Y 
A 




y 

A 


y 

A 




y 
A 


y 
A 


Vi? 

V M 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 






Y 
A 




Vit 


y 

A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


Y 
A 


VW 


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A 


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A 




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A 


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A 


y 

A 










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A 


Y 
A 


y 

A 


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A 


y 

A 


y 
A 




V IM 


Y 
A 














Y 
A 


VW 
















y 

A 


V40 


X 










X 




X 


V41 






X 












V42 




X 


X 


X 


X 


X 


X 




V4* 










X 


X 






V47 






X 










X 


V49 


X 


X 


X 


X 


X 






X 


VW 




X 


X 


X 


X 




X 




VM 






X 












v^4 


X 


X 


X 


X 






X 





Von 55 Sätzen der Gesamtskala fanden sich also 39 auch auf den Sub- 
Sk.ilcn wieder - immer noch zu viele für ein handliches Meßinstru- 
BVtnt, für ein Formular, welches die Geduld der Befragten nicht über- 
I« ffldert. Aber wenn die vorige Tabelle noch nicht den richtigen Frage- 
bogen für eine Repräsentativerhebung liefert, so liefert sie doch ein 
plausibles Kriterium für die Festlegung einer Regel, nach der man ihn 
ib mstruieren kann, und die Regel soll lauten: Jeder Satz, der in minde- 



199 



stens 5 Sub-Skalen vorkommt, wird aus der Forschungs-Skala in die 
Fahndungs-Skala, in die Teilskala »Stimmungsbarometer* übernom- 
men. 

Die Teilskala >Stimmungsbarometer< stellt eine Ansammlung gewis- 
sermaßen idiotensicherer Sätze dar: Wer ihnen zustimmt, ist nicht 
mehr unterwegs, sondern er ist schon angekommen. Nicht mehr von 
der Dynamik seiner psychischen Entwicklung hängt es ab, ob er sich 
für ein faschistoides Regime entscheidet, sondern von den politischen 
Möglichkeiten. Die Sätze lauten: 
Teilskala >Stimmungsbarometer< 
5. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 

auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. 
9. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 

oft ins Elend führt. 
10. Die Deutschen sind steifer als Italiener oder Franzosen, aber 

dafür sind sie auch nicht so oberflächlich. 
14. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. 
27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. 

30. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. 

31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. 

32. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 
ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 
und Gemeinsamkeit. 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. 

34. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. 

42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. 

49. Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind, 
kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 
zieht. 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 



200 



1 1 Als wiedervereinigtes Volk sollten die Deutschen mehr Selbst- 
bewußtsein und Stärke zeigen. 



Aul einer Repräsentativbefragung im strengen Sinn basieren die Zah- 
len im vorliegenden Datensatz zwar nicht, und sinnlos wäre es des- 
halb zum Beispiel, sie innerhalb einer Zeitreihenanalyse zum Ver- 
glcich heranziehen zu wollen, also dann, wenn ermittelt werden soll, 
ic sich die Werte von Monat zu Monat um geringe Beträge verän- 
dern« 

( i.inz unrepräsentativ aber dürften die Zahlen im gewichteten 
I Datensatz andererseits auch nicht sein, die Größenordnungen werden 
H . zumindest grob über den Daumen gepeilt, einigermaßen zuverläs- 
lig wiedergeben, mit der Einschränkung allenfalls, daß alle Skalen- 
werte etwas zu niedrig sind, weil in der Stichprobe zu wenig Rentner 
und zu wenig CDU-Wähler waren und überhaupt zu wenig >schwei- 
gendc Mehrhehx 

Nichts also spricht dagegen, daß man den Stimmungsbarometer-Teil 
der Skala wie eine Repräsentativumfrage behandelt - nichts außer 
der Tatsache, daß die Ergebnisse geeignet sind, einem die Laune zu 
verderben. Das Verfahren: Aus den Noten für alle Sätze dieser Skala 
wird der Mittelwert, die Variable »Stimmung* gebildet, und diese 
i i rechnete Variable gilt dann als Gradmesser für faschistoides Poten- 
tial. 

I He Inter-Item-Korrelation für diese Skala beträgt 0.4880, Alpha 
0/M40, und die üblichen Kennzahlen lauten: 

Virtfbll Mcan td Dcv Minimum Maximum N Label 

■.umiuung 4.69 1.56 1.00 7.00 5735 

Weil der Wert 4 der neutrale Punkt der Skala ist, besagt ein Mittelwert 
von 4.69, daß die Skala insgesamt auf schwache Zustimmung stößt. 
I Ke Erleichterung darüber vergeht freilich schnell, wenn man statt des 
I Hirchschnittswerts die Mehrheitsverhältnisse betrachtet. Der errech- 
neten Variablen >Stimmung< wird dabei das gleiche Beurteilungs- 
ichema wie den ursprünglichen Variablen zugewiesen, nach folgender 
Bedingung: 

STIMMUNG kleiner 2: starke Ablehnung 

S TIMMUNG kleiner 3 und größer/gleich 2: mittlere Ablehnung 
STIMMUNG kleiner 4 und größer/gleich 3: schwache Ablehnung 
S TIMMUNG kleiner 5 und größer/gleich 4: schwache Zustimmung 
STIMMUNG kleiner 6 und größer/ gleich 5: mittlere Zustimmung 
S TIMMUNG größer/gleich 6: große Zustimmung. 



201 



Tabelle 29 



Teilskala 



Stimmungsbarometer 


absolut 


in Prozent 


Reaktion 






starke Ablehnung 


492 


8,6% 


mittlere Ablehnung 


435 


7,6% 


schwache Ablehnung 


680 


11,9% 


schwache Zustimmung 


1062 


18.5% 


mittlere Zustimmung 


1787 


31.2% 




1279 


22.3% 




5735 


100.0% 



Mit anderen Worten: Nur 28,1% der Befragten lehnen die Skala ab, 
fast 70% der Befragten stimmen mehr oder minder stark zu. Betrach- 
tet man die schwachen Ablehner und die schwachen Zustimmer als 
neutral, so stehen 16,2% entschiedene Ablehner 53,5% entschiedenen 
Behirwortern gegenüber. Fast möchte man angesichts solcher Mehr- 
heitsverhältnisse am Sinn der ganzen Studie zweifeln, weil die Lands- 
leute offenbar simpler ticken und offenherziger sind als gedacht. 
Wenn schon die plumpsten autoritären Vorurteile, wie sie im »Stim- 
mungsbarometer versammelt sind, bei 70% der Bevölkerung auf 
Zustimmung oder Duldung stoßen, wenn also ein manifestes faschi- 
stoides Syndrom existiert, bedarf es des größeren diagnostischen Auf- 
wandes nicht mehr, der notwendig wäre, um dies Syndrom schon im 
Zustand der Latenz aufzuspüren. 

Die Konsens-Skala 

Der insgesamt gegen die Studie zu erhebende Vorwurf, daß sie gewis- 
sermaßen mit der Lupe nach Wackersteinen sucht, die groß genug 
sind, um sie mit geschlossenen Augen am Widerstand zu erkennen, 
welche sie gegen das eigene Schienbein leisten, der Vorwurf also, man 
betriebe uberflüssige Haarspalterei, mußte besonders die 16 Items tref- 
fen, die wegen zu geringer Korrelation mit der Schlüsselvariablen in 
keine Sub-Skala kamen. Denn gerade unter den Flops gab es manchen 
batz, von dem erwartet worden war, daß er besonders aufschlußreich 
wäre. 

Betrachtet man auch diese Variablengruppe als Skala, so stellt man 
fest: Der Zuverlässigkeitskoeffizient Alpha (0.7423) ist schlechter als 
*i un r d S anz miserabel ist die mittlere Inter-Item-Korrelation 
(0 1580). Entschieden höher als bei der Gesamtskala und beim 
Meinungsbarometer-Teil fällt dafür der Skalenmittelwert (5 25) aus, 
woraus man schließen darf, daß es sich hier um eine Sammlung von 
wenig umstrittenen Sätzen handelt, gewissermaßen um den durchgän- 
gig konsensfähigen Teil der öffentlichen Meinung. 



202 



Nichts lag nun näher, als den beobachteten Effekt noch ein wenig 
/u/uspitzen. Aus der Gruppe der 16 Mauerblümchen-Sätze wurden 

1. .halb die 6 Items entfernt, deren Mittelwert (M) kleiner als 5 und 
deren Trennschärfeindex (T) größer als 2 war (in Tabelle 8). Das 
Resultat ist die folgende kleine Skala, in Klammern hinter jedem Satz 
iln Mittelwert: 

2. Im Wohlstand verkümmern die inneren Werte, weil jeder nur 
auf den eigenen Vorteil bedacht ist. (5.21) 

I. Unseren Politikern fehlt das Format, sich zugunsten des 
Gemeinwohls gegen Interessengruppen wie Gewerkschaften 
oder Unternehmer durchzusetzen. (5.17) 
12. Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 
(6.41) 

Eine der Hauptaufgaben für die nächsten Jahre wird es sein, 
die Bevölkerungslawine einzudämmen. (5.14) 

l/. Wenn jemand an UFOs, an die Seelenwanderung oder die Wie- 
dergeburt glaubt, darf man ihn deshalb nicht verspotten. (5.36) 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. (5.96) 

Ii». Wer Karriere machen will, muß vor allem Beziehungen haben 
und die richtigen Leute kennen. (5.79) 

■IK. Die steigende Zahl der Krebstoten beweist, daß uns die vielen 
chemischen Schadstoffe in Nahrung, Wasser und Luft allmäh- 
lich vergiften. (6.04) 

5 1 . Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 
Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. (6.22) 

SS. Jeder unverklemmte Mensch hat das Bedürfnis, manchmal alle 
Fesseln der Zivilisation abzustreifen und sich richtig auszule- 
ben. (5.14) 

1 )er Mittelwert für diese Konsens-Skala hat sich auf den Wert 5.64 
erhöht, die mittlere Inter-Item-Korrelation ist abermals gesunken auf 
0.1447 (Alpha 0.5969). 

Es wird zu diskutieren sein, was es bedeutet, wenn einerseits die 
Mehrheit unter Futterneid leidet und wenn andererseits alle der Mei- 
nung sind, im Wohlstand würden die inneren Wert verkümmern; was 
rs heißt, wenn einerseits den Gastarbeitern mangelnde Anpassungsbe- 
i rit schaft vorgeworfen wird, wenn die Ansicht vorherrscht, daß unge- 
zügelte Freiheit nur ins Elend führt, und wenn andererseits alle sich 
zugleich danach sehnen, einmal alle Fesseln der Zivilisation abzustrei- 
fen. 



203 



Empirischer Teil II: 
Interpretationen 



Interpretation der Sub-Skalen 

Mit Detektivarbeit und mit Trickbetrug war die Datenanalyse schon 
verglichen worden, außerdem kann man sie als Rätselraten betrach- 
ten. Die Masch.ne wirft Zahlen aus oder stellt Bezüge her, und der 
Forscher überlegt, welcher Reim auf die Zahlen und Bezüge wohl der 
passende wäre. So gelten die Skalensätze fortan als Karten in einem 
Spiel dessen Regeln schnell erklärt sind. Jede Sub-Skala ist ein Blatt, 
alle Karten sollten zueinander und besonders zur Karte mit der 
Schlusselvariablen passen, mogeln ist erlaubt und wird verlangt: Sätze 
die aus dem Zusammenhang herauszufallen scheinen, werden solange 
uminterpretiert, bis sie offensichtlich hineingehören, und gewonnen 
hat, wer aus seinem Blatt die beste Story macht. 

>Das Wort im Munde umdrehen« wäre ein Name für das Spiel die 
vornehmere Bezeichnung für das Verfahren würde .extensive Textin- 
terpretation« heißen, und der Zweck der Übung besteht darin, gleich- 
sam wieder zu verflüssigen, was in den Skalensätzen geronnene Form 
angenommen hat. Im Kontext einer Sub-Skala können die Items zei- 
gen, wie sie verstanden werden und welche Bedeutung in ihnen steckt, 
und wenn man die Items besser kennt, wenn die Bedeutung ihrer Pla- 
zierung auf der gleichen Sub-Skala verständlich wird, wird vielleicht 
auch der sachliche Gehalt eines Zusammenhangs erkennbar der vor- 
erst nur ein formaler, nämlich durch Grenzwerte gestifteter ist. Es 
handelt sich also darum, solche begriffliche Fixierungen wieder auf- 
zulösen, deren Beliebtheit und Uberzeugungskraft vor allem auf ihrer 
tautologischen Struktur beruhen: Autoritarismus ist, wenn einer 
Autorität gerne mag, und wenn einer Autorität gerne mag, dann ist 
das Autoritarismus. Die Variablen, die im Tabellenteil nur Nummern 
waren, verwandeln sich nun also wieder in Sätze, Behauptungen, Mei- 
nungen zurück, und bei denen interessiert nicht nur der Mittelwert 
sondern auch die Häufigkeitsverteilung, welche die folgende Tabelle 
wiedergibt - alle Angaben in Prozent der Befragten. 



204 



Libelle 29 



Ablehnung in % neutral Zustimmung in % 

in% 





stark 


mittel 


schwach 




schwach 


mittel 


stark 




(-3) 


(-2) 


(-1) 


(0) 


(+1) 


(+2) 


(+3) 


VI 


9,1 


8,5 


8,3 


0,6 


167 


26,0 


317 


V2 


7,0 


7,9 


7,5 


07 


217 


24,7 


31.4 


V3 


10,6 


10,0 


13,0 


0,9 


25,9 


257 


14,3 


V4 


7,0 


9,5 


8,6 


1,0 


157 


15,6 


337 


V5 


11,9 


6,4 


4,9 


0,0 


12,5 


16,4 


47,9 


V«. 


4,9 


4,5 


3,8 


0,0 


13,0 


25,4 


48,4 


V7 


3,4 


97 


8,4 


0,0 


15,4 


22,5 


41,0 


VN 


*7 


6,9 


77 


0,6 


20,8 


25,6 


33,6 


V» 


16,7 


11,6 


9,1 


0,0 


16,0 


16,1 


30,6 


VIO 


16,7 


8,8 


14,1 


0,0 


18,6 


22,9 


18,8 


VII 


13,3 


87 


7,9 


0,0 


167 


21,3 


33,1 


VW 


1,3 


27 


3,0 


07 


6,9 


13,4 


72,9 


VI) 


7,6 


6,9 


10,5 


1,0 


197 


277 


27,8 


VI4 


15,3 


97 


6,8 


0,0 


13,6 


16,5 


38,2 


VIS 


12,5 
> 


14,5 


16,5 


07 


22,8 


20,8 


12,6 


Vir. 


8,8 


11,8 


97 


07 


22,1 


28,4 


18,9 


VI7 


4,6 


97 


9,5 


0,0 


20,9 


23,9 


31,8 


Vitt 


6,9 


87 


5,1 


0,6 


12,8 


21,8 


44,6 


VI** 


14,8 


147 


14,7 


0,0 


197 


177 


19,9 


vjo 


67 


5,4 


6,5 


0,6 


5,9 


17,6 


57,3 


VJTI 


26,8 


17,5 


11,8 


0,0 


16,7 


14,5 


12,6 


V« 


13,6 


10,3 


16,1 


07 


15,4 


18,6 


25,8 


V2J 


18,1 


13,1 


18,9 


0,0 


18,4 


137 


18,2 


V24 


11,4 


13,8 


17,0 


07 


20,5 


19,9 


17,0 


VIS 


7,0 


8,1 


11,1 


0,0 


19,5 


20,8 


33,5 


V26 


24,0 


77 


10,1 


07 


17,3 


12,1 


28,9 


V27 


13,8 


127 


10,6 


07 


20,1 


17,5 


24,8 


V2H 


14,1 


11.1 


14,0 


0,0 


217 


18,6 


21,1 


VW 


16,0 


7,6 


10,4 


0,0 


13,7 


20,0 


32,4 


VW 


17,3 


19,4 


12,2 


0,0 


20,5 


13,6 


16,9 


VII 


8,8 


57 


4,4 


07 


87 


127 


59,4 


V\2 


19,3 


10,3 


17,4 


0,6 


16,9 


15,0 


20,5 


VU 


7,0 


5,6 


57 


0,6 


12,6 


217 


47,7 


VM 


197 


11.1 


14,1 


07 


15,3 


14,6 


25,5 


V35 


107 


18,0 


14,3 


07 


24,0 


18,0 


14,8 


WM» 


12,6 


97 


117 


0,3 


19,0 


12,0 


35,6 


V37 


7,5 


4,4 


6,6 


07 


23,6 


22,7 


34,9 


VW 


37 


3,9 


47 


0,0 


16,5 


25,3 


46,8 


VW 


14,8 


14,4 


13,3 


0,9 


18,7 


18,0 


19,9 


V40 


7,0 


6,8 


57 


0,0 


13,9 


18,5 


48,5 


V4I 


20,1 


19,3 


16,1 


07 


13,9 


157 


15,0 


V42 


10,6 


97 


97 


07 


14,8 


197 


36,5 


V43 


11,5 


87 


12,1 


07 


19,5 


25,0 


23,4 


V44 


3.4 


1,8 


6,6 


0,0 


15,0 


18,3 


54,9 


V45 


9,0 


5,9 


7,4 


07 


14,7 


22.5 


407 


V46 


2,9 


5,1 


4,8 


07 


15,6 


26,7 


44,6 


V47 


8,7 


97 


11,5 


0,3 


21,0 


15.1 


34,1 


V48 


17 


37 


5.0 


0,0 


12,7 


23,7 


53,5 







Ablehnung in % 


neutral 




Zustimmung 


in % 










in % 










«Tarif 


mittel 


schwach 




schwach mittel 


stark 






(-2) 


(-1) 


(0) 


(+D 


(+2) 


(+3) 


V49 


19,1 


19,9 


15,4 


0,0 


16.6 


16,4 


12,6 


V50 


6 S 


M 


«7 


0,0 


18,3 


29,2 


30,4 


V51 


0,7 


2.6 


3,3 


0,0 


11.4 


24,9 


577 


V52 


11.0 


8,9 


12,5 


0.3 


16.3 


20,4 


30,5 


V53 


23,9 


19.4 


18,0 


0,6 


17,6 


10,4 


10,1 


V54 


15.4 


9.3 


14,1 


0,3 


21,3 


15,2 


24,5 


V55 


7,6 


5.9 


9,5 


0.4 


24,4 


23,0 


29.3 



Im Unterschied zum Mittelwert zeigt die Häufigkeitsverteilung auch, 
wie stark ein Satz polarisiert, ob ein neutraler Mittelwert beispiels- 
weise auf genereller Indifferenz beruht oder darauf, daß gleichgroße 
Gruppen extremer Zustimmer und extremer Ablehner sich gegen- 
überstehen, und überhaupt sind hier die Mehrheitsverhältnisse besser 
zu erkennen. 

Zum Verfahren selbst: Die ersten 3 Sub-Skalen wurden durch Anhe- 
bung der Grenzwerte gekürzt, die übrigen blieben unverändert. Der 
neue Grenzwert und die neue Satzzahl sind selbstverständlich ver- 
merkt, ebenso die neuen Kennziffern. Durchweg hat sich die mittlere 
Inter-Item-Korrelation durch die Kürzung der Skalen leicht verbes- 
seit. 

Jede der Skalen wird nun im Wortlaut wiedergegeben, am Ende 
werden die Skala insgesamt und einzelne Sätze kommentiert, beson- 
ders die weniger plausiblen natürlich. Die Schlüsselvariable steht am 
Anfang der Skala, und der besseren Lesbarkeit wegen wird sie an Ort 
und Stelle noch einmal mit ihrer Häufigkeitsverteilung illustriert, 
welche dieselben Werte enthält, die man auch der Tabelle 38 entneh- 
men könnte. 

Die eingeklammerte Ziffer hinter jedem Satz ist die Korrelation 
zwischen diesem Satz und der Schlüsselvariablen. 

/. Für Zwang, Macht, Unterwerfung 

gegen Freiheit in jeder Form 
(Der Grenzwert für die Korrelation zwischen Schlüsselvariabler und 
Skalensatz wurde von 0.30 auf 0.34 angehoben, 6 Sätze entfielen, der 
Skalenumfang reduzierte sich von 23 auf 16 Items.) 
Skalenmittelwert: 5.0175 
Mittlere Inter-Item-Korrelation: 0.4043 
Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.6915 
Alpha: 0.9150 



206 



Ii Jeder Mensch braucht im Leben einen Halt, einen festen Glau- 
ben, an dem er niemals zweifelt. 



in Prozent 


V* 




i tik< Ablehnung 


4,9% 


ItN Ablehnung 


4,5% 


i m Ablehnung 


3,8% 


mint Meinung 


0,0% 


\r Zustimmung 


13,0% 


tlerc Zustimmung 


25,4% 


' " /-urnmung 


48,4% 




100,0% 



I . Echte Freiheit verlangt, daß man sich in die Gemeinschaft ein- 
fügt. (0.3401) 

s. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. (0.37) 

9, Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. (0.41) 

1 4 . Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. (0.42) 

16. Junge Menschen haben manchmal Flausen im Kopf, aber 
wenn sie dann im harten Berufsleben stehen, werden sie 
schnell vernünftig. (0.42) 

IH. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 
(0.40) 

22. Es gibt kaum etwas Gemeineres als einen Menschen, der nicht 
Liebe, Dankbarkeit und Achtung für seine Eltern empfindet. 
(0.41) 

26. Homosexualität wird zwar nicht mehr bestraft, trotzdem 
bleibt sie widernatürlich. (0.35) 

27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. (0.38) 

30. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. (0.37) 

31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. (0.40) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.36) 

207 



34. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. (0.37) 

38. Was dem einzelnen Kraft gibt, ist seine Geborgenheit in der 
Familie und seine Verankerung in der Gemeinschaft. (0.46) 

40. Auch wenn dies immer mehr aus der Mode kommt: Weih- 
nachten sollte ein Fest bleiben, welches man daheim im Fami- 
henkreis feiert. (0.45) 

Die aufgelisteten Sätze stellen nun einen Kreis von Sympathisanten 
1 arteigangern, engeren Freunden dar, die sich alle um eine Schlüsselfi- 
gur scharen, um den Satz Nr. 6, der fortan auf den Namen Halt & 
Glauben hören soll. Mit einem Mittelwert von 5.82 gehört Halt & 
Glauben zu den beliebtesten Items, nur eine winzige Minderheit 
votiert gegen das Korsett, Uneinigkeit besteht allein in der Frage wie 
stark man den Wunsch nach der Zwangsjacke spürt 

Normalerweise ist dieser Wunsch einer, der diverse weitere impli- 
ziert: Es soH etwas geben, woran nicht gezweifelt werden darf, und das 
heitit, im Zustand dauernder Angst und dauernder Selbstvorwürfe 
leben zu wollen, man sehnt sich danach, sich selber zu fürchten und 
andere das Fürchten zu lehren. Denn der Zweifel gehört zur 
menschlichen Natur, und wer ihn im eigenen Herzen nicht dulden 
oder ertragen will, wird ihn erfahrungsgemäß im Herzen des anderen 
suchen und verfolgen. Der Satz heißt auch: Ich will, daß es mir verbo- 
ten ist, zu denken, insofern alles Denken Zweifeln ist 

Verstanden aber wurde er offenbar anders, wenn der Sympathisan- 
tenkreis nach der Devise »gleich und gleich gesellt sich gern. Rück- 
schlüsse auf die Leitfigur erlaubt. Die Zustimmer wollen präzise 
Anweisungen bekommen, auf den Glauben an die Richtigkeit und die 
l^gitimation dieser Anweisungen können sie verzichten. Die Liste 
^ LrT 1 *: als Spucke ein 0r d™ngsfenatiker stückweise seine 
dürftige Weltanschauung aus. Zur Zwangsvorstellung, die alle anderen 
geistigen Regungen lähmt, wurde für ihn die Idee, daß alles seine 
Regel und jedes Ding seinen Platz haben müsse. Die Ausländer sind 
unerwünscht nicht deshalb, weil es gegen sie etwas einzuwenden gäbe 
sondern weil sie nicht hierher gehören, und ein Türke gehört nicht' 
hierher, weil er, wie der Name schon sagt, anderswo abgelegt oder 
einsortiert werden muß. Die Arbeitslosen, die Homosexuellen, die 
Gauner, die jungen Leute mit den Flausen im Kopf, die Extravagan- 
ten, die aus der Reihe tanzen, die Ölscheichs und die Junkies - sie 
alle trifft eigentlich kein moralisches Verdikt, sondern man mag sie 
aus formalen Gründen nicht. Ihr Hauptfehler ist, daß sie die Registra- 
tur durcheinanderbringen, es ist kein Fach für sie vorgesehen auf einer 
Welt, in der gilt: Eltern werden geliebt und geachtet, Weihnachten fei- 
ert man daheim im Familienkreis, einer muß kommandieren alle 
müssen arbeiten, Rumreisen ist verdächtig, und ein Araber fährt nicht 



208 



mm Rolls Royce herum, sondern er ist arm und ernährt sich von Dat- 

h Im 

Wenn Sitte und Anstand die verdinglichten Zerfallsprodukte von 
Moral und Gewissen gewesen waren, so handelt es sich bei den 
l.l. .»loj;ie-Bröseln, aus welchen dies Weltbild besteht, um Sitte und 
Anstand in gefriergetrockneter Form. In solcher Häufung lassen sie 

■ I. 1 1 rindruck von äußerster Leblosigkeit entstehen, die Person, in 

I. he die Skala sich verwandelt, wenn man sie länger betrachtet, 
heint ein weitgehend abgestorbenes Gemüt zu besitzen, Erfahrun- 
p-M kann und will sie nicht machen, jede Form von Lebendigkeit 

* Mtl ungeachtet ihrer besonderen Qualität als lästig empfunden. Man 
könnte dabei an einen der bösartigen Rentner denken, die mit ihrer 
l it incmpfindlichkeit die Nachbarn schikanieren, weil sie kein akusti- 
. Ins Lebenszeichen anderer Menschen ertragen mögen. 

Aus entfernten Kontinenten zureisende Ausländer sind schon des- 
li.ilh eine Ansteckungsgefahr, weil ihre Anwesenheit die Person mit 

■ im i anderen Realität in Berührung brächte, als sie die Gruft darstellt, 
mi welcher sie sich eingerichtet hat. Die Skala wirkt wie der Wider- 
> heifl einer Welt, welche Furcht und Angst, überhaupt die ganze Psy- 

• liodynamik des Autoritären schon hinter sich hat: Alle sind vor 
St hreck wie versteinert, alle sind zur Daseinsweise von Gespenstern 
vei urteilt. Wo aber versteinerte Wesen und Gespenster sich tummeln, 
isi nicht nur im Märchen die Erlösungshoffung nicht weit, und es 
dar! daher nicht weiter verwundern, daß man auf der Konsens-Skala 
einen hohen Mittelwert findet für den Satz, welcher das Abstreifen 
zivilisatorischer Fesseln zum Massenbedürfnis aller Unverklemmten 
n klärt. 

Nicht ganz so beliebt wie Halt & Glauben ist die echte Freiheit, der 
S.uz Nr. 1, aber dafür ist er auch noch weniger umstritten. Die 
t;rringe Trennschärfe deutet darauf hin, daß er auch in die Konsens- 
Skala passen würde, weil er eine weit verbreitete Meinung (über 70% 
Zustimmung) formuliert, die außerdem auf Lowscorer wie Highsco- 
u-r ziemlich gleich verteilt ist. Die Inter-Item-Korrelation von 0.3401 
ist, bezogen auf die Schlüsselvariable, eher niedrig, bezogen auf den 
Satz Nr. 1 selber ist sie die höchste überhaupt. 

Die Bedeutung des Satzes wurde bereits ausführlich im Kapitel 
•Testversion - Konstruktion und Ergebnisse< diskutiert, und der 
sachliche Zusammenhang mit der Schlüsselvariablen ist so evident, 
daß in diesem Fall erklärt werden muß, warum der rechnerische 
Zusammenhang keinen höheren Wert besitzt. Der Grund dafür 
dürfte der schon angedeutete sein, die Tatsache nämlich, daß einer- 
seits auch Lowscorer gegen besser verpackten Autoritarismus nicht 
immun sind und daß es andererseits unter den Highscorern schon 
viele gibt, die lieber auf die Verpackung verzichten. Der 
Gemeinschafts-Schmus ist ihnen zu lasch und breiig, sie hätten es 



209 



gern kerniger und würden den einzelnen lieber einer starken Regie- 
rung oder einer starken Führerpersönlichkeit unterwerfen. 

Der Drückeberger-Satz, die Nr. 5, zählt hinsichtlich der Trenn- 
schärfe zu den besten, er taucht auf den meisten Sub-Skalen auf. Hier 
formuliert er eine Abneigung gegen Menschen, die sich Freiheiten 
herauszunehmen scheinen, eine Abneigung gegen Leute zum Beispiel, 
die der Tretmühle des Berufsalltags scheinbar entronnen sind. Ferner 
zeigt er, daß die Sehnsucht nach den starren Regeln und der starken 
Hand eine durchaus ambivalente ist. Nicht bedauert, sondern benei- 
det wird, wer in den Genuß der Fabrikdisziplin nicht kommt, der 
Drückeberger ähnelt dem Deserteur, der verfemt wird, weil er Unan- 
nehmlichkeiten ausweicht. 

Gemessen an den Werten, die der Drückeberger-Satz sonst erreicht, 
ist seine Korrelation mit der Schlüsselvariablen allerdings relativ 
gering, mit anderen Sätzen korreliert er weit höher. Auf dieser Skala 
werden demnach die Ressentiments, die aus Versagung entstehen, nur 
gestreift. Die simple Sehnsucht nach einer Welt, in welcher unter der 
Macht und ihren Regeln alles Leben erstickt, oder die Rechtfertigung 
einer Welt, die so empfunden wird, scheint also tatsächlich ein Ele- 
ment im autoritären Syndrom zu bilden, welches sich separat analy- 
sieren läßt. Straf- und Verfolgungswünsche sind diesem Element zwar 
nicht fremd, aber sie gehören auch nicht notwendig dazu, und es fehlt 
beispielsweise das Bedürfnis nach der spirituellen Komponente. Auf- 
fällig ist, daß Satz Nr. 32 (Zukunftsvision, machtvolles Zusammenge- 
hörigkeitsgefühl) in dieser Skala nicht vorkommt. 

Was die Skala mißt, ist ein Spezialfall des faschistoiden Syndroms, 
nämlich das faschistoide Syndrom mit kaltgestellter Psychodynamik. 
Daß dies ein Grund wäre, sich wegen des hohen Skalenmittelwerts 
keine Sorgen zu machen, muß bezweifelt werden, weil man sich auf 
die Leblosigkeit psychisch Scheintoter nicht verlassen darf. Vielmehr 
stellen sie Personen dar, welche an der nationalen Erweckungsbewe- 
gung ein umso größeres Interesse haben müssen, als diese ihnen viel- 
leicht zur seelischen Gesundung in dem Sinne verhilft, daß der Kol- 
lektivwahn die Hülsen wieder mit Leben erfüllt. 

Jeder Erfahrung unzugänglich, für Ideen unansprechbar und dabei 
seelisch eingedörrt, werden sie die starken Reize suchen. Herzlos 
gegen das Elend der Penner am Straßenrand, könnten sie sich in den 
Fußgängerzonen am Stand der Tierversuchsgegner sammeln, wo es 
mit Elektroden gespickte oder sezierte Mäuse in Großaufnahme zu 
bestaunen gibt. Kaum gewinnen wird man sie mit der Idee, alle soll- 
ten anständig wohnen und essen können. Wenn es aber darum geht, 
die Blutsverwandten im Osten von der polnischen Unterdrückung zu 
befreien, kann man möglicherweise auf sie rechnen. 



210 



//. Gegen alles, was als fremd empfunden wird 

( I k r Grenzwert für die Korrelation zwischen Schlüsselvariabler und 

Skalensatz wurde von 0.40 auf 0.443 angehoben, 7 Sätze entfielen, der 

Skalenumfang reduzierte sich von 19 auf 12 Items.) 

Skalenmittelwert: 4.3919 

Mittlere Inter-Item-Korrelation: 0.4845 

Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.7052 

Alpha: 0.9183 

23. Wenn Gastarbeiter in deutsche Familien einheiraten, bringt 
das nur Probleme für beiden Seiten. 



in Prozent 


V23 




Mike Ablchnun 


1 18,1% 


mittlere Ablehni 


ng 13,1% 


Irring* Ablehnu 


ng 18,9% 


priflgl Zustimm 


ung 18,4% 


mittlere Zustimn 


mng 13,2% 


(ToAc Zustimmu 


ng 18,2% 




100,0% 



*>. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 

oft ins Elend führt. (0.50) 
1 1 . Wer ein Europa ohne Grenzen will, muß damit rechnen, daß 

dann auch das organisierte Verbrechen seinen Weg nach 

Deutschland findet. (0.46) 
19. Die Ausländer hier machen sich manchmal unbeliebt, weil sie 

sich gegen die Deutschen abkapseln und nur mit ihren eigenen 

Landsleuten verkehren. (0.49) 
27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 

Sitten des Gastlandes anzupassen. (0.57) 
10. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 

machen. (0.46) 

32. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 

ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 

und Gemeinsamkeit. (0.53) 
34. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 

Reichtum kulturlose Völker überfordert. (0.4436) 
36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 

Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 

versorgen. (0.453) 
42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 

verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 

erarbeitet haben. (0.48) 



211 



49. Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind, 
kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 
zieht. (0.52) 

54. Als wiedervereinigtes Volk sollten die Deutschen mehr Selbst- 
bewußtsein und Stärke zeigen. (0.54) 

Unter anderer Führung ein neuer Sympathisantenkreis, aber einer 
mit vielen bekannten Gesichtern, 4 der 12 Sätze waren schon Mitglie- 
der der Gruppe Macht & Zwang gewesen. Weiter verwunderlich ist 
das kaum, wenn man sich an die Interpretation der vorigen Skala erin- 
nert. Dort waren auch die Ausländer ein Opfer der Sehnsucht nach 
der verwalteten Welt geworden (Satz Nr. 27), und umgekehrt bekom- 
men nun hier die Junkies (Nr. 9) und die Extravaganten (Nr. 30) zu 
spüren, daß sie für den Durchschnittsbürger Fremde sind. 

Von der ersten Sub-Skala unterscheidet sich diese durch den niedri- 
geren Mittelwert, und der Mittelwert für den Fremdehen-Satz, der hier 
die Rolle der Schlüsselvariablen übernimmt, ist sogar neutral. Jeder 
Befürwortung steht, wie der Blick auf die Häufigkeitsverteilung zeigt, 
eine Ablehnung gleicher Intensität gegenüber. Schließen kann man 
daraus, daß die Landsleute gegen konkrete Personen auch dann ver- 
gleichsweise wenig einzuwenden haben, wenn diese Personen Fremde 
sind, und der Grund dafür dürfte eine ausgeprägte Gleichgültigkeit 
gegen konkrete Personen überhaupt sein, analog etwa dazu, daß es 
einerseits in der Weimarer Republik wenig Antisemitismus gab und 
auch in der Nazizeit kaum spontane Pogrome, daß andererseits aber 
die verfolgten Nachbarn auf keinerlei Hilfe oder Solidarität rechnen 
konnten. 

Eher gering ist hier der konventionelle Fremdenhaß, wie er sich aus 
tatsächlichen und alltäglichen Reibereien zwischen eng beieinanderle- 
benden Gruppen verschiedener Nationalität entwickeln kann, eher 
gering also ist der Fremdenhaß, welcher auf tatsächlichen, nur falsch 
verstandenen Erfahrungen beruht. Zum Feind wird ein bestimmter 
Fremder erst dann, wenn Übereinkunft besteht, daß er und kein 
anderer als Projektionsfläche für Wahnvorstellungen dienen soll, an 
deren Entstehung jeglicher wirkliche Kontakt mit Fremden völlig 
unbeteiligt ist, weil sie allein der Psychodynamik des hiesigen Autori- 
tären entstammen. 

Eine solche Tendenz ist auch auf dieser Skala zu erkennen, die 
insgesamt irrationaler, gehässiger und aggressiver als die vorige wirkt. 
Der Grund dafür dürfte sein, daß die Landsleute, wenn sie über die 
Ausländer reden, eigentlich immer von sich selber sprechen, und 
irgendwann lassen sie dann auch die Katze aus dem Sack: Den Deut- 
schen fehlt die große gemeinsame Zukunftsvision (Nr. 32), sie sind im 
Ausland unbeliebt (Nr. 49), und sie müßten als wiedervereinigtes 
Volk mehr Selbstbewußtsein und Stärke (Nr. 54) zeigen. Selbst wenn 



212 



.In s so wäre, was haben dann - so müßte man fragen - die inneren 
Angelegenheiten der Deutschen in einer Liste von Statements über 
Ausländer zu suchen, warum kann der nach seiner Meinung Gefragte 
nicht beim Thema bleiben, welches in diesem Fall nicht die Deut- 
K hen, sondern die Ausländer sind. Überhaupt drängt sich der Ein- 
druck auf, daß diese Skala jeden Sinn für Logik vermissen läßt. Waren 
es oben noch die Ausländer, die sich den Sitten des Gastlandes nicht 
.in passen wollen (Nr. 27), so sind es nun die Gastgeber selber, denen 
das Gefühl für Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit fehlt 
{Nr. 32), Deutsche heiraten sollten die Ausländer nicht (Nr. 23), aber 
wenn sie dies unterlassen, sich abkapseln und nur untereinander ver- 
krliren (Nr. 19), ist das wieder falsch. 

Ziehe die vorige Skala auf den Faschistoiden mit kaltgestellter Psy- 
« Inxlvnamik, so mißt diese die faschistoide Psychodynamik in voller 
Aktion. Nicht eingestandene eigene Defekte werden auf Fremde pro- 
jiziert, das Subjekt besitzt nur noch eingeschränkt die Fähigkeit, zwi- 
M hen ihm und dem Objekt überhaupt zu unterscheiden. Aus der 
Konfusion heraus wiederum entwickelt sich ein ausgeprägtes Bedürf- 
nis nach nationalem Zusammenhalt und nationaler Stärke. Beider 
/ weck ist es, eine Art Minderwertigkeitskomplex zu heilen, den sie 
mir verschlimmern können. 

Der Highscorer auf dieser Skala mag 1. sich eigentlich selber nicht, 
schiebt 2. das, was er an sich selber haßt, den Ausländern zu, kann 
\. deshalb die Ausländer nicht leiden, dreht 4. den Spieß wieder um 
und fühlt sich von den Ausländern ungeliebt, weil seiner Tüchtigkeit 
wegen beneidet, und 5) will er nun seine Lage ausgerechnet dadurch 
verbessern» daß er noch tüchtiger wird, also noch mehr von eben der 
Eigenschaft erwirbt, um derentwillen man ihn seiner Meinung nach 
derzeit schon nicht leiden mag. 

Freie Bahn für den Wahn, könnte das Motto über dieser Skala hei- 
ßen, denn wer hier einen bestimmten Mittelwert übersprungen hat, 
iliirfte mit friedlichen Mitteln am Streben nach immer höheren 
Punktzahlen kaum zu hindern sein. Zu seiner Bewußtseinsstörung 
gehört nämlich, daß er deren Verursacher als Heilmittel mißversteht 
wenn mich keiner mag, weil ich widerlich bin, muß ich noch 
widerlicher werden -, und wenn einer seinen Sonnenbrand durch 
Sonnenbaden kurieren will und man ihn läßt, kann es mit ihm nur 
tifl schlechtes Ende nehmen. 

Zwei Zahlen zum Schluß, welche die Verbreitung des Widersinns 
illustrieren: Sowohl Satz Nr. 23 (Heirat zwischen Gastarbeitern und 
Einheimischen bringt nur Probleme) als auch Satz Nr.19 (Ausländer 
sind unbeliebt, weil sie unter sich bleiben) stimmen mehr oder min- 
dtf stark 38% der Befragten zu, 41,1% meinen, daß es den Deutschen 
an Zusammengehörigkeitsgefühl (Nr. 32) und den Ausländern an 
Anpassungsbereitschaft (Nr. 27) mangelt. 



213 



///. Gegen Schönheit und Genuß 

(Der Grenzwert für die Korrelation zwischen Schlüsselvariabler und 

Skalensatz wurde von 0.32 auf 0.35 angehoben, 7 Sätze entfielen, der 

Skalenumfang reduzierte sich von 19 auf 12 Items.) 

Skalenmittelwert: 4.4087 

Mittlere Inter-Item-Korrelation: 0.4548 

Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.7052 

Alpha: 0.9086 

53. Äußere Schönheit ist bei einem Menschen oft nur das Zeichen 
für Eitelkeit, für innere Kälte und Leere. 



in Prozent 



V53 




starke Ablehnung 


23,9% 


mittlere Ablehnung 


19,4% 


geringe Ablehnung 


18,0% 


keine Meinung 


0,6% 


geringe Zustimmung 


17,6% 


mittlere Zustimmung 


10,4% 


große Zustimmung 


10,1% 




100,0% 



9. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. (0.39) 

14. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. (0.39) 

21. Die Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwa- 
chen und die Starken. (0.38) 

23. Wenn Gastarbeiter in deutsche Familien einheiraten, bringt 
das nur Probleme für beiden Seiten. (0.38) 

30. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. (0.39) 8 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.36) 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplatzen zu 
versorgen. (0.37) 

42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 

verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 

erarbeitet haben. (0.38) 
49. Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind, 

kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 

zieht. (0.40) 



214 



S2. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.43) 

S4. Als wiedervereinigtes Volk sollten die Deutschen mehr Selbst- 
bewußtsein und Stärke zeigen. (0.39) 

i ) i sprünglich hatte der Satz, der hier die Rolle der Schlüsselvariablen 
>piclen soll, moderater geklungen; »Wichtiger als äußere Schönheit 
ist, daß ein Mensch echte Persönlichkeit besitzt.« Einhelliger Zustim- 
mung wegen wies dieser Satz keine Trennschärfe auf, weshalb die Aus- 
sage nun ohne Verpackung auf den Tisch kam, d. h. ohne den 
Anschein, es handele sich dabei um ein sorgfältig bedachtes, wohlab- 
fci-wogenes Urteil, welches keiner Seite Unrecht tut und eigentlich nur 
die Prioritäten festlegt. An die Stelle des versteckten Ressentiments 
^egen Schönheit trat die offene Aversion gegen sie, die neue Formulie- 
tung läßt wenig Zweifel daran, daß Schönheit verwerflich ist und 
scheußlich. Mit einem Mittelwert von 3,40 wurde der Schönheits-Satz 
nun immerhin der unbeliebteste Skalensatz überhaupt. Dennoch 
stimmten ihm mehr oder minder stark rund ein Viertel der Befragten 
zu, und nur ein knappes Viertel wies ihn ohne jede Abstufung und 
linschränkung zurück. 

Ein neues Spiel, und wieder die alten Figuren - von 12 Items sind 
es einschließlich der Schlüsselvariablen diesmal nur noch 3, die auf 
keiner der beiden vorangegangenen Skalen verwendet worden waren, 
nämlich die Sätze 21, 52 und 53. Auffallende Ähnlichkeit besitzt das 
Sub-Skalen-Modell offenbar mit dem kleinstädtischen Leben, wo es 
immer wieder die gleichen Personen sind, die uns mal im Gesang- 
verein, mal als Briefmarkensammler oder Fußballer begegnen, hier 
wie dort kommen neben den Interessenten nur für einen speziellen 
Verein die Betriebsnudeln vor, die überall mitmischen wollen. Die 
Unterteilung in diverse Sub-Skalen stellt also in erster Linie einen 
Wechsel der Perspektive dar, weniger die Skalensätze selber unter- 
scheiden sich von Skala zu Skala, sondern verschieden ist jeweils der 
( Jesichtspunkt, unter denen man sie betrachtet. Die meisten der insge- 
samt 36 Sätze, aus denen alle Sub-Skalen zusammen bestehen (drei 
entfielen wegen Kürzung), tauchen mehrfach auf, aber stets unter 
neuem Titel und in leicht veränderter Gesellschaft. 

Unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet muß die Sub-Skala 
Nr. 3 zunächst einfach Mißfallen erregen, sie wirkt wie das Porträt 
einer häßlichen, kleinlichen, schmutzigen Seele. Wer den Schönen 
innere Kälte und Leere attestiert, der spricht offenbar von sich, von 
der eigenen Gefühlskälte und Gehässigkeit. Menschliche Wärme 
besitzt er kaum, er mag keinen und mißgönnt dem Sozialhilfeempfän- 
%cr jede Mark, mit welcher der sein kümmerliches Budget vielleicht 
etwas aufbessert. 



215 



Gibt der Schönheitsverächter einerseits auf dieser Skala den häßli- 
chen Charakter seiner Seele preis» so enthüllt er zugleich die erotische 
Komponente gängiger Ressentiments. Wenn zwischen dem Schön- 
heitssatz und dem Drogensatz ein statistischer Zusammenhang 
besteht, darf auf einen sachlichen geschlossen werden, und man 
braucht nicht dreimal raten, ehe man auf den Gedanken kommt, daß 
es sich bei der Schönheit wie bei den Drogen um Genußmittel oder 
Rauschmittel handelt, freilich um solche, nach deren Genuß der ein- 
zelne kaum mit der Masse grölt oder schunkelt. Analog dazu ist die 
Korrelation zwischen der Schlüsselvariablen und Item Nr. 14, dem 
AIDSSatz, ein Beleg für die nicht unbedingt neue Einsicht, daß hin- 
ter der Aversion gegen Zureisende und der Angst vor Infektionen sich 
die Abwehr von Promiskuität verbirgt. Keiner weiteren Erklärung 
bedarf es daher, daß der Schönheitsverächter auch keine Müßiggänger 
mag, bilden doch luxe, calme et volupte eine Einheit. 

Ungeklärt jedoch ist noch die Frage, was Satz Nr. 49, der tüchtige 
Deutsche, auf dieser Skala zu bedeuten hat, und die Antwort zeigt, daß 
der Schönheitsverächter und der Fremdenhasser in einer ähnlichen 
Klemme stecken. Wenn der Schönheitsverächter sich seiner Tüchtig- 
keit wegen beneidet und ungeliebt fühlt, so heißt dies, daß er den 
Wert von Schönheit kennt, den Wert einer Eigenschaft, die ihm nicht 
Neid und Abneigung, sondern Bewunderung und Zuneigung einbrin- 
gen würde. Mit Satz Nr. 49 gibt er also zu verstehen, daß er sich selber 
die Fähigkeit abspricht, gemocht zu werden, und weil er andere Men- 
schen nicht für sich gewinnen kann, muß er sie mit Gewalt beherr- 
schen - es gibt Starke und Schwache, und die Deutschen müssen die 
Starken sein. 

Eine aussichtslose Strategie, wie die eigentliche Überraschung dieser 
Skala zeigt, die Tatsache nämlich, daß der Schönheitssatz am höch- 
sten mit Satz Nr. 52 korreliert, mit der Behauptung, ein anhaltender 
Zuwandererstrom in dies ohne Zuwanderer vergreisende Land würde 
notwendig ins Chaos führen. Der Schönheitsverächter entpuppt sich 
hier als einer, dem die Herrschaft über andere Menschen nicht nützen 
würde, weil er sie nicht mag. Eben deshalb würde sein Regime maßlos 
bis zur Vernichtung sein, weil er selber dabei nichts gewinnt. 

IV Mißgunst, Futterneid 

(Nicht gekürzt) 

Skalenmittelwert: 4.7444 

Mittlere Inter-Item-Korrelation: 0.5116 

Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.7052 

Alpha: 0.9310 



216 



( ' In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. 



in Prozent 



V42 

\ ii ki" Ablehnung 10,6% 

mitliefe Ablehnung 9,3% 

t igt Ablehnung 9,3% 

I Meinung 0,3% 

■ riaat Zustimmung 14,8% 

tief« Zustimmung 19,3% 

po* Zustimmung 36,5% 

ruimmm 100,0% 



5. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. (0.55) 

11. Wer ein Europa ohne Grenzen will, muß damit rechnen, daß 
dann auch das organisierte Verbrechen seinen Weg nach 
Deutschland Findet. (0.51) 

19. Die Ausländer hier machen sich manchmal unbeliebt, weil sie 

sich gegen die Deutschen abkapseln und nur mit ihren eigenen 

Landsleuten verkehren. (0.52) 
27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 

Sitten des Gastlandes anzupassen. (0.56) 
H. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 

erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 

Polizei. (0.68) 

12. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 
ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 
und Gemeinsamkeit. (0.55) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.67) 

34. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. (0.51) 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. (0.71) 

49. Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind, 
kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 
zieht. (0.53) 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.62) 



217 



54. Als wiedervereinigtes Volk sollten die Deutschen mehr Selbsc- 
bewußtsein und Stärke zeigen. (0.59) 

Kein einziger Satz kommt in dieser Skala vor, der nicht schon in einer 
der vorangegangenen enthalten gewesen wäre, und sogar die Schlüssel- 
variable, der Zahlmeister-Satz, taucht in 6 der insgesamt 8 Skalen auf 
Sinnlos ist diese Variante trotzdem nicht, denn es treten abermals 
andere Aspekte des autoritären Syndroms in den Vordergrund, wenn 
man nun Mißgunst und Futterneid als Haupteigenschaft betrachtet 
und als deren Komponenten das, was die restlichen Skalensätze mes- 
sen oder umgekehrt: Wenn man die restlichen Skalensätze im von der 
Schlusselvanablen diesmal vorgegebenen Kontext interpretiert. 

Die Aversion gegen Ausländer (Nr. 19 und Nr. 27) beispielsweise 
stellt sich dann als eine von vielen Erscheinungsformen einer diffusen 
Mißgunst dar, die sich ohne Ansehung der Person gegen jeden und 
mit besonderer Intensität vermutlich gegen den jeweiligen lieben 
Nächsten richtet. Der Urheber des Wunsches wiederum, die Deut- 
schen sollten eine echte Zukunftsvision und ein großes, machtvolles 
Gefühl von Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit besitzen - 
der Urheber dieses Wunsches also scheint weniger spiritueller Natur 
oder ein genuin völkisches Schmachten und Sehnen zu sein, sondern 
dahinter steckt offenbar nichts als das Kalkül, beim Beutemachen sei 
die geschlossenere Bande im Vorteil. Satz Nr. 34 schließlich, der von 
den prunksüchtigen Ölscheichs, der während der Golfkrise später zu 
unerwarteter Aktualität insofern kam, als die deutschen Reaktionen 
es abermals bewiesen, daß man sogar einem irakischen Diktator die 
grausamsten Verbrechen eher verzeiht als den kuwaitischen Scheichs 
ihren Reichtum und ihr Wohlleben, dieser Satz also zeigt deutlich, 
daß das Reklamieren von kultureller Überlegenheit einfach Neid 
kaschiert. 

Obgleich von begrenztem zusätzlichen Erkenntniswert, ist diese 
Skala ein nützliches Korrektiv. Sie lehrt, daß man über den 
anspruchsvolleren Erklärungsversuchen nicht vergessen darf, welche 
zentrale Rolle bei der Entstehung des Faschismus die ganz gewöhnli- 
che, banale, triviale Gemeinheit spielt, der schmutzigste Geiz, die 
kleinlichste Mißgunst, die maßlose Raffgier, der Ausfall von jegli- 
chem Gerechtigkeitssinn und jeglichem Mitleid. Besorgniserregender, 
als die Ergebnisse dieser Studie sein können, war daher, wie die Deut- 
schen sich während der Golfkrise verhielten, beispielsweise ihre nur 
mühsam verborgene, aber doch deutlich sichtbare Enttäuschung dar- 
über, daß unter den Passagieren der Lufthansa-Maschine aus Bagdad 
>nur< 70 Deutsche waren (Sprachregelung: »Das Auswärtige Amt war 
davon ausgegangen, daß sich mindestens 100 Deutsche an Bord der 
Maschine befinden würden«). 



218 



\ /u kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 

(Nu ht gekürzt) 

sk.iUnmitterwert: 4.8109 

Miniere Inter-Item-Korrelation: 0.4072 

Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.7052 

rÜpha: 0.9214 

N Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht 
übervorteilt oder ausgenützt. 




VH 



i ii kr Ablehnung 


4,7% 


mmlm- Ablehnung 


6,9% 


■ringe Ablehnung 


7,7% 


1 1 ine Meinung 


0,6% 


i yy Zustimmung 


20,8% 


mittlere Zustimmung 


25,6% 




33,6% 




100,0% 



Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. (0.34) 
7. Das Leben war früher härter als heute, aber dafür war es auch 
natürlicher und gesünder. (0.37) 

9. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. (0.33) 

10. Die Deutschen sind steifer als Italiener oder Franzosen, aber 
dafür sind sie auch nicht so oberflächlich. (0.314) 

1 7. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. (0.36) 

21. Die Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwa- 
chen und die Starken. (0.34) 

27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. (0.33) 

10. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. (0.32) 

31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. (0.35) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.34) 

14. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. (0.34) 

W». Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 



219 



Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. (0.37) 

42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 

verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand han 

erarbeitet haben. (0.38) 
45. Der Arme ist oft glücklicher als der Reiche, weil er sich über 

die einfachen Dinge des Lebens noch richtig freuen kann. 

(0.33) 

49. Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind 
kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 
zieht. (0.33) 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
«^Awchoi ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 

Neben den vielen alten Bekannten trifft man auf dieser Skala wieder 
eine paar neue Gesichter, die Sätze 7, 8, 10, 17 und 45. Die Botschaft 
laßt sich mühelos zusammenfassen in den folgenden Regeln: Mißtraue 
H?" die L SI0h Älbst be i ammern * denn an den Rand sind sie abge- 
füllt mit bösartigen Ressentiments. Wenn einer dir erzählt, daß er ehr- 
lich und anständig ist, dann bewaffne dich, denn nicht mal Sozialhil 
feempfänger und andere arme Schlucker sind vor seiner Raublust 
sicher. Klagt einer, daß er dauernd übers Ohr gehauen werde, dann 
stell dich auf einen Gauner ein, der es einerseits präventiv schon als 
einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit legitimieren will, wenn er 
nun dich hereinlegt, und der andererseits dummes Schaf spielt, um 
deine Wachsamkeit einzuschläfern. 

Ein Blick auf die Häufigkeitsverteilung zeigt, daß vor rund 80 Pro- 
zent der Landsleute auf der Hut sein muß, wer sich an diese Regel 
hält. Die überwältigende Mehrheit der Bundesdeutschen meint dem- 
nach, mehr oder minder überzeugt, es läge nicht an zuwenig Talent 
oder Gelegenheit, sondern an zuviel moralischen Skrupeln, wenn 
man im Leben weniger als gewünscht erreicht. Fast alle sehen dem- 
nach in den elementarsten bürgerlichen Tugenden nicht etwa die 
unabdingbaren Voraussetzungen für den Erfolg des einzelnen wie der 
Gesellschaft, sondern sie sehen vor allem ein Karrierehindernis darin, 
nicht die Bedingungen des Aufstiegs, sondern die Steine auf dem Weg! 
Gängige Spruchweisheiten wie »ehrlich währt am längsten* oder 
»Lügen haben kurze Beine< täuschen also nur über die Tatsache hin- 
weg, daß die Deutschen mehrheitlich nicht an die Essentials der bür- 
gerlichen Gesellschaft glauben: daß der Bessere gewinnen und Ehr- 
lichkeit sich am Ende auszahlen wird. Von einer Bevölkerung aber 
welche den Ausgang des Zweiten Weltkriegs offenbar nicht in dem 
Sinne verstanden hat, daß Moral auch eine manchmal sogar kriegsent- 
scheidende Produktivkraft ist, darf man kaum erwarten, daß sie bei 



220 



..„huschen Entscheidungen moralische Erwägungen auch nur 

I k sichtigen wird. Trotz der Niederlage von 1945, die eine Folge 

,1. . /..vor begangenen Untaten war, glaubt diese Bevölkerung schein- 

I nme r noch, man würde es ohne Moral viel weiter bringen, 

lil sie damals wie heute irrt. 

Nichts hindert den deutschen Michel drolligerweise daran, sich 

inetu seiner Ehrlichkeit und Anständigkeit wegen ausgenützt und 

Itbci vorteilt zu fühlen - und sich zugleich mit der eigenen Tüchtig- 
i ,i tu brüsten, wie die Korrelation zwischen der Schlüsselvariablen 

I den Satz Nr. 49 zeigt, dem tüchtigen Deutschen. Die Art, wie er 

In. ■ .« inen eigenen Neid auf andere projiziert, verweist auf den pro- 
, i iivm Anteil am ganzen Syndrom, nur von den Bedingungen und 
i i I u.ne hängt es ab, ob der andere als zu tüchtig oder als nicht 
im. Ihik genug verurteilt wird. 

Einen der Gründe für die projektiven Neigungen kann man finden, 
. -Ihm daß man die Psychoanalyse bemüht: Wessen Moral eine äußerst 
I tbilc ist, der muß im Zustand dauernden Mißtrauens gegen andere 
1. 1.. ... von denen er, wenn sie ihm gleichen, nichts Gutes erwarten 
.1 h I Die labile Moral wiederum hat nicht nur psychische Ursachen, 

In n sie könnte in diesem Fall zusätzlich auch das Produkt einer 

,. ( .Im. sehen Destabilisierung sein. Zu groß wurde vielleicht die Zahl 
.1.. Skandale und Affären, die damit endeten, daß, wie im Falle 
I .mbsdorff, der immerhin in einigen Anklagepunkten schuldig 
- .. .prochene wieder Parteivorsitzender wurde, oder daß einer, wie im 
I .11. Imhausen/Rabda, für die Lieferung einer Giftgasfabrik gerade 
(Uni |ahre Haft bekam. Weit mehr Skandale noch verliefen einfach im 
hnd, man denke an die Verwicklungen des Salzgitter-Konzerns in die 
Rat» U-Affäre, an den Kieler U-Boot-Skandal, an den Berliner und den 
I ...nkfurter Bauskandal, an den Hannoveraner Polizei- und 
'.,..< Ibanken-Skandal, an die Affären Wörner, Neue Heimat, Coop, 
Hai /vi, Barschel, Flick, Celler Loch etc. 

Ei wäre eine eigene Untersuchung wert, einmal die von namhaften 
|ui inen schon geäußerte Vermutung zu prüfen, daß das Rechtsemp- 
finden in der Bundesrepublik seit einer Reihe von Jahren schon konti- 
nuierlich regrediert und daß es namentlich für die gehobenen Schich- 
M kaum noch Rechtsverstöße gibt, die nicht als Kavaliersdelikte 
I , n achtet würden, obwohl sie nach dem Buchstaben des Strafgesetz- 
buches Verbrechen sind. 

\ I. Gelobet sei, was hart macht 

(Nicht gekürzt) 

51 .Icnmittelwert: 5.0286 

Mittlere Inter-Item-Korrelation: 0.3879 

Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.7052 

Alpha: 0.9054 



221 



7. Das Leben war früher härter als heute, aber dafür war es auch 
natürlicher und gesünder. 



in Prozent 



V7 




starke Ablehnung 


3,4% 


mittlere Ablehnung 


9,3% 


geringe Ablehnung 


8,4% 


geringe Zustimmung 


15,4% 


mittlere Zustimmung 


22,5% 


große Zustimmung 


41,0% 


Zusammen 


100,0% 



5. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. (0.37) 

8. Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht über- 
vorteilt oder ausgenützt. (0.37) 
10. Die Deutschen sind steifer als Italiener oder Franzosen, aber 
dafür sind sie auch nicht so oberflächlich. (0.35) 

16. Junge Menschen haben manchmal Flausen im Kopf, aber 
wenn sie dann im harten Berufsleben stehen, werden sie 
schnell vernünftig. (0.33) 

17. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. (0.36) 

20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 

paar Jahre Gefängnis. (0.34) 
22. Es gibt kaum etwas Gemeineres als einen Menschen, der nicht 

Liebe, Dankbarkeit und Achtung für seine Eltern empfindet 

(0.42) 

30. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. (0.38) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.36) 

34. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. (0.40) 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. (0.35) 

40. Auch wenn dies immer mehr aus der Mode kommt: Weih- 
nachten sollte ein Fest bleiben, welches man daheim im Fami- 
lienkreis feiert. (0.37) 

42^ In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. (0.35) 



222 



i . Der Arme ist oft glücklicher als der Reiche, weil er sich über 
die einfachen Dinge des Lebens noch richtig freuen kann. 
(0.42) 

Nur Satz Nr. 20 ist diesmal neu, der Sittlichkeitsverbrecher-Satz, der 
lul der Gesamtskala mit einem Mittelwert von 5,75 einen hervorra- 
r> . iitli n 8. Platz im Wettstreit um die Gunst des Publikums erobern 
l im ic. Wertet man allein das Urteil »starke Zustimmung*, so liegt er 
hinter dem ozonlochbedingten künftigen Weltuntergang (Satz Nr. 12) 
Ii gar auf dem zweiten Platz. Hohe Zustimmung auch für die Schlüs- 
■ I variable: Rund 80 Prozent der Befragten meinen, daß das Leben frü- 
hi i natürlicher und gesünder war, damals in der guten alten Zeit, als 
1 1 • n Ii Pest und Cholera die Bevölkerungslawine dämpften oder Alters- 
ki.mkheiten weitgehend unbekannt waren, weil der Durchschnitts- 
i im lisch mit 30 starb. 

I )ic Korrelation zwischen der Schlüsselvariablen und dem erwähn- 
ten Satz Nr. 20 liefert einen Hinweis darauf, was dem Sittlichkeitsver- 
l ... . her eigentlich vorgeworfen wird, der für seine Taten mit mehr als 
« .. fangnil büßen soll: Weniger dem gewalttätigen Quäler als dem 
I leniefier gilt der Haß, dem empfindsamen, weichen Lüstling, dem 
.1. k.ulenten Feinschmecker und Schlemmer gewissermaßen - tenden- 
.. II zielt der Haß auf Erotik und Lust überhaupt. Wundern muß es 
deshalb nicht, daß die Sittlichkeitsverbrecher zusammen mit den 
I ranzocen oder Italienern (Nr. 10) auf derselben Skala versammelt 
lind Freilich ist damit die hohe Zustimmung zum Sittlichkeitsver- 
brei her-Satz noch keineswegs hinreichend erklärt, höher als mit der 
V hlüsselvariablen korreliert er mit anderen Items. 

Wie auf der vorigen Skala, so ist auch auf dieser wieder zu bestau- 
nen, daß das Märchen von den glücklichen Armen (Satz Nr. 45) und 
die Neidausbrüche (Satz Nr. 5, Nr. 33 und Nr. 42) sich gut vertragen, 
obgleich sie einander ausschließen müßten: Wenn die Armen glückli- 
i her als die Reichen sind (Nr. 45), können die Drückeberger, die auf 
unser aller Kosten leben (Nr. 5), eigentlich nicht das Problem, son- 
dern dessen Lösung sein, weil wir ihnen eine durch Wohlstandsminde- 
rung bewirkte Vermehrung unseres Glücks verdanken. 

Auffälligerweise nicht vertreten auf dieser Skala ist das Öko-Syndrom 
mit dem ozonlochbedingten Weltuntergang (Nr. 12) und dem Schadstoff 
IxJingtenKrebstodiNr. 48), und auch die Tiere (Nr. 29undNr. 44)ver- 
mifit man ein wenig. Der Grund dafür ist nicht, daß die Rauhbeinigen 
Bin Öko-Syndrom wenig übrig hätten, sondern daß dieses sich auch bei 
ilh-n anderen größter Zustimmung und Beliebtheit erfreut. 

Sieht man ab von der Erklärung des Sittlichkeitsverbrecher-Satzes, 
welche diese Skala beisteuert, so ist ihr zusätzlicher Erkenntniswert 
im Vergleich zu den übrigen Skalen gering, und hätte man dies Ergeb- 
nis vorher gekannt, so hätte man auf sie verzichtet. 



223 



VII. Wen kann man bestrafen, 

wem etwas verweigern? 
(Nicht gekürzt) 
Skalenmittelwert: 4.8793 
Mittlere Inter-Item-Korrelation: 0.5254 
Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.7052 
Alpha: 0.9293 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. 



in Prozent 


V33 




Marke Ablehnung 


7,0% 


mittlere Ablehnung 


5,6% 


geringe Ablehnung 


5,3% 


keine Meinung 


0,6% 


geringe Zustimmung 


12,6% 


mittlere Zustimmung 


21,2% 


große Zustimmung 


47,7% 


Zusammen 


100,0% 



5. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. (0.57) 
7 er ein Euro P a ohn e Grenzen will, muß damit rechnen, daß 
dann auch das organisierte Verbrechen seinen Weg nach 
Deutschland findet. (0.52) 

14. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. (0.54) 

19. Die Ausländer hier machen sich manchmal unbeliebt, weil sie 
sich gegen die Deutschen abkapseln und nur mit ihren eigenen 
Landsleuten verkehren. (0.504) 

27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. (0.55) 

31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. (0.69) 

32. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 
ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 
und Gemeinsamkeit. (0.52) 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. (0.56) 

224 



42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. (0.67) 

V Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.54) 

M. Als wiedervereinigtes Volk sollten die Deutschen mehr Selbst- 
bewußtsein und Stärke zeigen. (0.55) 

i -Ii neuer Satz findet sich in dieser Auswahl, aber dafür erreicht sie 
jnil 0.5254 die höchste mittlere Inter-Item-Korrelation, dicht gefolgt 

ler Sub-Skala Mißgunst, Futterneid, die auf einen Wert von 0.5116 

I tu und ihrerseits nun einen deutlichen Abstand zum Dritten in 

ili i Spitzengruppe hält, zur Sub-Skala Gegen alles Fremde. Mißgunst 
Und l utterneid, der Wille, zu strafen und zu verweigern, und als Bei- 

ibc eine tüchtige Portion Fremdenhaß - das scheinen nicht nur 

< i den Menschen, sondern auch unter den Variablen die besten 

I - «iger fürs Kollektiv zu sein. Die Mitglieder der Gruppe Verweigern 
St rufen tummeln sich überall, aber nirgends als gerade in diesem 
\. rein hängen sie enger und fester zusammen. 
I >ie Skala zeigt, daß vielen Behauptungen zugestimmt wird, weil sie 

n Vorwand für Strafaktionen formulieren (andere sind schlecht) 

oder weil sie nach den Voraussetzungen für solche Strafaktionen ver- 
langen (wir müssen stark werden). Leicht zu erkennen ist, daß die 
hnsucht nach der Zukunftsvision und dem Gemeinschaftsgefühl 
(Ni. 32) zumindest partiell keineswegs auf die große Verbrüderung, 
miniem auf das große gemeinsame Jagen zielt. Intendiert ist die 
\\ inifle, welche der gemeinsame Spaß am Verfolgen und Strafen eint. 

Zum Neid und zur Mißgunst verhält sich solcher Spaß komplemen- 
i Ii , in jenem Fall liegt der Akzent auf dem eigenen Nutzen, in diesem 
ml dem Schaden, welcher dem anderen zugefügt wird. Die Grenzen 

tnd jedoch fließend und die Motive kaum auseinanderzuhalten, wie 
in« In zuletzt die weitgehende Identität zwischen den beiden Skalen 

■ ig) Auch auf diese Sub-Skala hätte deshalb verzichtet werden kön- 
nen. 

1 ///. Ein guter Mensch denkt an sich seihst zuletzt 

(Nicht gekürzt) 

Sk.ilenmittelwert: 5.0026 

Mutiere Inter-Item-Korrelation: 0.3816 

Maximale Inter-Item-Korrelation: 0.6915 

Alpha: 0.9076 

I \. Wertvolle Menschen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, 
sich für das große gemeinsame Ziel aufopfern zu können. 



225 



in Prozent 



V13 




starke Ablehnung 


7,6% 


mittlere Ablehnung 


6,9% 


geringe Ablehnung 


10,5% 


keine Meinung 


1,0% 


geringe Zustimmung 


19,2% 


mittlere Zustimmung 


27,2% 


große Zustimmung 


27,8% 


Zusammen 


100,0% 



5. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 
auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. (0.34) 

9. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. (0.32) 

10. Die Deutschen sind steifer als Italiener oder Franzosen, aber 
dafür sind sie auch nicht so oberflächlich. (0.31) 

14. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. (0.31) 

17. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. (0.35) 

18. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 
(0.38) 

22. Es gibt kaum etwas Gemeineres als einen Menschen, der nicht 
Liebe, Dankbarkeit und Achtung für seine Eltern empfindet 
(0.33) 

29. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 

die besseren Menschen. (0.304) 
31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 

erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 

Polizei. (0.32) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.35) 

38. Was dem einzelnen Kraft gibt, ist seine Geborgenheit in der 
Familie und seine Verankerung in der Gemeinschaft. (0.38) 

39. Presse und Fernsehen neigen dazu, mit ihrer verantwortungslo- 
sen Kritiksucht alles Gute und Schöne in den Schmutz zu zie- 
hen. (0.33) 

40. Auch wenn dies immer mehr aus der Mode kommt: Weih- 
nachten sollte ein Fest bleiben, welches man daheim im Fami- 
lienkreis feiert. (0.31) 

226 ^ 



i Wer kein Herz für Kinder hat, verdient, daß man ihn verach- 
tet. (0.304) 

t'» Wenn die Deutschen im Ausland manchmal unbeliebt sind, 
kommt das daher, daß der Tüchtige immer viel Neid auf sich 
zieht. (0.32) 

I in guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt - jedenfalls dann, wenn 
in I Vbatte steht, wer bestraft oder abgewiesen werden soll, wer 
uviel hat und wen man deshalb schröpfen kann. Der Gemüts- 
RMnsch, der Weihnachten im Familienkreis feiern will, und der wenig 
i i.indnis hätte für W. C. Fields Spruch >Wer keine Tiere und keine 
k Innen Kinder mag, kann nicht ganz schlecht sein< - dieser Gemüts- 
m nach also ist der gleiche, der den Armen außer dem Existenzmini- 
mum nichts gönnt (Nr. 5, Nr. 33). Dazu, daß er die Geborgenheit in 
dir < iemeinschaft (Nr. 38) sucht und die starke politische Führung 
will, paßt seine deklarierte Vorliebe für Tiere und Kinder: Beide las- 
n lieh beherrschen, die einen können nicht widersprechen, die 
uideren dürfen es eigentlich nicht. Wenn er behauptet, daß Tiere die 
besseren Menschen seien, so denkt er dabei vielleicht an einen 
A iiK-isen- oder Bienenstaat, wo seine Vorstellung vom Sich-Aufopfern 
Im das gemeinsame Ziel bestens realisiert ist. 
Die Korrelation zwischen der Schlüsselvariablen und Satz Nr. 17 
i igt, daß die wertvollen Menschen, die sich aufopfern, zugleich jene 
Ind, die am wenigsten Anerkennung und Dankbarkeit ernten. Nur 
KU verständlich daher, daß die Deutschen steifer als Italiener oder 
I i.m/oscn wirken und im Ausland unbeliebt sind. Offenbar vermi- 
M Ken sich im Selbstbild vom verkannten besseren Menschen eine 

ii itionale und eine private Komponente. 

Insgesamt wirkt diese Skala wie das Meinungsbild einer etwas ver- 
I. .1 mt, introvertiert und resignativ daherkommenden, aber hochgra- 
li)', it vsentimentgeladenen Person. Einstweilen ist es noch ihr Haupt- 
beruf, verbissen, aber friedfertig mit dem eigenen Schicksal zu 
In. Inn, doch weist der Wunsch nach einer starken politischen Füh- 
i ung (Satz Nr. 18) darauf hin, daß es beim Maulen nicht bleiben muß 
Und auch in dieser Person andere Kräfte schlummern, zumal es mit 
dl ' Sub-Skala Zu kurz gekommen* übervorteilt, betrogen eine Reihe 

Ofl Übereinstimmungen gibt und die beiden Skalen einander ergän- 
zen. Stellt jene eine Art Freibrief für Amoralismus aus - die Welt ist 
. Urdu, warum soll ich besser sein - , so liefert diese dem Amoralis- 

s eine obskure moralische Legitimation. Noch hemmungsloser 

Und vor allem effektiver als einer, der sich um die Moral überhaupt 
iii' In kümmert, wird erfahrungsgemäß morden und rauben, wer sich 
dabei als den moralisch Überlegenen betrachtet, weil er, wenn er 
Minimt, nur dem Vaterland opfert. Die deutschen Soldaten im Zwei- 
ten Weltkrieg sind dafür ein Beispiel. 



227 



Zusammenfassung 

Von einem Ratespiel mit Karten war anfangs des Kapitels gesprochen 
worden, aber es wurde eher ein anderes daraus, es könnte >Siehsi ch 
den Mann im Mond? Lacht er oder weint er?< heißen. Gegeben ist etil 
Muster aus kleinen Punkten, Flecken oder Strichen, die nicht so will 
kürlich oder gleichmäßig über die Flache verteilt sind, wie sie schd 
nen, sondern sich zu einer Figur oder einem Gesicht verdichten, und 
die Aufgabe heißt: Erkenne dies. 

Bei zwei von acht Skalen gelang das nicht, weshalb auf die Gruppen 
Gelobet sei, was hart macht und Wen kann man bestrafen, wem etnm 
verweigern} hätte verzichtet werden können. Ob dies Urteil auf tat- 
sächlicher Unbrauchbarkeit der beiden Sub-Skalen beruht oder ad 
der Ideenlosigkeit des Verfassers, ist damit nicht entschieden, aber das 
spielt für das Resultat der Studie auch keine Rolle. Daten sind imnui 
so gut oder so schlecht, wie die Interpretation, zu der sie ihren 
Betrachter ermuntern, auch die verbliebenen sechs Skalen, die nuti 
kurz charakterisiert werden, sind keineswegs Instrumente, mit denen 
man Elemente des autoritären Syndroms nachweisen und messen 
kann, die etwa den Status von Atomen oder Molekülen in chemi- 
schen Verbindungen besitzen würden. Wenn sie überhaupt Instru- 
mente sind, dann im Nebenberuf, im Hauptberuf aber sollen sie sel- 
ber schon das Ergebnis sein, nämlich Elemente in der Theorie vom 
Autoritären. 

L Für Zwang, Macht, Unterwerfung. Gegen Freiheit in jeder Form. 
Der Autoritäre mit kaltgestellter Psychodynamik, der Ord- 
nungsfanatiker mit dem armen Gemüt. Alles Lebendige ist 
ihm verhaßt, aber er produziert selber kaum Symptome, ist 
wenig paranoisch. Psychisch scheintot könnte man ihn nen- 
nen, und er dürfte ein ambivalentes Verhältnis zu den starken 
Reizen haben, die ihn munter machen würden. Eine faschisti- 
sche Massenbewegung wäre ihm anfangs zu laut, aber nur bis 
zu dem Punkt, wo er selber mitgrölt. 

II. Gegen alles, was als fremd empfunden wird 

Die faschistoide Psychodynamik in Aktion. Einer, der sich 
nicht mag, legt seine ungeliebten Eigenschaften anderen ins 
Nest, ohne sie dadurch selber loszuwerden, keiner hat eine 
Chance. Der Fremde nicht, der sich ihm anpassen und ihm 
zugleich fern bleiben soll, und er selber auch nicht, weil seine 
Reaktion ein wichtiger Teil dessen ist, was er mit eben dieser 
Reaktion von sich weisen, auf andere projizieren möchte. 
Schema: Der Trinker, der seine Trunksucht im Schnaps erträn- 
ken will. 

HI. Gegen Schönheit und Genuß 

Der Liebe>wifähige fühlt sich ungeliebt, aber das ist kein 



228 



Grund für ihn, selber etwas liebenswürdiger werden zu wollen, 
sondern ganz im Gegenteil: Wenn die Welt ihn aus freiem Wil- 
len nicht mag, muß er sie dazu zwingen. Auch in diesem Fall 
dürfte die Kur eine Verschlimmerung des Leidens bewirken, 
mit dem Effekt, daß Bedarf nach höherer Dosierung entsteht. 
Immer weinerlicher und brutaler zugleich wird der Patient, 
und Erlösung kann auf diesem Weg nur Vernichtung heißen. 

IV Mißgunst, Futterneid 

I )er Faschistoide nicht als gefährlicher Irrer mit einem Schuß 
Tragik, sondern als ausgesprochen schäbiger Charakter im 
£anz gewöhnlichen, konventionellen Sinn. 

V /.u kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 

I )er Faschistoide sucht einen Grund, sich von den Moralvor- 
schriften zu befreien, die ihn hemmen. Er erkennt, daß morali- 
sche Skrupel nur am Fortkommen hindern, und er ist nicht 
länger gewillt, solche Fesseln hinzunehmen. 
V I , Ein guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt 

Sich von allen moralischen Skrupel zu befreien ist nur die 
halbe Sache, wenn man nach der Devise >Nimm dir, was du 
brauchst verfahren will. Damit dergleichen erfolgreich ist, 
muß es kollektiv geschehen, und das Kollektiv gibt den ordinä- 
ren Missetaten dann auch wieder einen höheren moralischen 
Sinn: Man tut's ja alles nur für das große Ganze. 

Si lilußfolgern darf man, daß die Art, wie die Sätze auf den diversen 
Sub Skalen miteinander koalieren, keine der Annahmen widerlegt, 
Ii. i ni Kapitel >Michel-Syndrom< formuliert worden waren. Ein 
ialcharakter wie der dort beschriebene scheint also kein Produkt 
de, innen Fantasie zu sein, oder zumindest ist er das Produkt einer 
I Intasie, die in den Korrelationskoeffizienten Bestätigung findet. Kei- 
n< i I >iskussion bedarf es dabei freilich, daß die Zahlen nicht im natur- 
i « nschaftlichen Sinn beweiskräftig sind: Zwischen den nackten 
Zahlen und ihrer Interpretation existiert eine durch wissenschaftliche 
I bduktion nicht zu schließende Lücke. Denken heißt immer, etwas 
VOIl den bloßen Fakten Verschiedenes, nämlich einen Gedanken zu 
dl nken, und es bedeutet stets, daß man sich dabei auch irren kann. 
I »i. einzige Alternative dazu ist, daß man es gleich bleiben läßt, wes- 
I m 1 1 » man in Studien, die jede Spekulation vermeiden und nur hieb- 
Und stichfest empirisch abgesicherte Aussagen dulden, oft vergeblich 
n. Ii dem Gedanken sucht, welcher der empirischen Absicherung 
bedürfte. 

Von den insgesamt 55 Items tauchen noch 36 in den reduzierten und 
U il weise gekürzten Sub-Skalen auf, und es hat sich, wie die folgende 
1 Hinsicht zeigt, auch die Zahl der Sätze erhöht, die in nur einer der 
Bub-Skalen enthalten sind. Die Redundanz wurde also leicht gemil- 



229 



den, aber vorhanden ist sie immer noch, und dies aus triftigen Grün 
den. Der Ehrgeiz jeder Skala ist es zwar, absolut eindimensional zu 
messen - wenn man auf den Meterstab schaut, will man nichts von 
der Uhrzeit wissen. Absolute Eindimensionalität aber können dil 
Sätze nicht gewährleisten, aus denen die Skalen bestehen, weil dei 
sprachliche Ausdruck für sich allein genommen stets mehrdeutig 
bleibt und weil es stets eine ganze Reihe von Gründen gibt, einei 
Behauptung zuzustimmen oder sie abzulehnen. Im Unterschied EU 
den Naturwissenschaften erreicht die Gesellschaftswissenschaft tut 
den Punkt, wo man auch mal den Verstand abschalten, auf die Inst i u 
mente schauen und sich auf die Werte verlassen kann. 12 Volt sind 12 
Volt, aber ein Wert von 4,8 auf der M-Skala besagt nicht mehr und 
nicht weniger als die sich um ihn herumrankende, stets teilweise spe- 
kulativ bleibende Interpretation. 

Welche Skalen enthalten welche Sätze? 



Sub-Skala 



1 2 3 4 5 6 N 



VI X 

V5 X XXX 

V6 X 

V7 X 

V8 X 

V9 XXX XX 

V10 X X 

vn x x 

V13 X 
V14 X X X 

V16 X 

V17 X X 

V18 X X 

V19 X X 

V21 X X 

V22 X X 

V23 X X 

V26 X 

V27 XX XX 

V29 X 

V30 XXX X 

V31 X XXX 

V32 X X 

V33 X X X X X 

V34 XX XX 

V36 X X X X 

V38 X X 

V39 X 

V40 X X 

V42 X X X X 

V45 ^ X 

V47 W X 

230 





Sub-Skala 










N 


1 2 


3 


4 


5 


6 


V4V 


X 


X 


X 


X 


X 


5 


SM 




X 


X 


X 




3 


V" 




X 








1 


V»4 


X 


X 


X 






3 



I lür Zwang, Macht, Unterwerfung 

I * regen alles, was als fremd empfunden wird. 

I .< -^en Schönheit und Genuß 
I Mißgunst, Futterneid 
'» Zu kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 
i. Ein guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt. 

kt rächtet man die Existenz eines Michel-Syndroms als durch die Ska- 
I. n verifiziert und benutzt man sie mit dem nötigen Vorbehalt als 
M< Kilistrumente, so sind auch grobe Angaben über die Verbreitung 
dti diversen, von den Sub-Skalen erfaßten Komponenten möglich. 
I h» Skalenmittelwerte, die schon genannt wurden, liegen sämtlich 
oberhalb des neutralen Punkts, und wenn man einer errechneten 
Summenvariablen das ursprüngliche Bewertungsschema zugrundelegt 
i malog zum Verfahren bei der Teilskala >Meinungsbarometer<), dann 
irgibl sich die folgende Häufigkeitsverteilung: 

Libelle 39 



SUB 1 SUB 2 SUB 3 SUB 4 SUB 5 SUB 8 



«idirkr Ablehnung 
.... ulcre Ablehnung 
1 1 1 nit;i' Ablehnung 


4,6% 
4,5% 
13,0% 


10,3% 
11,4% 
13,0% 


9,3% 
9,6% 
16,5% 


8,5% 
6,9% 
13,1% 


4,4% 
9,0% 
11,4% 


3,8% 
5,4% 
11,3% 


'tumme Ablehnung 


22,1% 


34,7% 


35,4% 


28,5% 


24,8% 


20,5% 


1 1 1 Inge Zustimmung 
mittlere Zustimmung 
gro6e Zustimmung 


16,2% 
35,9% 
25,7% 


23,1% 
23,0% 

1V% 


21,9% 
26,4% 
16,3% 


16,4% 
28,4% 
26,7% 


21,7% 
29,9% 
23,6% 


18,6% 
35,0% 
25,8% 


1 me Zustimmung 


77,8% 


65,3% 


64,6% 


71,5% 


75,2% 


79,4% 




100,0% 


100,0% 


100,0% 


100,0% 


100,0% 


100,0% 



SU Ii 1: Für Zwang, Macht, Unterwerfung 

M W\ 2: Gegen alles, was als fremd empfunden wird. 

|1 )U 3: Gegen Schönheit und Genuß 

SUB 4: Mißgunst, Futterneid 

SUB 5: Zu kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 

SU Ii 8: Ein guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt. 



231 



Die Mehrheitsverhältnisse könnten kaum deutlicher sein, und ei ifl 
ein schwacher Trost, daß die Zustimmung etwas geringer ausfällt .ml 
den Sub-Skalen Nr. 2 und Nr. 3, die empfindlicher als die anderen da* 
psychodynamische Potential des Autoritären registrieren, seine Pro 
duktivität bei der Hervorbringung von Symptomen. Mit diesem 
Hinweis ist freilich auch schon wieder die Aussagekraft der Zahlen 
relativiert, weil bei den Sub-Skalen die internen Korrelationen noch 
wichtiger sind als der Gesamtpunktwert, und es bleibt dabei: I >n 
Empirie ist eine nützliche Sache, das Urteil über den Zustand 6m 
Gesellschaft ersetzen kann sie nicht. 



Interpretation der Konsens-Skala 

7. Sich ausleben und alle Fesseln der Zivilisation abstreifen oder 

die Sehnsucht nach der verstaatlichten Hemmungslosigkeit 
Die Konsens-Skala wurde schon im Tabellenteil aufgelistet, wo ni 
gleichsam bei der Nachlese entstanden war, sie enthält lauter Sätze, 
die nach den Regeln der empirischen Sozialforschung nichts taugen, 
weil ihre Trennschärfe zu gering ist. Einer der Flops war auch Satt 
Nr. 55 gewesen, der mit einem Trennschärfewert von 0.96 den viert 
letzten Platz belegt und sogar den drittletzten, wenn man die Item 
Total-Korrelation (0.2348) heranzieht: 

55. Jeder unverklemmte Mensch hat das Bedürfnis, manchmal alle 
Fesseln der Zivilisation abzustreifen und sich richtig auszuto- 
ben. 

Der Mittelwert für diesen Satz ist 5.14, und die Häufigkeitsverteilung 
zeigt folgendes Bild: 



in Prozent 


V55 




starke Ablehnung 


7,6% 


mittlere Ablehnung 


5,9% 


geringe Ablehnung 


9,5% 


keine Meinung 


0,4% 


geringe Zustimmung 


24,4% 


mittlere Zustimmung 


23,0% 


große Zustimmung 


29,3% 


Zusammen 


100,0% 



An Zustimmung hat es also dieser Behauptung nicht gefehlt, nur kam 
der Applaus bedauerlicherweise von allen Seiten, die Highscorcr 
waren mit dem Satz zufrieden, die Lowscorer waren es auch. Das 
hieß nun, daß die ZaJUen nicht zum Schema paßten, denn eine zen- 
trale Annahme dieaer Studie war, daß der Faschistoide hier unter spe- 



232 



ifl« her Unfähigkeit zur Sublimierung leidet, daß für ihn kein dauer- 
h tftes, weil befriedigendes Arrangement zwischen seinen Bedürfnis- 
•n und den Lebensformen einer Gesellschaft existiert, welche das 
Zivilisieren der Triebe zu einer Voraussetzung ihrer Entfaltung 
BUM ht Alle Regeln und Konventionen, so wurde argumentiert, wer- 
II ii von ihm als Fesseln empfunden, er kann es gewissermaßen der 
Welt nicht verzeihen, daß sie ihn aus seinen Windeln vertrieb. Und 
. ii mit der Kontrolle über seine Ausscheidungsfunktionen alle wei- 
.... Mühsal begann - er mußte Kleider tragen, lesen und schreiben 
I« . nen, mit Gabel und Messer essen usw. -, schlummert ganz tief in 
.Inn das unstillbares Bedürfnis, die endlose Kette seiner Niederlagen 
U i Beben und dabei wieder ganz er selber zu werden, der, der er in 
A n Windeln war. 

/ war stellt der bürgerliche Sozialcharakter grundsätzlich ein labiles 
Gel »ilde dar, und wie das einzelne Subjekt jederzeit und besonders im 
Uter zerfallen kann - sein moralisches Bewußtsein wie seinen Ver- 

I verlieren und auf prägenitale Stufen seiner Triebentwicklung 

regredieren -, so liebäugelt die bürgerliche Gesellschaft insgesamt 
i . i Kousseau periodisch immer wieder damit, ihre eigene Zivilisation 
, . gen Verhältnisse einzutauschen, auf deren Überwindung stolz zu 
■ in sie zugleich behauptet. Die Angst vor dem Chaos und die Sehn- 
... In nach ihm gehören ebenso zu den Invarianten des abendländi- 
hen Gemüts wie die Geringschätzung alles Bürgerlichen durch die 
Bürger selbst, die deshalb als prospektive > Aussteigen die Wilden 
odei gekrönte Häupter, Schwerverbrecher, Tyrannen und Generäle 
Uw undern. 

M.»£ sein, daß solche Ambivalenz unvermeidlich in einer Gesell- 

hafl ist, die sich auf dem Prinzip des gerechten Tauschs gegründet 
,-l.mht und die es insgeheim doch weiß, daß der gerechte Tausch die 
unj-rivchtfertigte Aneignung unbezahlter Mehrarbeit impliziert. 
|( dcnfalb korrespondiert der Verachtung des Bürgerlichen durch die 
Bürger selbst der unbestreitbare Sachverhalt, daß ihre vermeintlich 
iiiii .iuf dem Prinzip des freiwilligen und friedlichen Warentauschs 
luMcrende Gesellschaft zugleich eine ist, welche ohne Gewaltverbre- 
l In n (Kreuzzüge und Eroberung Südamerikas) nie entstanden wäre, 
reiche sicn onne nackten Raub (in den Kolonien) nicht hätte erhal- 
i.n können, welche ohne Ausbeutung (Aneignung unbezahlter 
Mi hrarbeit) nicht funktionieren würde und welche es längst nicht 
mehr j;äbe, wäre sie bei Bedarf nicht stets von Personen gerettet wor- 
Otn, die besser als die Menschenrechte die Kniffe kennen, wie man 
■inen Gefangenen zum sprechen bringt. 

Alulog zur bürgerlichen Gesellschaft selber, welcher das keines- 
p nur Lippenbekenntnis bleibende, sondern durchaus tatkräftig 
(M.ikii/ierte Leugnen ihrer Voraussetzungen zu beispiellosem Erfolg 

. .half, mit dem Effekt, daß die demokratisch regierten Nationen 



233 



über alle Gesellschaften dominierten, in welchen die Aneignung des 
Mehrprodukts noch nicht, wie in den Kolonialgebieten, oder nicht 
mehr, wie in Nazi-Deutschland, durch den Markt vermittelt war, 
analog zur bürgerlichen Gesellschaft also, deren Erfolgsgeheimnis die 
Ablehnung des Gewaltverhältnisses ist, worauf sie beruht, bezieht 
das bürgerliche Subjekt sein Leistungsvermögen aus der Zurückwei- 
sung eben der Triebe, die es wesentlich bestimmen. 

Wie der Analcharakter zum Schrittmacher für Hygiene, die selber 
keine Marotte, sondern durchaus nützlich ist, vor allem deshalb 
wurde, weil er immer putzen muß, um einerseits unter einem akzep- 
tierten Vorwand seinem geliebten Dreck nahe zu sein und um ande- 
rerseits das ihn reizende und zugleich quälende Objekt seiner verbo- 
tenen Begierde zu vernichten, so drückt generell die Asozialität, die 
in der Seele eines jeden Bürgers schlummert, sich in Reaktionsbildun- 
gen auf sie aus, in Straf- und Verfolgungswünschen, welche die Art 
der Beschäftigung mit Dingen oder Personen sind, die man nicht lie- 
ben darf und von denen man doch nicht lassen kann. Solange die aso- 
zialen Triebe wirksamer Kontrolle unterworfen sind, ist ihre Befrie- 
digung nur auf Umwegen möglich, wer töten will, muß einen Mör- 
der zur Strecke bringen, wer sich im Schmutz suhlen mag, muß zum 
Scheuerlappen greifen oder auf der Müllkippe nach Giftstoffen fahn- 
den, »Freude an Grausamkeiten ist der am Schmutz eng ver- 
wandt«." 

Weil der Bürger das Vernünftige aus Leidenschaft tut, tut er es ei- 
nerseits zwar besonders gründlich, und gerade die von ihm selbst ver- 
leugnete Triebhaftigkeit seiner Vernunft macht ihn anderen Sozial- 
charakteren überlegen. Andererseits aber besteht die Gefahr, daß die 
Reaktionsbildung selber die Form des unkontrollierten Exzesses 
annimmt, den sie verhindern soll, dann beispielsweise, wenn aus Poli- 
zeibeamten in Todesschwadronen organisierte Killer werden. Wie 
das Sammeln und Ordnen Derivate der analen Lust am Kot sind, und 
wie triebhafte Sammelwut und Ordnungsliebe bisweilen gigantische 
Müllberge produzieren, wie also der Trieb und die Reaktionsbildung 
auf ihn partiell miteinander verschmelzen, so zeichnet die bürgerli- 
che Gesellschaft skh generell dadurch aus, daß das Gewaltverhältnis 
und dessen Zurückweisung temporär unmittelbar zusammenfallen 
können, im Verhältnis zu Dritten, wenn beispielsweise den Wilden 
die abendländische Kultur nähergebracht werden muß, aber auch im 
Inneren, wenn es die freiheitliche Ordnung gegen ihre Feinde zu ver- 
teidigen gilt. 

Exemplarisch hat Marx in Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte die 
Transformation der Demokratie wie einen Prozeß beschrieben, der 
nur seiner immanenten Logik folgt. Alle Prinzipien der bürgerlichen 
Gesellschaft, alle Bürgertugenden schlagen, wenn sie auf die Spitze 
getrieben werden, um in ihr exaktes Gegenteil, der siegreiche Kampf 



234 



Im Recht und Ordnung bringt die Räuberbande an die Spitze und 
den plündernden Mob an die Macht: »Jede Forderung der einfachsten 
bürgerlichen Finanzreform, des ordinärsten Liberalismus, des for- 
malsten Republikanertums, der plattesten Demokratie, wird gleich- 
zeitig als >Attentat auf die Gesellschaft bestraft und als >Sozialismus< 
^•brandmarkt. Und schließlich werden die Hohepriester der >Reli- 
i 1 n in, der Ordnung< selber mit Fußtritten von ihren Pythiasstühlen 
\ « i jagt« bei Nacht und Nebel aus ihren Betten geholt, in Zellenwagen 
gl steckt, in Kerker geworfen oder ins Exil geschickt, ihr Tempel 
« ird der Erde gleichgemacht, ihr Mund wird versiegelt, ihre Feder 
erbrochen, ihr Gesetz zerrissen, im Namen der Religion, des Eigen- 
iii ms, der Familie, der Ordnung. Ordnungsfanatische Bourgeois auf 
ihren Baikonen werden von besoffenen Soldatenhaufen zusammen- 
geschossen, ihr Familienheiligtum wird entweiht, ihre Häuser wer- 
den zum Zeitvertreib bombardiert - im Namen des Eigentums, der 
Familie, der Religion, der Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen 
< .« sollschaft bildet schließlich die heilige Phalanx der Ordnung, und 
I leid Crapülinsky zieht in die Tuilerien ein als »Retter der Gesell- 
Khafu«* 

Wenngleich also die bürgerliche Gesellschaft grundsätzlich eine ist, 
die jederzeit regredieren kann auf die Voraussetzungen, unter denen 

i. entstanden war und unter denen sie sich erhält, und wenngleich 
ein bestimmtet Quantum Ambivalenz überall anzutreffen ist, so 
M heint es in manchen Ländern den Menschen doch eher gelungen zu 

ein, sich mit der Zivilisation zu versöhnen, während in anderen Län- 
dei n, in Deutschland zumal, wo fast alle Flüche und viele Sprachbil- 
dei der Analität verhaftet sind, die Normalität eher wie ein befriste- 
t« i Waffenstillstand wirkt, wie eine Verschnaufpause, während wel- 
i her ein nur vorübergehend gedämpfter, aber nicht wirklich 
überwundener triebökonomischer Revanchismus seine Kräfte sam- 
melt. 

Unerwartet bot sich dann während der Arbeit an dieser Studie 
I lelegenheit, den triebökonomischen Revanchismus einmal in voller 
Aktion zu erleben. Der Sieg der bundesdeutschen Nationalmann- 
N hart bei der Fußballweltmeisterschaft Anfang Juli 1990 in Rom 
Inline zu einem nächtlichen Volksauflauf, bei dem es teilweise zu 
pogromartigen Aktionen gegen Ausländer kam, besonders dann, 
wenn sie ihrer Hautfarbe wegen als solche kenntlich waren. Außer- 
I. in bekamen dabei viele Autos Beulen ab, deren Lack unter Nor- 
nulbedingungen von ihren Besitzern notfalls mit der Waffe verteidigt 
wiul. Während sonst jedoch jede ramponierte Karosserie ein Anlaß 
im, die Missetäter in den Medien als Chaoten, Vandalen, Terroristen 
und Zerstörer der staatlichen Ordnung zu beschimpfen, war das 
I i ho diesmal freundlich bis überschwenglich, BILD beispielsweise 
berichtete in der Ausgabe vom 10. Juli unter dem Titel »So feierten 



235 



die Fans«: »Berlin: Am Alexanderplatz drüben die Sprechchöre der 
DDR-Fans: >Wir sind Deutschland, wir sind Weltmeister.* Trabi- 
Fahrer mit Champagner-Flaschen. Die O,0-Promille-Grenze drüben 
- in dieser Nacht aufgehoben, vergessen. Hamburg: Auf der Reeper- 
bahn Volksfest paradox: Liebesmädchen schunkeln mit Polizisten. 
Flaschen wandern von Hand zu Hand - die längste Theke der Welt. 
Köln: Feiernde tanzen über Autos - keinen stört's. Düsseldorf: Die 
Altstadt kocht. Das Altbier strömt. Ein Mädchen reißt sich die Bluse 
auf - schwarz-rot-gold sind ihre Brüste bemalt. Rubrgebiet: In Siegen 
(Sauerland) ist die Sperrstunde aufgehoben. Doch schon um Mitter- 
nacht gab's bei >Duffel<-Wirt Rolf kein Bier mehr - alles im Siege- 
staumel leergetrunken. Frankfurt' Feuerwerk bis zum Morgen, in vie- 
len Kneipen Freibier. Auf dem Opernplatz Männerstriptease: Drei 
ganz nackt. Kein Polizist greift ein. In dieser wunderbaren Nacht war 
alles erlaubt.« 

Wie in Marxens Interpretation des 18. Brumaire schlägt sich die 
Partei der Ordnung hier plötzlich auf die Seite der Gesetzlosigkeit, 
sie jubelt den Massen zu, die als besoffener, gröhlender Mob die Stra- 
ßen beherrschen, und im Augenblick, wo die Diktatur des Pöbels 
Wirklichkeit wird, zeigt es sich, daß die Zwangsvorstellung des deut- 
schen Bürgers zugleich seine Sehnsucht war - der letzte Satz der 
zitierten Passage ist im Original fettgedruckt. Die Angst vor dem 
Pöbel und dem Chaos, die grundlos oder aus nichtigem Anlaß 
beschworen wurde, wenn linke Demonstranten sich zum vernünftig 
begründeten Protest versammelten, entpuppt sich als ein Gefühl, 
welches seine Berechtigung hauptsächlich in den vorerst noch ver- 
leugneten Wünschen derer findet, die unter ihr zu leiden meinen. 

Keineswegs blieb die Sympathie für den Mob auf das Massenblatt 
beschränkt, dem man als Motiv Berechnung unterstellen könnte, inso- 
fern es auf die Kundschaft Rücksicht nehmen muß, sondern auch am 
anderen Ende der Bildungs- und Einkommensskala, im Feuilleton der 
FAZ (ebenfalls Ausgabe vom 10. Juli), wurde das ordinäre Spektakel 
gefeiert, mit einem Text, der ein Nietzsche-Zitat an den Anfang stellt, 
und der eine gute Vorstellung davon vermittelt, wie es seinerzeit 
geklungen haben muß^als humanistisch gebildete deutsche Universi- 
tätsprofessoren und Gymnasiallehrer sich den passenden Reim auf 
Hitler und die SA zu machen versuchten. >Ballzauber< hieß der ganz- 
seitige Zweispalter, dem die folgende kleine Kostprobe entnommen 
ist: 

»>Wie verändert sich plötzlich jene so düstere Wildnis unserer 
ermüdeten Kultur, wenn sie der dionysische Zauber berührt! Ein 
Sturmwind packt alles Abgelebte, Morsche, Verbrochene, Verküm- 
merte, hüllt es wirbelnd in eine rote Staubwolke und trägt es wie ein 
Geier in die Lüfte. < Den deutschen Siegesjubel mit Nietzsches eupho- 
rischen Worten zu beschreiben scheint unangemessen. Und doch 



236 



gehen in Deutschland innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal die 
Menschen auf die Straßen, um zu feiern. Und doch ist es ein bloßes 
Spiel, gewonnen im fernen Rom, das einem ganzen Volk das freudige 
IW wußtsein seiner selbst gibt, in dem historischen Moment, da es im 
Itegriff ist, wieder ein Volk zu werden. (...) Und darum ist Nietz- 
sches Wort vom dionysischen Zauber« auch nicht zu hoch gegriffen.« 

Auf die in allen Schichten und Klassen anzutreffende und deshalb 
durchaus deutsche Neigung, sich die Kleider vom Bierbauch zu rei- 
ßen und für ein Wunder der Natur oder für eine Offenbarung des dio- 
nysischen Zaubers zu halten, was dabei zum Vorschein kommt - dar- 
auf also zielte der Satz Nr. 55, an dem noch hervorzuheben ist, daß 
er offenbar von jedermann verstanden wurde (nur 0.4% Auslassun- 
gen), obwohl ein normaler Mensch, wenn er kein Fachmann für Ideo- 
Ingiekritik, sondern Laie ist, eigentlich fragen müßte, was mit dem 
»Abstreifen aller zivilisatorischen Fesseln« und dem »Sich-richtig- 
Ausleben« gemeint sein soll. 

Weil dieser Satz einerseits überwiegend Zustimmung erhielt und 
weil er andererseits nur sehr schwach mit der M-Skala korreliert, 
drückt er offenbar eine Grundstimmung der Bundesdeutschen aus, 
unabhängig davon, welcher politischen Uberzeugung sie anhängen 
und wie groß ihre Sympathien für einen neuen Faschismus als 
I u mütsbewegung im übrigen schon sind. Nicht geklärt war damit 
K hon, welches die politische Bedeutung dieser Grundstimmung sein 
und welche Funktion bei der Herausbildung eines autoritären Syn- 
droms sie besitzen könnte. 

Deshalb wurde die Frage gestellt, wie sich der Wunsch nach dem 
Abstreifen aller zivilisatorischen Fesseln eigentlich mit einer ganzen 
Reihe von Forderungen verträgt, welche diesem Wunsch zuwiderlau- 
fen. Solche Forderungen waren in der Sub-Skala Nr. 1 unter dem Titel 
»Für Zwang, Macht, Unterwerfung - gegen Freiheit in jeder Form« 
zusammengefaßt. Diese Sub-Skala korreliert zwar mit Satz Nr. 55 nur 
sehr schwach (0.1347), wichtiger aber ist in diesem Fall, daß die bei- 
den keine starke negative Korrelation aufweisen, einen Wert von -0.7 
beispielsweise, obgleich sie einander ausschließen müßten. Deutlicher 
noch wird der Widerspruch durch das folgende kleine Zahlenspiel: 
Personen, die sowohl auf die Sub-Skala als auch auf Satz Nr. 55 mit 
Zustimmung reagieren (Wert > 4), werden zu einer Gruppe zusam- 
mengefaßt, und es zeigt sich, daß diese Gruppe genau 60 Prozent der 
IWfragten umfaßt. Auf die präzisere Frage, wie groß unter den Ent- 
hemmungswilligen der Anteil derer ist, die mehr Macht und Zwang 
wünschen, so lautet die Antwort 78,3 Prozent. 

Weist man die Maschine an, alle Sätze auszuwerfen, mit welchen die 
insgesamt schwach korrelierende Variable Nr. 55 noch am höchsten 
korreliert (r > 0.2), so erhält man eine Liste, aus der nur geschlußfol- 
prt werden kann, daß der Wunsch nach dem Sich-Ausleben und dem 



237 



Abstreifen aller zivilisatorischen Fesseln mit Anarchismus jedenfalls 
nichts zu tun hat: 

7. Das Leben war früher härter als heute, aber dafür war es am Ii 
natürlicher und gesünder. (0.22) 

8. Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht über 
vorteilt oder ausgenützt. (0.24) 

18. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, vertagen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führuni: 
(0.2008) h ' 
32. Was den Deutschen neben einer echten Zukunftsvision fehlt, 
ist ein großes, machtvolles Gefühl von Zusammengehörigkeit 
und Gemeinsamkeit. (0.2009) 
51. Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 

Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. (0.24) 
Wählt man nun jene Personen aus, denen Item Nr. 55 mehr oder min- 
der stark aus dem Herzen sprach, und prüft man dann, wie viele von 
ihnen einen der gerade aufgelisteten Sätze ebenfalls richtig finden, so 
ergibt das beispielsweise für Satz Nr. 7 eine Quote von 82.0 Prozent, 
für Satz Nr. 18 eine Quote von 82.3 und für Satz Nr. 32 eine Quote* 
von 58.2 Prozent. 

Wenn aber eine deutliche bis überwältigende Mehrheit derer, die 
sich ausleben möchten, zugleich fürs harte Leben in einem mächtigen 
Staat unter einer starken Regierung plädiert, so liegt es nahe, auf den 
Inhalt der Triebe und Wünsche zu schließen, die ein Bundesbürger 
sich einstweilen noch verkneifen muß und die deshalb seine Sehn- 
sucht nach der Hemmungslosigkeit beflügeln. Offensichtlich sind 
diese Triebe und Wünsche so beschaffen, daß nur ein Staat sie befrie- 
digen kann, der seine Untertanen nicht schont und der sie für die 
erlittene Härte, die sie spüren wollen, mit der Beteiligung an seinen 
Hemmungslosigkeiten entschädigt. 

Keineswegs einfach als Ausdruck pazifistischer Gesinnung sind des- 
halb die Zahlen zu interpretieren, die vom ZDF-Politbarometer Ende 
August 1990 veröffentlicht wurden: 77 Prozent der Westdeutschen 
lehnten demnach eine Beteiligung der Bundeswehr an der im Golf 
zusammengezogenen internationalen Streitmacht ab, während in den 
USA zum gleichen Zeitpunkt 80 Prozent der Befragten für die Trup- 
penprasenz votierten. Vielmehr drückten solche Zahlen ebenso wie 
die Zwischentöne in den Kommentaren zur amerikanischen Reaktion 
auf den irakischen Blitzkrieg und wie die unterschwellige Kommen- 
tierung in der Nachrichtengebung Unverständnis und Unwillen aus: 
Was war schon dabei, wenn der Stärkere sich nahm, was er wollte, und 
war es nicht gleichsam wider die Natur, das Naturrecht des Stärkeren 
auf Selbstbedienung durch die Gesetze eines zivilisierten Zusammen- 
lebens der Nationen einschränken zu wollen? Und war die Koalition 
der Gesetzeshüter mit den USA, England und Frankreich an der 



238 



Spitze nicht dieselbe, die seinerzeit die Deutschen um den Sieg im 
Blitzkrieg gegen Polen prellte? Tief empfunden, wenngleich ambiva- 
lent, müssen die Sympathien für den irakischen Diktator und seine 
Politik der Hemmungslosigkeit gewesen sein, ebenso ambivalent wie 
die (iefühle, welche die Bundesbürger mit dem berühmtesten deut- 
. hen Staatsmann verbinden, mit Hitler nämlich, als welcher Saddam 
Hussein hier beschimpft wurde von einer Boulevardpresse, die es 
m. hl begriff oder die es nur zu gut begriff, daß jeder ihrer Schmähar- 
tikel unterschwellige Sympathiewerbung für den offiziell Verfemten 
war. 

Nebenbei zeigte die Golfkrise auch, welchen Niederschlag der 
bereits erwähnte WM-Sieg der bundesdeutschen Nationalelf im 
Ut wußtsein der Bürger gefunden hatte. Einer der in Bagdad festgehal- 
lenen Deutschen meinte im dort aufgezeichneten und am 28. 8. in der 
I l.mptnachrichtensendung ausgestrahlten RTL-PLUS-Interview, nach- 
dem Waldheim die Österreicher rausgeholt habe, werde es für eine 
ähnliche Initiative seitens der Bundesrepublik Zeit. Eigentlich käme 
Weizsäcker dafür in Frage, weil er unter den Politikern der geschickte- 
i. und der am meisten geachtete sei, aber noch schöner wäre es, wenn 
.der Franz< - Franz Beckenbauer war gemeint - mit einer Ladung 
WM-T-Shirts eingeflogen käme, die festgehaltenen Deutschen rausho- 
len würde und sie alle dann im WM-Dreß in der Heimat landen. 
I Iiiversehens war der Nationaltrainer, der die Argentinier vom Platz 
gejagt hatte, zum mit übernatürlichen Kräften begabten Retter und 
Führer geworden, unter dessen Regiment die Siege möglich wären, die 
auszukosten den Landsleuten vorschwebt, wenn sie sich ausleben und 
alle Fesseln der Zivilisation abstreifen wollen, jene Fesseln der Zivili- 
sation zumal, die vom Menschen ein Minimum an Solidarität mit sei- 
nen Leidensgefährten verlangen, mit den Geiseln anderer Nationalität 
in diesem Fall, die dem deutschen Schurken mit dem verblödeten 
I lim und dem infantilen Gemüt keinen Gedanken wert waren. 

//. Die Drahtzieher hinter den Kulissen oder der Argwohn 

als verbrämtes antidemokratisches Ressentiment 
Den zweiten Platz auf der Beliebtheitsskala nimmt Satz Nr. 51 ein, 
■ein Mittelwert beträgt 6.22. Trennschärfe T (0.87) und Inter-Item- 
Korrelation r (0.26) zeigen, daß die ihm entgegengebrachte Sympathie 
eine parteiübergreifende ist, und der Liebling der Massen heißt: 

51. Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 
Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. 



239 



in Prozent 


V51 




starke Ablehnung 


0,7% 


mittlere Ablehnung 


2,6% 


geringe ADiennung 


3,3% 


keine Meinung 


0,0% 


geringe Zustimmung 


U.4% 


mittlere Zustimmung 


24,9% 


große Zustimmung 


57,2% 




100,0% 



Die Häufigkeitsverteilung bestätigt die schon genannten Werte, nur 
6.6 Prozent der Befragten lehnen den Drahtzieher-Satz ab, der in der 
Tat ein legitimes Bedürfnis nach Abwechslung und Unterhaltung aus- 
drücken würde, wäre er etwas anders formuliert. Langweilig, wie die 
übrigen Zeitungsmeldungen meist sind, würde man einfach aus Neu- 
gier doch gern genauer wissen, wo Stoltenberg stand, als Barschel in 
die Badewanne fiel, und ob es die Nukem-Affäre, die irakische 
Giftgas-Affäre, die libysche Giftgas-Affäre oder die U-Boot-Affäre 
war, von welcher der Tote mehr wußte, als ihm letzten Endes gut tat. 
Es stimmt, daß jeder normal sensationslüsterne Bürger hier unter dem 
Mangel an investigativem Journalismus zu leiden hat, unter TV- 
Reportern, die auf der Jagd nach Bildern ungefähr soviel Talent bewei- 
sen wie ein mittelmäßig begabter Standfotograf, unter Zeitungsredak- 
teuren, nach deren Meinung ein heißes Eisen auf Eis zu legen ist. 

Die Frage war also, ob der Satz vielleicht in diesem Sinne verstan- 
den worden war, und die Antwort darauf lieferte ein anderer Skalen- 
satz, der Satz Nr. 39: 

39. Presse und Fernsehen neigen dazu, mit ihrer verantwortungslo- 
sen Kritiksucht alles Gute und Schöne in den Schmutz zu zie- 
hen. 

Wer den regierungsfrommen bundesdeutschen Verlautbarungsjourna- 
lismus nicht mag und lieber den aggressiven amerikanischen Enthül- 
lungsjournalismus hätte, wer überhaupt der Meinung ist, die vielen 
nur angedeuteten krummen Dinge im politischen Leben der Bundes- 
republik gehörten einmal ins grelle Scheinwerferlicht gerückt, der 
muß durch diesen Satz seinen Verstand beleidigt fühlen und ihn des- 
halb in der schärfsten Form ablehnen. Das aber taten die Argwöhni- 
schen nicht, sondern 57.1 Prozent derer, welche die Öffentlichkeit 
hinters Licht geführt wähnen, rügen zugleich die verantwortungslose 
Kritiksucht der Presse. Rechnet man den Zustimmern auch jene zu, 
die keine starke Ablehnung (1), sondern nur abgemilderte (2 oder 3) 
äußern, so stellt man fest, daß 86.1 Prozent der Argwöhnischen nicht 
bereit dazu sind, mit aller Entschiedenheit den Vorwurf zurückzuwei- 
sen, die Presse hier leide unter übermäßiger Kritiksucht. 



240 



Wenn der Drahtzieher-Satz also nicht in dem Sinne verstanden wor- 
den war, den man ihm wohlmeinenderweise unterstellen könnte, 
dann mußte er seine Beliebtheit der Tatsache verdanken, daß man 
ebensogut oder noch besser andere Bedeutungen auf ihn projizieren 
kann. Das Wort von den »wirklichen Drahtziehern hinter verschlosse- 
nen Türen« suggeriert beispielsweise, die wichtigen Entscheidungen 
würden von grauen Eminenzen unter Ausschluß der Öffentlichkeit 
getroffen und obendrein dem Publikum nicht bekannt gemacht, und 
es rechtfertigt präventiv schon die deutsche Standardausrede, die Flos- 
kel »wir sind von denen da oben betrogen worden und haben von 
allem nichts gewußt«. Der ganze Satz stellt also eine Art Entlastungs- 
lüge dar, insofern tatsächlich jede wichtige Entscheidung, betreffe sie 
nun die beabsichtigte Änderung des Grundgesetzes in der Asylrechts- 
frage oder die deutschlandpolitischen Ambitionen der Bundesregie- 
rung, dem Publikum nicht nur bekannt gemacht, sondern ihm von 
den hiesigen elektronischen Medien förmlich eingehämmert wird. 
Desgleichen mag der schleppende Gang der Ermittlungen in den 
/ahlreichen Affären die legitime Neugier und das legitime Sensations- 
I Bedürfnis des Bürgers unbefriedigt zwar lassen - uninformiert bleibt 
er dabei nicht, und für die politischen Konsequenzen, die er als Wäh- 
ler ziehen kann, dürfte es von zweitrangiger Bedeutung sein, ob bei- 
spielsweise Stoltenberg im strafrechtlichen Sinn so viel nachgewiesen 
wird, daß er um ein paar Jahre Haft nicht herumkommt. 

Wie das Wort von den »wirklichen Drahtziehern« die Bürger 
zugleich entmündigt und entlastet, so figuriert darin die offizielle 
Regierung als Institution ohne Verantwortung und ohne Macht, 
eigentlich als Marionettenregierung, hinter der sich die wahren 
Machthaber verstecken, die anonymen Gestalten mit den dunklen 
Absichten und dem langen Arm, die Einflußreichen hinter den Kulis- 
sen, welche die Fäden ziehen und im Trüben fischen. Der Form, nicht 
dem Inhalt nach ist dies Hirngespinst mit der Wahnidee von der jüdi- 
schen Weltverschwörung schon identisch, hier wie dort sind die Per- 
sonen der Handlung a) ein unwissendes, betrogenes Volk, b) eine 
schwache, machtlose Regierung und c) ein im Verborgenen operieren- 
der übermächtiger Feind, von dem einstweilen nur die Eingeweihten 
wissen, zu denen sich freilich jeder zählt. Weil die »wirklichen Draht- 
zieher« nicht identisch mit den faktischen Regierungsmitgliedern 
sind, die auch keine Fäden im Hintergrund ziehen müßten, sondern 
offen und ehrlich kommandieren und anordnen könnten, wäre die 
schärfere Kontrolle der Exekutive durchs Parlament genau das falsche 
Mittel, denn nicht auf eine Schwächung der Regierung, sondern auf 
ihre Stärkung kommt es an. Stark muß sie werden, um den »wirkli- 
chen Drahtziehern« das Handwerk zu legen, und deshalb wiederum 
arbeitet die Presse eigentlich nur den »wirklichen Drahtziehern« in 
die Hände, wenn sie mit ihrer hemmungslosen Kritiksucht die Regie- 



241 



rang verächtlich macht. Das Schlimme an den »wirklichen Drahtzie- 
hern« ist nicht, daß sie Macht ausüben oder daß diese Macht keiner 
demokratischen Kontrolle unterworfen ist, sondern daß man diese 
Macht nicht oder zumindest nicht schmerzhaft genug zu spüren 
bekommt: Sie kommandieren nicht, sie brüllen nicht, sie schlagen 
nicht. Sie ähneln den teuflischen Viren, Strahlen, Giften und anderen 
Gefahren, die unheimlich und verwerflich vor allem deshalb sind, 
weil man unter ihrer schädlichen Wirkung nicht leidet. Sie enthalten 
den Landsleuten vor, was diese am meisten wollen, weil der autoritäre 
Masochist alles erträgt, aber kein weiches Brot und keinen Herrn, der 
ihn weder demütigt noch quält. 

Als schmeichelhaft kann man dergleichen Spekulationen zugegebe- 
nermaßen nicht bezeichnen, und es ist deshalb ein kurzer Hinweis auf 
ihren Status angebracht: Möglich und nötig wurden sie, weil die wohl- 
meinende Erklärung für die außergewöhnliche große Beliebtheit des 
Drahtzieher-Satzes sich empirisch nicht verifizieren ließ, weil die Zah- 
len eine wohlmeinende Deutung sogar förmlich ausschlössen. Der 
Forscher bekam dadurch nicht nur freie Hand, sondern er mußte sich 
etwas einfallen lassen, und das tat er dann. 

Nicht beantwortet ist damit freilich auch schon die Frage, ob nun 
die Spekulationen, zu denen der Forscher sich genötigt sah, sich dies- 
mal durch die Zahlen würden bestätigen lassen. Zur Probe aufs Exem- 
pel wurde auch diesmal wieder die Maschine angewiesen, alle Sätze 
auszudrucken, mit denen der insgesamt schwach korrelierende 
Drahtzieher-Satz noch am besten (r > 0.2) korreliert. In der folgen- 
den Liste sind es vor allem die Sätze Nr. 4 und Nr. 18, die den Speku- 
lationen einige Plausibilität verleihen. 

4. Unseren Politikern fehlt das Format, sich zugunsten des 
Gemeinwohls gegen Interessengruppen wie Gewerkschaften 
oder Unternehmer durchzusetzen. (0.2677) 

12. Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 
(0.3185) 

18. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 
(0.2166) 

35. Einer der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 
den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 
übernommen haben. (0.2533) 

37. Wenn jemand an UFOs, an die Seelenwanderung oder die Wie- 
dergeburt glaubt, darf man ihn deshalb nicht verspotten. 
(0.2479) 

43. Im Leben gewinnt nicht der Bessere, sondern Erfolg hat, wer 
besonders rücksichtslos, raffiniert und gerissen ist. (0.2262) 



242 



50. Wer nicht buckelt, sondern ehrlich zu seiner eigenen Überzeu- 
gung steht, muß im Leben mit Nachteilen rechnen. (0.4007) 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.2202) 

55. Jeder unverklemmte Mensch hat das Bedürfnis, manchmal alle 
Fesseln der Zivilisation abzustreifen und sich richtig auszule- 
ben. (0.2370) 

Satz Nr. 4 deutet im Zusammenhang mit dem Drahtzieher-Satz dar- 
auf hin, daß unter den »wirklichen Drahtziehern«, die es auszuschal- 
ten gilt, eben die Interessengruppen verstanden werden, auf deren Exi- 
stenz die Demokratie substantiell beruht. Auf nichts weniger zielt 
eigentlich der Satz als auf die Einschränkung elementarer bürgerlicher 
1-reiheitsrechte, auf die Einschränkung der Gewerbefreiheit und der 
Koalitionsfreiheit. Satz Nr. 18 verstärkt diesen Eindruck, während 
der Antiamerikanismus-Satz (Nr. 35) ein weiterer Beweis dafür ist, 
daß die Argwöhnischen keineswegs auf demokratischere Verhältnisse 
und eine die Regierang schärfer kontrollierende Presse erpicht sind. 
I )ie Angst vor dem Ozonloch (Nr. 12) und den Zuwanderern (Nr. 52) 
schließlich zeigt im Verein mit der geforderten Toleranz gegen UFO- 
Paranoiker (Nr. 37), daß der Argwöhnische sich alle Optionen offen 
hält. Sein Kampf gegen das Eindringen von Hungerleidern ist einer 
lür die Menschlichkeit, weil hinter der Asylantenflut die Drahtzieher 
stecken, gewissenlose Organisationen von Schleppern und Menschen- 
händlern, in Friedenszeiten auch unter dem Namen Reisebüro 
bekannt. 

///. Das Öko-Syndrom: eine Denkform auf der Suche nach Inhalt 
Trotz kontinuierlich steigender durchschnittlicher Lebenserwartung, 
trotz Überalterung und Rentnerberg dominiert in der Bundesrepu- 
blik offenbar das Gefühl, man laufe Gefahr, vorzeitig eines vermeid- 
baren Todes zu sterben. Doch gilt die Sorge nicht dem Straßenver- 
kehr, der neben dem Selbstmord die größten Lücken in die Reihen 
der Zwanzig- bis Vierzigjährigen reißt, sondern gefürchtet wird ein 
unheimlicherer Feind. Auf leisen Sohlen pirscht er sich an sein arglo- 
ses Opfer heran, und während es sich noch in Sicherheit wähnt, ist 
es schon erledigt. Die Schadstoffe sind es, gewissermaßen die Asylbe- 
werber im Reich der Molekularbiologie, die über alle Grenzen hin- 
weg durch jede Körperöffnung dringen und, sind sie einmal einge- 
schleust, erst das langsame, unmerkliche Siechtum und dann den 
schnellen Tod bewirken: 



243 



48. Die steigende Zahl der Krebstoten beweist, daß uns die vielen 
chemischen Schadstoffe in Nahrung, Wasser und Luft allmäh- 
lich vergiften. (6.04) 



in Prozent 



V48 




starke Ablehnung 


1,7% 


mittlere Ablehnung 


3,3% 


geringe Ablehnung 


5,0% 


keine Meinung 


0,0% 


geringe Zustimmung 


12,7% 


mittlere Zustimmung 


23,7% 


große Zustimmung 


53,5% 




100.0% 



Genau 90 Prozent der Befragen meinen also, es sei nur noch eine 
Frage der Zeit, bis der schadstoffbedingte Krebstod sie alle dahinraffen 
werde. Die gegenteilige Erwartung freilich drückt ein anderer, eben- 
falls sehr beliebter Satz aus, der Satz Nr. 25. Er weissagt eine Bevölke- 
rungslawine, und weiter als bis drei zählen können braucht man 
nicht, um auf die Idee zu kommen, daß die beiden Sätze eigentlich 
nicht zwei Probleme formulieren, sondern ein Problem und eine 
Lösung. Ist die Bevölkerungslawine das Problem, so sind die Schad- 
stoffe schon dabei, ihr den nötigen Dämpfer zu verpassen. Betrachtet 
man die Schadstoffe als Gefahr für den Bestand der Menschheit, so 
liefert die Bevölkerungslawine den notwendigen Ausgleich für die 
erhöhte Mortalität. Die übliche Frage heißt nun: Wie viele derer, wel- 
che ihre schleichende Ausrottung durch die Schadstoffe fürchten, 
haben zugleich vor der Bevölkerungslawine Angst? Es sind genau 75.1 
Prozent, und auf 91.5 Prozent kommt man sogar, wenn man die Frage 
umdreht und ermittelt, wie viele derer, die sich um das Bevölkerungs- 
wachstum in den armen Ländern sorgen, zugleich die Dezimierung 
der Bundesrepublikaner durch Schadstoffe fürchten. 

Bewiesen ist mit der Gegenüberstellung und dem Zahlenspiel 
wenig, aber eines immerhin: Die Schadstoffphobie basiert nicht auf 
schwärmerischer, neurotischer Menschenliebe, die zwar überspannt 
und verdreht, aber auch sympathisch wäre, nicht auf der Vorstellung 
also, daß die Menschen nach Herzenslust leben, genießen und sich 
vermehren sollen, und jede Beeinträchtigung dieses obersten Ziels der 
Schöpfung stelle ein Unrecht dar, jedes noch so geringe vermeidbare 
Leid, auch der Abgasgestank, der die Nase belästigt, sei genau ein Leid 
zuviel. 

Schaut man sich die Liste der Sätze an, die mit dem schadstoffbeding- 
ten Krebstod höher als 0.25 korrelieren (die eingeklammerte Zahl ist 
der Wert für die Korrelation zwischen beiden Sätzen), so wird das 



244 



( .csamturteil vielleicht unfroh, bitter oder resigniert lauten, aber 
Anhaltspunkte für eine klare Zuordnung von Bedeutungsinhalten fin- 
det man kaum: 

7. Das Leben war früher härter als heute, aber dafür war es auch 
natürlicher und gesünder. (0.2732) 

8. Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht über- 
vorteilt oder ausgenützt. (0.2893) 

12. Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 
(0.4122) 

14, Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. (0.2696) 

17. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. (0.2773) 

20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 
paar Jahre Gefängnis. (0.2504) 

30. Wer aus der Reihe tanzt, will sich meistens nur wichtig 
machen. (0.2552) 

Einer der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 
den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 
übernommen haben. (0.2838) 
44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. (0.3156) 

Unter den Korrelationskoeffizienten ragt, wie dies zu erwarten war, 
der für den ozonlochbedingten Weltuntergang heraus, für Satz Nr. 12, 
der mit einem Mittelwert von 6.41 der absolute Super-Hit der ganzen 
Skala ist: 

12. Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 
(0.4122) 



245 



in Prozent 


V12 




starke Ablehnung 


1,3% 


mittlere Ablehnung 


2,3% 


geringe Ablehnung 


3,0% 


keine Meinung 


0,3% 


geringe Zustimmung 


6,9% 


mittlere Zustimmung 


13,4% 


große Zustimmung 


72,9% 


Zusammen 


100,0% 



Kein anderer Satz erreicht auch nur annähernd in der Kategorie 
»große Zustimmung« den gleichen Wert, bei keinem anderen Thema 
sind die Befragten einhellig ihrer Sache so sicher, nur eine winzige 
Minderheit von 0.3 Prozent Unentschlossenen erklärt sich für desin- 
teressiert oder inkompetent, obgleich 

- die Zusammenhänge, über die hier geurteilt werden soll, außeror- 
dentlich verwickelt und verwirrend sind selbst für den, der im 
Chemieunterricht bis zum Abitur mit guten Noten glänzte; 

- unter den Experten keineswegs Einigkeit besteht und manche 
sogar an eine ozonlochbedingte Verbesserung des Weltklimas glau- 
ben; 

- auch die Pessimisten unter den Experten die Öffentlichkeit mit 
immer neuen Computersimulationen der zu erwartenden Klima- 
veränderung verwirren und neuerdings zu vorsichtigeren Progno- 
sen tendieren; 

- ein normaler Bundesbürger die vorhergesagte Erwärmung des 
Erdklimas eigentlich mit den schönsten Hoffnungen auf mehr 
Sonnenschein und geringere Heizkosten verbinden müßte, nicht 
aber mit Furcht vor dem Weltuntergang; 

- der normale Bundesbürger sonst nicht in geschichtlichen Zeiträu- 
men zu denken pflegt, sondern seine Sorge um die Zukunft sich 
auf den Termin für die Fälligkeit der nächsten Abzahlungsrate 
konzentriert; 

- Menschheitsprobleme den Normalbürger sonst weitgehend unbe- 
rührt lassen und er die prinzipielle Krisenhaftigkeit der kapitalisti- 
schen Entwicklung erst dann zur Kenntnis nimmt, wenn ihm die 
Kündigung ins Haus flattert; 

- der Normalbürger sonst zum stumpfsinnigsten Konkretismus 
neigt und blind und taub ist für Probleme, deren Erkenntnis auch 
nur ein Minimum an Abstraktion von den jeweils eigenen augen- 
blicklichen Lebensbedingungen und Interessen erfordert. 

Nicht also Erfahrung, Überlegung oder Einsicht dürfte die Ursache 
der Zustimmung zum ozonlochbedingten Weltuntergang sein, sondern 



246 



die Sehnsucht nach einer simplen Welterklärung, die ihre Autorität 
/.um einen der überwältigenden Mehrheit ihrer Anhänger verdankt, 
zum anderen ihrer Berufung auf die Wissenschaft, welche die Rolle 
päpstlicher Unfehlbarkeit für die Halbgebildeten in der modernen 
( icsellschaft übernommen hat und die besonders gläubig angehim- 
melt wird von den Ketzern, die nicht ruhen, bis ihr Dogma einen 
I .ehrstuhl und einen akademischen Titel erobert. 

Der Form nach unterscheidet den felsenfesten Glauben an die Kli- 
makatastrophe aus der Haarspraydose wenig von beispielsweise der 
Überzeugung, Völkermischung sei Rassenmord, und es sei wissen- 
schaftlich erwiesen, daß als Spätfolge fortgesetzten Verstoßens gegen 
die natürliche Trennung der Rassen eine umfassende Degeneration 
eintreten werde. Hier wie dort glaubt der Normalbürger plötzlich, 
wissenschaftliche Kompetenz zu besitzen in einer neuen Disziplin, 
die in jenem Fall Ökologie heißt und in diesem vielleicht Erbbiologie, 
hier wie dort ergreift der Normalbürger plötzlich für Prognosen Par- 
tei, die ihm gleichgültig sein müßten selbst dann, wenn sie zutreffend 
wären, weil sie Dinge berühren, die für ihn, der ganze andere reale 
Sorgen hat, in den Sternen liegen. 

Hier wie dort auch hat die Prognose die Form einer naturgesetzlich 
begründeten Warnung vor dem Weltuntergang oder einer Drohung 
mit ihm, und es liegt speziell in diesem Fall die Vermutung nahe, die 
Untergangssehnsucht, die eine Weile von Mittelstreckenraketen 
genährt worden war, habe sich nun hungrig und gierig auf das Ozon- 
loch gestürzt, freilich ohne darin die erwünschte Sättigung zu finden. 
Als Sammlung von massenhaft geglaubten Pseudonaturgesetzen mit 
eingebauter Untergangsprognose stellt einstweilen das Öko-Syndrom 
gewissermaßen nur die obligatorischen Denkformen und Reaktions- 
weisen bereit, während die Inhalte noch beliebig austauschbar sind. 
Auch beim ozonlochbedingten Weltuntergang ergibt vermutlich eben 
deshalb, weil er gestern noch der durch die Radioaktivität oder den 
sauren Regen bedingt war und morgen wieder andere Ursachen haben 
kann, die Liste der Sätze, welche mit dieser hinsichtlich ihrer Trenn- 
schärfe zweitschlechtesten Variablen noch am höchsten korrelieren 
(r > 0.18), kein prägnantes Bild: 
4. Unseren Politikern fehlt das Format, sich zugunsten des 

Gemeinwohls gegen Interessengruppen wie Gewerkschaften 

oder Unternehmer durchzusetzen. (0.1963) 
20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 

paar Jahre Gefängnis. (0.1863) 
29. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 

die besseren Menschen. (0.1856) 
35. Einer der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 

den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 

übernommen haben. (0.1816) 



247 



38. Was dem einzelnen Kraft gibt, ist seine Geborgenheit in der 
Familie und seine Verankerung in der Gemeinschaft. (0.1844) 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. (0.2931) 

48. Die steigende Zahl der Krebstoten beweist, daß uns die vielen 
chemischen Schadstoffe in Nahrung, Wasser und Luft allmäh- 
lich vergiften. (0.4122) 

51. Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 
Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. (0.3185) 

55. Jeder unverklemmte Mensch hat das Bedürfnis, manchmal alle 
Fesseln der Zivilisation abzustreifen und sich richtig auszule- 
ben. (0.1802) 

Während beim schadstoffbedingten Krebstod die Korrelation mit the- 
matisch nicht benachbarten Sätzen bei durchschnittlich 0.27 gelegen 
hat, ist sie beim ozonlocbbedingten Weituntergang sogar auf rund 0.18 
gesunken, wenn man absieht vom einzigen Ausreißer, nämlich dem 
Drahtzieher-Satz. Je abstrakter der Inhalt der Untergangserwartung 
ist und je ferner die Behauptung dem Erfahrungs- und Vorstellungs- 
horizont eines Normalbürgers liegt - von der möglichen eigenen 
Krebskrankheit kann man sich vielleicht noch eine Vorstellung 
machen, vom Weltuntergang nach der Klimakatastrophe kaum 
desto größer wird also einerseits die Zustimmung sein, die sie erntet, 
und desto geringer ist andererseits einstweilen noch der Zusammen- 
hang zwischen der Untergangserwartung und beliebigen anderen Vor- 
stellungsinhalten. Es scheint, als wäre der Weltuntergang als abstrakte 
Idee eine lockende Vorstellung für alle, und als träten Differenzen erst 
bei der Frage auf, wie weit man mit der Realisierung gehen und wel- 
chen Preis man dafür zahlen möchte. Die maximale Zustimmung 
zum ozonlocbbedingten Weltuntergang und die etwas geringere, aber 
immer noch sehr hohe Zustimmung zum schadstoffbedingten Krebstod 
wären dann so zu interpretieren, daß nicht alle, die sich den Weltun- 
tergang wünschen, auch dem eigenen Krebstod entgegensehen möch- 
ten, daß aber von vielen das Risiko eines vorzeitigen eigenen Todes 
durch Krebs realistischerweise als so gering eingestuft wird, daß sie 
sich das ihnen angenehme Bild einer vergifteten, ihrem Untergang 
entgegentreibenden Welt davon nicht vermiesen lassen. 

Das Öko-Syndrom, so wurde bislang argumentiert, sei eine Samm- 
lung von massenhaft geglaubten Pseudonaturgesetzen mit eingebauter 
Untergangerwartung, der spezifische Inhalt spiele dabei einstweilen 
nur eine untergeordnete Rolle. Nicht zu leugnen ist freilich, daß ein 
spezifischer Inhalt existiert. Der Untergang wird stets als Folge einer 
Schädigung oder Mißhandlung der Natur betrachtet, die Untergangs- 
propheten verstehen sich als Umweltschützer. Zur Gegenprobe 



248 



brauchte man deshalb einen Satz, welcher den Naturschutz ohne die 
Untergangsprognose enthält. 

Hinsichtlich der Denkform vom Öko-Syndrom ganz verschieden, 
aber thematisch zumindest entfernt mit dem schadstoffbedingten 
Krebstod und dem ozonlocbbedingten Weltuntergang verwandt und in 
beiden Listen mit den jeweils am höchsten korrelierenden Items ent- 
halten, ist nun der Tierquäler-Satz, der Satz Nr. 44 - auch er wieder 
mit einem Mittelwert von 5.96 ein Renner: 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. 



in Prozent 


V44 




.i.ii ke Ablehnung 


3,4% 


mittlere Ablehnung 


1,8% 


W ringe Ablehnung 


6,6% 


keine Meinung 


0,0% 


geringe Zustimmung 


15,0% 


mittlere Zustimmung 


18,3% 


große Zustimmung 


54,9% 




100,0% 



Auch bei diesem Satz wurden nun wieder die mit ihm am höchsten 
korrelierenden Items aufgelistet, und erwähnt werden muß zunächst, 
daß diesmal der Grenzwert auf r > 0.3 angehoben wurde, weil der 
Tierquäler-Satz insgesamt immer noch schlechte, aber bereits deutlich 
höhere Inter-Item-Korrelationen als die Sätze Nr. 12 und Nr. 48 auf- 
weist. 

Ein Blick auf die Liste zeigt schnell, daß diesen Tierschützer nichts 
mit dem Neurotiker verbindet, der irgendwo von Karl Kraus 
beschrieben und von Adorno zitiert wird, nichts mit jenem Deka- 
dent, der in Wien auf der Straße einen Pferdekutscher kommentarlos 
niederschießt, weil er es einfach nicht ertragen kann, wie ein müder, 
magerer Klepper verdroschen wird, der sich kaum noch auf den Bei- 
nen hält. Unser Tierschützer ist kein Weichling, vielmehr einer von 
den Hartgesottenen, seine Liebe zum Hund entspringt nicht dem 
Erbarmen mit der geschundenen Kreatur, sondern sie ist ihm nur 
einer von allerlei Vorwänden dafür, die geschundene Kreatur zu quä- 
len, besonders dann, wenn sie auch noch menschliche Züge trägt: 

14. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen.(0.3187) 



249 



16. Junge Menschen haben manchmal Flausen im Kopf, aber 

wenn sie dann im harten Berufsleben stehen, werden sie 

schnell vernünftig. (0.3220) 
18. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 

nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 

(0.3155) 

20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 

paar Jahre Gefängnis. (0.3683) 
29. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 

die besseren Menschen. (0.4262) 
31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 

erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 

Polizei. (0.3885) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.3379) 

45. Der Arme ist oft glücklicher als der Reiche, weil er sich über 
die einfachen Dinge des Lebens noch richtig freuen kann. 
(0.3423) 

47. Wer kein Herz für Kinder hat, verdient, daß man ihn verach- 
tet. (0.3258) 

48. Die steigende Zahl der Krebstoten beweist, daß uns die vielen 
chemischen Schadstoffe in Nahrung, Wasser und Luft allmäh- 
lich vergiften. (0.3156) 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.3430) 

Anders als der schadstoffbedingte Krebstod und der ozonlochbedingte 
Weltuntergang korreliert der Tierschutz also zum einen deutlich 
höher, und zum anderen korreliert er am höchsten nicht mehr mit 
thematisch verwandten Sätzen (Ozonloch und Schadstoffe fehlen auf 
der Liste), sondern mit solchen, die zum Zwang-, Neid- oder Strafsyn- 
drom gehören. 

IV Die vermeintliche Abhängigkeit des einzelnen von einem 

Gönner oder die Unfähigkeit, die eigene Situation als verdient 
oder selbstverschuldet zu begreifen 
Zum Autoritären gehört, daß er überall Intrigen hinter den Kulissen 
wittert. Meist glaubt er, die finsteren Machenschaften seien gegen ihn 
gerichtet, weil er sich mühelos die wildesten Verschwörungen ausma- 
len kann, aber eines nicht, nämlich daß er selber keine Rolle spielt, 
gar nicht vorkommt im Fühlen, Denken und Handeln anderer Perso- 
nen. So tröstet der Verfolgungswahn ihn darüber hinweg, daß die 
anderen noch viel schlimmer sind, als er zu denken wagt: Sie lieben 



250 



ihn nicht, sie hassen ihn nicht, sie haben ganz einfach ihre eigenen 
Sorgen, sie wollen von ihm nichts weiter, als daß er sich um seine eige- 
nen Dinge kümmere und sie in Frieden lasse. Gern pilgern die Lands- 
Icute deshalb zum Beispiel nach Israel, um dort ein paar Streichelein- 
heiten oder ein paar Zeittakte Telefonseelsorge zu schnorren. Hier 
nämlich, so meinen sie, werde der reuige Sünder auf die Anteilnahme 
.mfmerksamer Zuhörer stoßen. Bitter enttäuscht sind sie dann, wenn 
sie feststellen müssen, daß die Deutschen den jungen Israelis gleichgül- 
tig sind, und dies von ganzem Herzen. 

Komplementär zur Verschwörung oder Intrige verhält sich die Pro- 
tektion, und der vermeintliche große Gönner kennt meist die in ihn 
gesetzten Hoffnungen so wenig wie der vermeintliche Feind nichts 
von den Befürchtungen weiß, die andere seinetwegen hegen. Während 
der Buchhalter in seinen schlaflosen Nächten die Gedanken denkt, 
welche der Abteilungsleiter in seinen ebenfalls schlaflosen Nächten an 
ihn verschwenden sollte, kreisen dessen Überlegungen um diejenigen 
lies Juniorchefs, der wiederum die Hirnwindungen des Vorstandsvor- 
sitzenden durchstöbert, welch letzterer schließlich sich den Kopf des 
Staatspräsidenten zerbricht, weil er gern das große Bundesverdienst- 
kreuz mit Extraschleife und fünf Sternen hätte. 

Richtig ist zwar, daß bei manchen Berufen das Klappern zum 
Geschäft gehört, und in ganz wenigen Sparten, die keinerlei objekti- 
ver Erfolgskontrolle unterworfen sind, wie dies der Fall sein mag bei 
einer Universitätskarriere in den Geisteswissenschaften, kann Protek- 
tion eine gewisse Rolle spielen. Im übrigen aber gibt es die Oberen 
nicht mehr, die selber so frei und unabhängig, unabhängig auch vom 
Frfolg wären, daß sie ein persönliches Interesse über das sachliche stel- 
len könnten. Und während vermutlich kaum einer der Befragten 
jemals Protektion genossen hat, dürften die meisten schon Erfahrun- 
gen ganz anderer Art gesammelt haben, die Erfahrung beispielsweise, 
wie wenig die um des Fortkommens willen geknüpften persönlichen 
Bande zu Vorgesetzten vor Entlassung schützten oder beim Aufstieg 
nützten, weil der Wille zur Bevorzugung einer Person, wenn er denn 
überhaupt entstehen sollte, sich stets dem Sachzwang beugen wird. 

Obgleich also der Karriere-Satz, der Satz Nr. 46, den Tatsachen wie 
den persönlichen Erfahrungen fast aller in dieser Gesellschaft wider- 
spricht, erreicht er einen Mittelwert von 5.79, und obgleich er zweifel- 
los als Bestandteil des autoritären Syndroms gewertet werden darf, 
taucht der Karriere-Satz auf der Konsens-Skala auf, weil seine Trenn- 
schärfe gemessen an T die fünftschlechteste ist, und hinsichtlich der 
Item-Total-Korrelation liegt er immer noch auf Platz Nr. 7: 

46. Wer Karriere machen will, muß vor allem Beziehungen haben 
und die richtigen Leute kennen. 



251 



in Prozent 



V46 




starke Ablehnung 


2,9% 


mittlere Ablehnung 


5,1% 


geringe Ablehnung 


4,8% 


keine Meinung 


0,3% 


geringe Zustimmung 


15,6% 


mittlere Zustimmung 


267% 


große Zustimmung 


44,6% 


Zusammen 


100,0% 



Weil der Karriere-Satz den Tatsachen wie der Erfahrung widerspricht 
und weil angesichts seiner Werte die Erklärung »Symptom für Projek- 
tivität« unbefriedigend bleiben würde, tauchte wieder die Frage auf, 
was den Leuten wohl durch den Kopf gehen mag, wenn sie große 
Zustimmung äußern. An dieser Stelle aber wird auf den Bedeutungs- 
inhalt eines Satzes nach der Methode geschlossen: Sage mir, mit wem 
du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Es folgt also wieder der eng- 
ste Verwandten- und Freundeskreis, diesmal mit der Zugangsberechti- 
gung von r > 0.18. 

8. Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht über- 
vorteilt oder ausgenützt. (0.2503) 

17. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. (0.2069) 

20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 
paar Jahre Gefängnis. (0.1836) 

31. Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. (0.2506) 

36. Bevor man Asylbewerber und Aussiedler unterstützt, sind die 
Deutschen hier besser mit Wohnraum und Arbeitsplätzen zu 
versorgen. (0.1851) 

42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. (0.2030) 

43. Im Leben gewinnt nicht der Bessere, sondern Erfolg hat, wer 
besonders rücksichtslos, raffiniert und gerissen ist. (0.3175) 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. (0.2099) 

47. Wer kein Herz für Kinder hat, verdient, daß man ihn verach- 
tet. (0.2349) 

50. Wer nicht buckelt, sondern ehrlich zu seiner eigenen Überzeu- 
gung steht, muß im Leben mit Nachteilen rechnen. (0.1871) 

252 



52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.2218) 

Wie alle Sätze der Konsens-Skala, so neigt natürlich auch dieser zur 
Kinzelgängerei. Aber wenn er doch mal das Haus verläßt, mit wem 
trifft er sich dann am liebsten? Am wohlsten fühlt er sich offenbar an 
einem Stammtisch, wo man der Meinung ist, daß im Leben stets der 
Clerissenere gewinnt (Nr. 43), daß ehrliche und anständige Leute nur 
ausgenützt werden (Nr. 8), daß die Gesetze und die Polizei zu lasch 
sind (Nr. 31) und daß Undank der Welt Lohn ist (Nr. 17). 

Hier sitzen also die schlechten Verlierer beisammen, die Unzufriede- 
nen, die ihr Leben als verpfuschtes betrachten, obgleich es in den sel- 
tensten Fällen verpfuschter als das anderer Leute sein wird. Keiner 
kommt auf die Idee, wie die Welt nun mal sei, dürfe man als einzelner 
vom Leben nicht viel mehr erhoffen und verlangen. Keiner würde, 
falls er tatsächlich eine fühlbare Niederlage einzustecken hatte, diese 
mit der Bemerkung quittieren, man habe eben Pech gehabt, und das 
müsse man akzeptieren in einem Spiel, wo nicht jeder gewinnen 
kann. Noch viel weniger würde einer für die von ihm empfundene 
Niederlage auch die Verantwortung übernehmen und sagen, er habe 
erreicht, was in seinen Kräften stand, zu mehr habe es eben nicht 
gelangt, andere waren einfach besser. Vielmehr betrachtet jeder sein 
U'ben als Niederlage, unabhängig davon, ob diese Einschätzung 
begründet ist, und stets wird die Schuld an der Niederlage der Unge- 
rechtigkeit einer Welt zugeschrieben, in welcher das Fortkommen des 
einzelnen nicht von seinen Leistungen und Fähigkeiten, sondern von 
seinen Beziehungen abhängt. 

Ähnlich dem Drahtzieher-Satz stellt der Karriere-Satz eine Entla- 
stungslüge dar, einen Freibrief für Verantwortungslosigkeit. Ferner 
drückt er ein tiefsitzendes dumpfes Ressentiment aus, und seine Werte 
/eigen, daß das Syndrom Zu kurz gekommen, übervorteilt, betrogen 
dann, wenn man es subtiler faßt, eigentlich keiner bestimmten 
Gruppe in der Bevölkerung mehr zugerechnet werden kann, sondern 
eine Komponente im gruppen- und schichtenübergreifenden Natio- 
nalcharakter bildet. 

V. Dummheit und Aberglauben darf man nicht verspotten 

oder das Kritikverbot als Toleranzedikt 
Von Tucholsky stammt das Bonmot, nach einem gelungenen Witz 
sitze halb Deutschland auf der Couch und nehme übel. Entweder 
waren damals die Zeiten nicht so muffig, oder der Spötter war ein 
unverbesserlicher Optimist, denn heute, so darf man aus dieser 
Umfrage folgern, beträgt der Anteil der chronisch Verschnupften an 
der Gesamtbevölkerung statt 50 rund 80 Prozent. 



253 



Die chronisch Verschnupften sind übrigens dieselben, denen kein 
Faschingsscherz über Ausländer zu ekelhaft, keine zotige Büttenrede 
zu widerlich ist, und deshalb ist es nicht leicht, die Art ihres Ver- 
schnupftseins präzise zu beschreiben. Man täte den wirklichen Gou- 
vernanten und den wirklichen zimperlichen alten Jungfern unrecht, 
würde man die Landsleute als gouvernantenhaft oder altjüngferlich 
beschimpfen, denn während jene ehrlich empört darüber sind, daß 
jemand gegen Regeln verstößt, die ihrer Meinung nach für alle obliga- 
torisch sein sollten und die sie selber auch streng befolgen, sind für 
die Landsleute Gouvernantenhaftigkeit und altjüngferliche Zimper- 
lichkeit Gemütszustände, die man einschalten und ausknipsen kann. 
Sie sind fungibel, und sie werden in der Regel zur Einschüchterung 
von Kritik oder zur Unterdrückung der Wahrheit benutzt. 

Das Einschüchterungsmanöver basiert auf dem Trick, durch 
gespielte Empörung oder gespieltes Entsetzen eine peinliche Situation 
herbeizuführen, in welcher der Missetäter der Blamierte ist und er 
sich nur noch vor Zerknirschung winden kann. Besonders beliebt ist 
die Methode bei Lehrern, die ohne Vorwarnung zu erbleichen und 
aus allen Wolken zu fallen scheinen, wenn Kinder etwa erzählen, Man 
Eater sei nun mal ihr Lieblingsvideo. Überhaupt wird sie gern im 
Umgang mit Jüngeren praktiziert, beispielsweise bei einer TV- 
Diskussion Ende August im ZDF, wo Jugendliche über die Jugend 
erzählen sollten. Natürlich wurde auch das unvermeidlichste aller hie- 
sigen Problem-Themen, nämlich die moralische Bedenklichkeit der 
Abtreibung angeschnitten, und ein Mädchen gibt seinerseits zu 
bedenken: »Ich bin 17 Jahre alt, und wenn ich schwanger werde und 
das Kind nicht wegmachen lassen kann . . .«, worauf der Moderator 
scharf dazwischenfährt mit den Worten: »Da muß ich sofort unterbre- 
chen, also dieses >Wegmachen<, dieses Wort finde ich furchtbar.« Der 
Ohrenzeuge solcher Interventionen braucht selber keine Sympathien 
für den Rechtsradikalismus besitzen, um für die rechtsradikalen Sprü- 
che von Jugendlichen Verständnis aufzubringen, denn eine wahre 
Lust muß es für Kinder sein, den meist schon etwas verwitterten und 
von den Spuren einer gewiß nicht immer klösterlichen Existenz 
gezeichneten Lehrer als Gretchen in der Szene »Frau Nachbarin, Ihr 
Fläschchen!« zu erleben. 

Auch unter Erwachsenen bedient man sich der gespielten Empfind- 
samkeit gern, hier dient sie vor allem als Waffe gegen Witz, Ironie, 
Sarkasmus, Eloquenz. Hat eine Diskussion, was hier selten genug vor- 
kommt, beispielsweise mal den Punkt erreicht, wo die Gedanken 
schärfer und die Wort schneller und spitzer werden, so findet sich 
immer einer, der erklärt, daß es ihn tief betroffen mache, wie man 
hier miteinander umgehe. Auf einen relativ hohen Mittelwert von 
5.36 kam daher auch der UFO-Satz, von dem irrtümlich erwartet 
worden war, er würde unmittelbar eine Neigung zum Irrationalen 



254 



messen, und der sich nun als Reagenz auf antiaufklärerischen Konfor- 
mismus erwies: 

37. Wenn jemand an UFOs, an die Seelenwanderung oder die Wie- 
dergeburt glaubt, darf man ihn deshalb nicht verspotten. 



in Prozent 



V37 




curln Ablehnung 


7,5% 


mittlere Ablehnung 


4,4% 


geringe Ablehnung 


6,6% 


keine Meinung 


0,3% 


wringe Zustimmung 


23,6% 


mittlere Zustimmung 


22/% 




34,9% 




100,0% 



Sachlich einwenden ließe sich gegen die von rund 80 Prozent der 
Befragten geteilte Meinung zunächst, daß alles an einem Menschen 
verspottet werden darf, wofür dieser die Verantwortung trägt. Wer 
zuviel ißt, muß es sich gefallen lassen, daß man sich über seine Leibes- 
fülle lustig macht, und wenn er klug ist, wird er den Spöttern ihren 
Spaß auch gönnen, hat er doch selber bei der Völlerei einen viel grö- 
ISeren genossen. Witze über die geschmacklosen Kleider der Bundes- 
kanzlergattin sind legitim, weil diese Frau hinsichtlich der Wahl ihrer 
Kleider alle Mittel und Möglichkeiten hat. Grundsätzlich verspottet 
werden darf daher jede Meinung, weil die falsche kein angeborener, 
unabänderlicher Defekt ist und die richtige im Unterschied zu einem 
eleganten Kleid oder zu einer noblen Karosse für jeden erschwinglich 
ist. Selbstverständlich ist also der Spott ein legitimes Mittel im Mei- 
nungsstreit zwischen Personen, die >im Vollbesitz ihrer geistigen 
Kräfte« sind, nur über das wirre Gerede von Betrunkenen oder Irren 
Witze zu machen ist geschmacklos. 

Außerdem müßten die Zustimmer zum UFÖ-Satz sich fragen las- 
sen, ob sie Spott grundsätzlich ächten wollen, denn wenn man nicht 
verspotten soll, wer im 20. Jahrhundert an UFOs, an die Seelenwan- 
derung oder an die Wiedergeburt glaubt - wen dann überhaupt. Um 
einen Hinweis darauf zu bekommen, was die Zustimmer wohl mei- 
nen könnten, werden nun wieder die Items aufgelistet, welche mit 
dem UFO-Satz am höchsten korrelieren. Weil dieser Satz die schlech- 
teste Trennschärfe von allen besitzt, weil er also der zwischen High- 
scorern und Lowscorern am wenigsten umstrittene ist, mußte der 
Grenzwert diesmal auf r > 0.15 gesenkt werden: 



255 



12. Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 
(0.1609) 

18. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 
(0.1508) 

29. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 

die besseren Menschen. (0.1531) 
35. Einer der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 

den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 

übernommen haben. (0.2292) 

38. Was dem einzelnen Kraft gibt, ist seine Geborgenheit in der 
Familie und seine Verankerung in der Gemeinschaft. (0.1724) 

39. Presse und Fernsehen neigen dazu, mit ihrer verantwortungslo- 
sen Kritiksucht alles Gute und Schöne in den Schmutz zu zie- 
hen. (0.1531) 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. (0.1799) 

50. Wer nicht buckelt, sondern ehrlich zu seiner eigenen Überzeu- 
gung steht, muß im Leben mit Nachteilen rechnen. (0.1549) 

51. Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 
Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. (0.2479) 

Wie der UFO-Satz in seinem Sympathisantenkreis den Wunsch nach 
der starken Regierung (Nr. 18) mit dem Argwohn gegen die > wirkli- 
chen Drahtziehen (Nr. 1) zusammenbringt und dergestalt die antide- 
mokratischen Neigungen seiner Befürworter verrät, so korreliert er 
selber mit dem gegen die Pressefreiheit gemünzten Satz Nr. 39, und 
das heißt: Keineswegs wird er als Votum für eine Toleranz aufgefaßt, 
welche neben dem Recht auf Irrtum und Idiotie auch das Recht zur 
Kritik an beiden impliziert, sondern er entspricht dem Wunsch nach 
staatlicher Unterdrückung von scharfzüngigen Kritikern und Spöt- 
tern. Deutlicher noch als durch den niedrigen Korrelationskoeffizien- 
ten wird dieser Zusammenhang, wenn man die Frage stellt, wie viele 
unter den Zustimmern zum UFO-Satz die Kritiksucht der Presse 
rügen. 58.8 Prozent beträgt der Anteil, und er fällt nur deshalb weni- 
ger spektakulär aus, weil Satz Nr. 39 generell weniger Zustimmung 
findet. Dreht man die Frage um, so stellt man fest, daß 84.3 Prozent 
derer, welche die Kritiksucht der Presse rügen, zugleich Anhänger des 
UFO-Satzes sind. 



256 



VI. Die Angst vor der Bevölkerungslawine oder die Menschen- 
feindschaft als Sorge um die Zukunft der Menschheit 
Im Unterschied zum Ungebildeten ist der Halbgebildete einer, der 
sich um Dinge kümmert, die ihn nichts angehen und von denen er 
nichts versteht. Seinem beschränkten Verstand, seinem reduzierten 
Erfahrungshorizont und seinen noch viel reduzierteren Einflußmög- 
lichkeiten zum Trotz sorgt er sich um die großen Fragen unserer Zeit, 
wobei diese Fragen sich in Gedanken verwandeln, wie sie einem 
Kleintierzüchter durch den Kopf gehen mögen, wenn er vor seinem 
Kaninchenstall steht: Zu viel Mist? Zu viele Karnickel? Fressen die 
Biester mich am Ende noch arm und kahl, wenn ich ihren Paarungs- 
trieb nicht dämpfe? 

Der großraumpolitisch ambitionierte kleine Mann, der mit Millio- 
nen und Milliarden jongliert, ist hinsichtlich seines Gemüts der not- 
wendig in primitiven Kategorien denkende Bauer aus der Epoche der 
Subsistenzwirtschaft geblieben, der es mit ansehen muß, wie die 
Erbteilung zu immer kleineren Höfen und zu immer größerer Not 
führt. Denn bis ins Hirn des Ohnmächtigen mit dem Interesse für 
Globalstrategie drang die Tatsache nicht durch, daß seit den Anfängen 
des Kapitalismus, und mit überwältigender Deutlichkeit seit rund 
hundert Jahren, der Mensch kein Fresser ist, der abweidet, was er vor- 
findet, sondern der Erzeuger eines Mehrprodukts, dessen agrarindu- 
strieller Teil sich als Butterberg, Getreideberg oder Fleischberg in den 
Kühlhäusern stapelt. Und auf das harmonischste verbindet sich in 
seinem Kopf ein demographisches Interesse mit völliger Unkenntnis 
simpler demographischer Gesetzmäßigkeiten, denn andernfalls 
müßte er nicht so besorgt in die Zukunft schauen, weil die Bevölke- 
rungsentwicklung Europas in den letzten 200 Jahren zeigt, daß die 
Menschen sich unter bestimmten Bedingungen zwar eine Weile mäch- 
tig vermehren, unter veränderten Bedingungen damit aber auch 
schnell wieder aufhören können und deshalb nur ein Narr aktuelle 
Zuwachsraten aufs Jahr 2050 hochrechnen und sich dabei in apoka- 
lyptischen Visionen suhlen wird. 

Der Satz, der die als Sorge um die Zukunft der Menschheit drapierte 
Menschenfeindschaft messen sollte, kam auf einen Mittelwert von 
5.14, und die Häufigkeitsverteilung zeigt, daß fast drei Viertel der 
IWfragten ihm mehr oder minder stark zustimmen: 

25. Eine der Hauptaufgaben für die nächsten Jahre wird es sein, 
die Bevölkerungslawine einzudämmen. 



257 



in Prozent 



V25 




starke Ablehnung 


7,0% 


mittlere Ablehnung 


8,1% 


geringe Ablehnung 


11,1% 


keine Meinung 


0,0% 


geringe Zustimmung 


19,5% 


mittlere Zustimmung 


20,8% 


große Zustimmung 


33,5% 


Zusammen 


100,0% 



Im Abschnitt über das Öko-Syndrom wurde schon erwähnt, daß 91,5 
Prozent derer, welche in der Bevölkerungslawine eines der Hauptpro- 
bleme für die Zukunft sehen, zugleich den schadstoffbedingten Krebs- 
tod fürchten, und der Widerspruch, daß man sich zugleich um das 
Anwachsen der Bevölkerung und um ihre Dezimierung sorgt, ist 
selbstverständlich dahingehend aufzulösen, daß im einen Fall die 
Bevölkerung der Dritten Welt, im anderen die der Bundesrepublik 
oder auch einfach nur die eigene Haut gemeint ist. Nicht ohne Reiz 
ist es daher, die Sache mit der Bevölkerungslawine rein rechnerisch 
einmal genauer durchzuspielen, weil man zu überraschenden Ergeb- 
nissen und ganz neuen bevölkerungspolitischen Empfehlungen dabei 
kommt. So ist die hohe Geburtenrate in der Dritten Welt ja nur einer 
von zwei Faktoren, welche zusammengenommen eine für die Erde 
nicht mehr tolerierbare Bevölkerungsdichte ergeben, der andere ist 
die Verweildauer. Wie jeder Gastwirt weiß, können um so mehr Kun- 
den sein Lokal frequentieren, je geringer die Zahl solcher Zecher ist, 
die zwei geschlagene Stunden lang in ihr leeres Bierglas stieren. Ana- 
log dazu ließen die Platzkapazitätsprobleme auf der Erde sich auch 
dadurch beheben, daß man die Gäste schneller zum Ausgang bittet, 
und eine gerechte Lösung wäre es nur, wenn im Maße, wie die Dritte 
Welt ihre Geburtenrate aufs Niveau der reichen Länder senkt, in die- 
sen reichen Ländern die Verweildauer auf die in der Dritten Welt übli- 
che Zeitspanne reduziert würde. Und wenn in hiesigen TVTalk- 
Shows Leute, welche den 60. Geburtstag offensichtlich schon hinter 
sich haben, vor der drohenden Übervölkerung warnen, so möchte 
man ihnen oft gern diese Rechung präsentieren und sie auffordern, 
doch einmal selber mit gutem Beispiel voranzugehen, wenn ihnen die 
Übervölkerung der Erde mit Essern und Umweltverschmutzern denn 
wirklich so sehr am Herzen liegt. 

Die Liste der Sätze, die diesmal sogar relativ hoch, mit r > 0.3 
korrelieren: 



258 



14. Heute, wo Leute aus allen Erdteilen in die Bundesrepublik strö- 
men, muß man sich besonders sorgfältig gegen Infektionen wie 
zum Beispiel AIDS schützen. (0.3067) 

27. Den Ausländern hier mangelt es oft am guten Willen, sich den 
Sitten des Gastlandes anzupassen. (0.3074) 

- 1 . Das Anwachsen der Kriminalität, besonders im Drogenhandel, 
erfordert strengere Gesetze und ein härteres Durchgreifen der 
Polizei. (0.3101) 

33. Gerade im Interesse der wirklich Bedürftigen sollte man die 
Erschleichung von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe konse- 
quenter verfolgen und strenger bestrafen. (0.3214) 

42. In den vielen Ländern, die von der Bundesrepublik Finanzhilfe 
verlangen, vergißt man oft, daß wir uns den Wohlstand hart 
erarbeitet haben. (0.3154) 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.3183) 

I >ic Auflistung zeigt eigentlich nur, daß man sich den oben genannten 
Scherz ruhig einmal erlauben sollte. Wer sich wegen der Übervölke- 
rung sorgt, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit auch sonst kein ange- 
nehmer Zeitgenosse, sondern ein egoistischer Geizhals, der den 
Armen und Elenden in der Dritten Welt auch noch das bißchen Spaß 
an ihrem Kindersegen mißgönnt. 

17/. Das Gemeinwohl und die inneren Werte oder das atavistische 

Kollektiv und seine bestialischen Selbsterhaltungsreflexe 
Zwei thematisch verwandte Sätze der Skala prangern den Eigennutz 
.in. In Satz Nr. 4 sind es die Gruppenegoismen, die dem Gemeinwohl 
schaden, weil die Regierung sich nicht dagegen durchsetzen kann, in 
Satz Nr. 2 führt das Bedachtsein eines jeden auf den eigenen materiel- 
len Vorteil zur Verkümmerung der inneren Werte. Hier wie dort 
könnte die Botschaft heißen: Keiner nur für sich allein, jeder für das 
große Ganze und die großen Ideale. Die Selbstlosigkeit möge das 
( lesetz unseres Handelns sein, im Verzicht auf den eigenen Vorteil fin- 
den wir unser Glück, Neid und Zwietracht wollen wir begraben. 

Angesichts der hohen Zustimmung für beide Items müßte ein nai- 
ver, aber logisch denkender Beobachter der Zeitgeschichte an seinem 
Verstand oder am Verstand der Deutschen zweifeln. Denn wenn sie 
.ille gegen die freie Marktwirtschaft sind, gegen Wohlstandsmehrung 
durch allseitige Konkurrenz, gegen das Rackern und Raffen, wie es 
der Kapitalismus nun mal mit sich bringt; wenn sie den Wohlstand 
geradezu abscheulich finden, weil er ihre inneren Werte ruiniert - 
warum strömten sie dann scharenweise aus der DDR in die BRD, 
warum hat die DDR die Wirtschaftsordnung der BRD übernommen, 



259 



warum war es nicht genau umgekehrt? Wieder taucht also die Frage 
auf, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie anders reden, als sie 
handeln, und wieder sind Rückschlüsse und Querverbindungen das 
einzige Mittel, um sich an die Bedeutung der Sätze heranzupirschen. 

Einer der beiden Sätze, die es diesmal zu enträtseln gilt, wurde 
schon bei der Erörterung des Drahtzieher-Satzes genannt, nämlich 
der Satz Nr. 4, der auf einen Mittelwert von 5.17 kommt: 

4. Unseren Politikern fehlt das Format, sich zugunsten des 
Gemeinwohls gegen Interessengruppen wie Gewerkschaften 
oder Unternehmer durchzusetzen. 



in Prozent 


V4 




starke Ablehnung 


7,0% 


mittlere Ablehnung 


9,5% 


geringe Ablehnung 


8,6% 


keine Meinung 


1,0% 


geringe Zustimmung 


15,2% 


mittlere Zustimmung 


25,6% 


^roiic Muslim in u 


33,2% 




100,0% 



74 Prozent Zustimmung zeigen zunächst, daß die Nazi-Parole 
Gemeinnutz gebt vor Eigennutz auch heute eine erfolgversprechende 
Wahlkampfparole wäre. Ferner lassen die Zahlen darauf schließen, 
daß die Deutschen von der Demokratie nach wie vor wenig Ahnung 
haben, weil es nicht die Aufgabe einer gewählten und parlamentarisch 
kontrollierten Regierung ist, sich gegen die im Parlament vertretenen 
Interessengruppen und gegen die Wähler einfach durchzusetzen - 
eben dies zu verhindern ist der Sinn des Parlamentarismus, er soll 
gewährleisten, daß kein Monarch, Diktator oder Autokrat sich über 
die Interessen der Bevölkerung hinwegsetzen kann. Weil deren Interes- 
sen so wenig einheitlich sind, wie es die Bevölkerung in der arbeitstei- 
ligen Gesellschaft selber ist, weil es die Interessen der Landwirtschaft, 
der Schwerindustrie, des Großhandels, des Kleingewerbes etc. und 
dort jeweils noch die Interessen der Eigentümer und der Beschäftigten 
gibt, muß es auch die Parteien geben und ein Parlament, wo die 
gewählten Vertreter der diversen Interessengruppen den für sie jeweils 
günstigsten und für alle akzeptablen Kompromiß aushandeln sollen, 
dem schließlich die Regierung Geltung verschafft. Vollmacht, ein von 
den Gruppeninteressen verschiedenes nationales Interesse zu behaup- 
ten und es gegen die Interessengruppen durchzusetzen, erhält die 
Regierung nur im Ausnahmezustand, und die Liste der Sätze, die mit 
dem insgesamt äußerst trennschwachen Gemeinwohl-Item noch am 
höchsten korrelieren (r > 0.15) stützt tatsächlich den Verdacht, die 



260 



I .mdsleute würden eigentlich meinen, daß sie permanent im Ausnah- 
mezustand leben, nicht zuletzt wegen des Ozonlochs: 

\. Wichtige Lehren muß man stets mit Leiden bezahlen. (0.2821) 
S. Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem. Ein Problem sind aber 

auch die Drückeberger, die auf unser aller Kosten leben. 

(0.1658) 

8. Wenn man ehrlich und anständig bleibt, wird man leicht über- 
vorteilt oder ausgenützt. (0.1729) 

12« Wenn der Vernichtung der tropischen Regenwälder und der 
Zerstörung der Ozonschicht nicht Einhalt geboten wird, ist 
der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. 
(0.1963) 

IK. Die Probleme, vor denen unser Land heute steht, verlangen 
nach einer starken, zukunftsweisenden politischen Führung. 
(0.1732) 

20. Sittlichkeitsverbrecher verdienen härtere Strafen als nur ein 
paar Jahre Gefängnis. (0.1932) 

14. Die Prunksucht arabischer Ölscheichs zeigt, daß plötzlicher 
Reichtum kulturlose Völker überfordert. (0.1610) 

15. Einer der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 
den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 
übernommen haben. (0.2481) 

43. Im Leben gewinnt nicht der Bessere, sondern Erfolg hat, wer 
besonders rücksichtslos, raffiniert und gerissen ist. (0.2020) 

44. Tierquälerei sollte man besonders streng bestrafen, weil das 
Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Wesen begangen 
wurde. (0.1596) 

50. Wer nicht buckelt, sondern ehrlich zu seiner eigenen Uberzeu- 
gung steht, muß im Leben mit Nachteilen rechnen. (0.1652) 

51. Die Öffentlichkeit erfährt oft wenig davon, was die wirklichen 
Drahtzieher hinter verschlossenen Türen planen. (0.2677) 

52. Wenn der Zuwandererstrom nicht aufhört, der über uns her- 
eingebrochen ist, muß die Entwicklung im Chaos enden. 
(0.1510) 

55. Jeder unverklemmte Mensch hat das Bedürfnis, manchmal alle 
Fesseln der Zivilisation abzustreifen und sich richtig auszule- 
ben. (0.1536) 

Durch Kursivdruck hervorgehoben wurden diesmal die Favoriten im 
Sympathisantenkreis, der schon erwähnte Drahtzieher-Satz, der 
schnelle Dollar und lernen durch leidem Etwas säuerlich wirkt das 
Dreigespann, und man meint jenen in Deutschland besonders belieb- 
ten Vorwurf zu hören, der erhoben wird gegen jeden, dem es unter 
Aufwendung von erheblichen Anstrengungen und Mühen gelingt, 



261 



nicht wie eine ausgequetschte Zitrone herumzulaufen und seinen Mit- 
menschen dabei wie Blei auf der Seele zu liegen: Du macht es dir aber 
einfach, du machst es dir viel zu leicht - wie wenn nicht eben dies 
die oberste Pflicht aller in Zeiten wäre, wo wirklich kein Tiefsinn 
erforderlich ist, um das Leben schwierig zu finden. 

Was den schnellen Dollar oder das leicht verdiente Geld mit lerneti 
durch leiden verbindet, ist die Botschaft, daß es keinem einfach gut 
gehen darf, daß vielmehr jeder sein Brot im Schweiße seines Ange- 
sichts verdienen müsse. Gleichwohl ist die Inter-Item-Korrelation mit 
dem Drückeberger-Satz eher gering (0.16), und das heißt: Unter den 
Zustimme™ zum Gemeinwohl-Satz ist die Zustimmung zum 
Drückeberger-Satz nur wenig höher als bei allen Befragten im Durch- 
schnitt. Hoch genug ist sie damit trotzdem, weil der Drückeberger- 
Satz schon beim Durchschnitt auf große Zustimmung stößt, oder 
anders gesagt: Genau 80.9 Prozent derer, die Satz Nr. 4 mehr oder 
minder richtig finden, spenden auch bei Satz Nr. 5 schwächeren oder 
stärkeren Applaus - und sehr viel Fantasie braucht man daher kaum, 
um sich auszumalen, welche Gruppen der Bevölkerung es am Ende 
sein würden, denen die gewünschte stärkere Regierung mit der nöti- 
gen Entschlossenheit entgegentritt. Wenn also das Wort vom Gemein- 
wohl die in viele Gruppen mit antagonistischen Interessen gespaltene 
Bevölkerung zum Volk zusammenlügt, welches nur ein Interesse 
haben würde, so besteht der Zweck des Verfahrens darin, eine Verfol- 
gergemeinschaft zusammenzuschmieden, die ihre innere Zerrissen- 
heit auf Kosten der Ärmsten und der Schwächsten kittet. 

War der Gemeinwohl-Satz im Hinblick auf elementare demokrati- 
sche Normen und die gesellschaftlichen Gegebenheiten falsch, so 
kann man sich beim Verkümmern der inneren Werte im Wohlstand 
jedes weitere Ausholen sparen. Der Satz, der eine mittlere Zustim- 
mung von 5.21 vorweist, ist schon unsinnig, wie er einfach dasteht, 
weil alles am Menschen, was diesen zu einem solchen macht, also jede 
zartere Empfindung, jede entwickeltere geistige Regung, die Befreiung 
von kreatürlicher Not voraussetzt und weil umgekehrt die kreatürli- 
che Not das menschliche Wesen jederzeit in ein bestialisches verwan- 
deln kann: 



262 



2. Im Wohlstand verkümmern die inneren Werte, weil jeder nur 
auf den eigenen Vorteil bedacht ist. 



in Prozent 


V2 




i n kr Ablehnung 


7,0% 


miniere Ablehnung 


7,9% 


1 ringe Ablehnung 


7,5% 


1 1 iac Meinung 


0,3% 


fr""!? Zustimmung 


21,2% 


mittlere Zustimmung 


247% 


pofe Zustimmung 


31.4% 


/»Bimmen 


100,0% 



Frei übersetzt heißt dies, daß gut drei Viertel der Befragten meinen, 
der Zwang, sich bestialisch verhalten zu müssen, kehre gerade das 
( .utc im Menschen hervor, seine inneren Werte, und die Liste der am 
höchsten korrelierenden Sätze (r > 0.2) liefert, insofern sie auch Item 
Nr. 29 enthält, tatsächlich das Indiz dafür, daß die Landsleute einen 
etwa! eigenwilligen Begriff vom Menschen haben: 

I . Echte Freiheit verlangt, daß man sich in die Gemeinschaft ein- 
fügt. (0.2299) 

3. Wichtige Lehren muß man stets mit Leiden bezahlen. (0.2211) 

9. Die Drogenwelle beweist es wieder, daß ungezügelte Freiheit 
oft ins Elend führt. (0.2164) 

15. Freundlichkeit und Nachsicht werden von den meisten Men- 
schen doch nur als Schwäche ausgelegt. (0.2039) 

17. Oft erntet am wenigsten Dankbarkeit und Anerkennung, wer 
sich aufopfert und am meisten leistet. (0.2239) 

29. Obwohl es vielleicht übertrieben klingt: Manchmal sind Tiere 
die besseren Menschen. (0.2510) 

35. Einer der Hauptfehler der Deutschen war, daß sie die nur auf 
den schnellen Dollar abzielende Lebensweise der Amerikaner 
übernommen haben. (0.3109) 

4 1 . Die armen Völker mit ihren riesigen Menschenmassen könn- 
ten sich eines Tages zu einem gnadenlosen Vernichtungskrieg 
gegen die reichen Länder verbünden. (0.2305) 

45. Der Arme ist oft glücklicher als der Reiche, weil er sich über 
die einfachen Dinge des Lebens noch richtig freuen kann. 
(0.3060) 

Auffällig an den letzten drei Items ist, daß sie einen Widerspruch bil- 
den, dessen Auflösung mit Spekulationen von erheblicher Tragweite 
verbunden ist. Wenn einerseits die Armen glücklicher als die Reichen 



263 



sind, weil sie sich über die einfachen Dinge des Lebens noch richtig 
freuen können, und wenn andererseits diese Armen einen gnadenlo- 
sen Vernichtungskrieg gegen die Reichen führen werden, so kann dies 
nur heißen, daß ihr Glück wesentlich in der Vorfreude auf den künfti- 
gen Vernichtungskrieg und im Genuß an der Vernichtung selber 
besteht. Die Floskel von den einfachen Dingen des Lebens, über wel- 
che sich der Arme noch richtig freuen könne, wurde offenbar wörtli- 
cher verstanden, als sie gemeint gewesen war, insofern der Tod oder 
das Immergleiche an Einfachheit alle anderen Erscheinungen des 
Lebens übertrifft. Und es drängt sich, im Zusammenhang mit dem 
Antiamerikanismus-Satz, nun unabweisbar ein Gedanke auf, obwohl 
man ihn zugleich als völlig überspannt wegschieben möchte: Die 
Deutschen verzeihen es den Amerikanern nicht, daß die ihnen das 
Töten abgewöhnten. 

So dürfte es sich bei den inneren Werten, deren Verkümmerung im 
Wohlstand man bedauert und deren Aufblühen in der Not man sich 
wünscht, um die bestialischen Selbsterhaltungsreflexe von atavisti- 
schen Kollektiven handeln, die den Begriff des Menschen noch gar 
nicht kennen und die in jedem Zweibeiner anderer Stammeszugehö- 
rigkeit nur den Feind sehen, den man töten muß, um nicht von ihm 
getötet zu werden. 

Zusammenfassung 

Während die Sub-Skalen ein Produkt des Bemühens waren, die AP 
methodisch zu imitieren, stellt die Konsens-Skala eine kleine Neue- 
rung dar. Sie versammelt gerade solche Sätze, wie sie bei der Entwick- 
lung der F-Skala und an sie angelehnten Skalen herausgefiltert wur- 
den, weil sie keine Trennschärfe besitzen, weil sie nur schwach mit 
dem Total-Score korrelieren, weil sie zum konventionellen autoritä- 
ren Syndrom, wie es die Skala mißt, offensichtlich querstehen. 

Die Konsens-Skala versammelt also Sätze, die zwischen Lowscorern 
und Highscorern oder zwischen Nicht-Autoritären und Autoritären 
kaum umstritten sind und die sich obendrein außerordentlich großer 
Zustimmung erfreuen dürfen. Der schon im Tabellenteil genannte 
Mittelwert für die Skala beträgt 5.64, und wenn man der Summenva- 
riablen das ursprüngliche Bewertungsschema zuordnet, analog zum 
Verfahren bei der Skala >Stimmungsbarometer<, ergibt die Häufig- 
keitsverteilung folgende Werte: 



264 




Konsens-Skala 


in Prozent 


i.irke Ablehnung 


0,0% 


mittlere Ablehnung 


0,7% 


erringe Ablehnung 


2,7% 


keine Meinung 


0,0% 


geringe Zustimmung 


12,7% 


mittlere Zustimmung 


46,5% 




37,3% 




100,0% 



Schon die Tatsache, daß bei dieser Skala praktisch nur nach dem Grad 
der Zustimmung unterschieden werden kann, weil die Ablehner zu 
vernachlässigen sind, läßt den Eindruck von Gleichschaltung entste- 
llen, weil selbst dann, wenn die meisten Sätze der Skala aus guten 
( 1 runden zu befürworten wären, es doch keineswegs solche sind, über 
die man so wenig streiten oder so wenig verschiedener Meinung sein 
kann wie etwa über die Behauptung, jeder Mensch solle sich satt essen 
dürfen. Aus guten Gründen zu befürworten aber sind die Sätze der 
Konsens-Skala nicht, und das ganze Kapitel war ein Versuch, sich an 
die schlechten Gründe und die darunterliegenden Motive heranzu- 
i .isten. 



265 



Schlußfolgerungen 



Am Anfang eines Projekts steht meistens der Zweck, ein wirklicher 
oder ein vorgeschützer, doch je mehr die Tätigkeit oder Denktätigkeit 
in Bewegung kommt, desto schwacher wird die Erinnerung an ihren 
Grund. Hier beispielsweise ging es ursprünglich darum, »mehr Klar- 
heu über ungewisse Aussichten zu gewinnen«, und mit den Aussich- 
ten waren die auf eine faschistische Entwicklung in der erweiterten 
Bundesrepublik gemeint. Schon die Überlegungen zum Michel- 
Syndrom aber hatten sich von dieser Intention entfernt, etwa so, wie 
Reparaturversuche manchmal zur kompletten Demontage führen, 
weil die Neugier das Interesse am nützlichen Zweck besiegt. Noch 
krasser ist der Gegensatz zwischen der Erkenntnis und der prakti- 
schen Absicht im Laufe des empirischen Teils geworden, mit dem 
Effekt, daß der Sozialforscher einem Mediziner ähnelt, der stunden- 
lang detailliert über molekularbiologische Vorgänge bei den Schand- 
taten aller möglichen Varianten von Grippeviren fachsimpeln kann, 
um dem Patienten schließlich den Rat zu geben, daß er heißen Tee 
trinken, sich ins Bett legen und Geduld haben soll. Teilweise etwas 
banal werden daher auch die anschließenden Überlegungen sein, die 
meisten setzen die Studie eigentlich ebensowenig notwendig voraus, 
wie sie nicht zwingend aus ihr hervorgehen. Dem Status nach sind sie 
allgemeine Spekulation, ein Versuch, aus der Theorie die praktische 
Nutzanwendung zu ziehen, und betont werden muß, daß der Experte 
nun nicht mehr als Experte spricht, seine Meinung also keine wissen- 
schaftliche Autorität beanspruchen kann. 



L 

So zeigen die Daten auch zunächst, was kaum jemand bezweifelt 
haben dürfte, nämlich daß man die simplen autoritären Neigungen 
bei den Landsleuten nicht vergeblich sucht. Sie würden sich eine stär- 
kere Regierung wünschen, sie mögen den Glauben und den festen 
Halt, das Leben war ihrer Meinung nach früher härter und gesünder, 
sie hassen die Drahtzieher und die Drückeberger, sie fordern strengere 
Gesetze und ein härteres Durchgreifen der Polizei, sie meinen zu glau- 
ben, daß der Arme glücklicher als der Reiche sei. Sie erreichen auf 
den Sub-Skalen Für Zwang, Macht, Unterwerfung. Gegen Freiheit in 
jeder Form und Mißgunst, Futterneid Werte, aus denen zweifelsfrei her- 
vorgeht, daß gegen ein konventionelles autoritäres Regime kein 
inhaltlich begründeter Widerstand in nennenswertem Umfang exi- 
stieren würde. Von der Meinung zum Engagement ist es zwar ein wei- 
ter Weg, und deshalb sagen diese Daten allein noch nicht viel über die 



266 



IWreitschaft der Landsleute aus, sich /«rein autoritäres Regime einzu- 
setzen. Sicher aber ist, daß sie nichts dagegen hätten. 

Wenn rechtsradikale Parteien wie die NPD oder die REP deutlich 
unter der Fünf-Prozent-Marke bleiben, dürfte das kaum am konven- 
lionell-autoritären Teil ihrer Propaganda liegen, eher an Personal- und 
( >rganisationsproblemen oder an zusätzlichen Forderungen, für die 
sich einstweilen die Bevölkerung noch nicht erwärmen kann. Anders 
.ils im Deutschen Reich vor der Teilung funktioniert vorläufig auch 
in der Bundesrepublik noch das ungeschriebene bürgerliche Gesetz 
vom Zusammenhang zwischen Aufstieg und einem Minimum an 
demokratischer Haltung, welches in allen westlichen Demokratien 
die Bevölkerung dazu zwingt, liberaler zu wählen, als sie empfindet. 
Im Unterschied zu den gemäßigten Parteien haben die rechtsradikalen 
kein gesellschaftlich etabliertes, durch eine bürgerliche Karriere quali- 
li/.iertes Führungspersonal vorzuweisen, der Rechtsradikalismus wird 
re präsentiert durch Personen von zweifelhaften Fähigkeiten und von 
zweifelhaftem Ruf, und die Partei der Ordnung, die man wählen 
möchte, stellt sich als ein chaotischer Haufen von Hallodris dar, die 
man nicht wählen kann. 

Drei Möglichkeiten sind denkbar, wie dieser Schutzmechanismus 
durchbrochen werden könnte. Die erste wäre, daß eine etablierte Par- 
tei die autoritäre Propaganda der Rechtsradikalen einfach übernimmt. 
Allerdings würde der Gewinn an Wählerstimmen mit einem Verlust 
.m parteiinterner Stabilität bezahlt, solange jedenfalls, wie sich keine 
überzeugende Führerfigur findet. Jede autoritäre Volkspartei läuft 
nämlich Gefahr, ein Opfer des Erfolgs ihrer Parolen zu werden. Für 
die nationale Erneuerung, härteres Durchgreifen und strengere 
( Jesetze treten alle Anhänger ein, aber je nach gesellschaftlicher Lage 
verstehen die Anhänger darunter höchst verschiedene Dinge. Die 
autoritäre Volkspartei ist daher ein labiles Gebilde, und sie braucht 
den Führer, der als Schiedsrichter über den divergierenden Interessen 
steht und sie gegeneinander ausspielt. Ohne Führer zerfällt sie in ihre 
verschiedenen Flügel, wie etwa die Peronisten oder die Zerstrittenheit 
der rechtsradikalen Szene in der BRD zeigen. 

Die zweite Möglichkeit wäre, daß der Rechtsradikalismus salonfähig 
wird und ihn dann auch Personen repräsentieren, die schon einen 
Namen haben. Zum Erfolg der Republikaner beispielsweise trug bei, 
daß einer wie Schönhuber, ein gesellschaftlich Etablierter und oben- 
drein einer, der die Zeichen der Zeit eigentlich immer richtig zu deu- 
ten wußte, es in den Fingerspitzen spürte, daß das Klima umgeschla- 
gen war, und daß es fortan, nach Bitburg beispielsweise, keinen Grund 
mehr gab, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Wenn 
der Bundeskanzler gemeinsam mit dem amerikanischen Präsidenten 
einen Friedhof besucht, wo Wehrmacht und SS im Tode so schön ver- 
eint sind, wie sie das im Leben und Schaffen waren, dann ist die Zeit 



267 



gekommen, wo man nicht mehr gesellschaftliche Ächtung riskiert 
wenn man sich als patriotischer Deutscher zur Vergangenheit und 
den aus dieser Vergangenheit sich nährenden Wünschen für die 
Zukunft bekennt. 

Eine dritte Möglichkeit schließlich bestünde darin, daß die etablier- 
ten Parteien das Image bürgerlicher Solidität verlieren. Wenn die 
Leute das Gefühl bekommen, ohnehin nur zwischen Hallodris wäh- 
len zu können, werden sie sich leichter für diejenigen entscheiden, 
deren Propaganda ihnen schon jetzt sympathischer ist. Die nie wirk- 
lich bereinigte Parteispendenaffäre und die übrigen Skandale könnten 
daher ebenso ihren Beitrag geleistet haben zum künftigen Erfolg des 
Rechtsradikalismus wie momentan etwa die Finanzpolitik der Regie- 
rung, die jedenfalls so wirkt, als würde das Vermögen von einer Riege 
angeheiterter Zecher verjubelt, die eine Runde nach der anderen 
bestellen, ohne lange nach der Rechnung zu fragen. 

II. 

Die Daten zeigen außerdem, daß neben der habituellen Empfänglich- 
keit für autoritäre Propaganda die Disposition zur pathischen Projek- 
tion existiert, die eine aggressive autoritäre Massenbewegung benötigt 
Die Werte auf den Sub-Skalen Gegen alles, was als fremd empfunden 
wird und Gegen Schönheit und Genuß beuten darauf hin, daß man sich 
die einzelnen Schritte dieser pathischen Projektion etwa folgenderma- 
ßen vorzustellen hat: 

1. Immer dann, wenn ihr Verhalten nach moralischen oder ästhe- 
tischen Maßstäben beurteilt werden müßte, verhalten sich die 
Landsleute so, daß sie guten Grund haben, sich selber als min- 
derwertig einzustufen. Es bleibt ihnen - um einige aktuelle 
Beispiele zu nennen - nicht verborgen, daß die bejubelte Irak- 
Reise des SPD-Ehrenvorsitzenden ein entwürdigender Kriech- 
gang und ein schäbiger Verrat an den Geiseln anderer Natio- 
nen war, sie müßten im Kopfrechnen dümmer sein, als sie 
sind, um den Unterschied zwischen amerikanischen Care- 
Paketen mit Fleischkonserven, Schmelzkäse und Milchpulver 
einerseits und andererseits den deutschen >Ein-Herz-für- 
Rußland-Päckchen< mit Nudeln, Reis, Haferflocken und Mar- 
garine nicht zu bemerken. Das penetrante Gerede von der 
»friedlichen Revolution* schließlich ist ein Indiz dafür, wie 
sehr es am Selbstbewußtsein der Landsleute nagt, daß sie die 
Einheit nicht eigenem Mut verdanken, sondern daß sie das 
Ding ungefähr auf die Weise erobert haben, wie man einen 
abgelegten alten Mantel bekommt. 



268 



2. Die Reaktion auf eigenes Versagen läuft dann nach dem 
Schema ab: Daß ich mich wie ein schäbiges Miststück benom- 
men habe, verzeihe ich dir nie. Das objektiv richtige Urteil der 
Person über sich selbst wird nämlich auf andere projiziert, 
d. h. was die Deutschen über sich selber denken, legen sie den 
Ausländern in den Mund. Dabei ist es keineswegs falsch, von 
sich selber Abstand zu gewinnen, indem man sich mit den 
Augen eines fiktiven Fremden betrachtet. Der entscheidende 
Fehler ist nur der Ausfall der Reflexion darin, welcher auf 
zweierlei Weise wirkt. Zum einen wird das Urteil der anderen 
nicht als eines betrachtet, dem man bei objektiver Prüfung des 
Sachverhalts einfach zustimmen muß: Der fiktive andere hat 
recht, ich habe einen Fehler gemacht, ich muß mich ändern 
oder bessern. Zum anderen wird das mit gutem Grund harte 
Urteil des fiktiven Fremden mit dem Urteil wirklicher Frem- 
der verwechselt, die faktisch sehr viel milder urteilen, aus dem 
einfachen Grund, weil sie andere Sorgen haben, als über den 
moralischen oder ästhetischen Rang der Deutschen zu richten. 

3. Die wirkliche Welt, die sich um die moralische Integrität der 
Deutschen wenig kümmert, hat sich nun in eine den Deut- 
schen feindselig gegenüberstehende, gegen sie verschworene 
verwandelt. Das Furchtbare an dieser feindlichen Welt ist ihre 
Unbesiegbarkeit, denn eigentlich steckt der Feind, den man 
schlagen möchte, ja in der eigenen Brust. D. h. der Gegner ist 
nicht etwa schon dann bezwungen, wenn feststeht, daß ich der 
Stärkere bin und er sich unterwerfen muß, sondern er ist erst 
geschlagen, wenn er vernichtet ist, wenn es den anderen nicht 
mehr gibt, dem ich mein Urteil über mich selbst unterstellen 
kann. Denn je mehr ich nur siege und unterwerfe, desto weni- 
ger kann ich den anderen verzeihen, was ich an ihnen verbro- 
chen habe/ 7 

Die bloße Existenz dieses Reaktionsschemas bedeutet selbstverständ- 
lich nicht, daß die Geschichte sich wiederholen werde im Sinne von 
einem Weltkrieg III und einem Auschwitz II. Dergleichen Befürch- 
tungen sind angesichts der Machtverhältnisse als absurd einzustufen, 
und sie verstellen den Blick dafür, daß der Irrsinn keineswegs wieder 
schon bekannte Formen annehmen muß. 



III. 

Die Daten, genauer: die Werte auf den Sub-Skalen Zu kurz gekommen, 
übervorteilt, betrogen und Ein guter Mensch denkt an sich selbst zuletzt 
zeigen ferner, daß die Landsleute für mögliche künftige Missetaten 



269 



moralisch bestens gerüstet, weil sie mit einem unerschöpflichen Vor- 
rat an Rechtfertigungen ausgestattet sind. Diese Behauptung stellt nun 
einen klaren Widerspruch zu den im vorigen Absatz prLntieZ 
Uber egungen dar. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man die 
Urteile >wir sind minderwertig, weil wir Unrecht tun< und >wir sind 
im Recht, wir wehren uns doch nur< auf verschiedene Stufen des 
Bewußtseins verteilt Das Minderwertigkeitsgefühl dürfte das trieb- 
haftere sexn es wird daher projiziert. Was übrigbleibt, ist die Rationa- 
hsierung. D. h. normalerweise würde ein Mensch gleichzeitig unter 
Gewissensqualen leiden und mit seinem Verstand versuchen, die 
morahsch verwerfliche Tat als moralisch legitim zu verteidigen, wäh- 
rend in diesem Falle für die Gewissensqualen ein fremder Peiniger ver- 
antworthch gemacht wird. 

Der unerschöpfliche Vorrat an Rechtfertigungen, der einen ebenso 
monströsen Amoralismus bemäntelt, ist eines der wirklich beunruhi- 
genden Elemente nicht nur im hiesigen Massenbewußtsein, sondern 
auch in der hiesigen offiziellen Politik. Alle Gruppen, von den eta- 
blierten Parteien bis zum Restbestand außerparlamentarischer Oppo- 

Z^V T ^ Sl t aUS * daß Sie ^ felen politischen, 

£2 t A n °J er L okonom, J SChen Prinzi P^ besitzen, sondern eigent- 
lich für jeden Schwenk und jede Kehrtwendung so offen sind, wie es 
die Sozialdemokratie 1914 war, als sie vom Internationalismus und 
1 azihsmus zur Begeisterung für den vaterländischen Krieg überlief 
Aus den Wandlungen beispielsweise, welche die bundesrepublikani- 
sche Linke in den 20 Jahren seit 1969 schon durchgemacht hat, ist auf 
eine Flexibilität zu schließen, für die es keine Grenzen gibt. Das 
Beunruhigende an den Verhältnissen in der BRD ist also, daß man 
weder von der Bevölkerung noch von politischen Gruppen sagen 
kann, was sie mit Sicherheit nicht tun würden. 58 

IV. 

Die Daten zeigen schließlich, daß es neben dem autoritären Syndrom 
ein weiteres, bislang nicht beachtetes gibt. Die Werte der Konsens- 
Skala lassen auf eine antizivilisatorische, antidemokratische Überzeu- 
gung schließen, deren unerhörte Einhelligkeit ferner die ungebro- 
chene Neigung zur freiwilligen Selbstgleichschaltung verrät, den 
Hang, sich unbekümmert um die eigenen Erfahrungen und die eigene 

miT* w/ g \ ZUm S f der jeWeils * erade & n W™ Pa ~len zu 

machen. Was beispielsweise die Juden und das Ozon miteinander ver- 
bindetest die Tatsache, daß ein Durchschnittsdeutscher beide nur 
vom Hörensagen kennt. Das Gerede vom ozonlochbedingten Welt- 
untergang wie die Parole >Die Juden sind unser Unglück« müßte er 
daher für zumindest abseitig und verstiegen, wenn nicht blödsinnig 
halten, unter der Bedingung jedenfalls, daß er nach Maßgabe seiner 

270 



eigenen Erfahrungen und seines eigenen Verstandes urteilt. Ganz 
unabhängig also vom Inhalt oder vom Wahrheitsgehalt der Klimaka- 
tastrophenprognose ist festzustellen, daß die Bereitwilligkeit, sie zu 
glauben, sich in keiner Weise von der Empfänglichkeit für den Glau- 
ben an eine jüdische oder sonstige Gefahr unterscheidet. Obendrein 
geht aus den Daten hervor, daß der Inhalt des Öko-Syndroms das 
beliebige und Zufällige daran ist und die Denkform dasjenige, womit 
man auch in Zukunft wird rechnen müssen. 

Vom Kollektivbewußtsein in der Bundesrepublik läßt sich also 
sagen, daß es ihm auf keinen Fall schwer fallen dürfte, sich mit den 
Forderungen einer faschistischen Massenbewegung zu arrangieren, 
weil auch den wenigen Nicht-Autoritären >die ganze Richtung< gefal- 
len müßte und sie solche Parolen und Erscheinungen, die sie ableh- 
nen, leicht aufs Konto Randerscheinungen, Entgleisungen oder 
>Wenn das der Führer wüßte« buchen können. Es sind damit auch die 
Voraussetzungen vorhanden, unter denen der Rechtsradikalismus sein 
Personalproblem lösen kann, d. h. er wird auch andere als die zwie- 
lichtigen Figuren rekrutieren können, die ihn momentan repräsentie- 
ren. Was ihm fehlt, sind zwei Dinge, der Feind und der Führer. 

Ob er mächtig wird, hängt vom Zufall und von Bedingungen ab, 
die sich einstweilen nicht übersehen lassen. Keineswegs ist es ein 
Naturgesetz, daß aus der schweren ökonomischen und politischen 
Krise, die der Bundesrepublik vorherzusagen inzwischen wenig 
Kühnheit erfordert, sich als Alternative zur sozialistischen Revolu- 
tion immer eine faschistische Diktatur erhebt, sondern die Gesell- 
schaft oder die Nation kann auch ganz einfach absinken zur Bedeu- 
tungslosigkeit, zerfallen, verelenden, unregierbar werden wie der 
Libanon oder die Sowjetunion. Momentan spricht nichts gegen die 
Möglichkeit, daß die Deutschen, die sich schon an der Einheit mäch- 
tig verhoben haben, diesmal den kürzeren ziehen. 

Gegen die Warnungen vor einem großdeutschen vierten Reich ist 
daher einzuwenden, daß in ihnen vielleicht mehr Wunschdenken 
steckt, als die Warner glauben mögen, und daß dies vermeintliche 
Schreckensgemälde, wenn es nur dick genug gemalt wird, von der 
Bevölkerung eher als Fingerzeig und Versprechen empfunden wird: 
Genau, das ist es, was wir eigentlich brauchen. 

Schließlich darf nicht vergessen werden, daß es in der Politik keinen 
Copyrightschutz gibt. Die Deutschen haben zwar das Urheberrecht 
auf Auschwitz, aber die beispielgebende Wirkung dieser historischen 
Leistung ist damit selbstverständlich nicht auf Deutschland 
beschränkt. Angesichts der Tatsache, daß die Entwicklung im Ost- 
block die Menschheit in das überflüssige Menschenmaterial verwan- 
delt, welches sie in der Dritten Welt schon gewesen war, in unnütze, 
bloß gefräßige, heuschreckenschwarmhafte, gewissermaßen schäd- 
lingsinsektenartige Kreatur - der vornehmere Ausdruck für die 



271 



Metamorphose heißt Umstrukturierung und Freisetzung von über- 
flüssigen Arbeitskräften -, könnte es durchaus sein, daß die Deut- 
schen das Los des Erfinders teilen, der von der wirklichen Nutzan- 
wendung und Ausbeutung seiner bahnbrechenden Idee ausgeschlos- 
sen bleibt. 



272 



Bilanz im November 



Noch im Frühling 1990, zu Beginn der Studie, war wenigstens die 
räumliche und zeitliche Abgrenzung klar. Präzise Angaben zur Lage 
und zum Jahrgang ließen den Untersuchungsgegenstand sogar als 
i i was Handfestes erscheinen, weil der Mensch zum Fehlschluß neigt, 
daß, was datiert und lokalisiert wurde, wohl auch existieren muß. 
Mochte das Massenbewußtsein samt seiner Elemente sein, was es 
wolle, immerhin wußte man eines bestimmt, nämlich wann und wo 
man die Mixtur suchen sollte. 

Gut acht Monate später warf das Label »BRD 1990« nur noch Fra- 
gen auf. Anfang der 80er Jahre hatte man sich grundlos um die natio- 
nale Identität gesorgt, nun war sie wirklich zum Problem geworden. 
Wo BRD drauf stand, war jetzt DDR mit drin, schneller als gedacht, 
verloren feststehende Begriffe wie Jugoslawien, Sowjetunion oder 
BRD ihren Sinn. Außerdem verloren die Landsleute das Monopol auf 
die Herstellung von Marotten, schwierig wurde die Beantwortung der 
Frage, was Import und was made in Germany war. Spätestens seit im 
Oktober der Friedensnobelpreis an Gorbatschow ging, unter dessen 
Regime in der Sowjetunion die Stammeskriege begannen, hielten die 
Deutschen nicht mehr den Weltrekord in der Disziplin Realitätsver- 
lust, der hiesige Wahn war eine Spielart des globalen geworden. 

Für die Untersuchung hieß dies, daß sie Opfer einer Heimatvertrei- 
bung wurde, diesmal welcher im wörtlichen Sinn, weil die Verhält- 
nisse wandern gingen und der Sozialforscher ortsfest blieb. Ziemlich 
alt sah er plötzlich aus, Jahre Beobachtens und Knobeins waren reif 
für den Speicher. Auch der hartgesottenste Scientismus nämlich leug- 
net nicht, daß beispielsweise eine Skala ohne vorwissenschaftliche 
Erfahrung weder konstruiert noch interpretiert werden kann. Richti- 
ger wäre, wenn man sagen würde, daß jede Untersuchung eines 
Gegenstands von Informationen über ihn lebt, wie sie weder in der 
Fachliteratur noch in der Studie selber zur Sprache kommen. Wer 
lange irgendwo wohnt, entwickelt allmählich einen Instinkt dafür, 
was die Eingeborenen demnächst anstellen werden, die Vielzahl der 
Eindrücke und Bilder stellt das Material für assoziative Verknüpfun- 
gen bereit, und mit der Zeit bildet sich eine auf Lebenserfahrung 
beruhende Sicherheit des Urteilens. Nebensächliche Beobachtungen, 
kleine, nur aus den Augenwinkeln wahrgenommene Dinge sind es 
schließlich, denen das Denken oft den Einschaltklick verdankt. 

Sicher sieht man der M-Skala das nicht an, aber in ihr und vor allem 
in der Interpretation der Werte stecken zehn Jahre nicht ganz mühe- 
los erworbener Erfahrung. Zehn Jahre lang war die Bundesrepublik 
ein überschaubares, friedlich vor sich hingärendes, auf kleiner 



273 



Flamme im eigenen Saft schmorendes Gebilde gewesen, nur das Mas- 
senbewußtsein schäumte und warf manchmal dicke Blasen auf, und 
in aller Ruhe konnte man die Gesetze der Blasen- und Schaumbil- 
dung studieren. Die Gemütsaufwallungen hatten kaum äußeren 
Grund, sie waren autark und autonom und eben deshalb ein ideales 
Objekt für Beobachtung und Forschung. Der reine Wahn aber setzt 
außer bei ganz Verrückten, Verhältnisse voraus, unter denen man sich 
ihn leisten kann, ein Hypochonder wird schnell seine eingebildete 
Krankheit vergessen, wenn er eine richtige bekommt. Das bundes- 
deutsche Okosyndrom beispielsweise, welches in dieser Studie noch 
eine wichtige Rolle spielt, war auch Zeitvertreib, es basierte auf Wohl- 
stand, Stabiiitat und Langeweile. Wer eigentlich keine Sorgen hat, 
denkt sich welche aus, und was er dann als freischaffender Künstler 
zusammenphantasiert, erlaubt Rückschlüsse auf den Zustand seiner 

Dies luxuriöse Tollhaus also war der Studie Heimatland, die 
Gegend wo man jede Gasse bei geschlossenen Augen am Geruch und 
an den Geräuschen erkennt. Von dort wurde sie verscheucht, nicht 
etwa nur auf anderes Gebiet, sondern auf welches, wo die Karten 
jeden rag hatten neu gezeichnet werden müssen. Die volle künstleri- 

RRn" u™ ^ Usden L ken von So * en nämlich gibt es in der 
neuen BRD nicht mehr, neben eingebildeten Gefahren machen wirk- 
hche sich breit und es scheint, als wäre das Okosyndrom der neuen 
Konkurrenz schon er egen. Nicht, daß die Landsleute deshalb normal 
wurden auch nur ,n dem Sinn, daß sie einfach bloß so verrückt wer- 
den wie alle. Aber in einem Ubergang befindet das Kollektivbewußt- 
sein sich und inmitten von Ubergängen ist es schwer, schon die sich 
herausbildenden neuen Konturen zu erkennen, weil die Gefühle und 
die Reaktionen höchst zwiespältig sind. Alte und neue Einstellungen 
überlagern sich noch, einerseits signalisiert die Entwicklung im Osten 
Europas und der neuen BRD ernste Gefahren für Bequemlichkeit und 
Wohlstand, andererseits geht mit dem Zusammenbruch dort eine 
lange gehegte Untergangsvision in Erfüllung. Also wissen die Leute es 
selber nicht so ganz genau, ob sie sich vor dem Elend fürchten oder 
sich daniber freuen sollen. Schlechte Zeiten für Meinungsforscher die 
mit vorformuherten klaren Sätzen arbeiten müssen, um zu quantitati- 
ven Ergebnissen zu kommen. 

Finden beispielsweise die Bundesbürger die Folgen der Einheit gut 
oder schlecht, wenn sie sich als konkretes Beispiel Berlin anschauen? 
Belauschen wir kurz ein Ehepaar Anfang 40, kinderlos, beide berufs- 
tätig. Im Herbst 1989 zog es von Berlin in eine süddeutsche Klein- 
stadt, hauptsächlich wegen der Schadstoffe in der Luft, aber auch 
wegen der Verkehrsbelastung, und weil man überhaupt ein ruhigeres 
Leben fuhren wollte, fern von der Großstadt mit ihrem Streß und 
ihren Menschenmassen. Ein Jahr später nun verbringt das Paar ein 



274 



verlängertes Wochenende in Berlin, wo die beiden zuletzt vor dem 
Mauerfall gewesen waren. Schon die Fahrt ist ein Erlebnis: 15 Stunden 
hin, 20 Stunden zurück, endlose Staus auf der Autobahn, Kälte, 
Nacht, kein Benzin, kein Essen und keine Toiletten. Bei der Rück- 
kehr werden die beiden nach ihren Eindrücken befragt, und das sind 
sie - stark gerafft, aber jeder Satz wörtlich zitiert: 
»Berlin ist voll, Schlangen wie in Rußland, Schlimm, Schlimm, aber vol- 
ler Leben. Es hat uns gut getan. Die Fahrt war scheußlich, aber es hat sich 
gelohnt Berlin lebt jetzt noch mehr, alles ist rammelvoll, Innenbezirke 
und Außenbezirke sind voller Autos. Wo man früher fünf Minuten ge- 
braucht hat, braucht man jetzt eine halbe Stunde. Egal, wo man fährt, 
überall sind zweispurige Kolonnen. Die Karl-Marx-Straße ist voll wie 
mit Ameisen. Man kann nicht mehr zu zweit dort rumschlendern, son- 
dern man muß sich Zeit nehmen und sich richtig durchboxen. Wir woll- 
ten einen Geschäftsbummel machen, aber das ging nicht - überall 
Schlangen. Man braucht erst mal Zeit, um ins Geschäft reinzukommen. 
Schon überhaupt durch die Straße zu kommen - das ist ein Erlebnis. 
Wir waren schon in Metropolen, durch Athen bei 45 Grad im Schatten 
mit dem Auto - das war schon ein Erlebnis, Abgase und Scbrittempo. 
Aber hier - da haben wir gesagt: Berlin ist jetzt eine richtige Metropole. 
Also wenn man dann im Laden drin ist, braucht man wieder Zeit, um 
an die Ware ranzukommen. Und dann läßt man sie schon stehen, weil 
die Schlange an den Kassen, die funktionieren, so lang ist, daß man eine 
halbe bis dreiviertel Stunde warten muß. Draußen in Gropiusstadt, wo 
sonst immer Totentanz war, morgens am Samstag beim Brötchenkaufen: 
30 Meter Schlange draußen vor dem Laden. Und es gibt keine Rempe- 
leien, die Leute stehen geduldig, holen sich mal eine Zeitung, dann geht 
es ein Stückchen weiter, man kommt auch ins Gespräch. Im Stau auf der 
Autobahn war es ähnlich. Ich habe da im Wagen gesessen und die Leute 
iKobachtet, anfangs will jeder, daß es bloß weitergeht. Aber dann kommt 
so ein Punkt, da wird einem alles egal, dann lockert sich das, die Leute 
fangen auch an zu grinsen, und nach zehn Stunden kommt dann auch 
die Kommunikation in Gang. Also es hat uns gut getan, dieses Gedränge, 
es ist Leben auf den Straßen. Früher war alles anonym, aber jetzt ist man 
nicht mehr anonym, sondern man ist in der Masse, man ist wie im 
Karussell.* 

Auf der M-Skala erreichten die beiden übrigens Mittelwerte von 
5.36 bzw. 4.31, beide stimmten stark zu beim ozonlochbedingten Wel- 
tuntergang (Nr. 12) und beim schadstoffbedingten Krebstod (Nr. 48), 
beider Parteipräferenz galt den Grünen. Beide glauben, daß die Natio- 
nalitätenkonflikte in Jugoslawien möglicherweise daher kommen, 
daß das Land einfach übervölkert ist oder daß die Leute dort unter 
Langeweile und nicht ausgelebtem Bewegungsdrang leiden. Wer sie 
bei anderer Gelegenheit das naturverbundene Leben hat loben oder 
die Gefahren der modernen Zivilisation hat beschwören hören und 



275 



von Ambivalenz nichts weiß, würde sie in diesem Kurzbericht nicht 
wiedererkennen. 

Wichtig in diesem Zusammenhang ist freilich nur die Reihung »Wie 
in Rußland - Schlimm - Aber voller Leben - Es hat uns gut getan « 
Anders, als man denken sollte, aber genauso, wie man ahnen konnte 
schlummert in der Seele derer, die sich vor der Katastrophe zu ängsti- 
gen meinen, ein mächtiger Erlebnishunger nach ihr. Sie wird herbei- 
gesehnt, als Spektakel zum einen, welches Abwechslung in den lang- 
weiligen gefühlsarmen Alltag bringt, zum anderen als Katalysator 
welcher die Vereinzelten und Vereinsamten zur Notgemeinschaft ver- 
bindet - in Lebensmittelläden, wo das Schlangestehen auch im alten 
Bundesgebiet Routine wurde, rufen Beschwerden oft den Ärger älterer 
Burger hervor, die sich in der Schlange sichtlich wohl fühlen 

Viel also hat sich gar nicht geändert, könnte man meinen, noch 
immer der alte Weltuntergangs-Wonnegraus, noch immer die friedens- 
bewegte Sehnsucht nach Verwüstung, nach den Hungerjahren auch, 
nach der Nachkriegszeit, als das Land in Schutt und Asche lag Nur 
nimmt der Wahn eine andere Bedeutung und auch andere Formen an 
wenn den Sehnsüchten, die er produziert, plötzlich Äquivalente in 
der Realität entsprechen. Sich mit Grauen an sterbenden Wäldern 
versafteten Soforttoten oder den möglichen Folgen einer Klimakata- 
strophe zu weiden war ein vergleichsweise harmloses Spiel, weil die 
Objekte der Begierde mit großer Sicherheit imaginierte bleiben wür- 
den Die Landsleute glichen Kindern, deren Sadismus folgenlos ist 
weil sie das Bein nur der Puppe ausreißen. Aus dem Spiel wird ernst! 
wenn das geschlossene Wahnsystem aufbricht. Geschlossen ist das 
Wahnsystem so lange, wie die von ihm produzierten Wünsche ver- 
ruckt sind und unrealistisch zugleich: Es ist verrückt, sich den Welt- 
untergang zu wünschen, und es ist zusätzlich verrückt, an die Mög- 
lichkeit dieser Wunscherfüllung zu glauben. Nur halb verrückt ist es 
dagegen, sich russische Verhältnisse zu wünschen, weil solche Verhält- 
nisse vorhanden und realisierbar sind. 

Eben weil der Wahn eine andere Bedeutung hat, ändern sich auch 
die Formen und Symptome. Jede Ambivalenz im Hinblick auf die 
Katastrophe hat auch eine realitätsverleugnende Komponente, die nur 
truher gar nicht in Erscheinung trat, weil die Realitätsferne in der 
Sache selber lag. Uber das Waldsterben, die Irrfahrten der lächerli- 
chen Strahlen-Molke oder den Transport amerikanischer Chemiewaf- 
fen wurde von den Medien zwar in einem Umfang berichtet, welcher 
der eingebildeten Gefahr angemessen gewesen wäre, aber nur deshalb, 
weil keine reale Gefahr vorhanden war. Bloß fiktive Dinge kann man 
trotz ambivalenter Einstellung ihnen gegenüber permanent fixieren, 
weil der Widerspruch von haben wollen und nicht haben wollen 
durch das Bewußtsein aufgelöst wird: Da sind sie zwar, aber es gibt 
sie eigentlich nicht, alles nur ein böser Spuk. Anders jedoch verhält 



276 



es sich, wenn wirklich existiert, was zugleich lockt und Schrecken ein- 
llößt. Unter diesen Bedingungen muß die Realitätsverleugnung, die 
zuvor in der Sache selber lag, sich in eine Leistung des Subjekts ver- 
wandeln. Besaß der Wahn bislang die Form einer separaten Marotte, 
die für sich allein genommen zwar völlig verrückt, aber auch wie- 
derum eher harmlos war, weil sie ein von der Realität abgespaltenes 
Eigenleben führte, ähnlich dem Irresein des Normalbürgers im Hob- 
bykeller, so beginnt nun der Wahn das Verhältnis der von ihm befalle- 
nen zur Realität zu bestimmen. 

Es fallen dann normale Reaktionen aus, etwa die, daß der Mensch 
eine Gefahr, vor der er nicht weglaufen kann, gern im Auge behält. 
Beine in die Hand und Fersengeld geben oder Rücken zur Wand und 
den Feind fixieren - eine dritte Möglichkeit gibt es normalerweise 
nicht. Im Herbst 1990 wiederum waren der Golf-Konflikt und die 
Entwicklung im Ostblock zwei Krisenherde, vor denen man nicht 
davonlaufen konnte, deshalb wäre das Bedürfnis normal gewesen, 
über sie täglich präzise und umfassend informiert zu werden. Am 12. 
November, um nur irgendeinen Tag herauszugreifen, kam hinzu, daß 
in Paris 150 000 Schüler auf den Beinen waren, in Paris und Berlin gab 
es außerordentlich heftige Straßenschlachten zwischen jugendlichen 
Demonstranten und der Polizei - beides unübersehbare Indizien 
dafür, daß es im sozialen Gefüge auch der bislang als stabil geltenden 
Länder zu knistern beginnen könnte. 

Bringt nun an einem solchen Tag die ZDF-Hauptnachrichten- 
sendung als Topmeldung an erster Stelle ausgerechnet einen weit- 
schweifigen Bericht über das Zeremoniell einer Kaiserkrönung in 
Japan, dann braucht der Soziologe weder Ortskenntnis noch Instinkt, 
um auf »Entpolitisierung durch Personalisierung* zu tippen, und 
ganz falsch ist die Diagnose »typisches Ablenkungsmanöver« sicher 
nicht. Als ortsansässiger leidgeprüfter TV-Konsument aber, der sich 
ganz ohne wissenschaftliche Ambitionen schon durch Hunderte von 
Nachrichtensendungen gelangweilt und dabei unvermeidlich ein 
Gespür für Stimmungen entwickelt hat, könnte er beispielsweise mei- 
nen, diese sonderbar realitätsfremde Beziehungslosigkeit, diesen Ein- 
druck von »total daneben« kenne man doch schon, dieses Mißverhält- 
nis zwischen Realität und Reaktion habe man erst kürzlich irgendwo 
bemerkt, und es fallen ihm vielleicht die Bilder von Adelheid Streidel 
und Dieter Kaufmann wieder ein, denen man nach der Tat alles 
ansah, nur nicht was geschehen war. 

Wenn die News, die wie Psychodelics wirken, ferner kommentarlos 
berichten, Gorbatschow und Jelzin hätten einen Plan beschlossen, 
nämlich den, einander schrittweise bis zum Jahresende näherkommen 
zu wollen, mag der Zeitgenosse die groteske Meldung mit den kurz 
zuvor gesendeten Bildern von Gorbatschows Staatsbesuch in Oggers- 
heim verknüpfen, wo der sowjetische Präsident wieder mal ein wenig 



277 



der Mutter glich, die statt ihres eben verstorbenen Kindes lächelnd ein 
Stöckchen wiegt. Weltweit, wäre die Schlußfolgerung daraus, reagie- 
ren die Menschen auf die weltweite Krise offenbar mit schweren 
Störungen ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, noch schneller als die Orga- 
nisation der Ökonomie bricht die Organisation des Subjekts zusam- 
men. Hat die abstrakte Idee vom Zerfall elementarer Verstandeslei- 
stungen des Subjekts sich im Kopf einmal festgesetzt, so muß man in 
der Wirklichkeit nicht lange nach weiteren Beispielen suchen, auf 
welche das Schema passen könnte. Wie Gorbatschow und Jelzin etwa 
in einer anderen als der realen Welt zu leben scheinen, wenn sie 
Schritte zur Lösung ihres Beziehungsproblems als frohe Botschaft an 
das Volk verkünden, dem ein Hungerwinter unmittelbar droht, so 
interessiert die Bevölkerung ihrerseits sich offenbar mehr für Glau- 
bensfragen als für Kartoffeln. 

Dabei bleibt der Glaube keineswegs auf die Religion im engeren 
Sinne beschränkt, sondern als Denkmuster beherrscht er ebenso die 
Vorstellungen über Wirtschaft und Politik, und dies auch in anderen 
Ländern. Wie in der Sowjetunion je nach Fraktion Glasnost & Pere- 
stroika, Slawentum & Religiosität, lettische Eigenstaatlichkeit und 
moldawische Identität beschworen werden, obgleich die Leute überall 
in erster Linie weder lettisch noch slawisch sind, sondern bettelarm, 
so wird in der Bundesrepublik geistesabwesend vom Wohlstand im 
vereinigten Vaterland geredet, und der halluzinierte Aufschwung hat 
längst die Qualität eines Dogmas oder einer Wahnidee erreicht, die 
sich mit einer sie Lügen strafenden Realität ebenso wie mit ihr wider- 
sprechenden Meinungen bestens verträgt, weil die Menschen keine 
Widersprüche wahrnehmen. Nur deshalb kann die CDU im Novem- 
ber noch eine Wahlkampfbeilage schmücken mit dem Satz: »Die deut- 
sche Einheit ist das beste Programm für mehr Arbeitsplätze und mehr 
Wohlstand«, weil offenbar keiner darin eine Tatsachenbehauptung 
sieht, die als zutreffend zu billigen oder als unzutreffend zu verwerfen 
wäre. Obgleich die Behauptung vom größeren Wohlstand, anders als 
etwa der Glaube an ein Leben nach dem Tod, zur Kategorie verifizier- 
barer Urteile zählt, scheint sie gegen Erfahrung ebenso immun zu 
sein wie die Hoffnung auf Erlösung im Himmel und daher noch weit 
verrückter als diese. Denn andererseits ist die faktische Verelendung 
kein Geheimnis, sondern Titelthema, die Zeitungen berichten dar- 
über, daß die Arbeitslosigkeit im Osten und der Wohnungsmangel 
schon in einer reichen Stadt wie Stuttgart nach offiziellen Angaben 
zu mindestens 2000 Obdachlosen führten, von denen mindestens 500 
buchstäblich auf der Straße im Freien werden überwintern müssen, 
ohne daß irgendwelche großen Bauprogramme wie in den 50er Jahren 
auch nur geplant sind. 

Wenn nun an dieser Stelle im Text der Punkt erreicht ist, wo Verfas- 
ser und Leser gemeinsam verzweifelt nach dem roten Faden suchen 



278 



und im Hinterkopf denken: schon recht, aber was soll das alles, wo 
ist denn nun endlich die Moral von der Geschichte, dann hängt das 
unter anderem damit zusammen, daß der Wahn einen Umfang 
besitzt, wo der Bericht über ihn leicht dessen Form annimmt, also 
verworren wird, wenn man die beabsichtige Klassifikation oder Typo- 
logie nicht deutlich genug heraushebt. Zeigen sollten die Beispiele 
nämlich, daß man verschiedene wahnhafte Reaktionen auf die Reali- 
tät unterscheiden kann: 

1. Zwar werden die Fakten registriert, aber ihre Bedeutung wird 
nicht erkannt, es werden ihnen die falschen Affekte zugeordnet. 
Das Paar, welches sich beim Berlin-Trip über russische Verhältnisse 
freut, ähnelt einerseits Kindern, die von einem Bombenangriff 
beispielsweise keineswegs unbedingt traumatisiert werden müssen, 
sondern ihn, anders als Erwachsene, auch in angenehmer Erinne- 
rung behalten können, weil es dabei so schön geblitzt und 
gekracht hat und weil sie vom Tod noch keine Vorstellung besit- 
zen. Man könnte sagen, daß bei diesem Typ die Wahrnehmung 
nicht ausgeschaltet werden muß, weil später das infantile Gemüt 
die Eindrücke einfach umwertet. Andererseits könnte man einen 
Mechanismus vermuten, wie ihn die Traumarbeit benutzt, näm- 
lich das Verschieben von Affekten. Voraussetzung dafür ist, daß 
die Affekte ein Eigenleben führen, separiert sind von den Dingen 
und Ereignissen, die sie auslösten. Sämtliche Affekte einerseits, 
sämtliche Dinge und Ereignisse andererseits werden dann beliebig 
kombinierbar: Tod und Freude, Armut und Glück, etc. 

2. Es werden Affekte übermittelt, nicht aber die Fakten, welche sie 
begründen würden, diese Fakten werden vielmehr durch harmlose 
andere ersetzt. Während der Golf-Krise berichteten die Fernsehan- 
stalten täglich umfassend in den Nachrichten und zusätzlich in 
langen Reportagen und Features über den Transport amerikani- 
scher Giftgasgranaten durch die Bundesrepublik, obgleich es dabei 
außer Lastwagen und Eisenbahnen wirklich nichts zu sehen gab, 
obgleich der Zweck des Transports die Beförderung der Waffen 
außer Landes war und obgleich die zahllosen Schaulustigen an der 
Strecke bewiesen, daß keiner auch nur im Traum ernsthaft an ein 
Sicherheitsrisiko dachte. Einerseits diente der Medienrummel 
zwar dem Zweck, das deutsche Giftgas, welches gerade zu einer 
akuten Gefahr für die amerikanischen Truppen in der Wüste und 
für Israel geworden war, im Bewußtsein durch amerikanisches zu 
überlagern. Langfristig wichtiger aber ist der Effekt, daß man es 
sich abgewöhnt, Stimmungen eine ernste Bedeutung beizumessen, 
weil sie offensichtlich stets unbegründet sind. Hier werden gewis- 
sermaßen die Instinkte konditioniert, d.h. sie werden den Men- 
schen ausgetrieben, wie dies schon durch die Friedensbewegung 



279 



geschah, welche bei ihren Anhängern zu dem Schluß führen 
mußte: Wenn ich Angst habe, heißt das überhaupt nichts. 
Auch hier verhält sich das wache Bewußtsein wie das des Schläfers, 
der in einem Angsttraum durchs lange zurückliegende Abitur 
fällt, welches er mit Auszeichnung bestanden hat, weil er ange- 
sichts einer bevorstehenden weiteren Prüfung mit höchst ungewis- 
sem Ausgang sich suggerieren will: Meine Sorgen sind vollkom- 
men unbegründet. 
3. Die Realität wird verleugnet und unterschlagen - was uns nicht 
gefällt, das existiert einfach für uns nicht, wir schauen weg, wir 
sprechen von anderem, von einer Gemäldeausstellung irgendwo, 
von der Jahrestagung der Kleintierzüchter oder von den Ernäh- 
rungsproblemen neuseeländischer Blauwale, wenn die aktuellen 
Nachrichten zu unerfreulich sind. Dieser konventionellen Metho- 
de bedienen sich gern die Fernsehanstalten, besonders ARD und 
ZDF, aber es wäre falsch, sie nur für beabsichtigte, kalkulierte 
Manipulation zu halten, denn zu ihr greifen auch Privatpersonen, 
die gewiß kein parteipolitisches Interesse verfolgen. 
Ferner haben die großen Fernsehanstalten diese Methode zu einer 
Perfektion entwickelt, wie sie allein durch Anweisungen und 
Absprachen nicht erreichbar wäre. Jede Arbeit verlangt bei der 
Ausfuhrung ein hohes Maß an Bewußtlosigkeit, wer die Gramma- 
tik nicht in der Zunge oder in den Fingern hat, sondern bloß im 
Kopf, wird kaum in der Lage sein, pro Tag mehr als eine Handvoll 
grammatikalisch richtiger Sätze zu sagen oder zu schreiben. Ana- 
log dazu läßt die Geschlossenheit der Nicht-Information oder 
Desinformation bei den Fernsehanstalten auf einen Verdrängungs- 
mechanismus schließen, der Anweisungen weitgehend überflüssig 
macht. 

Der Verdrängungsmechanismus wiederum weist darauf hin, daß 
die Ereignisse, über die nicht berichtet wird, den Journalisten 
nähergehen, als man dies bei Profis vermuten sollte. Während für 
den Patienten und seine Verwandten oder Freunde die schlimme 
Krankheit ein plausibler Auslöser für Verdrängungsprozesse ist, 
wird der Arzt in der schlimmen Krankheit hoffentlich kein 
menschliches Unglück, sondern einen interessanten Fall erblicken, 
weil seine Teilnahmslosigkeit die Voraussetzung für zuverlässiges 
Funktionieren und für fachgerechte handwerkliche Arbeit ist. 
Weder darf er weinen, noch darf er verdrängen, wenn er den 
Patienten kurieren soll, und er hat auch gar keinen Grund dazu, 
ist doch der interessante Fall für den Experten ein gefundenes Fres- 
sen. 

Um so erstaunlicher daher, daß die Fernsehanstalten aus Krisenge- 
bieten so spärlich berichten, und es kann vermutet werden, daß es 
projektive Mechanismen sind, welche die Ereignisse, über die 



280 



nicht berichtet wird, in eine solche affektive Nähe bringen, daß 
sie Objekt von Verdrängungsprozessen werden. 
4. Die Fakten werden zur Kenntnis genommen, sie werden auch 
richtig bewertet, aber sie bilden zusammen keine Realität. Die 
Welt am 16. November angesichts neuer Krisenmeldungen aus der 
Sowjetunion einem Abgrund entgegentreiben sehen und die für 
den 19. November geplante Pariser KSZE-Gipfelkonferenz sinnge- 
mäß als Ironie des Schicksals glossieren einerseits; andererseits 
genau zwei Tage später eben diese KSZE-Gipfelkonferenz einen 
Meilenstein auf dem Weg zu einem friedlichen Europa nennen - 
das sind zwei Dinge, die ein Moderator wie Nikolaus Brender vom 
WDR, der hier nur stellvertretend für viele seiner Kollegen 
genannt wird, gleichermaßen und gleichermaßen überzeugend 
fertigbringt. 

Es ist, als gäbe es die Einheit des Bewußtseins nicht mehr, nur 
noch verschiedene Bewußtseinszustände, und wieder fühlt man 
sich ans Formgesetz des Traums erinnert, in welchem bekanntlich 
der Satz vom sich ausschließenden Widerspruch nicht gilt, wo 
simultan auf derselben Leinwand verschiedene Filme laufen kön- 
nen, die Sequenzen überhaupt nicht logisch zueinanderpassen 
müssen und wo dann erst der Erwachende über das Durcheinan- 
der staunt. 

Das Gefühl, einen wirren Traum zu träumen, aus dem man endlich 
einmal aufwachen müßte, wird durch die Simultaneität von Ereignis- 
sen und Meldungen bewirkt, die allesamt überhaupt nichts Träumeri- 
sches an sich haben, sondern höchst banal sind und in unübersehbarer 
Menge die Hirne der Bürger bestürmen. Seit anderthalb Jahren bei- 
spielsweise berichtet in Stuttgart die Lokalpresse regelmäßig von 6000 
Bedürftigen in der Notfallkartei des städtischen Wohnungsamtes. 
Ebenso regelmäßig berichtet die Presse seit anderthalb Jahren über 
das Hickhack zwischen Administration und Umweltschützern um 
ein Bauprojekt im Umfang von 800 Wohnungen, die frühestens in 
drei Jahren zur Verfugung stehen könnten, während im gleichen Zeit- 
raum mit der Zuwanderung von Aussiedlern in einer Größenordnung 
von Hunderttausenden oder Millionen gerechnet wird. Obgleich die 
Bedingungen in der BRD mit den Verhältnissen in der UdSSR nicht 
zu vergleichen sind, wirken die hiesigen EntScheidungsprozesse neu- 
erdings, als habe man sich die Beratungen im Obersten Sowjet zum 
Vorbild genommen, der seit mehreren Jahren über Maßnahmen zur 
Verbesserung der sich seit mehreren Jahren verschlechternden Versor- 
gungslage debattiert. Hier wie dort scheint es der Ehrgeiz von Regie- 
rung und Behörden zu sein, in der Bevölkerung über kurz oder lang 
den begründeten Wunsch nach einem entscheidungsfreudigen, hart 
durchgreifenden Führer zu wecken. 



281 



Auch Sehnsucht nach einem Krieg könnte entstehen, weil es 
Zustände gibt, aus denen das Bewußtsein erwachen möchte, selbst 
wenn das Erwachen ein böses ist, und weil der Krieg ein mächtiger 
Realitätsstifter ist, insofern er die Welt unter einfachen und klaren 
Kategorien wie Sieg oder Niederlage, Freund oder Feind zu begreifen 
erzwingt. Als Befehl hat das Won im Krieg Gewicht, was im Kopf des 
Subjekts vorgeht, mag falsch oder richtig sein, jedenfalls besitzen die 
Gedanken und Entscheidungen dergestalt Realitätsbezug, daß sie rea- 
lisiert werden und nicht nur im Kopf verbleiben. In der internationa- 
len Pop-Szene deutet sich eine neue Vorliebe für Uniformen und 
überhaupt Militärisches an (Jannet Jacksons neuester Video-Clip ist 
dafür ein Beispiel), und wenn diese Beobachtung richtig ist, weist sie 
keineswegs einfach auf genuine Kriegsbegeisterung hin, sondern die 
Mode drückt das begreifliche Unbehagen an Verhältnissen aus, unter 
denen der Diktator oder der Krieg als Erlösung aus geistiger Umnach- 
tung herbeigewünscht werden kann, weil einstweilen die kursieren- 
den Gedanken, Worte, Verlautbarungen und Entscheidungen weder 
zueinander noch zu den Fakten oder irgendwelchen Konsequenzen 
passen und das Subjekt sich vom Irresein bedroht fühlen muß. 

Möglicherweise richtet der Zusammenbruch des Ostblocks oder 
der Fortfall der West-Ost-Konfrontation ein erhebliches Durcheinan- 
der in den Köpfen aller Menschen an, für die schließlich 45 Jahre lang 
die einfache Unterscheidung zwischen diesseits und jenseits des Eiser- 
nen Vorhang mehr als nur ein zentrales Element ihrer Orientierung 
war. Sicher ist jedenfalls schon jetzt, daß die Milchmädchenrechnung 
nicht stimmt, derzufolge der Zerfall der Supermacht UdSSR zu 
einem Machtgewinn von Konkurrenten oder Nachfolgern hätte füh- 
ren müssen. Wenn nämlich die Macht der Supermächte wie jede 
Macht auf einem Gegensatz beruht, bricht sie gleichzeitig mit diesem 
Gegensatz zusammen, und die lachenden Erben müssen es erleben, 
wie das vermeintlich ihnen hinterlassene Vermögen sich in Luft auf- 
löst, ehe man auch nur danach fassen kann. 

Keineswegs steht die Konkurrenz nach dem Niedergang der Sowjet- 
union glanzvoll in der Rolle des unbestrittenen Alleinherrschers da, 
sondern auch die USA, die mitunter am Rande der Staatspleite ent- 
langmanövrieren, sehen so aus, als habe dort Gorbatschow ebenfalls 
mit Glasnost & Perestroika gewütet, und der Machtverlust wiederum, 
welchen der amerikanische Präsident erleidet, dürfte bis hinunter zu 
den Familienvätern die Stellung sämtlicher Autoritäten im vormaligen 
freien Westen schwächen. 5 * Während alle Welt noch wie gebannt auf 
das in der UdSSR entstehende Machtvakuum starrt, wohinein nach 
Gorbatschow jetzt auch Jelzin fiel, ist gleichzeitig überall schon der 
Punkt erreicht, wo man dergleichen längst innerhalb der eigenen Lan- 
desgrenzen studieren kann, mit dem Unterschied nur, daß, wer viel 
in der Tasche hat, auch viel verplempern und sich dann immer noch 



282 



seine Brötchen kaufen kann. Wie die Versorgungslage in der Sowjet- 
union nach Regierungsauffassung seit fünf Jahren jedes Jahr besser 
werden sollte, so sollte das Wirtschaftswunder in der DDR nach den 
freien Wahlen im März, dann nach der Währungsunion im Juli und 
schließlich nach der Vereinigung im Oktober beginnen. Es ist immer 
noch nicht in Sicht, ohne daß daraus die Konsequenz gezogen und 
massiv mit dem Aufbau der Infrastruktur begonnen würde, und das 
obgleich die ehemalige DDR praktisch vor der Alternative steht: 
Roosevelts New Deal oder Hitlers Arbeitsdienst. Friede und Freude 
sollen als Folge der Vereinigung in der erweiterten BRD angeblich 
unter den Menschen herrschen, aber die Straßenschlachten zwischen 
Hausbesetzern und Polizei in Berlin, die hohen Kriminalitäts- und 
Selbstmordraten in der DDR, die fast schon zur Regel gewordenen, 
deshalb oft nur noch in den Lokalteilen der Presse gemeldeten Toten 
im Zusammenhang mit Fußballkrawallen, und nicht zuletzt die am 
13. November beschlossene Absage der Leipziger »Fußball-Gala« aus 
Sicherheitsgründen beweisen unterdessen augenfällig, daß von Friede 
und Freude keine Rede sein kann, sondern eine Gesellschaft vor der 
Alternative steht, den sich bildenden Haß in vernünftige politische 
Aktionen, in die Selbstzerfleischung oder in die Zerfleischung ande- 
rer umzusetzen. 60 

So stellt sich die Übergangszeit, die Mitte 1990 angebrochen war, als 
eine Phase dar, deren Unberechenbarkeit durch Figuren wie Saddam 
Hussein, Adelheid Streidel oder Dieter Kaufmann am besten zu per- 
sonifizieren wäre. Eigentlich wirkt keiner von ihnen sonderbarer als 
eine SPD, welche in dieser Reihenfolge a) ihren Ehrenvorsitzenden 
nach Bagdad reisen läßt mit dem Argument »Gewalt ist keine Lösung, 
verhandeln mit jedem und um jeden Preis«, b) mit dem Argument 
»keine Verhandlungen mit Gesetzesbrechern und Gewalttätern« 
besetzte Häuser unter Einsatz massiver Polizeigewalt räumen läßt, c) 
anläßlich von Brandts Reisebericht im Bundestag abermals auf der 
unbedingten Priorität friedlicher Lösungen insistiert - und dies alles 
binnen einer Woche. Nur der Kanzler war schneller, als er im selben 
Kurzinterview Steuererhöhungen ankündigte und kategorisch aus- 
schloß. Gälte es, den Philosophen des Jahres zu küren, so wäre der ira- 
kische Außenminister Tarek Assis keine schlechte Wahl, weil sein auf 
die Geiseln gemünztes Wort von den Gästen des irakischen Volkes 
exemplarisch war für die Konstellation, in welche Begriff und Sache 
im Jahr 1990 weltweit traten. 

Auf völlig unerwartete Weise hatten sich also die Bedingungen ver- 
ändert, unter denen diese Studie konzipiert worden war. Einen Aus- 
blick in die Zukunft hatte sie geben sollen, geliefert wurde eher ein 
Erinnerungsbild, ein Abschiedsfoto, aufgenommen bei wirklich aller- 
letzter Gelegenheit: So waren sie mal, unsere Bundesbürger, in jener 
guten alten Zeit, als die Mauer noch stand und der Ostblock hielt und 



283 



man in fröhlicher Unbekümmertheit unter Nöten litt, die vor allem 

lel dT" B"*"*« wurden 

leute dabe,, wie s,e Michel-Syndrom in dem komfortablen nach 
außen gut geschützten kleinen Sandkästchen spielten, welches diJ Z 
BKL> gewesen war. Im nächsten Jahr wird dann der Ernst des Lebens 
beginnen, und was die Deutschen sind, wird sich an ihren Reaktionen 
zeigen, wenn auf Steuererhöhungen, Flüchtlingswellen, krasse Woh 
nungsnot, Massenarbeitsl^ und wirtschaftlichen Niede^ng 

Sann düJ "Z 7 SS^ *" * ^ «*« 23 
d itT'V^^ bdm Kollektivbewußtsein zwi- 
*:hen dem globalen Trend und den ihm aufmodulierten nationalen 
Schwingungen zu unterscheiden. 

Viel schneller, als zu befürchten war, hat die Studie ihre Aktualität 
eingebüßt und dafür an dokumentarischem Wert gewonn n S 
behandelt ein abgeschlossenes Kapitel und ist selber eines, sie kann 
nicht kontinuierlich weitergeführt werden. Sie wird daher an dieser 
mÖ ^ h ™ - einem späteren ZekptX 
^Ttfn dann ' WCnn daS M ^nbewußtsein in der 

Zn" u SOVie '^ estalt ^genommen hat, daß man sich ein Bild 
efeZ kann H U T ^ 2 f - T* em P iriscl - Methoden korri- 
gl • C T f L te ""«^n A «^ng sind Versuche zur Iden- 
ifikation emes solchen Bildes, die im Zusammenhang mit dieLr 
Untersuchung und doch neben ihr unternommen wurden 



284 



Anhang 



Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde 
und dann ein großer Wüterich 

(Anfang Februar 1990) 

Es war einmal ein gefräßiges kleines Dummerchen, das im Westen saß, 
und wenn es an sein Breichen dachte, bekam es glänzende Augen. Der 
politische Zusammenbruch des Ostblocks werde, so träumte ihm, das 
Territorium samt Bewohnern Ökonomisch in ein herrenloses Gut ver- 
wandeln, welches auf seinen künftigen Besitzer wartet wie im Mär- 
chen die Braut auf den Bräutigam. Zur Verteilung stünden demnach 
bereit: ein riesiger Absatzmarkt ohne Sättigungsprobleme; phantasti- 
sche Anlagemöglichkeiten; ein unerschöpfliches Reservoir an billigen, 
willigen Arbeitskräften; ein gigantisches Rohstofflager. 

Und viel, viel mehr erwartete unser kleiner Nimmersatt noch. 
Natürlich würde er den allergrößten Löffel schwingen, weil, wie er 
dachte, a) die Bundesrepublik wegen ihrer geographischen Lage beson- 
ders kräftig zugreifen kann - sie grenzt unmittelbar an den Ostblock 
an; weil b) die Bundesrepublik die führende Industriemacht Westeuro- 
pas ist und der Boß beim gemeinsamen Beutemachen den Löwenanteil 
kriegt; weil c) in der einverleibten DDR das bundesrepublikanische 
Kapital paradiesische Bedingungen für seine Entwicklung findet: 
Leute, die noch keinen Rasenmäher haben, und von diesen Leuten 
weder durch Zollschranken noch durch Sprachbarrieren getrennt; 
weil d) aus den genannten Gründen das wiedervereinigte Deutschland 
ein Kraftprotz und ein Schlaraffenland werden muß, die Nr. 1 bei den 
olympischen Goldmedaillen, beim Bruttosozialprodukt, bei der Koh- 
leförderung» Automobilproduktion und so weiter. 

So träumte und zählte unser Dummerchen, und lange ist das noch 
gar nicht her. Heute lesen wir, um die Stuttgarter Zeitung vom Tag 
nach Kohls Moskau-Reise als eine von vielen ähnlichen Stimmen zu 
zitieren: »Aus dem Jubel, der Begeisterung für die friedliche Revolu- 
tion in der DDR ist längst Sorge, Niedergeschlagenheit, ja Panik 
erwachsen. Wie sollen wir die Aufgabe bewältigen, ein schier hoff- 
nungslos darniederliegendes Land wieder aufzubauen? (...) Und wir 
haben gar keine Wahl: Der Schicksalsgemeinschaft mit den Deut- 
schen in der DDR können wir uns nicht entziehen.« 

Man faßt es nicht, aber man ahnte es: keine Freudentänze auf Stra- 
ßen und Plätzen, die Landsleute statt dessen geplättet, wie von der 
Schicksalskeule niedergestreckt. Die Kommentatoren drehen ihre 
Orgel, und es klingt wenig zukunftsfroh, eher so, als würde wieder 
mal das Waldsterben durchgehechelt: Sorge, Niedergeschlagenheit, 
Panik und, schlimmer noch: Was wird aus meiner Rente? 



285 



«n IT a £ ' We :' UnSer Trauerklö ßchen, als es noch 

ein geiziges kleines Dummerchen gewesen war, übersehen hatte 
daß a) das wiedervereinigte Deutschland keineswegs eine größere 
BRD sondern ein weder politisch noch ökonomisch berechenbares 
Gebilde wäre, und daß b) die vom Kapital benötigten politischen Ver- 
wertungsbed.ngungen sich keineswegs gleichsam naturwüchsig aus 
dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft ergeben wer- 
den. Wo das Kapital damals für die Zukunft mächtige VePwertungs- 
chancen sah, bilden sich in Wahrheit zwei Krisenherde, die es selbst 
und mit ihm die Menschheit ernsthaft bedrohen könnten, insofern 
kl A E" , 6 L E " twick,un 8»Prinzip Sanierung durch Kon- 
Sl' j J?"? ^ Unter X an 8 oder das Akkumulationsmodell 
Überproduktionskrise Hochrüstung - Krieg - Wiederaufbauboom 
seit der Existenz von Kernwaffen unkalkulierbare Risiken enthält. 

Was den Ostblock betrifft, so sollte man sich an die Bilder aus 
Rumänien gewöhnen, mit dem Unterschied vielleicht, daß künftige 
I^.chenberge kein propagandistisches Spielgeld, sondern bare Münze 
sein werden. Die Gründe: 

3L Massive wirtschaftliche Hilfe wird der Ostblock aus dem Westen 
nicht bekommen. Die Marshall-Plan-Gelder - heute oft als Vorbild 
genannt - wurden seinerzeit gezahlt, um ein Bollwerk gegen den 
Kommunismus zu errichten. Wenn es keinen Kommunismus mehr 
gibt, entfallt das Motiv für Marshall-Plan-Hilfe. Die Ostkredite an 
Jugoslawien oder Polen in der Folgezeit wurden gewährt, um im Ost- 

enSL H M m?e Z ü C 7 Un L T- Mt 65 keinCn ° StbIock mehr 8^1, 
entfallt das Motiv, ihn durch finanzielle Belohnung von Abtrünnig- 
st aufbrechen zu wollen. Als braves Kind bekam Polen seinen 
Zucker nur solange es die UdSSR in der Rolle des bösen Buben gab 
2. Auch Marshall-Plan-Gelder in astronomischer Höhe wären kein 
fcrsatz für die Bedingungen, unter denen das deutsche Wirtschafts- 
wundergeschehen konnte. Der Wiederaufbau, welcher die Industrie- 
Produktion explodieren läßt, setzt einen längeren und umfangreichen 
Krieg voraus in welchem vorhandene Sachwerte gründlich zerstört 
wurden. Kurzfristig ist der Weltmarkt dann ein Anbietermarkt, auf 
dem Außenseiter Karriere machen. Heute hingegen bietet der Welt- 
markt Newcomern keine Chance, und der Ostblock dürfte bald das 
okono mi sche Schicksal afrikanischer oder lateinamerikanischer 
Elendsregionen teilen, die für das Kapital nur von minderem Interesse 
zierenlann 311 wktufcn und <W»Ib auch nichts produ- 

M 3 ' iPk 1 " . Zusammenbru , ch der kommunistischen Herrschaft im Ost- 
block bedeutet demnach das Heranrücken der Dritten Welt an die 
Metropolen, bedeutet auch, daß die nahen Metropolen hineingezogen 
werden können in Konflikte, von deren Schärfe und bestialischer Ver- 
laulsform man sich angesichts von nacktem Elend und vehementen 



286 



Nationalismen kaum übertriebene Vorstellungen machen kann. Wo 
immer in seiner bisherigen Geschichte das Kapital sich nicht inner- 
halb einer bürgerlichen Gesellschaft entwickelt hat, die stark genug 
war, seiner Entfaltung die Grenzen zu setzen, ohne die es seine eige- 
nen Existenzbedingungen verschlingt, indem es beispielsweise die 
Arbeiter in Fabriken und Bergwerken dezimiert, statt sie nur auszu- 
beuten; wo immer also das Kapital die freie Bahn hatte, die es sich im 
Osten erhofft, hat es nach dem Prinzip der verbrannten Erde gewütet. 
Ein von kommunistischer Herrschaft erfolgreich befreites Ungarn 
wird Uganda ähnlicher sein als der BRD in ihren besten Zeiten. 

Was das wiedervereinigte Deutschland betrifft, so sollte man sich an 
die beiden deutschen Reiche erinnern, die beide weder ökonomisch 
noch politisch ein Erfolg gewesen sind. Für eine Wiederholung 
spricht: 

1. Irrational war in der BRD bereits das Ziel »Wiedervereinigung« 
selber. Nie wären die USA bereit, Mexiko als ihren 54. Bundesstaat 
zu akzeptieren, und die EG weigert sich klugerweise, der Türkei den 
Status eine Vollmitglieds zu geben. In der BRD hingegen brandete 
zunächst nur Jubel bei der Vorstellung auf, den eigenen Reichtum, 
den eigenen Komfort, den eigenen Lebensstandard mit den Brüdern 
und Schwestern aus der Zone endlich teilen zu dürfen. Wiedervereini- 
gung kann für die BRD zunächst nur Verarmung heißen, und äußer- 
stes Mißtrauen ist gegen Massen geboten, die ohne äußerst triftigen 
moralischen Grund ihre eigene Verarmung bejubeln. 

2. Der Verzicht des Kanzlers darauf, die Westgrenzen offiziell anzu- 
erkennen, die öffentlich geäußerte Meinung von Waigel, Czaja und 
Herzog, Deutschland bestünde noch immer in den Grenzen von 1937 

- das alles waren keine Marginalien zum deutschen Nationalismus, 
sondern sein Wesen. Sein Wesen - von Hitler exemplarisch verkör- 
pert - ist es, jeden möglichen Gewinn unmittelbar wieder aufs Spiel 
zu setzen, weil die Deutschen die vermeintlich von ihnen ersehnte 
Nation eigentlich nicht wollen und unfähig wären, den erworbenen 
Besitz in Frieden zu genießen. Was als politische Dummheit erschien 

- das Beharren auf Gebietsansprüchen in einem Moment, wo dies 
Beharren die angestrebte Wiedervereinigung hätte gefährden können 

- war in Wahrheit Ausdruck jener Selbstdestruktivität, welche den 
deutschen Nationalismus von anderen und Augstein von einem chau- 
vinistischen Agitator französischer oder englischer Provenienz unter- 
scheidet. D. h. die Deutschen werden, wenn sie ihre Wiedervereini- 
gung bekommen und wenn man ihnen auch noch Polen und die 
Tschechoslowakei offerierte, so unglücklich über die Erfüllung ihres 
Herzenswunsches sein, daß sie aus lauter Verzweiflung die Ukraine 
oder die Südstaaten der USA annektieren würden, weil sie nicht 
ruhen können, »bis alles in Scherben fällt«. 

3. Das wiedervereinigte Deutschland wäre ein Gebilde, welches im 



287 



Unterschied zur BRD und zur DDR gleichsam die kritische Masse 
besitzt, die notwendig ist, damit die skizzierten irrationalen Prozesse 
ihre Eigendynamik entwickeln können, unkontrolliert durch Rück- 
sichten auf die Weltmeinung oder das Ausland. Unterstützung 
erhielte die Irrationalität ferner dadurch, daß sie sich auf Tatsachen 
berufen könnte. Vereint werden die Deutschen sich erst recht als dieje- 
nigen fühlen, die man wieder um den Platz an der Sonne betrogen 
hat und die sich ihren Lebensraum deshalb erkämpfen müssen. Den 
Bundesdeutschen nämlich wird es in einem wiedervereinigten 
Deutschland schlechter gehen, als sie das jemals gewohnt waren; den 
DDR-Deutschen längst nicht so gut, wie das erwartet und gesehen 
hatten. 

4. Das wiedervereinigte Deutschland wäre demnach eine Gesell- 
schaft von ressentimentgeladenen Enttäuschten, hadernd mit ihrem 
Schicksal, mit Gott und der Welt nach dem Motto: Gemeinsam sind 
wir unausstehlich, und daran sind die anderen schuld. 

War da nicht so ein hämischer Zug um Mitterands Mund, als er der 
deutschen Einheit keine Steine in den Weg zu legen versprach? 
Warum zeigte Gorbatschow sich so konziliant, und warum eigentlich 
hat die Thatcher nicht höher gepokert? 

Ein abgekartetes Spiel also, oder wie es den Alliierten am Ende 
durch List und Betrug doch noch gelang, die Deutschen aufs Glatteis 
zu führen, sie gleichsam auf ihren eigenen Einheitsträumen ausrut- 
schen zu lassen, nur um sie demütigen und ausplündern zu können. 
Wurden die heiligsten Gefühle eine Volkes je schamloser von gewis- 
senlosen Geschäftmachern ausgenutzt? 

Wie dem auch sei: Die Nation, die sie haben wollten, hat den Deut- 
schen nur Kummer gebracht, zumal sie einander partout nicht 
mögen. Sie brauchen nun einen gemeinsamen Feind, und es macht 
ihnen wenig aus, die ungeliebte Nation, die ungeliebte Bevölkerung 
dieser Nation und das ungeliebte Selbst in einem Krieg aufs Spiel zu 
setzen. 

So kam es dann, daß aus dem gefräßigen kleiner Dummerchen ein 
Trauerkloß und aus dem Trauerkloß ein großer Wüterich wurde. 

Sieg in Rom 
(8. Juli 1990) 

Seit kein Gedanke an eine Welt ohne Ausbeutung und Unter- 
drückung mehr den Erfahrungsgrundsatz relativiert, daß es immer 
Elend auf der einen und Überfluß auf der anderen Seite geben werde, 
bildet Europa sich wieder in eine Ansammlung rivalisierender 
Stämme, Völker und Nationen zurück. Während alle die freie Markt- 
wirtschaft als Wundermittel für Wohlstand und Frieden preisen, weiß 
es jeder, daß das Spiel nun >survival of the fittest« heißt und daß in 



288 



diesem Spiel weder Schönheit noch Eleganz, sondern nur Sieg oder 
Niederlage zählen. War der Antikommunismus immerhin noch um 
Argumente bemüht, darum, den Westen als die angenehmere, bessere 
( iesellschaftsordnung zu preisen, so ist der Siegeswille nun sich selbst 
ipnug, oder, um es mit BILD zu sagen: »Kaiser Franz setzt auf Angriff 
lotal - volle Pulle gegen die Tschechen.« 

Wie zum Beweis dafür, daß der Härtere und Zähere fortan das 
Gesetz des Handelns diktieren werde, schied beim ersten Wettkampf 
/wischen den Nationen im restaurierten Europa mit schlafwandleri- 
scher Sicherheit dann jede Mannschaft aus, die außer siegen auch spie- 
len und das Publikum begeistern konnte. Marionetten gleich, wie von 
unsichtbaren Fäden geführt, an denen der Weltgeist zog, schien es der 
oberste Ehrgeiz aller beteiligten Spieler zu sein, zweierlei zu beweisen: 
daß auf dem Rasen nicht die bessere Mannschaft zu ermitteln, son- 
dern die Hackordnung unter den Nationen zu bestätigen war und daß 
in dieser Hackordnung zuoberst stand, wer diesen Platz, gemessen an 
seinen spielerischen Leistungen, am wenigsten verdiente. Als sei der 
Ausleseprozeß im Stadion ein einziger Hohn auf den Triumph, den 
Deutschland im besonderen und der freie Westen im allgemeinen mit 
dem Zusammenbruch des Ostblocks errungen zu haben glaubten, 
hieß die Botschaft, die vom Rasen kam: Der schlechtere siegt, und 
immer sind die dümmsten Bauern die mit den dicksten Kartoffeln. 

Mit der von Beginn an sich abzeichnenden Unabwendbarkeit ihres 
Endsieges konfrontiert, beschlossen die Landsleute, zum bösen Spiel 
gute Miene zu machen. Je deprimierender der Triumph und je über- 
wältigender zugleich - deprimierend, weil unverdient, und überwälti- 
gend schicksalhaft, weil offenbar durch den besseren Gegner nicht zu 
verhindern -, desto erbitterter wurde er gefeiert. Während der inter- 
nationale Fußballsport aufhörte, eine Domäne der Underdogs zu 
sein, ein Wettkampf, worin nicht das Bruttosozialprodukt zählt, son- 
dern die Geschicklichkeit am Ball, und wo deshalb auch die Habe- 
nichtse gewinnen dürfen, führten die Deutschen sich auf wie die 
Armen aus den Elendsvierteln südländischer Slums, wo es mangels 
Bausparvertrag oder Urlaubsplanung außer der Begeisterung für 
Maradona und die Nationalelf wenig gibt, um dem drückenden Alltag 
zu entkommen. »Was ist bloß los mit den Deutschen?« wunderte am 
6. Juli, nach dem Spiel England - BRD, die Stuttgarter Zeitung sich 
in einem Kommentar, und weiter: »Sie tanzen auf den Straßen, sie 
schlagen sich dort auch, sie ziehen, »Deutschland, Deutschland* 
rufend, durch die Innenstädte und schmücken Polizeiwagen mit 
schwarzrotgoldenen Fahnen. Nicht die Vereinigung der beiden 
Deutschländer ist's, welche die Menschen in diesen Tagen so bewegt, 
es sind elf Kicker, die mehr nationale Emotionalität hervorzurufen 
scheinen als ein Deutschland, dessen Bürger nach vierzig Jahren der 
Trennung wieder zusammenfinden.« 



289 



Gewiß waren die nächtlichen Aufläufe in den Innenstädten auch 
von der unbewußten Absicht inspiriert, dem Territorialgewinnn 
einen heroischen Anstrich zu geben, nachträglich als eine Eroberung 
erscheinen zu lassen, was dem Land faktisch in den Schoß gefallen 
war. Für die Eigenart der Deutschen, selbst bei der Verwirklichung 
ihrer schmutzigsten Absichten so maßlos feige zu sein, daß sie nicht 
mal eine Konterrevolution oder einen faschistischen Staatsstreich 
zustandebringen, weshalb sie es dann als ihre friedliche Revolution« 
bezeichnen, wenn sie mit Billigung des Mannes im Kreml und prak- 
tisch unter dem Schutz der Roten Armee eine müde gewordene Regie- 
rung aus dem Amt mehr ekeln als treiben - für diese Feigheit also 
mußten Farbige oder überhaupt Ausländer büßen, bei deren Verfol- 
gung hiesige Helden dann auch einmal Tapferkeit zeigen dürfen. Der 
Skandal war nicht, daß - um eines von vielen Beispielen zu 
nennen - in Stuttgart zwei Farbige von lynchwütigen Rassisten ange- 
griffen wurden, sondern der Skandal war, daß diesen beiden Farbigen 
nur der Polizeiwagen als Zuflucht blieb, weil keiner aus der vieltau- 
sendköpfigen Menge den Wehrlosen helfen mochte. Wie in der Nazi- 
zeit stand es Rollkommandos frei, sich ihre designierten Opfer vorzu- 
nehmen, unter der Duldung von Zuschauern, die sich teils wohlwol- 
lend, teils eingeschüchtert zeigten. 

Darüber hinaus aber erfüllten die nächtlichen Aufläufe den Zweck, 
die Zweifel im eigenen Herzen und landesverräterischen Neigungen 
niederzukämpfen. Nachts in den Innenstädten, wo Dabeisein für den 
einzelnen hieß, gleichzeitig Urheber und Opfer der kollektiven 
Tyrannei zu sein, welche der unartikuliert lärmende, spastisch ham- 
pelnde besoffene Mob ausübte, nachts in den Innenstädten also wurde 
die Gleichschaltung vollzogen, die sich tags darauf in einer selektiven, 
Ubergriffe verschweigenden oder herunterspielenden Berichterstat- 
tung und in Kommentaren niederschlug, die nichts als nur die Versi- 
cherung enthielten, im Einklang mit der erlassenen Sprachregelung 
sei man gerne bereit, das Wort >Sieg< fortan durch das Wort vom ver- 
dienten Sieg< zu ersetzen. Mag sein, daß es den chauvinistischen Mob 
auch in anderen Ländern gibt - hier aber stieß er weder auf Kritik 
noch auf Widerstand, sondern er konnte wie im Handstreich eine 
willfährige öffentliche Meinung erobern. Fast schlechten Gewissens 
darüber, daß er in einem solchen Augenblick noch nüchtern war und, 
wie er meinte, klar denken konnte, trat der ARD-Kommentator, der, 
wie er betonte, nichts gegen Farbige hat, nach der Entscheidung vor 
die Kamera, und er beeilte sich, es das Publikum wissen zu lassen, daß 
nun auch in den Redaktionsstuben die Sektkorken knallen würden. 
Nicht die gröhlende Menge selber war der Skandal, sondern der Skan- 
dal war das Bündnis zwischen Mob und Elite, welches im Feuilleton 
der FAZ vom 10. Juli ratifiziert wurde: »Wer also die Feiern als 
Gegröle betrunkener Hooligans abtun möchte, hat vom Fußball als 



290 



Kulturphänomen nichts begriffen . . . Und darum ist Nietzsches Won 
vom >dionysischen Zauber< auch nicht zu hoch gegriffen.« 

Zur Gemeinschaft, die Widerspruch oder auch nur Gleichgültigkeit 
nicht duldet, weshalb es für den obersten ARD-Kommentator wie für 
den letzten Penner, und für die im Kampf gegen den Drogenmiß- 
brauch an vorderster Front stehenden Helden von Rom selbstver- 
ständlich auch, eine nationale Pflichtübung war, sich aus Freude über 
einen geschenkten Elfmeter kollektiv und simultan zu besaufen - zur 
Zwangsgemeinschaft also schlössen die Landsleute sich freilich nicht 
einfach nur deshalb zusammen, damit schließlich kein nüchterner 
Mitwisser mehr übrigblieb, der sich an die näheren Umstände des 
Siegtreffers erinnern konnte. Gewonnen zu haben, ohne der Bessere 
gewesen zu sein, gehört nämlich normalerweise zu den angenehmeren 
Mißhelligkeiten des Lebens, die man schnell vergißt und welche die 
Freude über einen Pokal kaum nachhaltig trüben. Der latente Haß 
auf die gefeierten Helden von Rom; jener Haß, welcher die pflicht- 
schuldigen öffentlichen Achtungsbekenntnisse erklärt und erfordert; 
jener Haß, der in Strömen von Alkohol ertränkt oder mit dem 
Gegröle patriotischer Parolen überbrüllt werden mußte und der sich 
partiell in pogromartigen Aktionen entlud, wie es sie in der BRD wie 
der DDR seit der Nazizeit nicht gegeben hatte - dieser latente Haß 
also rührte vielmehr daher, daß die kämpfende Truppe allen sie 
begleitenden Hoffnungen zum Trotz nicht die Schlappe von Stalin- 
grad wieder ausgebügelt hatte, sondern eben doch nur Fußballwelt- 
meister geworden war, und das obendrein auf eine Weise, die wenig 
Anlaß für Beckenbauers in der Pressekonferenz nach der Endspiel- 
Blamage geäußerte Zuversicht bot, einmal mehr in der Geschichte 
habe für die Deutschen ein tausendjähriges Reich begonnen: »Wir 
sind über Jahre nicht mehr zu besiegen. Es tut mir leid für den Rest 
der Welt, aber es ist so.« 

Weil die Landsleute in einem ganz anderen Kampf als dem um die 
Fußballweltmeisterschaft mit der Truppe gefiebert hatten, wurden 
Zuschauer wie Akteure des Sieges nicht froh, welchen die Spieler ja 
immerhin errungen hatten. Anders als bei konkurrierenden Mann- 
schaften, wo man nach einem Sieg auf den Gesichtern glücklich gelö- 
ste Züge sah, war der Schlußpfiff für die Deutschen nach gewonne- 
nem Spiel stets das Signal, den rechten Arm anzuwinkeln, die Faust 
zu ballen und in dieser verkrampften Haltung wie vom Affen gebissen 
oder wie ein verzweifelter Amokläufer loszurasen. So wurde der 
wahre Sieger des Turniers in Buenos Aires mit der Schlagzeile »Nur 
wirkliche Männer können so weinen« gefeiert, dort, wo die Menge 
skandierte: »Ob gewonnen oder verloren, wir lieben unsere National- 
elf«, während in Frankfurt die Spieler auf dem Römer-Balkon gequält 
ihr Bier öffentlich hinunterwürgen mußten, weil der um seine wirkli- 
chen Hoffnungen geprellte Mob eigentlich Blut sehen wollte. Wie zur 



291 



Warnung der Deutschen, es nicht wieder mit dem totalen Krieg zu 
versuchen, hatte am Ende die große italienische Oper, welche die 
argentinischen Stars in der Niederlage auf dem Rasen boten, über den 
zur Grimasse erstarrten Siegeswillen triumphiert. Aber sie begreifen 
die Warnung nur als Niederlage, und sie lasten anderen an, was sie sel- 
ber verschuldet haben: daß sie, um es noch einmal mit BILD zu sagen, 
bespuckt und betrogen sind. 

Sieg im Kaukasus 
(16. Juli 1990) 

Der 16. Juli lieferte einen weitereren Beweis dafür, daß die Zeiten 
immer schnellebiger werden. Drei Jahre hatte es damals gedauert, 
bevor der Triumph bei den Berliner Olympischen Spielen von 1936 
sich in politischen und militärischen Erfolgen niederschlug. Nur eine 
Woche verging diesmal, bis aus dem Spiel Ernst wurde. Am 9. Juli 
wurden die Helden von Rom gefeiert, am 16. Juli, rund 45 Jahre nach 
der Eroberung des Berliner Führerhauptquartiers durch die Rote 
Armee, bezwang ein dicker Deutscher in Stawropol/Kaukasus die 
sowjetische Regierung. 

Sein Erfolgsrezept: sich an die Devise zu halten, daß erkaufte Siege 
oft billiger als erkämpfte kommen und daß man den Kampf, der den 
Sieg erst adelt, später nachholen und ihn dann mit der Beute schon 
in der Tasche auch viel besser gewinnen kann. Für ein vermutlich 
dickes Trinkgeld in derzeit unbekannter Höhe hatte die BRD die 
volle Souveränität oder das jedem souveränen Staat zustehende Recht 
auf Kriegführung nach außen und Unterdrückung der Opposition im 
Inneren bekommen, und außerdem mit der DDR einen tüchtigen 
Vorschuß auf den angestrebten Gewinn an Territorium. 

Zwischen dem Dicken mit der prallen Brieftasche und seinem Gast- 
geber spielte sich eine jener Verbrüderungsszenenen ab, wie sie in 
armen Ländern zwischen Kellnern und Hartwährungstouristen die 
Regel sind. »Kanzler Kohl platzte vor guter Laune, sein Gastgeber 
Gorbatschow lachte ausgelassen. >Es fehlt nur noch ein Kuß<, sagte 
eine Diplomatin bei der Pressekonferenz, die beide gestern mittag in 
Moskau gaben«, meinte BILD. Bei gleicher Gelegenheit bekam der 
kellnernde sowjetische Staatsprädident seinen künftigen Status zuge- 
wiesen, auf Gastarbeiterdeutsch - »Gut? Gut?« - sprach ihn der 
Kanzler an, und die verständnislose Miene des Angesprochenen 
bewies: Nur Russen sind dümmer als Türken. 

Dumm zwar, aber eben auch gelehrig und beflissen, denn andern- 
tags hatte Gorbatschow die Lektion kapiert, und in der Pressekonfe- 
renz konnte er schon das Wort »Realpolitik auf Deutsch buchstabie- 
ren. Zur Strafe dafür, daß er seine Genossen in der DDR und 
anderswo nicht nur verraten hatte, sondern mit ihrem obersten Ver- 



292 



folger, wie die Presse mit unbeabsichtigter Anzüglichkeit über die 
anrüchige Liaison schrieb, »die Nacht unter einem Dach« verbrachte, 
wurde der im Westen umjubelte Kreml-Chef, den am selben Tag die 
Autonomie-Erklärung der Ukraine zum Herrscher ohne Reich degra- 
dierte, als dressierter Affe vorgeführt. 

Nur anders als gedacht war also doch noch gekommen, was die 
untergangsgestimmten Deutschen so lange erwartet hatten, nämlich 
das definitive Ende einer schönen Zeit. Erträgliche Löhne, erschwing- 
liche Wohnungen, reichlich Essen, für die meisten jedenfalls - so war 
man ein knappes halbes Jahrhundert lang verwöhnt worden. Und 
weil die Firma freier Westen hieß, gab's als Beilage persönliche und 
politische Freiheitsrechte, nur damit keiner zur Konkurrenz überlief. 
Nun, da die Konkurrenz erledigt ist, ist mit den Vergünstigungen 
Schluß und werden die Aufwendungen für Werbung gestrichen. Es 
war einmal, daß eine Regierung wegen ein paar hundertausend Wäh- 
lern in Hektik geriet, die beim besten Willen keine Wohnung finden, 
und Freizügigkeit endet für die Polen an der deutschen Grenze. 

Durch seine bloße Existenz hatte der Ostblock die angenehme Illu- 
sion gestützt, man brauche Marx nicht so wörtlich nehmen, denn 
auch unter der Herrschaft des Kapitals könne die Menschheit den 
Wohlstand mehren und den Frieden bewahren. Fast ein halbes Jahr- 
hundert lang schien es so, als wäre mit der Koexistenz der Blöcke die 
Alternative Sozialismus oder Barbarei widerlegt. Nun aber, da sich 
mangels gemeinsamen Feindes die Verbündeten im Westen als die 
feindlichen Rivalen zu erkennen geben werden, die sie sind; nun, da 
mit dem Zusammenbruch des Ostblocks fürs Kapital die innenpoliti- 
schen Voraussetzungen vorhanden sind, die seit langem schwelende 
und sich mit dem Zusammenbruch des Ostblocks noch verschärfende 
Weltwirtschaftskrise auf Kosten der Massen auch in den privilegierten 
Ländern zu lösen - nun also wird die Rechnung präsentiert. 

Fast scheint es, die mächtigen und reichen Nationen wären von dem 
Glauben erfüllt, sie müßten sich aus dem Fenster stürzen, zur Strafe 
dafür, daß man ein halbes Jahrhundert lang die Hungernden verhun- 
gern ließ und daß nach Auschwitz einfach alles wie bisher weiterging. 
Vielleicht denken sie angesichts der Erwartung eines Schwarzen Frei- 
tags auch, die Lage sei so gründlich verpfuscht, daß kein guter Engel 
mehr, sondern nur der Teufel in eigener Person sie retten könne. 
Jedenfalls verhalten sie sich, wie wenn sie lebensmüde wären und ein 
Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzögen, welcher das 
halbe Jahrhundert westlichen Wohlstands für den größten Teil der 
Menschheit gewesen war. Denn sie lassen die Deutschen nicht nur 
gewahren, sondern man könnte fast meinen, daß eine Epoche, die mit 
ihrem Latein am Ende ist, sich nach ihrem Totengräber sehnt. Nicht 
weil die Deutschen unbezwingbar sind, sondern weil die Welt sie zu 
brauchen meint, wird Deutschland stark, zur freudigen Verwunde- 



293 



rung auch der Deutschen selber, die wie in den Jahren vor 1939 es 
kaum fassen können, was man sich ungestraft alles herausnehmen 
darf. Die FAZ vom 18. Juli kommentiert: »Die Deutschen haben 
fast auf dem silbernen Tablett bekommen, was zu begehren sie sich 
kaum noch getraut hatten: sich vereinigen zu können, souverän zu 
werden und dabei in jeder Hinsicht partnerschaftlich zum Westen zu 
gehören.« 

Je deutlicher sich abzeichnete, was die Menschheit von einer Vor- 
machtstellung Deutschlands in Europa zu erwarten hat, desto bereit- 
williger wurde sie von den anderen Nationen akzeptiert, gerade von 
jenen, die zusammen oder auch allein noch stark genug sind, die Kata- 
strophe durch ein simples Nein zu verhindern. Denn was immer man 
den Deutschen vorwerfen mag: An Warnungen haben sie es nicht feh- 
len lassen, ein Geheimnis haben sie aus ihren Absichten nicht 
gemacht, diesmal so wenig wie vor 1939. Und eine Chronologie der 
laufenden Ereignisse führt zu dem Schluß, daß das Ausland ungefähr 
wie ein Masochist reagiert, der die Androhung künftigen Leides als 
Verheißung empfindet. Das Resultat ist Weltgeschichte, die den bitte- 
ren Konsequenzen zum Trotz größte Ähnlichkeit mit einer Boule- 
vardkommödie hat. 

Am Montag, den 9. Juli beispielsweise meldete BILD: »Ja, es ist 
wahr! Weltmeister«, und nicht zu überhören ist dabei ein Unterton 
ungläubigen Erstaunens. Als wolle er den WM-Pokal ganz schnell 
durch einen politischen Skandal vergessen machen, hatte nachts davor 
der Bundestrainer vor der internationalen Presse erklärt, was der 
Titelgewinn bedeutet: »Wir sind die Nummer eins in der Welt. Wir 
sind über Jahre nicht mehr zu besiegen. Es tut mir leid für den Rest 
der Welt, aber es ist so.« Der Rest der Welt fand sich ab mit der Provo- 
kation, und drei Tage später, am 11. Juli, las man wieder in BILD, daß 
deutsche Siege auch auf dem Fußballfeld nicht auf überlegener Spiel- 
kunst, sondern auf einem Schreckensregiment basieren, in diesem Fall 
auf dem Schreckensregiment zänkischer Nachbarn. Der Artikel hieß 
»Franz: Wie ich Trainer Bilardo aus dem Stadion von Rom jagte«, und 
Beckenbauer berichtet: »Wißt ihr eigentlich, wann für mich klar war, 
daß wir Weltmeister sind? Das kann ich euch auf die Minute genau 
sagen. Weltmeister waren wir schon einen Tag vorm Endspiel. Am 
Samstag um 18.43. Die Argentinier trainieren im Olympiastadion. Sie 
sind vor uns dran. Jetzt sind wir dran. Argentinien will weitertrainie- 
ren. Diese üblichen Spielchen. Ich raus zu Bilardo: Jetzt aber weg hier! 
Da haben die sofort eingepackt, haben sich geschlichen. Und da 
wußte ich: DIE HABEN ANGST.« 

Und sie sind dabei, sich in eine Lage zu bringen, in welcher diese 
Angst begründet wäre. Denn während der dicke Deutsche im Kauka- 
sus noch die Puppen tanzen ließ und eine Lokalrunde nach der ande- 
ren schmiß, begann man in seiner Heimat nach den Kosten für das 



294 



spendierfreudige Gehabe zu fragen. Während Kohl noch dachte: 
»Kein schlechtes Geschäft, für ein dickes Trinkgeld die Macht zu 
erwerben, dem Begönnerten das Almosen und noch viel mehr wieder 
abzujagen, auch wenn mit den Milliarden uns Gefühle verbinden, die 
selbst die kurzfristige, nur vorübergehende Trennung zur Qual 
machen«, während Kohl noch den eigenen Schachzug genoß, wäh- 
renddessen hatte BILD, mit dem ökonomischen Sachverstand des 
Lumpenproletariat engstens vertraut, schon tiefer geblickt. Wer für 
ein Trinkgeld seine Wertgegenstände verscheuert, so die Leihauslogik, 
muß das nötig haben, und wer es nötig hat, wird auch mit weniger 
zufrieden sein. Die Balken-Schlagzeile vom 16. Juli hieß: »Gorbi 
lacht, Kohl zahlt«, und der Untertitel »Aber es ist ja für die Einheit« 
war ein schwacher Trost. 

Gewiß: »Kanzler Kohl hat in den Verhandlungen mit Gorbatschow 
den Durchbruch erzielt. Das bedeutet: Versailles 1919 und das Besat- 
zungsregime der Kapitulation von 1945 gehören der dunklen 
Geschichte an. Das Tor zu einer besseren Zukunft ist aufgestoßen.« 
(Herbert Kremp in BILD vom 17.7.), und daß die deutsche 
Geschichte sich nach neuester Lesart nicht 1933, sondern 1919 und 
1945 verfinstert hat, ist als Hinweis auf die Zielrichtung zu werten, 
in welche die Truppen durch das aufgestoßene Tor im Geist schon 
marschieren. Mit einem Streich hatte man die militärischen Niederla- 
gen in zwei Weltkriegen aus der Welt geschafft und sich dergestalt qua- 
lifiziert für einen dritten Versuch - mehr konnten die Deutschen 
nicht wollen. 

Nur hatte der BILD-Balken vom 7. Juli, der dem Volk aus der Seele 
sprach, einfach »Her mit dem Ding« gefordert, und keiner mag zahlen 
für das, was ihm verdientermaßen zusteht, ganz gleich, ob es sich 
dabei um die Einheit, die Souveränität, die Ostgebiete oder den WM- 
Pokal handelt. Während der dicke Deutsche im Kaukasus am Denk- 
mal für die russischen Opfer von Wehrmacht und SS vor laufenden 
Kameras noch über alle vier Backen strahlte, wie nur ein dicker Deut- 
scher das kann, einer von denen, die in der angelsächsichen Militär- 
klamotte immer wie Göring fast aus der Uniform platzen, während- 
dessen kam in der Heimat schon Unmut auf, Unmut über eine 
andere Nation, deren Fehler es ebenfalls in der Vergangenheit gewesen 
war, den Deutschen gegen billiges Geld zu geben, was die Deutschen, 
die ein idealistisches Volk sind, lieber umsonst bekommen mögen. 
Die Stuttgarter Zeitung, ebenfalls vom 16. Juli, notierte in einem 
Bericht über den CSU-Parteitag vom Wochenende: »In einer bei nur 
einer Gegenstimme angenommenen Entschließung verlangt die CSU 
von Polen >ein deutliches und offizielles Wort zu dem Leid, das Deut- 
schen mit der Vertreibung aus ihrer Heimat zugefügt wurde<. Weiter 
fordert sie Rückkehrmöglichkeiten für Heimatvetriebene und den 
unmißverständlichen Verzicht Polens auf deutsche Reparationszah- 



295 



lungen. Ferner müßten die Volksgruppenrechte der in Polen lebenden 
deutschen Minderheit vertraglich verankert werden.« 

Während die Russen sich also den Verzicht auf moralische und poli- 
tische Ansprüche noch bezahlen ließen, bekamen die Polen schon die 
Quittung dafür, daß sie mit Blick auf einen Milliardenkredit Ex- 
Kanzler Brandt vor dem Mahnmal für die Toten des Warschauer Get- 
tos knien ließen, dort, wo ein Deutscher Kanzler, ob kniend oder ste- 
hend, ob mit Kranz oder ohne, einfach nichts zu suchen und vor 
allem keine gute Figur zu machen hat. Auf der Pressekonferenz im 
Kaukasus sprach Kohl wörtlich von den »gutnachbarschaftlichen 
Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion«, die es zu 
entwickeln gelte. Gorbatschow sekundierte: »Wir fühlen, daß wir 
zusammengehören«, und klar war, daß die Polen, die einstweilen 
einer Nachbarschaft zwischen Deutschland und der Sowjetunion 
noch im Wege stehen, der Macht dieses Gefühls würden weichen müs- 
sen. 

Am Beispiel Polen wurde der Sowjetunion, die selber auf genügend 
schlechte Erfahrungen zurückblicken kann, noch einmal vorgeführt, 
was es heißt, sich mit Deutschen in anrüchige Geschäfte einzulassen. 
Der Wink mit dem Zaunpfahl, der erhobene Zeigefinger, die War- 
nung noch in letzter Minute - ein phantasieloses Lehrstück von der 
plattesten Art, wie man denken könnte, aber noch lange nicht platt 
genug. Denn ebenfalls am 16. Juli hatte der Spiegel mit der Frage 
»Wohin mit den Russen« auf der Titelseite ein bevölkerungspolitisches 
Problem zur Diskussion gestellt, worunter die Deutschen leiden, seit 
sie sich als Volk ohne Raum begreifen, und ein Problem obendrein, 
für welches schon Lösungsmodelle entwickelt worden waren, damals 
in den Kriegsgefangenenlagern, wo man man die sowjetischen Solda- 
ten zu Hunderttausenden vorsätzlich einfach verhungern ließ. Deut- 
sche und Russen - sie waren aufeinander zugegangen, sie waren ein- 
ander nähergekommen, in der DDR fast auf Nahkampfdistanz: 
»Schon gibt es >Russen-raus<-Parolen an Kasernenmauern, schon 
Angriffe zorniger Bürger auf sowjetische Soldaten.« (Spiegel vom 
16. 7., Hausmitteilung) 

Müßig daher, weiterhin Vorwürfe an die Deutschen zu richten, 
ebenso müßig, wie es ist, sich zum dritten Mal über die Schlechtigkeit 
eines Diebes zu beklagen, den man zum dritten Mal selber in die 
Wohnung nahm, obgleich an seinen Absichten nicht zu zweifeln war. 
Falls es ein Nachher gibt, wird nicht der Täter interessieren, sondern 
es wird zu richten sein, wer dem Wiederholungstäter die Gelegenheit 
zur Wiederholung seiner Tat gegeben hat. 



296 



80 Millionen Frustrierte 

(3. Oktober 1990) 

»Anfang Februar 1990 jedenfalls«, hieß es zu Beginn dieser Studie, 
»hat man alles andere als das Gefühl, daß nun die Verwirklichung 
eines nationalen Traums unmittelbar bevorstünde.« Den hatte man 
vielmehr hinter sich, und sieben Monate später war von der Heim-ins- 
Reich-Euphorie des Vorjahres nur noch der Rückstand übrig, ein 
schmierfilmartiges Gemisch aus Verdrossenheit, Gereiztheit, Apathie. 
Zahllose Symptome, unbedeutend in jedem Einzelfall, ergaben 
zusammen eine Gesellschaft im Frühstadium ihrer Desorganisation. 
Das Personal in Lebensmittelläden und Bäckereien etwa fand Gefallen 
daran, die Kunden mit einem mürrischen >haben wir nicht< abzuferti- 
gen, die Post verfuhr bei der Briefbeförderung nach dem Motto > mor- 
gen ist auch noch ein Tag«, die Bahn schien es dem Ausland beweisen 
zu wollen, daß das Wort von den pünktlichen Deutschen ein Gerücht 
war. Terminzusagen von Reparaturwerkstätten erreichten hinsichtlich 
ihrer Zuverlässigkeit allmählich Aprilscherz-Niveau, offizielle politi- 
sche Verlautbarungen ernst zu nehmen verbot der gesunde Menschen- 
verstand, ganz gleich, ob von Wahlgesetzentwürfen, Beitrittsterminen 
oder künftigen Steuererhöhungen die Rede war. Eine Nation schien 
sich in Sabotage zu üben, in stummer und emsiger Sabotage am aller- 
seits lauthals proklamierten Willen, nun die Ärmel hochzukrempeln, 
in die Hände zu spucken und es anzupacken. 61 Monatliche Umfra- 
gen ergaben zwar, daß eine wachsende Mehrheit für die Wiederverei- 
nigung votierte. Noch schneller als der Wille zu Einheit aber wuchs 
der Widerwillen gegen sie, gegen Einheit in jeder Form. Als Reaktion 
auf die selbstverordnete Volkwerdung richteten die Landsleute ihre 
Stacheln auf, jeder für sich, jeder gegen alle, und gäbe es einen dritten 
deutschen Staat, so hätte nun dieser sich mit Deutschen gefüllt, die 
vor ihren deutschen Kindern, Frauen, Männern, Verwandten, Nach- 
barn, Freunden und Bekannten auf der Flucht waren. Je näher also 
die Einheit kam, desto klarer wurde auch, daß eigentlich keiner sie 
haben wollte. Mit ihrem Wort vom >Grenzdiktat< drückten die Ver- 
triebenen nur prägnanter aus, was der amtierende Kanzler und, in 
einem Fernsehgespräch mit ihm, der Ex-Kanzler und Ehrenvorsit- 
zende der SPD, Willy Brandt, zum besten gaben. Das Gegreine der 
beiden wiederum, wie schwer der notwendige Verzicht auf die Ostge- 
biete doch gefallen war, entsprang einem Lebensgefühl, das von allen 
geteilt wurde. Nicht jeder dachte an die Ostgebiete dabei, aber jeder 
dachte, daß es ein verdammt saurer Apfel war, in den man da hatte 
beißen müssen und durch den man noch längst nicht durch war. 

Der Weg zur Einheit in den Monaten März bis September zeichnete 
sich dadurch aus, daß die dramatischen Akzente von Mal zu Mal an 
Wirkung verloren. Ohne Suspense waren die retardierenden 
Momente, Einwände und Bedenken der Alliierten etwa. Keine Peripe- 



297 



tie markierte den Punkt, wo die Geschichte eine entscheidende Wen- 
dung erfährt und auf banges Warten das furiose Finale folgt. Ohne 
Effekt blieben Akzeleratoren wie die Volkskammerwahl, die Wäh- 
rungsunion oder der Blitzsieg im Kaukasus. Je näher das Ziel kam, 
und je mehr die Handlung an Tempo gewann, desto mehr fiel das 
Geschehen in sich zusammen. Das Muster war nicht der Wettlauf, wo 
mit dem Startschuß die Spannung beginnt, die sich beim Endspurt 
abermals steigert und die ihren Höhepunkt im Augenblick erreicht, 
wo sie sich löst. Beherrscht wurde das Ablaufschema vielmehr von 
einer anderen Gesetzmäßigkeit, von der Logik des Zusammenbruchs 
nämlich, wie reißende Stricke und brechende Dämme sie verkörpern. 
Denn kein entschiedener Wille setzte die Einigung gegen Wider- 
stände durch, sondern widerstandslos löste sich auf, was die Lands- 
leute in 45 Jahren beiderseits der Grenze zusammengezimmert hatten, 
und so sorgte der vermeintliche Kraftakt dafür, daß die politische 
Ohnmacht, verkörpert durch Kohl, nach acht Jahren Regierungszeit 
im Zenith ihrer Macht stand. Der Mann, der schon an seinem Namen 
hätte scheitern müssen, war der Mann der Stunde. Was auf den 9. 
November 1989 folgte, lief also mit der Konsequenz des Einsturzes ab, 
bei dem das Startsignal den Schlußpunkt setzt, weil mit dem Zünden 
der Sprengladung die Würfel gefallen sind. Es war ein Trümmerhagel, 
der vom Februar bis September auf die Landsleute niederging, und als 
der Tag der Einheit kam, da galt es, feierlich ein Riesengebirge aus 
Schutt einzuweihen." Was zusammengehört, war zusammenge- 
kracht, zwischen einstürzenden Neubauten und entgleisten Zügen 
irrten die Gestrandeten herum, deren Realitätsbewältigung meist dem 
Grundsatz gehorchte: Besser gar nicht hingucken. 

Zum wiederholten Mal zusammengebrochen war für die Deut- 
schen, was mit dem Begriff »staatliche Ordnung< nur unzureichend 
bezeichnet ist, weil es die Gestalt der Nation im weitesten und im ele- 
mentaren Sinne umfaßt. Nach 47 Jahren Kaiserreich, nach 15 Jahren 
Weimarer Republik, nach 12 Jahren Expansion und Kontraktion im 
Drittem Reich, nach weiteren 45 Jahren Zweistaatlichkeit stand nun 
den Landsleuten ein vierter Anlauf bevor, obgleich aller guten Dinge 
drei sind und ebenso viele fehlgeschlagene Versuche die Disqualifika- 
tion bedeuten. Nun erst, so rühmten die Kommentatoren, war er 
wirklich vorbei, der Krieg, den die Deutschen vor 45 Jahren verloren 
hatten. Eine weitere Stunde Null wurde angekündigt, mit Frohlocken 
auf den Lippen und dem Gefühl im Bauch: Wieder nichts gewesen, 
wieder 45 Jahre für die Katz, wieder eine ganze Epoche verpfuscht 
und vertrödelt, wieder geht das Aufarbeiten der Vergangenheit oder 
die Vergangenheitsbewältigung los, wieder eine dieser komischen Ver- 
jüngungskuren, bei denen der Greis sich ins Babyalter runterrechnet, 
indem er rückwirkend Tag um Tag und Jahr um Jahr aus dem Kaien- 
der streicht. 



298 



Es waren ein doppelter Staatsbankrott und der dritte gescheiterte 
Nationsbildungsversuch innerhalb von 100 Jahren, was in der Nacht 
zum 3. Oktober als Geburtsstunde des vereinten Deutschlands gefei- 
ert werden mußte, und nicht mal der Kanzler schaffte es, zum bösen 
Spiel gute Miene zu machen. Schon beim Hamburger Vereinigungs- 
parteitag der CDU am 1. Oktober hatte er gedroht: Ȇbermorgen 
wird die Einheit vollendet. Dies ist ein großer Tag, ein Tag der 
Freude, und wir lassen uns diese Freude von niemandem vermiesen«, 
und das hieß: Der Kampf gegen den inneren Schweinehund war verlo- 
ren. Während er dann in der Nacht der Nächte mit tonloser Stimme 
die Freudenbotschaft verlas, schien sein stierer, schräg aufwärts 
gerichteter Blick einen Grabhügel zu fixieren, jedenfalls sah er aus 
dabei, als habe er gerade seinen Abschied eingereicht, und sein Auf- 
tritt gab den Bildschirm frei für den größten Propaganda-Flop in der 
Nachkriegsgeschichte. Bis zu den letzten Kaffs hin waren Leitungen 
geschaltet worden und Kamerateams postiert, doch dann fielen die 
Übertragungen aus, weil es von der Front nichts zu melden gab, in 
Görlitz stand der Reporter mutterseelenallein auf dem Marktplatz. 
Unter dem Druck, unerwarteterweise ohne Ablösung den langen 
langweiligen Abend plaudernd überbrücken zu müssen, brachen dann 
auch die überlasteten Berichterstatter in Berlin zusammen, wo die 
Feier im Stil eines Andre-Heller-Spektakels begangen wurde, welches 
immer ein paar 100 000 Gaffer mobilisiert, unabhängig davon, ob es 
Sommernachtstraum, Feuerzauber oder Nacht der Einheit heißt. 
Ausfallerscheinungen häuften sich, mancher Reporter benötigte drei 
Anläufe für jeden Satz, und es klang wie bei der Platte mit dem 
Sprung. Anderen sprach die pure Verzweiflung aus der Stimme, wenn 
sie wieder mit dem Tag der Freude und den freudig ihrer Freude Aus- 
druck verleihenden Menschen dran waren. In der Stunde vor Mitter- 
nacht sendeten ARD und ZDF Realsatire, wie sie komischer kein 
Kabarett inszeniert hat. Das hilflose Gestammel wiederum war nichts 
anderes als der Kampf auf verlorenem Posten. Jubeln ohne Rücksicht 
auf die Fakten, hieß für die Reporter noch der journalistische Einsatz- 
befehl, doch in den oberen Etagen hatte man längst die gekippte Stim- 
mung registriert und die Konsequenzen gezogen. Passend zur finste- 
ren Miene, mit welcher der Kanzler seine Jubelbotschaft verlesen 
hatte, schlug der ARD-Kommentar in den >Tagesthemen< Töne an, 
wie man sie bislang an dieser Stelle nicht vernommen und ausgerech- 
net zu dieser Stunde auch am allerwenigsten erwartet hatte. Er werde 
keinen Sekt trinken, er werde später nicht anstoßen auf die wiederge- 
wonnene Einheit und Souveränität, sagte der Kommentator, und er 
wußte seinen Verzicht gut zu begründen, so gut, daß die Beiträge zu 
den aktuellen Funkmagazinen anderntags alle auf der gleichen neuen 
Linie lagen. Die Siegesmeldungen - »Der glücklichste Tage der Deut- 
schen*, der »Tag der Freude« - waren dann in der Süddeutschen Zei- 



299 



tung vom Tag danach schon zwischen Anführungsstriche gerutscht, 
die Redaktion selber griff zur Formel »Gemäßigter Jubel«, der Lokal- 
teil meldete »Gelassenheit« und »allgemeine Zurückhaltung«. Zurück- 
haltend und besinnlich wie das Fest sei eben auch die Stimmung hier, 
kommentierte der Moderator von SAT. 1 aus der Frankfurter Börse 
am 4. Oktober, gemeint waren fallende Kurse. »Hunderttausende fei- 
ern heiter und besinnlich«, schrieb die FAZ auf der Titelseite, und im 
Innenteil wurde der zu Rückschlüssen fähige Leser darüber infor- 
miert, daß »besinnlich« in freier Übersetzung auf Neudeutsch unge- 
fähr »tote Hose« heißt: »Wenig überschäumende Freude an der 
Ruhr . . . Am Main ist die Begeisterung gedämpft ... Mit hanseatischer 
Zurückhaltung... Verhalten feiert die provisorische Hauptstadt das 
Fest der Einheit.« In Stuttgart brachte das Verbuddeln eines unbelaub- 
ten Einheitskastanienbaums keine 50 Leute auf die Beine, die meisten 
von ihnen hatten Schaufeln dabei, um die Pflanzung gleich wieder 
rückgängig zu machen, und 400 Demonstranten gegen den Beitritt 
standen »ganze 150 Menschen« (SZ) gegenüber, welche die Einheit fei- 
ern wollten. Die Wahrheit über das Einheitsfest mußte man also in 
den Lokalteilen suchen, dort etwa, wo es über ein mitternächtliches 
30000-Mark-Feuerwerk auf dem Stuttgarter Rummelplatz hieß: 
»Kaum war der letzte Funke am Firmament erloschen, begann das 
Riesenrad sich wieder zu drehen. Der Rummel ging weiter, als ob 
nichts geschehen wäre.« (StZ) 

Daß dennoch etwas geschehen war, erfuhren die Landsleute vom 
Bundespräsidenten. »Sich vereinigen, heißt teilen lernen«, sagte er, 
und er hatte recht damit. Als Aufforderung, um der Einheit der Deut- 
schen willen schnellstens ihre Zweistaatlichkeit wiederherzustellen, 
war der Spruch freilich nicht gemeint, sondern das Kanzelwort leitete 
zur Blut, Schweiß & Tränen-Propaganda über, tags darauf stimmte der 
Kanzler ein. Mit seinem Wort von den Opfern, welche die Einheit 
kosten werde, sprach er aus, was alle gewußt hatten, ohne es auch 
wahrhaben zu wollen. Aus eigener Schuld hatten die Landsleute sich 
wieder mal mächtig in die Nesseln gesetzt, die Welt hatte mit 70 Mil- 
lionen Frustrierten zu rechnen, und die Frage für den kommenden 
Winter war, ob sie erst einschnappen und dann ausrasten würden oder 
umgekehrt oder beides zugleich. 

SO Millionen Opfer 

(12. Oktober 1990) 

Als im April des Jahres den SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine eine 
Frau niederstach, die aussah wie ein Überbleibsel aus der Selbsterfah- 
rungsgruppenzeit, war dies das Ende jenes Wahns, der Anfang der 
80er Jahre die von der Protestbewegung geräumten Positionen bezo- 
gen hatte. Mit dem Anschlag begann ein Interim, welches auch nach 



300 



dem Attentat auf den Innenminister fortdauert, obgleich es in gewis- 
ser Weise als Konstitutionsakt des neuen Reiches verstanden werden 
kann. Verzwickt, wie die Zusammenhänge ohnehin sind, wird ihre 
Darstellung noch durch den Umstand erschwert, daß keiner immun 
gegen ein gesellschaftliches Klima ist, worin die lähmende Resigna- 
tion im Verhältnis zu den Fakten schon deren bloße Wahrnehmung 
blockiert. Passiere, was wolle - es bleibt flüchtig und schemenhaft, 
zieht wie in weiter Ferne vorüber. Keinen Wutausbruch, sondern ein 
müdes Lächeln und den Hinweis, daß eben jeder Beruf seine Risiken 
hat, rang sich der Oppositionsführer vor den Kameras ab, als zum 
zweiten Mal innerhalb eines Jahres ein Psychopath zugeschlagen 
hatte. Der Kanzler meinte kraftlos und schicksalsergeben, daß man in 
solchen Fällen das Beten lerne. Auf den lieben Gott wiederum hatte 
auch Adelheid Streidel zu hören gemeint, als sie das Brotmesser in 
Lafontaines Kehle grub, und wenn es hieß, daß sie »irgendwie dane- 
ben« wirkte, so war es dieser Eindruck, den im Jahr der Einheit Politi- 
ker wie Bevölkerung hinterließen. 

Deshalb, bevor man alles durcheinanderbringt und Kohl für den 
eigentlichen Messerstecher hält, der Reihe nach, grundsätzlich und 
ganz von vorn: Das Ergebnis der Protestbewegung war Massenwahn 
- die Hinterlassenschaft jeder gescheiterten linken Bewegung. Der 
Niedergang der Kritik am falschen gesellschaftlichen Produktionsver- 
hältnis nämlich stellt, wenn diese Kritik zuvor populär geworden war, 
nicht einfach die ursprüngliche Dummheit wieder her, sondern die 
Leute machen sich dann den falschen Reim auf Dinge, mit denen zu 
hadern sie gelernt hatten. Wie die auf halbem Wege steckengebliebene 
Aufklärung schlimmer als keine ist, insofern Millionen Analphabeten 
besser als Millionen Bild-Leser sind, macht jede mißlungene Revolu- 
tion die Verhältnisse schlimmer, als sie waren. Daß vom Faschismus 
schweigen soll, wer vom Kapitalismus nicht reden mag, ist richtig, 
aber nur die halbe Wahrheit, denn die modernen Greuel setzen außer 
dem Kapitalverhältnis Massen voraus, die von den Versprechungen 
des Kommunismus hörten und daran Gefallen fanden. Hat die rich- 
tige Idee, daß es jedem besser gehen könnte und daß der Zustand der 
Welt insgesamt ein unerträglicher ist, sich einmal in den Köpfen fest- 
gesetzt, so stirbt man in der Not nicht mehr bloß am Hunger. Die 
Alternative Sozialismus oder Barbarei stellt sich dann, wenn die Mas- 
sen ihr Dasein nicht mehr als gottgegeben hinnehmen und es eine 
Rolle spielt, von welcher Art Politik sie sich die Verwirklichung der 
in ihnen geweckten und ihnen nicht mehr auszutreibenden Wünsche 
versprechen. Der Kapitalismus ist deshalb - anders als in den asiati- 
schen Schwellenländern oder letztes Jahrhundert in Europa - im 
gesamten Ostblock chancenlos, eben weil er auf Massen trifft, die 
krasses Elend nicht demütig erdulden können, sondern durch es 
bestialisch werden müssen oder revolutionär. Während alle Welt den 



301 



Sozialismus durch die Entwicklung im Ostblock für endgültig erle- 
digt hält, zeigt diese Entwicklung in Wahrheit, daß es zum Sozialis- 
mus im Ostblock keine Alternative gibt als das allumfassende, sinn- 
lose Gemetzel. Fünf Jahre Glasnost und Perestroika haben in erster 
Linie zu Verhältnissen geführt, unter denen die stalinistische Diktatur 
samt ihrer Verbrechen über kurz oder lang vielleicht das einzige, frei- 
lich kaum wieder verfügbare Mittel ist, ein Minimum an Humanität 
zu sichern. Die Hetzer im Westen, die den Zerfall der Sowjetunion 
mit Applaus quittierten, die Freunde der nationalen Selbstbestim- 
mung und die Gorbatschow-Fans - sie alle möchte man dafür schon 
jetzt mit einem längeren Zwangsurlaub an der Demarkationslinie bei- 
spielsweise zwischen Gagausen und Moldawiern belohnen, wo sie 
dann selber hautnah teilhaben dürfen an dem Glück, womit sie die 
unterdrückten Völker Rußlands beschenken wollten. 

Wie heute der Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus 
ein Bewußtsein produziert, neben dem der abergläubische Stumpf- 
sinn im zaristischen Rußland wie die reine Vernunft wirken dürfte, 
kam nach dem Niedergang der Protestbewegung nicht die Ära Ade- 
nauer zurück, jene gute alte Zeit, in welcher deutsche Massenbewe- 
gungen vorübergehend nur auf der Autobahn oder im Kaufhaus statt- 
fanden. Statt spurlos wieder zu verschwinden, hinterließ die Einsicht 
in die Krisenhaftigkeit einer vom Kapital beherrschten und atomar 
gerüsteten Welt vielmehr ein vages, aber zähes Gefühl von tödlicher 
Bedrohung durch schwer identifizierbare Kräfte. Der Bundesbürger, 
dessen Horizont vordem räumlich nicht über das Grundstück fürs 
Eigenheim hinaus und zeitlich gerade bis zum Erscheinen des näch- 
sten Neckermannkatalogs gereicht hatte, hatte obendrein vom Viet- 
namprotest und von der Imperialismus-Kritik gelernt, gleichermaßen 
in globalen und in historischen Dimensionen zu denken. Erstmals in 
der Nachkriegsgeschichte lagen damit wieder die Zutaten bereit, die 
ihr ursprünglicher Erfinder und Besitzer nur aus der Hand zu geben 
brauchte, damit sie sich wie von selber zu einer brisanten Mischung 
aus Verfolgungswahn und Größenwahn vermengten. Die Protestbe- 
wegung, niemand sonst, hatte die Landsleute wieder gelehrt, in den 
Kategorien von Opfern und Tätern zu denken, mit dem Effekt, daß 
es in Deutschland bald nur noch Opfer gab und am Ende auch solche 
wie Adelheid Streidel und Dieter Kaufmann. 

Verloren ging beim Zusammenbruch der Protestbewegung nicht das 
Gespür, daß eine Welt, in der zwei Drittel verhungern und ein Drittel 
sich überfrißt, im Atomzeitalter unkalkulierbare Risiken auch für die 
Satten in sich birgt. Verloren aber gingen der Wille und die Fähigkeit, 
die Ursachen der Unsicherheit zu begreifen. Als unbegriffenes wie- 
derum drängte das Gefühl die von ihm Geplagten dazu, eine plausible 
Rechtfertigung dafür in der Realität zu suchen. Wer die Gefahr zu 
spüren gelernt hat und sie gleichzeitig nicht sehen will, unter anderem 



302 



deshalb, weil mit der Reduzierung dieser Gefahr die Minderung sei- 
ner eigenen Privilegien verbunden wäre, muß sich um Ersatz bemü- 
hen, wenn er sich nicht selber als Fall für den Psychiater einstufen 
will. Als Ersatz für die Kritik an einem gesellschaftlichen Ausbeu- 
tungsverhältnis, welches auch seine Nutznießer gefährdet, stellte die 
Angst vor schleichender Vergiftung und tückischen Strahlen sich ein, 
jene Angst, deren diverse Varianten und Ableger dann ein Jahrzehnt 
lang von einem Verbund aus Medien und Alternativ-Szene gleicher- 
maßen geschürt und absorbiert wurden. Die Öko-Gruppe war der 
Ort, wo der irre einzelne, der die Welt von der Chemie oder der Kern- 
energie verhext glaubte, sich in Gemeinschaft anderer ausleben und 
abregen konnte, ohne den Bestand der Gesellschaft unmittelbar zu 
gefährden. Die Kollektivierung des Wahns domestizierte ihn auch, 
und sie eröffnete dem einzelnen die Möglichkeit, als Irrer eine normal 
funktionierende Person zu bleiben. Wenn Tausende Friedensplätz- 
chen backen, ist die Beschäftigungstherapie Narretei und Politikum 
zugleich. Der einzelne, der sich objektiv wie ein Vollidiot verhält, 
fällt als solcher nicht auf, und weil die vielen ihn in seinem Glauben 
an die magische Wirkung des Teigrührens bestärken, kann er vom 
nachrüstungsbedingt unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang fest 
überzeugt sein, ohne deshalb, wie es die Logik seiner Zwangsvorstel- 
lung eigentlich verlangt, den für die Nachrüstung und also für den 
Weltuntergang verantwortlichen Kanzler gegebenenfalls in Notwehr 
erschießen zu müssen. Die Vergesellschaftung der Paranoia war die 
Basis der friedlichen Koexistenz zwischen vermeintlich tödlich 
Bedrohten und ihren vermeintlichen Verfolgern, weil der Verfol- 
gungswahn neutralisiert wurde durch den Größenwahn, durch die 
kindische Vorstellung, mittels gemeinsamen Backens und Singens 
banne man die Bombe. 

Zehn Jahre lang also war das Schüren und Absorbieren des Wahns 
ein ebenso heikles wie florierendes Geschäft, doch als dann die Mauer 
fiel, machten die offenen Anstalten dicht, welche die Umweltinitiati- 
ven und die Kräuter- oder Selbsterfahrungsgruppen für ihre Anhänger 
und Sympathisanten bedeutet hatten. Von den zermatschten Kröten 
auf der Autobahn, von sterbenden Wäldern, vom Dioxin in der eige- 
nen Leber oder vom drohenden Atomtod sprach plötzlich keiner 
mehr, der im neuen Reich was werden wollte. Die zu Amtern gekom- 
menen Öko-Gurus, die zuvor die penetrantesten Schreier für die pro- 
letarische Revolution gewesen waren, die Fischers und Vollmers also 
verrieten ein weiteres Mal ihre Anhängerschaft, deren Paranoia sie 
angekurbelt und ausgenutzt hatten. Statt Verfolgungswahn nämlich 
verlangten die Zeitläufe Tatendrang, Angst in Aggressivität umzuset- 
zen hieß angesichts neuen Lebensraums im Osten das Gebot der 
Stunde. Die ewigen Wendehälse der bundesdeutschen Nachkriegsge- 
schichte weinten also nicht länger dem zertretenen Gräslein nach, 



303 



sondern sie beschlossen, daß es an der Zeit war, ein weiteres Mal kraf- 
tig umzudenken, ideologischen Ballast abzuwerfen, Vernunft anzu- 
nehmen, beweglich zu werden, um mithalten zu können beim End- 
spurt auf den anfahrenden Zug. 

Und wieder blieben dabei manche zurück. Damals, als der revolu- 
tionäre Kampf einer um Ministerposten zu werden begann, als man 
für die übliche Ochsentour einer normalen bürgerlichen Berufskar- 
riere das heroische Won vom langen Marsch durch die Institutionen 
erfand, damals hatten die Genossen von der RAF den Anschluß ver- 
paßt, jene Genossen, die es nun um so weniger glauben mochten, daß 
die Abschaffung des Imperialismus allein eine Frage hunderttausend- 
stimmigen Protestgeschreis im Verlauf friedlicher Massendemonstra- 
tionen war, als die Zahl friedlicher Schreier rapide sank. Diesmal 
wollte Adelheid Streidel nicht kapieren, daß Öko-Okkultismus out 
ist, wenn das Vaterland vor der Aufgabe steht, durch die Industrialisie- 
rung^hinzuerworbenen Gebiets die Nummer eins in Europa zu wer- 
den. 63 Mag die Frau, die Lafontaine niederstach, auch ein klinischer 
Fall sein, wobei sie dies Schicksal wiederum angeblich mit einer hal- 
ben Million Bundesbürger teilen würde, so klingt ihre Wahnvorstel- 
lung, die zweifelsfrei eine ist, doch immerhin noch wie ein fernes, 
undeutliches Echo auf die Zeit, als man Huxley oder Orwell las, ohne 
deshalb Big Brother für eine lebende Person zu halten, während der 
pausbäckige Realismus grüner Großmachtstrategen im Bundestag der 
Abfluß eines Denkens ist, woraus einem, wenn es den Mund auf- 
macht, nichts als der nackte Stumpfsinn entgegenwiehert. »Es gibt in 
Europa Menschenfabriken und unterirdische Operationssäle, wo 
Leute aus der Bevölkerung körperlich und geistig umfunktioniert 
werden«," meinte die Frau nach der Verhaftung zur Begründung 
ihrer Tat, und in diesem Satz steckt die ganze Protestbewegung, von 
ihren Anfingen, als man mit Herbert Marcuse unter Manipulation 
die Verhinderung der historisch objektiv vorhandenen Möglichkeit 
verstand, Elend, Unterdrückung und Ausbeutung abzuschaffen, bis 
hin zu ihrem traurigen Ende, als das regredierte Bewußtsein, welches 
festhielt am Begriff, ohne ihn noch denken zu können, sich in Vorstel- 
lungen flüchtete, wo wie im Schundroman Manipulation dergestalt 
geschieht, daß Weißbekittelte einen echten Homunculus fabrizieren. 
Trotzdem hat keiner der nach Hunderttausenden zählenden Öko- 
Paranoiker öffentlich Verständnis für die Frau etwa in dem Sinne 
geäußert, daß angesichts der drohenden Klimakatastrophe nur der 
Verrückte normal bleiben kann. Nichts kennzeichnet den hiesigen 
Sozialcharakter besser. 

Im April also verabschiedete sich der alte Wahn, im Oktober schon 
gab eine neue Variante ihr Debüt. Während es Adelheid Streidel noch 
um den Bestand der Menschheit und der Erde gegangen war, während 
sie noch altruistische Motive hatte, schlug diesmal der rachsüchtige, 



304 



egoistische einzelne zu, der nichts als sich seiner Haut wehren und 
Vergeltung üben wollte. Die alte Bundesrepublik, wo die Paranoia gut 
verpackt war im Welterrettungsschmus, hatte abgedankt, das neue 
Reich nahm Konturen an, und wie es dazu kam, das ist wieder eine 
Geschichte für sich. Seit den Volkskammerwahlen im März nämlich 
lief unter dem heimlichen Titel »17 Millionen suchen ihre Wunde« 
mit Unterstützung der Regierung in den Medien ein Ideen- 
Wettbewerb, das Thema hieß: »Warum ich Grund habe, mich als Stasi- 
Opfer zu fühlen, obwohl mir das keiner ansieht«. Einer der Sonder- 
linge, von denen es unter den Landsleuten viele gibt, wenn sie nicht 
gar die Mehrheit bilden, hatte zwar den Grundgedanken des Rate- 
spiels ganz richtig erfaßt, aber beim deutsch-deutschen Kuddelmud- 
del ein wenig die Orientierung verloren. Obgleich im Südwesten 
ansässig, tat er, wozu trotz aller Einheitsparolen nur DDR-Bürger auf- 
gefordert worden waren, und die gründliche Nachsorgeuntersuchung 
der eigenen Befindlichkeit durch ihn selbst ergab, daß man ihn »psy- 
chisch und physisch bedrängt«, »ungerecht behandelt«, »gefoltert und 
gequält« hatte. Man hatte ihn »in seiner Menschenwürde verletzt«, 
ihm in den Kaffee Speed getan, in den Tee halluzinogene Essenzen 
und Psychodrogen in den Tabak. Der Spiegel faßte zusammen: »Und 
dann der Staatsterror: Das lief über elektrische Wellen auf den Kör- 
pers über quälende >Lauttechnik<, über >elektrolytisch erhebliche 
Schmerzens die dem damals Drogenabhängigen, wie er angab, >im 
Zwölffingerdarm und im Kopf« zugefügt wurden. >Unter anderem 
hatte der Staat auch versucht, mich sexuell zu erregen.«« 

Anders gesagt: Dieter Kaufmann war der falsche Mann für die rich- 
tige Sache. Fünfhundert Kilometer weiter östlich hätte er wohnen 
müssen und auf den Innenminister hätte er nicht schießen dürfen, 
dann hätten die Zeitungen ihn als Kronzeugen im Prozeß gegen das 
verbrecherische SED-Regime groß herausgebracht. Denn die Einheit 
erforderte Einfühlungsvermögen und Einbildungskraft, Millionen 
vom Stasi Drangsalierte wurden gebraucht, wollte man als Befreiung 
der Landsleute von kommunistischer Tyrannei verkaufen, was eine 
Schnäppchenjagd gewesen und kleinkindlicher Gier nach viel Bana- 
nenpampe entsprungen war. Der Druck wiederum, dem Unterneh- 
men einen ideellen Anstrich zu geben, wuchs im Maße, wie klar 
wurde, daß beim Versuch, einander hereinzulegen, schließlich Ossis 
und Wessis gleichermaßen die Geprellten waren. Die Einheit werde 
allen Deutschen mehr Wohlstand bringen als je zuvor, hatte der Kanz- 
ler noch im Frühjahr 1990 verkündet, und während die Ossis dabei 
an die den Wessis abzuknöpfende Hartwährung dachten, breiteten vor 
deren innerem Auge sich Ländereien aus, Anwesen wie maßgeschnei- 
dert für den Zweitwohnsitz und für ein Butterbrot zu erwerben. Im 
Herbst hieß es dann: Wenn's um die Einheit geht, darf der Preis keine 
Rolle spielen, wer wird denn nach den Bestattungskosten fragen, 



305 



wenn die Trauergemeinde am Grabe steht. Und während die Ossis vor 
Selbstmitleid über ihr Sozialhilfeempfängerdasein zerflossen, sträubte 
sich bei den Wessis allmählich das Nackenhaar, wenn sie an ihre pau- 
senlos auf Nimmerwiedersehen gen Osten in den unersättlichen 
Schlund zahlloser unnützer Esser rollenden Steuermilliarden dachten. 
So stark wurde die Aversion, daß keiner sie mehr wahrhaben mochte 
und alle bei Meinungsumfragen das genaue Gegenteil sagten. Die Eini- 
gung nahm die Züge eines Familiendramas an, bei welchem das dicke 
Ende um so sicherer ist, je entschiedener alle Beteiligten ihre Gefühle 
verleugnen. Ein gemeinsamer Feind wurde gebraucht, um den wach- 
senden Haß auf ihn umzulenken, und zwar schnell. 

Es war also der Regierungssender, den Dieter Kaufmann empfing, 
als seine innere Stimme ihm riet, sich den Staatsterror nicht länger 
gefallen zu lassen. Nur nahm das Geschehen dann den Verlauf einer 
Agentenkommödie oder Krimigroteske, wo der bezahlte Killer die 
Adressen durcheinander und seinen Auftraggeber zur Strecke bringt. 
Unkalkulierbaren Risiken setzt sich aus, hieß daraus die Lehre, wer 
gegenwärtig versucht, den Mob gegen einen inneren Feind aufzuwie- 
geln. Nur die SPD begriff das nicht, deren Kommunistenfresser Pät- 
zold unter dem neuen Wahlspruch der Exekutive »legal, illegal, 
scheißegal« genau eine Woche nach dem Attentat auf den Innenmini- 
ster widerrechtlich die Parteizentrale der PDS durchsuchen ließ. 
Noch stehen mit leeren Händen auf der Suche nach dem Täter 80 
Millionen Opfer da, die mehrheitlich wie Dieter Kaufmann gebaut 
sein dürften. Sie werden einander beharken, wie dies zuletzt in Leip- 
zig geschah, wo einer im Kugelhagel der Polizei tot liegenblieb, oder 
sie finden einen gemeinsamen Feind. Daß sie statt dessen ihre eigene 
Dummheit und Gier hassen lernen, ist unwahrscheinlich. 



306 



Anmerkungen 



1 Sie besteht darin, »Streitfragen als schon entschieden zu behandeln«, wie 
dies die Regierung tat, wenn sie die Wiedervereinigung als historisch 
unausweichlich darstellte mit dem Effekt, daß die Zögerer und Zauderer 
eigentlich nicht zur Regierung, sondern zur Geschichte in Opposition zu 
stehen schienen, zu irgendwelchen obskuren Schicksalsmächten, mit 
denen sich selber zu identifizieren im Jahr 1990 der Lieblingssport des 
Kanzlers wurde. 

Über die Methode schreibt Adorno: »Die Fait-accompli-Technik berührt 
einen zentralen Mechanismus faschistischer Massenpsychologie: die Trans- 
formation des Gefühls der Ohnmacht in das von Macht. Das Gefühl der 
Ohnmacht wird durch die Ahnung verkörpert, der Ausgang sei bereits 
entschieden, ohne daß man selber ein Wort hätte mitreden können, das 
sich aber, gesteht man sich dies ein, auf geheimnisvolle und irrationale 
Weise in das von Macht umkehrt, indem man zu dem etablierten Sieger 
>überläuft<. Wichtigste Aufgabe von Gegenpropaganda wäre es vielleicht, 
in diesen Mechanismus einzugreifen und den Massen drastisch klarzuma- 
chen, daß das Bekenntnis von Schwäche, völlige Selbstaufgabe, niemals 
wirkliche Stärke und soziale Belohnung nach sich ziehen.« (Theodor W. 
Adorno, Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt 1980, S. 395 ff.) 

2 Detailliert und überzeugend entwickelt Robert Kurz diesen Gedanken in 
seinem Text »Deutschland, einig Irrtum«. Über die Entwicklung im Ost- 
block heißt es dort: »Dieser Zusammenbruch signalisiert, ebenso wie 
schon vorher derjenige weiter Teile der Dritten Welt, keineswegs das Ein- 
münden eines historischen Irrtums in die geschichtslose Wahrheit des 
Marktes, sondern eher die lebensgefährlich gewordene Erosion der gemein- 
samen weltgesellschaftlichen Basisform.« 

Der Text von Robert Kurz demonstriert nebenbei auch, daß die Linken 
sich etwas übereilt von Marx verabschiedet haben, dessen Kapitalismuskri- 
tik aktueller ist denn je. 

3 Gemeint sind die Republikaner (REP), die im Mai noch eine große 
Zukunft zu haben schienen und bis zur Bundestagswahl im Dezember auf 
unter 3% gefallen waren. Tatsächlich aber gab es zum Thema Wiederverei- 
nigung zwischen den Republikanern und den anderen Parteien eigentlich 
keinen Unterschied. Dafür waren sie alle. 

4 Bernd Estel nennt diese Zahl in seinem Buch »Soziale Vorurteile und 
soziale Urteile«, Köln 1986. 

5 T. W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinsion, R. Nevitt San- 
ford: The Authoritarian Personality, New York 1950. Zitiert wird entwe- 
der nach der Ausgabe von 1964, unveränderter Nachdruck 1966, kurz: AP, 
oder, wo dies möglich ist, nach der Übersetzung von Milli Weinbrenner 
(Theodor W, Adorno, Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt 
1973.), kurz: Studien 

6 In der AP wird beispielsweise von einem Beweis dafür gesprochen, daß 



307 



»die Variablen oder Satzgruppen, die unserer Theorie zugrundeliegen» 
keine Cluster im statistischen Sinn sind«, denn: »Wenn auch die Sätze aller 
Gruppen aus Form 45 korrelieren (0,1 1 zu 0,24), so korrelieren doch die 
Sätze eines jeden Clusters miteinander nicht besser als mit zahlreichen Sät- 
zen anderer Cluster. Diese Cluster dürfen daher nur als a priori- 
Diskussionshilfen benutzt werden.« (Studien, S. 91) 

Freilich lassen sich weit mehr Stellen zitieren, wo die Variablen als 
unmittelbar psychologische Variablen (S. 102) oder als psychische Disposi- 
tionen (S. 38) betrachtet werden. 

7 Adorno, Aldous Huxley und die Utopie, in: Prismen, München 1963, S. 
103. Eine andere Formulierung: »Gerade aber indem sie ein Ritual übt, 
ohne den Anspruch, es wäre ihre eigene Regung, ist sie mit der Geste so 
identisch wie mit einer menschenwürdigen Konvention.« (Luccheser 
Memorial, in: Ohne Leitbild, Frankfun 1967, S. 128) 

8 Studien, S. 50 

9 Zu diesem Schluß kommt Michaela von Freyhold in ihrer Studie »Autori- 
tarismus und politische Apathie«» Frankfurt 1971. Ausführlich wird darin 
die Frage nach dem Status der Dimensionen diskutiert (S. 24 ff.) 

10 Diese Annahmen stützen sich zunächst auf Freud und dann auf einzelne 
Arbeiten seiner Interpreten: Fromms Theorie des autoritar-masochisti- 
schen Charakters in den »Studien über Autorität und Familie«, Reichs 
»Massenpsychologie des Faschismus«, Abrahams Arbeiten über den Anal- 
charakter. Wichtig ferner: Die Inhaltsanalysen von faschistischem Propa- 
gandamaterial durch Loewenthal und Guterman. 

Um »Annahmen« allerdings, um solche zumal, die sich in einem viersei- 
tigen Thesenpapier über »Autorität in der Familie« zusammenfassen lie- 
ßen, handelt es sich dabei eigentlich nicht, sondern eher um die Erfahrung 
und das Gespür, welches sich im gründlichen Studium der genannten 
Autoren entwickelt, also um die unbewußten, nicht auf Kommando abruf- 
baren Anteile des Wissens. 

11 Studien, S. 1 

12 Karl Otten, Geplante Illusionen, Eine Analyse des Faschismus, London 
1942, jetzt bei Luchterhand 1989, S. 89. Ganz nebenbei hat Otten auch das 
ihm damals unbekannte Rätsel gelost, warum es sich bei der bundesdeut- 
schen Arbeiterschaft um die streikunwilligste Europas handelt: »Dieses 
Gefühl des Rechts auf Arbeit, das Hitler und seine Elite vollkommen 
befriedigten, ist das Hauptglücksempfinden der deutschen Jugend und der 
deutschen Massen und erscheint beiden als Verwirklichung des nationalen 
deutschen Sozialismus. - Der Inhalt dieses Sozialismus, über den noch zu 
reden sein wird, stellt sich also als eine Funktion, als etwas Funktionieren- 
des dar: als Arbeit und nicht als Lohn der Leistung; als Beschäftigtsein mit 
oder für etwas, das einen selbst nur insofern angeht, als es das Gefühl, auf 
dieser Erde überflüssig zu sein, bannt. (...) Die Arbeiter wollen nichts 
anderes als Arbeit, und nicht zunächst einen hohen Lebensstandard, wie 
es das Ziel aller Arbeiter in demokratischen Ländern ist.« (S. 98) 

13 Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, 
Amsterdam 1947, S. 223 



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14 Karl Otten, a. a. O., S. 217 

15 Dazu Victor Klemperer, LTI, Frankfurt 1975 (LTI - Lingua Tertii Imperii, 
Sprache des Dritten Reiches): »Spontan gehört zu den Lieblingswörtern der 
LTI, und davon wird noch zu reden sein« (S. 66) »Das stärkste und allge- 
meinste Gefühlswort schließlich, das sich der Nazismus dienstbar machte, 
heißt Erlebnis.« (S. 288) 

16 Erhalten blieben offenbar sowohl die traditionelle Affektarmut, eine 
gewisse seelische Leere und geistige Starrheit, die schließlich Mimik und 
Motorik prägen, als auch die Reaktionsbildung auf diesen Mangel, welche 
in Deutschland nach immer demselben und trotzdem nie recht durch- 
schauten Schema funktioniert, nach dem simplen Schema des Vorzeichen- 
tauschs: Aus »Ich fühle nichts« wird »Ich fühle so tief, daß ich da selbst 
nicht mehr ganz hinabsteige«, »Mein Kopf ist leer wie ein hohles Faß« heißt 
auf Deutsch »Mir geht so vieles durch den Sinn, daß ich, wenn ich es mit- 
teilen wollte, gar nicht wüßte, wo ich damit anfangen soll.« 

17 Der Gedanke stammt von Adorno. Er hat an den deutschen Massen 1933 
einen Zug entdeckt, der gerade von jenen Antifaschisten gern übersehen 
wurde, die selber aufs faschistische Ressentiment spekulierten oder ihm 
erlegen waren, wenn sie die Nazis als Lustmörder charakterisierten, die 
sich behaglich das Blut vom Mund wischen, wenn sie ihr Opfer ausgewei- 
det hatten: 

»Nach den Berichten der Zeugen ward lustlos gefoltert, lustlos gemordet 
und darum vielleicht gerade so über alles Maß hinaus. (...) Es drängt sich 
der Gedanke auf, das deutsche Grauen sei etwas wie vorweggenommene 
Rache. (...) In den Konzentrationslagern und Gaskammern wird gleich- 
sam der Untergang von Deutschland diskontiert. Keiner, der die ersten 
Monate der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in Berlin beobachtete, 
konnte das Moment tödlicher Traurigkeit, des halbwissend einem Unheil- 
vollen sich Anvertrauens übersehen, das den angedrehten Rausch, die 
Fackelzüge und Trommeleien begleitete. Wie hoffnungslos klang nicht das 
deutsche Lieblingslied jener Monate, »Volk ans Gewehr«, in der Passage 
Unter den Linden. Die von einem Tag zum anderen anberaumte Rettung 
des Vaterlandes trug den Ausdruck der Katastrophe vom ersten Augen- 
blick an. ( . . . ) Während sie alles gewannen, wüteten sie schon als die, wel- 
che nichts zu verlieren haben. Am Anfang des deutschen Imperialismus 
steht die Wagnersche Götterdämmerung, die begeisterte Prophetie des eige- 
nen Untergangs.« (Minima Moralia, S. 132) 

Auch das tonlose Gebrüll »Deutschland / einig / Vaterland« heute skan- 
diert keinen fröhlichen, sondern einen trostlosen Rhythmus, und die Neu- 
jahrsfeier am Brandenburger Tor, bei der einer den Tod fand und zweihun- 
dert verletzt wurden, war eher Verzweiflungsorgie als Freudenfest. 500 000 
taten so, wie wenn sie weder Wohnung noch Familie hätten. 
18 Dialektik der Aufklärung, a. a. O., S. 220 

Thema des Abschnitts im Kapitel »Elemente des Antisemitismus« ist die 
pathische Projektion, die zentralen Sätze lauten: »Der Antisemitismus 
beruht auf falscher Projektion.« (S. 220) »In gewissem Sinn ist alles Wahr- 
nehmen Projizieren.« (S. 221) »Das Pathische am Antisemitismus ist nicht 



309 



das projektive Verhalten als solches, sondern der Ausfall der Reflexion 
darin.« (S. 223) 

19 Otten, a. a. Q, S. 226 

20 Studien, S. 108 

Ebenfalls wichtig, aber nicht unmittelbar in diesem Zusammenhang, ist 
die Fortsetzung der zitierten Stelle: »Dieses >Objekt< unbewußten Vernich- 
tungswillens, keineswegs nur oberflächlich als ein »Sündenbock« zu verste- 
hen, muß bestimmte Bedingungen erfüllen, um seiner Funktion zu genü- 
gen. Es muß greifbar genug, aber nicht zu greifbar sein, damit die eigene 
Wirklichkeit es nicht zunichte macht. Es muß historisch fundiert sein und 
als unbestreitbares Element der Tradition erscheinen. Es muß in starren 
und wohlbekannten Stereotypen definiert sein, und schließlich muß es 
Merkmale besitzen oder zumindest im Sinne von Merkmalen wahrgenom- 
men und verstanden werden können, die den destruktiven Tendenzen des 
Vorurteilsvollen entgegenkommen.« 

21 Studien, S. 142 

22 Die SINUS-Studie über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deut- 
schen, veröffentlicht in der Reihe rowohlt aktuell 1981 

23 Studien, S. 62 

24 Studien, S. 62 

25 Erinnert sei an den Wirbel im Anschluß an ein Strafverfahren, welches 
angestrengt worden war gegen eine Person, die öffentlich erklärt hatte: 
»Alle Soldaten sind potentielle Mörder.« Der mit vielen einschränkenden 
Bemerkungen versehene Freispruch löste bei Regierungsstellen bis hin 
zum Bundespräsidenten Stellungnahmen in einer Tonlage aus, wie man sie 
sonst von Stellungnahmen zu RAF-Atten taten kennt. 

In keinem Fall wurde die Banalität des Satzes gerügt, der objektiv nicht 
falsch, aber überflüssig ist: Da jeder Mensch ein potentieller Mörder ist, 
ist natürlich auch jeder Soldat einer. Empörung rief der Satz vielmehr her- 
vor, weil man sich durch ihn an den sonderbarerweise verdrängten Gedan- 
ken erinnert fühlte, daß es die Aufgabe der Armee sei, einen feindlichen 
Willen äußerstenfalls durch Tötung des Feindes zu brechen. Man interpre- 
tierte diese Feststellung als eine Beleidigung der Soldaten, wie wenn man 
selber der Überzeugung wäre, jede beabsichtigte Tötung eines Menschen 
sei ein Verbrechen. Dabei liefen gegen solchen semimentalen Gesinnungs- 
pazifismus die deutsche Geschichte selber die besten Argumente: Die 
Mordmaschinerie des Dritten Reiches mußte mit aller zu Verfügung ste- 
henden militärischen Gewalt zerschlagen werden, und die besten Wider- 
standskämpfer waren die, welche sich auch aufs fachmännische Töten von 
Menschen verstanden. 

26 Die Gefahren der Volkszählung wurden gern unter Verweis auf das Dritte 
Reich beschworen, wo der Unterdrückungsapparat in der Tat auf vielerlei 
Archivmaterial zurückgreifen konnte. Daß die Vernichtungsmaschinerie 
auf das Archiv material gar nicht angewiesen war, bewies sie dort, wo sie 
die meisten Opfer forderte, in Polen und generell im Ausland. Auch in 
Deutschland selber aber war auf die Nachbarn mehr Verlaß als auf die 
Akten der Gestapo. Die Volkszählungs-Bespitzelungsparanoia erfüllte eben 



310 



auch den Zweck, den Nationalsozialismus nachträglich als volksfremden 
Big Brother erscheinen zu lassen. 

27 Es handelt sich dabei um Pearsons' r. Wenn Aussagen über die Stärke eines 
Zusammenhangs strengeren Ansprüchen genügen sollen, muß dieser Wert 
quadriert werden. Während r als Steigung der Regressionsgeraden aufge- 
faßt werden kann und besagt, in welchem Maß Y bei gegebener Zunahme 
von X zunimmt oder abnimmt, gilt r 2 als PRE-Maß (»proportional reduc- 
tion in error<), welches bei einem Wert von 0,75 besagen würde: Die Varia- 
ble X erklärt 75% der Varianz von Y. 

28 Studien, S. 178. 

29 Im Unterschied zu traditionell demokratischen Ländern ist die Bundesre- 
publik immer noch eines, wo sich keiner gern in die Karten schauen läßt 
und vernünftige Sozialforschung schon an der desolaten Datenlage schei- 
tert. Als Beispiel dafür, wie die Linken zu Parolenlieferanten fürs Establish- 
ment und die Rechten werden, sei eine Notiz aus der Stuttgarter Zeitung 
vom 28. 7. 1989 zitiert, wo das dumm-deutsche und vermutliche in keine 
andere Sprache übersetzbare Wort von der »Gesinnungsschnüffelei*, wel- 
ches die Linken in Umlauf gebracht hatten, nun in neuer Umgebung 
erscheint: »Republikaner als Thema in Mizeiumfrage tabu. - Der Polizei- 
präsident des Landes, Alfred Stümper, hat alle Fragebögen von Studenten 
der Polizeifachhochschule Villingen-Schwenningen vernichten lassen, in 
denen auch das Thema »Republikaner und die Polizei< enthalten war. Es 
gebe innerhalb der Polizei keine Gesinnungsschnüffelei, und es dürfe auch 
keine geben, erklärt Stümper dazu. Auch Innenminister Dietmar Schlee 
sei nicht damit einverstanden, daß Polizeibeamte nach ihrer politischen 
Meinung befragt werden. (...) Dieter Huser, Prorektor der Schule, zeigte 
Verständnis dafür, daß die Umfrage gestoppt wurde.« 

Einer von verschiedenen Stuttgarter Professoren, die um eine Interview- 
Erlaubnis in ihren Seminaren gebeten worden waren, schließlich schrieb 
zurück: »Ich kann mir Ihr Interesse sehr gut vorstellen, meine jedoch, daß 
ein so brisantes Thema nach den strengen Regeln unserer Institute für Mei- 
nungsforschung behandelt werden sollte. So scheue ich mich deswegen, 
Ihrem Plan zuzustimmen, den beiliegenden Fragebogen den zufällig in 
meiner Vorlesung anwesenden Studenten vorzulegen. Ich hoffe, Sie werden 
dafür Verständnis haben.« 
30 Mit einem Wort: Erst haben die Polen die Juden umgebracht, und danach 
sind sie auch noch über die Deutschen hergefallen. Solche kleinen Ver- 
wechslungen kommen eben vor, wo die großen Magazine antipolnische 
Hetzpropaganda auch nach folgendem Muster betreiben: »Lech Walesa, 46, 
polnischer Arbeiterführer, verfiel in die Sprache früherer Peiniger Polens. 
In einem Interview der niederländischen Wochenzeitung Elsevier, teilweise 
nachgedruckt in Le Monde, äußerte sich der Solidarnosc-Chef besorgt, die 
Deutschen könnten erneut vom »Dämon des Expansionismus< ergriffen 
werden. »Wenn Deutschland noch einmal Europa destabilisiert s drohte 
Walesa, »dann wird Deutschland nicht mehr geteilt, sondern von der Land- 
karte gefegt werden. Ost und West haben die notwendige Technik, um die- 
ses Verdikt auch vollstrecken zu können. Wenn Deutschland wieder 



311 



anfängt, bleibt keine andere Lösung.< Eine der Lieblingsvokabeln der 
Nazis war >ausradiercn<, »von der Landkarte streichen«, etwa Polen.« (Der 
Spiegel Nr 15/1990, S. 280) 

31 Mit seinen Empfindungen steht Herr A. nicht allein. Der Spiegel vom 
23. 4. 90 (Nr. 17/1990) beispielsweise brachte auf Seite 105 einen Bericht, 
der folgendermaßen untertitelt war: »Polnische Schwarzhändler, Schmugg- 
ler und Ladendiebe in West-Berlin heizen die Ausländerfeindlichkeit unter 
den Einheimischen an.« Im Bericht selber hieß es unter anderem: »Die 
Hamsterer von jenseits der Oder hinterlassen ihr neues Einkaufsrevier Tag 
für Tag in einem miesen Zustand: Bürgersteige und Hauseingänge in der 
Polen-Meile ähneln Müllkippen. Weil die sperrigen Verpack ungskartons 
beim Transport nur stören, werden sie gleich an Ort und Stelle deponiert 
- in der Parklücke auf der Straße oder im nächstgelegenen Hausflur. In 
der Gosse sammeln sich leere Bierdosen und zerbrochene Limo-Flaschcn, 
Pappbecher und Hamburger-Behälter. Und da die Reisenden stundenlang 
unterwegs sind, überfällt sie auch schon mal ein dringendes Bedürfnis . . . 
die Reisenden erleichtern sich einfach in den Hausfluren.« 

Die Nachbarstaaten im Osten bekommen nun also die Quittung dafür, 
daß sie den besoffenen Übersiedler-Mob gewähren ließen, der Teile ihrer 
Hauptstädte in Müllkippen verwandelte, und daß sich in Warschau sogar 
Privatleute fanden, welche Übersiedler zum Übernachten in die eigene 
Wohnung nahmen. 

32 Auch in diesem Fall vertritt Herr A. nur die gängige Meinung. Als Beleg 
dafür sei aus der Zeit vom 27. 4. 1990 der Aufmacher von Theo Sommer 
/.muri. Der Kolumnist, der sonst Geschwollenes, Hochtrabendes, Schwül- 
stiges produziert, hat diesmal die »Bevölkerungsexplosion« als eine der 
schlimmsten Gefahren entdeckt, und gegen übliche Gewohnheit beginnt 
er nun, im Zahlenrausch zu delirieren: »Zu Beginn des 20. Jahrhunderts 
lebten 1,5 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Heute sind es 5 Mil- 
liarden; im Jahr 2000 werden es 6,2 Milliarden sein, im Jahr 2025 rund 8,5 
Milliarden. (...) Neun Zehntel des Zuwachses entfallen dabei auf Ent- 
wicklungsländer. Ägypten wird nach den Zahlen der Vereinten Nationen 
in 35 Jahren knapp 100 Millionen Einwohner haben . . .« etc. 

33 Karl Marx, Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule, 
MEW Bd. U S. 78 ff. 

34 Deutschland ordnet Europa neu, Herausgeber: Der Beauftragte des Füh- 
rers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen 
Schulung und Erziehung der NSDAP 1941/42, S. 45ff. Zitiert nach: Leon 
Poliakov und Josef Wulf, Das Dritte Reiche und die Juden, Berlin 1961, 
S. 113 

35 Das Interview fand am 10. 4. 1990 statt. Am 30. 4. wurde im heutejournal 
des ZDF gemeldet, der nordrhein-westfälische Sozial min ister (SPD) habe 
angeregt, eintreffende Aussiedler künftig in die DDR umzuleiten, weil die 
DDR weniger dicht besiedelt sei und weil es dort die Lücken aufzufüllen 
gelte, welche die Übersiedler in die BRD hinterlassen haben. 

36 Das Interview fand am 10. 4. 1990 statt. Am 30. 4. meldete die Stuttgarter 
Zeitung, daß der Rat der Stadt Dresden beschlossen habe, einen Stopp für 



312 



den Zuzug von Ausländern aus dem Ostblock zu verhängen, da insgesamt 
bereit 400 Personen in diesem Jahre bei den Wohnungsämtern vorstellig 
geworden seien, während es im ganzen Jahr davor nur 500 Bewerber gab. 

37 Jan Philipp Reemtsma, Baustein zu einer Konstruktion des sozialen Unbe- 
wußten in der BRD 

38 Die psychische Dynamik des antisemitischen Vorurteils wird im wesentli- 
chen gespeist von der »Ambivalenz autoritärer und rebellischer Neigun- 
gen« (Studien, S. 110). 

39 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Ullstein- 
Taschenbuchausgabe von 1975, Band 2 : Der Imperialismus, S. 81 

40 Hannah Arendt, a. a. O., S. 77 

41 Gemeint ist die Autoritarismus-Skala, die vom Frankfurter Institut für 
Sozialforschung entwickelt wurde. Vgl. Michaela von Freyhold, Autorita- 
rismus und politische Apathie, Frankfurt 1971. 

42 a. a. O. S. 65 ff. 

43 Nicht anders dürften seinerzeit die Mitarbeiter an der AP vorgegangen 
sein. Zwar werden diverse Auswahlkriterien genannt (Studien, S. 30 f.), 
aber die Liste der Gruppen (S. 27 ff.) zeigt eigentlich mehr Buntheit als 
System. 

Die Vergleichszahlen für den Umfang der Datenbasis: Im Rahmen der 
AP wurden insgesamt 2099 Fragebögen ausgewertet, davon 1518 Exem- 
plare der Skalenversionen 40 und 45. 

44 105 Personen waren angeschrieben worden, 23 Fragebögen kamen zurück, 
die Antwortquote betrug also nur 21,9%. Auf fast exakt denselben Wert 
kam eine schriftliche Befragung, die im Rahmen der AP unternommen 
wurde. (Studien, S. 34) 

45 S. B17. - Freilich merkt davon in der Regel wenig, wer hier an der Univer- 
sität seinen Statistik- oder Empiriekurs absolviert. Man quält sich mit dem 
Pauken von Formeln und Rechen kunststückchen herum, welche der 
Sozialwissenschaftler zur Ausübung seines Berufs ungefähr so dringend 
braucht, wie ein Rennfahrer nur mit dem zweiten Hauptsatz der Thermo- 
dynamik im Kopf an den Start gehen sollte, zumal es bekanntlich die Phy- 
siklehrer sind, die dank solider Grundkenntnisse der Vorgänge im Ver- 
brennungsmotor am geschicktesten durch Haarnadelkurven steuern. 

Zugleich mit der Langeweile, die solcher Unterricht verbreitet, entsteht 
die trügerische Sicherheit, man müsse sich immer nur schön an die Regeln 
halten, und der Erfolg sei im wesentlichen durch die Methode garantiert. 
Tatsächlich aber entscheidet bei der Auswertung von Daten nicht die Me- 
thode über den Erfolg, sondern der Erfolg über die Methode - erst am 
Ergebnis merkt man, ob es schlau oder eine Schnapsidee war, die Prozedur 
Faktoranalyse laufen zu lassen. 

Weil deutsche Lehrbücher immer grundlegend, d. h. bei Adam und Eva 
beginnen, sollten Statistik-Anwender besser zu den Manuals von SPSS/PC 
greifen. Sie wurden offenbar von Autoren verfaßt, die erstens nicht nur 
rechnen, sondern auch schreiben können und die zweitens den Stoff so 
souverän beherrschen, daß sie weder sich selber noch dem Leser durch 
sinnlose Faktenhuberei Kompetenz beweisen müssen. 



313 



46 Da es bei dieser Befragung für die Helfer kaum einen materiellen Anreiz 
gab, kann eines mit Sicherheit ausgeschlossen werden: Daß schon die Fra- 
gebögen teilweise fingiert oder Doubletten sind. Was die Auswertung der 
Daten selber betrifft, so gilt der Grundsatz, zwar einerseits vor keiner 
noch so gewagten Manipulation zurückzuschrecken, andererseits aber jede 
Manipulation offenzulegen und kenntlich zu machen. 

47 Es handelt sich hier um die 517 Frauen einer 900 Personen umfassenden 
Psychologie-Klasse. Die ganze Gruppe war übrigens Objekt einer separa- 
ten Untersuchung, die Daten sind nicht in den genannten 2099 Fällen ent- 
halten. 

48 Warum 435 Koeffizienten? Die F-Skala mit ihren 45 oder 40 Sätzen war 
ihrerseits noch mal gegliedert in eine E-Skala (Ethnozentrismus), eine 
PEC-Skala (Politisch-ökonomischer Konservatismus) und in die eigentli- 
che F-Skala, die sowohl in der Form 40 als auch in der Form 45 nur 30 
Iterns umfaßte. 30 Items mit 30 Items korreliert ergibt zunächst eine 
Matrix mit 900 Werten. Davon sind aber zunächst die 30 Auto- 
Korrelationen (Wert 1) abzuziehen, und die Menge der verbliebenen 870 
Werte ist dann zu halbieren, weil jeder Wert in der Matrix doppelt vor- 
kommt. 

49 Studien, S. 90 oder AP, S. 261 

50 Michaela von Freyhold, Autoritarismus und politische Apathie, Frankfurt 
1971, S. 86 und S. 285 

51 Mit dem Begriff Cluster ist hier gemeint, was man heute einen Faktor nen- 
nen würde. Faktoren sind nach heutiger Terminologie Variablengruppen, 
Cluster sind Gruppen von Versuchspersonen. 

Ein weiterer Hinweis zur Terminologie bei dieser Gelegenheit: Wenn in 
der AP von Variablen gesprochen wird, sind damit, in Abweichung von 
der heutigen Terminologie, Satzgruppen, also Faktoren gemeint, die man 
auch als Dimensionen bezeichnet. Als Variablen bezeichnet man heute die 
einzelnen Items oder Sätze. 

52 Studien, S. 91 

53 Autoritarismus und politische Apathie, a. a. Q, S. 78 

54 Für Kritik an diesen methodischen Überlegungen wäre der Autor dank- 
bar. Es handelt sich hier um den Versuch, eine Frage zu klären, die von 
der Literatur oft in der Schwebe gelassen wird. Michaela von Freyhold bei- 
spielsweise behauptet, daß in den USA die Clusteranalyse erfolgreich auf 
die F-Skala angewendet worden sei, womit, weil die Items und nicht die 
Personen gruppiert wurden, vermutlich die Faktoranalyse gemeint ist. 
Näheres teilt sie freilich nicht mit, und in ihrer eigenen Arbeit wurden die 
Daten keiner Faktoranalyse unterzogen. 

55 T. W. Adorno, Die psychologische Technik in Martin Luther Thomas* 
Rundfunkreden, in: Studien, S. 414 

56 Karl Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, Ausgabe des Insel- 
Verlags 1965, S. 20 

57 Vgl. dazu Jan Philipp Reemtsma, Terroratio, Konkret 9 und 10 1990. 
Reemtsma erklärt die Endlösungs-Tendenz des Terrors mit der Überle- 
gung: »Der »erste Schlag« stiftet nicht nur die Kumpanei der Schlagenden, 



314 



sondern er stiftet in dieser die Angst vor den Geschlagenen. (...) Läßt sich 
eine Terror ausübende Gruppe von dieser Logik bestimmen - und sie hat 
gute Gründe, das zu tun -, und wird sie nicht daran gehindert, kann sie 
ihren Terror nicht beenden, es wäre denn durch eine »Endlösung«. Diese 
Endlösung unterläge wieder der Himmlerschen Maxime, es müßten »wirk- 
lich alle* sein, damit kein Rächer übrig bliebe.« 

Diese Erklärung ist stichhaltig, aber nur unter einer Voraussetzung, die 
Reemtsma unerwähnt läßt, unter der Voraussetzung nämlich, daß der Ter- 
ror keinen greifbaren praktischen Zweck verfolgt, sondern sich gegen das 
von mir auf einen anderen Projizierte richtet. Terrorisiere ich andere, um 
sie ausbeuten zu können, so werden meine Schläge in der Regel bewirken, 
daß den anderen die Lust zur Rache vergeht, daß sie zur Rache unfähig 
werden und daß ich mich als der Starke, Mächtige vor keiner Rache fürch- 
ten muß, sondern Widerstand der Geschlagenen betrachte ich als Unge- 
horsam, mit dem man rechnen und den man bestrafen muß. Terrorisiere 
ich andere hingegen, weil ich es nicht aushalten kann, in deren Augen schä- 
big und bösartig auszusehen, so werde ich sie in der Tat restlos ausrotten 
müssen, bis keiner mehr übrig ist, der Zeuge meiner Verbrechen wurde 
und in dessen Augen ich deshalb noch schäbiger und bösartiger aussehe als 
je zuvor. D. h. die Konsequenz, die Reemtsma beschreibt, ist eine, deren 
Ursprung man in der Psychologie der Täter suchen muß, nicht in der 
wahrscheinlichen Reaktion der Opfer. 

58 Ein Beispiel für solche Flexibilität aus der Stuttgarter Zeitung vom 12. 
Dezember. Unter dem Titel »Offene Grenze?« wird die erwartete Flücht- 
lingswelle aus dem Osten kommentiert: 

»Nur kurz währte der Traum. Aber er war so schön, daß viele Menschen 
ihre Schwierigkeiten damit haben, sich von der Illusion zu trennen, es gäbe 
bald ein gemeinsames Haus Europa. Jahrzehntelang haben wir uns 
bemüht, daß der eiserne Vorhang fällt. Jetzt, da er gefallen ist, da alle Euro- 
päer die KSZE-Akte von Paris unterschrieben haben, da sich alle Staaten 
in Europa für die Freizügigkeit einsetzen und diese garantieren wollen, 
jetzt schrecken wir mit Recht davor zurück. (...) Keine Bundesregierung 
kann dem befürchteten Massenansturm aus dem europäischen Osten taten- 
los zusehen. Freizügigkeit setzt vergleichbare Lebensverhältnisse voraus. 
Und Polen wird noch lange ein armes Land bleiben.« 

59 Diese Beziehung wird gerade in Deutschland gern verkannt, hiesige Schau- 
spieler bilden sich beispielsweise ein, wenn die großen internationalen 
Stars verschwinden würden, fiele mehr Ruhm für sie selber ab. Richtig ist 
demgegenüber, daß noch der letzte Provinzschauspieler glücklich sein 
muß, sich im Glanz der ganz großen sonnen zu dürfen. Verblassen hinge- 
gen die Stars, kann der Provinzschauspieler einpacken, ähnlich den hiesi- 
gen Kleinschriftstellern, die durch den Tod von Boll und die Abdankung 
von Grass nicht bedeutender, sondern völlig unbedeutend geworden sind. 

60 Am 15.November beispielsweise, nach der Räumung besetzter Häuser, 
kommentierte die Stuttgarter Zeitung in ihrem Leitartikel: 

»Die Randale war sorgfältig geplant, die Aggressivität hatte ein auch für 
Berlin ungewöhnliches Ausmaß. (...) Die Barrikadenkämpfe in der Main- 



315 



zer Straße sind also ein Sonderfall - und doch ein Stein in einem immer 
großer werdenden Mosaik von Gewalttaten, dessen schrille Farben 
Schrecken verbreiten, im Osten Deutschlands vor allem, aber auch im 
Westen. Die Aggressionen nehmen wieder zu, das ist beispielsweise nach 
Sportveranstaltungen in Leipzig nicht anders als in Ludwigsburg. Experten 
wirken wegen der neuen Unübersichtlichkeit der Gewalt verunsichert; es 
gibt keine klaren Tätergruppen mehr und keine eindimensionalen 
Motive.« 

Dies dürfte der Tenor der meisten Leitartikel am 15. November gewesen 
sein. Nach der Fußball Weltmeisterschaft und nach dem 3. Oktober noch 
war an der gleichen Stelle die neue Friedfertigkeit der Deutschen gepriesen 
worden, ihre hinzugelernte Fähigkeit, fröhlich und entspannt zu feiern. 

61 Mitte Oktober wurden vom westdeutschen Einzelhandel bereits Liefereng- 
pässe beklagt, die ehemalige DDR würde wegen des höheren Preisniveaus 
bevorzugt, für das Weihnachtsgeschäft werde man nicht genügend Spiel- 
zeug bekommen. Die Lübecker Nachrichten vom 26. 10. schrieben: »Die 
Marktwirtschaft ist anscheinend auch nicht mehr das, was sie einmal war. 
Den Käufern in Westdeutschland drohen ausgerechnet zu Weihnachten 
Zustände, die man nur aus der alten DDR kannte: lange Schlangen an den 
Kassen und vor allem leere Regale. Die politische Entwicklung der vergan- 
genen zwölf Monate ist offenbar an Händlern und Produzenten vorüberge- 
gangen. Seit einem Jahr dauert die Invasion der kauffreudigen Ostdeut- 
schen nun an, aber kaum jemand hat daraus Konsequenzen gezogen. Die- 
ser Zeitraum hätte in jedem Fall ausgereicht, um die Weichen in Richtung 
auf den gesamtdeutschen Markt zu stellen. Vielleicht liegt aber auch ein 
tieferer Sinn in all diesen Versäumnissen. Der könnte dann so aussehen: 
Der Bundesbürger (West) soll lernen, sich zu bescheiden und die Schlange 
vor dem leeren Regal nicht mehr als unliebsame Verzögerung, sondern als 
Wartegemeinschaft zu begreifen . . . Und das wäre eine großartige Möglich- 
keit, die Wiedervereinigung auch in den Köpfen der Menschen zu vollzie- 
hen - wenn sie nicht vorher die Läden kurz und klein schlagen werden.« 

62 Die Nase im Wind und die Frechheit, das Erschnüffelte auch zu publizie- 
ren, bewies als einzige dem Verfasser bekannte Zeitschrift die deutsche, im 
Burda-Verlag erscheinende Ausgabe des amerikanischen Wirtschaftsmaga- 
zins Forbes. Das Oktoberheft war mit dem Aufmacher »Deutsche Stirn» 
mung auf dem Tief - Volkstrauertag 3. 10.« auf der Titelseite erschienen. 
Der Bericht begann mit dem Satz: »Die Mauer ist weg, endlich kennt die 
Abneigung keine Grenzen«, ihm vorangestellt war ein riesig gedrucktes 
Zitat des Chefs vom Bundeskartellamts: »Die Ostdeutschen hätten es gern, 
wenn ihr Land von der Deutschen Bank gekauft würde. Dann hätten sie 
wieder einen einzigen Herrn, dem sie dienen dürfen, der Befehle erteilt 
und der obendrein den Vorzug hat, reich zu sein.« 

63 Sie dürfte keineswegs die einzige sein, vielmehr wird der Zusammenbruch 
des Ökoglaubens massenhaft zu individuellen psychischen Störungen füh- 
ren. Beispiel: Ein Frau, Mitte 40, verheiratet, 2 Kinder, Eigenheim, akade- 
mischer Mittelstand. Früher war sie gläubige Anhängerin der Grünen, 
neuerdings spielt deren Weltanschauung in ihrem Gemütshaushalt keine 



316 



Rolle mehr. Dafür werden Familienmitglieder, bei denen Verdacht auf 
Schnupfen oder Grippe besteht, buchstäblich unter Quarantäne gestellt, 
sie müssen allein frühstücken etc. Die kollektive Schadstoffphobie wurde 
hier durch eine individuelle Bakterienphobie ersetzt. 
64 Sämtliche Statements von Adelheid Streidel und Dieter Kaufmann Zilien 
nach Der Spiegel Nr. 43, S. 28 ff. 

Der Prozeßbericht in der Nr. 45 des Magazins ist übrigens ein Muster- 
beispiel für psychotisch gestörtes Bewußtsein. Die Reporterin, Gisela Fne- 
drichsen, erzählt zunächst, daß die Wahnvorstellungen bei Adelheid Strei- 
del im Jahr 1978 begannen, angeblich deshalb, weil in diesem Jahr ihre Ehe 
zerbrach: »Damals fing es an mit den Wissenschaftlern, von denen sie sich 
über die Gefahren für Erde und Menschen unterrichtet fühlte. Die ihr 
angeblich berichteten, in riesigen unterirdischen Tötungsfabriken würden 
Menschen aus unteren sozialen Schichten zu Konserven verarbeitet oder 
zu Intellektuellen umfunktioniert (...) Sie wisse, daß es Tötungsfabnken 
etwa unter dem Frankfurter Flughafen gebe ( ... ) Die Wissenschaftler hat- 
ten ihr eine Frist von etwa zehn Jahren gesetzt (...) Jesus Christus habe 
sie aufgefordert, sofort ans Werk zu gehen, damit dem Töten ein Ende 

bereitet werde.« ■ 

Die Spiegel-Reporterin berichtet dann, daß der Vorsitzende Richter Dr. 
Bruno Terhorst, 49, die Angeklagte fragte, ob sie mal Menschen gefunden 
habe, die ihre Ansichten teilten. Diese Frage hält die Journalistin für wenig 
einfühlsam, denn: »Solche Fragen bewegen Gesunde. Sie stoßen in die Welt 
von Adelheid Streidel nicht vor. Sie brauchte nicht Gesinnungsgenossen, 
sie war sich überirdischer Hilfe sicher.« Weder von den teilweise militanten 
Auseinandersetzungen um die Frankfurter Startbahn West (zwei erschos- 
sene Polizeibeamte immerhin), noch von den Prognosen des Zukunftsfor- 
schers Professor Dr. Robert Jungk oder vom Jesus-Hokuspokus des Franz 
Alt wollen sowohl der Vorsitzende Richter als auch die Reporterin je 
gehört haben. Der Leser steht damit vor der Frage, ob gegenüber der 
Unterbringung von Frau Streidel in einer geschlossenen Anstalt nicht eine 
Gruppentherapie für alle Prozeßbeteiligten die bessere Lösung wäre. 



317 



< .iii schein 

liii Kopie des Datensatzes 



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Wölling Pohrt 
St hwabstraße 69 
/000 Stuttgart 1 



■4? 



»Der Weg zur inneren Einheit« ist ein Expedi- 
tionsbericht zu den tieferen Bewußtseins- 
schichten der Deutschen im Jahr 1990. 
Wolfgang Pohrt untersucht die Entwick- 
lungstendenzen eines Massenbewußtseins 
in der Umbruchphase und sondiert die 
Chancen für einen neuen Faschismus 
als Gemütsbewegung in Deutschland* 



IC ' i 



Wolfgang Pohrt, Jahrgang 1945, 
Soziologe und freier Publizist, 
lebt in Stuttgart. 

Veröffentlichungen u.a.: Über die 
Wiedergeburt der Nation (1982), 
Zeitgeist. Geisterzeit (1986), 
Ein Hauch von Nerz (1989), 
Der Geheimagent der 
Unzufriedenheit (1990)